M. 950 Erstes Blatt» Donnerstaa den 25. Oktober 150. Aabraang LSQQ
Gießener Anzeiger
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Amtlicher Heil.
Bekanntmachung.
Betr.: Gesuch der Stuttgarter PferdeverficherungS« Gesellschaft um Zulassung zum Geschäftsbetrieb im Großherzogtum Hessen.
Großherzogliches Ministerium des Innern hat der Stuttgarter PferdeverficherungS Gesellschaft die Zulassung zum Geschäftsbetrieb im Großherzogtum Hessen erteilt.
Gießen, den 19. Oktober 1900.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
I. V.: Dr. Wagner.
die
be-
Bekanntmachung.
Betr.: Hauptversammlung des landw. Vereins für Provinz Oberhessen.
Zur diesjährigen ordentlichen Hauptversammlung ehre ich mich die BereinSmitglieder hierdurch auf
Donnerstag den 8. November d. IS.,
Politische Tagesschau.
Im letzten Hardenprozeß wurde u. a. auch eine Frage über angeblichen Morphinismus des Fürsten Bismarck an Geheimrat Schweninger gerichtet. Der ehemalige Leibarzt deS Fürsten Bismarck ließ sie unbeantwortet, da sie den Kreis seiner ärztlichen Berufs: flichten betreffe. Hierzu erzählt nun die „Braunschw. Landesztg." folgendes:
Im Winter von 1889 90 befand sich der Fürst infolge seines angegriffenen Gesundhettszufiandrs in Fried:tchsrub, wohin er sich die Akten regelmäßig hinschicken ließ. Als der Kaiser nach dem Starke eines gesetzgeberischen Projekts, für das er sich interessierte, fragte, antwortete der ihm Vortrag haltende Minister, dessen Namen wir nicht nennen wollen, daß die Akten sich fett mehreren Monaten in Friedrichsruh befänden und von dort noch nicht zurückgekommen ikten. Schnell in seinen Entschlüssen, wie der Kaiser ist, befahl er dem Minister, nach Friedrichsruh zu reisen und darüber Erkun- ?l8UnTMe^iU)tc^<n' warum die Sache noch nicht weiter vorgeschritten «P* schass und als der Minister zurückkchrte, erklärte er, er habe Bismarck im höchsten Grade leidend gefunden, ur.d wenn er ÄÄ J^nni» lo erkläre er sich dies daraus, daß er gegen Schlaflosigkeit Morphium zu nehmen sich angewöhnt und dadurch s^ne Gesundheit völlig untergraben habe. Eines TageS erfuhr auch m rjioon dieser Legende, machte sich auf und beachtete darüber seinem Vater Dieier bat nun den Geheimrat Schweninger, beim Kaiser eine Audienz zu erbitten und das Lügengewi be zu vernichten. Schweninger und Graf Herbert reisten noch an demfelben Tage nach Berlin und ersterer eilte spornstreichs zum Kaiser, um sich feines Auftrage« zu entledigen. Der Monarch bestätigte, was ihm berichtet war, nannte aber nicht den Namen seines Gewährsmannes, worauf Schweninger mit echt bajuvarifchem Teu- tomnzorn erregt Herausplatzti: „Majestät, derjenige, welcher Ihnen das berichtet hat, ist ein ganz gemeiner Kerl gewesen." Nach einer anderen Version soll die Charakterisierung noch stärker gelautet haben. Später hat man erfahren, wie diese Jn- trigue entstanden ist. Der betreffende Gewährsmann des Kaisers soll auf dem Nachttisch des Fürsten ein Fläschchen bemerkt haben, das er für Morphium hielt. So bildete sich die Meinung von der Morphiumfucht deö Fürsten. Ob sich der Kaiser von seinem Irrtum durch Schweninger Hut bekehren lassen, ist nicht bekannt. Später hat er jedenfalls erkennen müssen, daß die Angabe durchaus um begründet war.
Heber die Dorgange in Kamerun bei der Expedition beS Hauptmanns von Besser in der Nähe deS CroßfluffeS wie mitßtteilt wird, noch kein eigentlicher Bericht ein
mittags 12 Uhr, in „Steins Garten" in Gießen ergebenft einzuladen.
Gegenstände der Verhandlung werden sein:
1. Erstattung des Jahresberichtes:
2. Abänderung der Vereinssatzungen zwecks Erlangung des Rechtes der juristischen Person, bezw. Eintragung deS Vereins in das VereinScegister;
3. Wahl des Präsidiums.
Hardthof, den 22. Oktober 1900.
Der Präsident des landwirtschaftl. Vereins für die Provinz Oberhessen. __I. V.: Schlenke.________________
Bekanntmachung.
Zur Verhütung der Verschleppung der Maul- und Klauenseuche wird der Auftrieb von Rindvieh, Schweinen und Schafen aus den Kreisen Gießen und Wetzlar zu den am 29. Oktober d. I. in Ttratzerbersbach und am 5. November d. IS. in Dillenburg stattfindenden Märkten verboten.
Dillenburg, den 19. Oktober 1900.
Der Königliche Landrat:
v. Beckerath.
gegangen. Der Kommandeur der Schutztruppe, Major I v. Kamptz, der gegenwärtig auch den Gouverneur vertritt, hat, tote verlautet, nun die Beschwerden der beiden Offiziere gegen den Hauptmann von Besser eingesandt, die der Major bei seinem Eintreffen im Schutzgebiete vorfand und die ihn zur Abberufung deS Hauptmanns von Besser veranlaßten. Es soll natürlich nun auch die andere Seite gehört werden. Vor allem wird Hauptmann von Besser selbst zu einem Berichte aufgefordert werden; auch wird eine genaue Untersuchung der Sache angestellt, dann erst wird eine Veröffentlichung der Vorgänge erfolgen.
Heber das Verbot polnischen Privatunterrichts regt sich die polnische Presse gewaltig auf. „Türkischer, chinesischer und — deutscher Privatunterricht", jammert man, „werden in Preußen gestattet, polnischer nicht." Nur wird dabei vergeßen, zu welchen staatsgefährlichen Verhetzungen der polnische Privatunterricht benutzt wird, während der türkische und chinesische und — deutsche höchst harmlose Dinge sind. Ueber die Art, wie der polnische Privatunterricht des kürz- lich wegen Übertretung des Verbots mit mehreren Tagen Gefängnis bestraften Frl. Omankowski dem deutschen Unterrichte der Kinder in der Volksschule entgegenarbeitet, schreibt ein Elementarlehrer dem „Graudenzer Geselligen":
Die Kinder hören in der Schule von der Fürsorge der preußischen Könige und ihrer Minister, und man ermahnt sie, die Vorgesetzten zu ehren und zu achten. Frl- Omankowski ist aber ganz anderer Meinung; eine für die Polen in wirtschaftlicher und religiöser Beziehung höchst nützliche Verordnung des Ministers stellt sie einem p o l i t i s ch e n Verbrechen gleich. Die Knaben hören in der Geschichtsstunde von der Tapferkeit und dem Gottvertrauen der preußischen Könige und ihrer Soldaten. Die polnische Presse aber sagt dem Knaben das Gegenteil: „Der Pole vertraut einzig auf Gott und ist tapfer; der Preuße dagegen vertraut nur seiner Faust und ist feige; er demütigt sich, sobald er eine andere Faust sieht. Er ist ohne Ehre und Glauben." Wahrhaftig, die Arbeit in der Schule wird unter solchen Verhältnissen immer mühsamer und ihr Erfolg immer zweifelhafter.
Ein anderer katholischer Lehrer schreibt an die „Ostmark" über die guten Ergebnisse des deutschen Religionsunterrichts in Posen:
„Für uns Lehrer des Ostens enthielt die Verfügung des Ministers etwas ganz Selbstverständliches. In vielen unserer rein polnischen Landschulen wird dieser Unterricht schon seit Jahren mit dem besten Erfolge in deutscher Sprache erteilt. Die katholische Schule in Wollstein wird z.B. zu 4/6 von rein polnischen Kindern besucht. Obwohl diese 350, zumeist polnischen Kinder, nur von 4 Lehrkräften unterrichtet werden, wird doch schon seit vielen Jehren der Religionsunterricht auf allen Stufen in deutscher Sprachen erteilt. Die Erfolge dieses Unterrichtes aber sind derartig, daß sie die Behauptung der Polen, „die Kinder lernen nur mechanisch und ohne Verständnis die Glaubenswahrheiten auswendig", Lügen strafen."
Der große Wahlfeldzug in Oesterreich, von dessen Ausgange möglicherweise selbst das Schicksal der Verfassung abhüngt, setzt diesmal mit besonderer Heftigkeit nicht nur, wie sonst immer, in Böhmen oder in Wien, sondern auch in einem abseits gelegenem Gebiete ein. Das ganze politische Oesterreich blickt nach Tirol, und allgemein ist der Eindruck vorhanden, daß von dort aus, wenn auch nicht gerade eine Rettung des Parlaments, so doch ein bedeutsamer Umschwung der innerpolitischen Verhältnisse sich vollziehen könnte. Denn nichts geringeres steht auf dem Spiele, als die Entscheidung über die zukünftige Haltung des österreichischen Zentrums. Werden die deutschen Klerikalen, die man immer in den deutschfeindlichen Reihen des Wiener Parlaments zu sehen gewohnt war, sich endlich zum Deutschtum bekennen oder werden sie den Verrat am eigenen Volkstum fortsetzen und an der Seite der Bedränger des Deutschtums bleiben? Ihr hervorragendster Führer Baron Dipauli ist ein gelehriger Schüler des Grafen Hohenwart, der in starrer Feindschaft gegen das deutsche Bürgertum die Feudalen Böhmens und die auchdeutschen Klerikalen anderer Kronländer zu jener parlamentarischen Gruppe vereinigt hat, die unter dem Namen „Hohenwart-Klub" das stärkste Bollwerk und der nie versagende Stützpunkt für alle slavischen Ansprüche gewesen ist. Baron Dipauli hält an den Ueberlieferungen seines Meisters fest und möchte auch weiterhin das klerikale Zentrum mit den Polen und Tschechen zu dem eisernen Mehrheitsringe zusammenschweißen, der die deutsche Minderheit anfänglich zur beschämenden Ohnmacht verurteilt und schließlich zur verzweifelten Obstruktion getrieben hat. Allein jetzt rühren sich auch einmal die Wählerschaften in Tirol. Nicht etwa blos die Städter, die in ihren Parteianschauungen natürlich niemals einig gewesen sind, sondern Mch die Bauern, die bisher in geschlossener Reihe der vom Baron Dipauli und deut Abte Treuinfels vorgetragenen Fahne des Klerikalismus gefolgt waren. Es ist eine der besten Früchte des politischen Elends in Oesterreich, dpß dadurch die alpenländische und besonders die Tiroler Bevölkerung endlich aufgerüttelt und
zum Nachdenken veranlaßt worden ist. Marr hat in verschiedenen Wählerversammlungen gegen die bisherige parlamentarische Rolle des Freiherrn v. Dipauli Stellung genommen. Man verlangt von ihm einen Bruch mit seiner politischen Vergangenheit und ein entschiedenes Eintreten für die deutschen Interessen. Er ist in Gefahr, sein Mandat in der allgemeinen Wählerklasse in Brixen an den Dr. Schöpfer zu verlieren, der seine kirchliche Gesinnung besser als Dipauli mit nationalen Empfindungen in Einklang zu bringen weiß. Nun wird darauf hingearbeitet, dem Baron Dipauli, wenn er in Brixen durchfällt, ein Mandat in der Kurie des Großgrundbesitzes durch ein Kompromiß zu sichern. Aber ob Dipauli nun ins Abgeordnetenhaus zurückkehrt oder nicht, jedenfalls werden die Tiroler Vorgänge auf das klerikale Zentrum im Parlament zurückwirken; es muß sich dank dem Auftreten der Tiroler Wählerschaften, eine gewisse Verschiebung der parlamentarischen Kräfte zu Gunsten der Deutschen in Oesterreich herausbilden. Dies ist der Grund, weshalb die Vorgänge in Tirol mit solcher Aufmerksamkeit und Spannung verfolgt werden.
Die Volksschule.
Der Zweiten Kammer der Landstände ging, wie schon kurz mitgeteilt, ein Bericht des Ersten A u s s ch u s s e s über den Antrag des Abgeordneten Ulrich und Genossen, betreffend die Volksschule zu, den wir im Folgenden ungekürzt wiedergeben:
Bereits auf dem vorigen Landtag hat der Abgeordnete Dr. David, unterstützt von weiteren 14 Mitgliedern der zweiten Kammer einen Antrag eingebracht, welcher die Uebernahme der Kosten des gesamten Volksschulwesens auf die Staatskasse verlangte. Dieser Antrag gelangte zwar nicht mehr im Plenum der Kammer, wohl aber im ersten Ausschüsse zur eingehenden Prüfung, und erstattete damals der Abgeordnete Ulrich Namens des Finanz-Ausschusses in Beilage s)ir. 961 ausführlichen Bericht.
Die Großherzogliche Regierung präzisierte damals ihre Stellung zum Anträge David dahin, daß sie es nach wie vor nicht als 1 ein Bedürfnis erachten könne, die zurzeit im.Großherzogtum geltenden, aus Herkommen und Gesetz beruhenden Grundsätze der Aufbringung der Schulkosten in wesentlicher Hinsicht abzuändern, daß sie vielmehr den in fraglicher Hinsicht bestehenden Zustand als der Billigkeit und den allgemeinen Interessen am meisten entsprechend erachten müsse. Die Mehrheit des Ausschusses glaubte damals den Antrag David der Großherzoglichen Regierung zur weiteren Erwägung empfehlen zu sollen, während die Minderheit sich grundsätzlich für den Antrag aussprach
Auch dem gegenwärtigen Antrag des Abgeordneten Ulrich und Genossen gegenüber verhält sich die Regierung durchaus ablehnend, indem sie sich auf die bereits bei der früheren Beratung ins Feld geführten Gründe stützt und keinen Anlaß findet, von ihrer bisherigen Stellungnahme abzugehen.
Der Antrag des Abgeordneten Ulrich und Genossen enthält in seinem ersten Teile eine Wiederholung deS obigen Antrages, indem er zunächst die Verstaatlichung der Volksschulen wiederum in Vorschlag bringt. Des Weiteren geht er über den Rahmen dieser Forderung weit hinaus, indem er die Schaffung der obligatorischen Volksschule, die unentgeltlick>e Lieferung der Lehrmittel aiff Staatskosten und endlich die Ausbildung und Unterhaltung aller zum Besuch der höheren Bildungsanstalten befähigten Kinder unbemittelter Ellern bis zum Abschluß ihrer Studien aus öffentlichen Mitteln verlangt. Was zunächst die Uebernahme sämtlicher Kosten des Volksschulwesens auf die Staatskasse anlangt, so ist die finanzielle Tragweite einer derartigen Verstaatlichung in dem damaligen Ausschußberichte auf Grund kreisamtlicher Ermittelungen dargestellt. Zum Zwecke richtiger Beurteilung der Wirkung einer Verstaatlichung des Volksschulwesens auf unsere Staatsfinanzen seien jene Ziffern hier nochmals wiedergegeben. Danach setzten sich zunächst die Aufwendungen der Gemeinden für die persönlichen und sachlichen Kosten der Volksschulen wie folgt
zusammen:
A. Persönliche Ausgaben.
1) Lehrerbeloldungen (ohne Zuschüsse des Staates) . 29459*6 Mk.
2) Wohnungsanschläge bezw. Mietentschädigungen . 409272 „
3) Vergütung für Fortbildungsschulunterricht . . . 152667 „
4) Vergütung für Industriecklnterricht .... 129713 „
5) Beiträge zum Pensions- und Provinzialschulfond 62393 v
3700081 Mk.
B Sachliche Ausgaben.
1) Unterhaltung der Schulgebäude .... 228150 Mk.
2) Heizung, Beleuchtung und Reinigung • • • 857567 „
3) Schulgeräte und Lehrmittel, sonstige Ausgaben . • U5262
C. Jahresdurchschnitt der Aufwendungen für Neubauten 649171 Mk.
Der Gesamtaufwand der Gemeinden beträgt somit jährlich für:


