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25.9.1900 Drittes Blatt
 
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Nr. 224 Drittes Blatt. Dienstag den 25. September 150. Jahrgang LOGO

Keneral-Anzeiger

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Kreßener Anzeigers

Amts, «nd Anzeigeblatt für den Atreis Gienen.

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KchE»«4< Nr. 7.

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Nrrlag -es Gießener Anzeigers.

73. deutscher Naturforscher- und Aerztetag.

Aachen, 20. September.

In der gemeinsamen Sitzung der medizinischen Hauptgruppe, die unter dem Vorsitz des Geh. Rats Prof. Dr. v. Winckel-MüncheN in der Aula der Ober­realschule tagte, sprachen Prof. Dr. Verworn -Jena und Privatdozent Dr. N i s s l - Heidelberg überden heuti­gen Stand der Neurionl e hr e". Die Fragen nach dem feineren Bau und dem Geschehen im Nervensystem sind feit einigen Jahren immer mehr in den Vordergrund des Interesses der biologischen Wissenschaften getreten. Ist dies einerseits schpn verständlich durch die dominierende Stellung, die das Nervensystem unterjallen Organsystemen des Körpers einnimmt, so ist doch in letzter Zeit ein} akuter Anlaß dazu gegeben worden, durch die Begründung der Neuronlehre. Der Kernpunkt der Neuronlehre liegt in der Auffassung, daß die Nervenzelle (Gcknglienzelle) und die Nervenfaser (Nerv) eine einzige zellulare Einheit v-orstellen, daß die Nervenfaser ebenso wie die baum­artigen Verzweigungen der Protoplasmafortsätze der Zelle nur ein Ausläufer des Ganglienzellkörpers ist. Das Neu­ron bildet das zellulare Element des ganzen Nervensystems. Die zahllosen in ganz bestimmter Ordnung aneinander geknüpften Neurone sind die Grundlage für alles Ge­schehen im Nervensystem. Die Lehre, die mit einemmale große Ueberspchtlichkeit geschgffeü hat, wo vorher unent­wirrbare Komplikation &u herrschen schien, wurde vor einem Dezennium hauptsächlich durch anatomische, embryologische und experimentelle Untersuchungen begründet. Seitdem ist eine Fülle von neuen Erfahrungen dazu gekommen.

Am Nachmittage sprach in derselben Abteilung Prof. Kruse-Bonn UberDie Bedeutung der Ruhr als Volkskrankheit und ihren Erreger, den Ruhrbazillus".

In der Abteilung für Bakteriologie sprach Stadtbau­rat Heuser-Aachen überbakteriologische Rei­nig u n g st ä d t i s ch e r A b w ä s s e r" und führte ungefähr folgendes aus:

Die für die öffentlich^ Gesundheit so außerordentlich wichtige Versorgung der Städte mit reichlichen Mengen guten reinen Wassers unter solchem Druck, daß es an jeder Stelle eines Hauses bequem aus der Leitung ent­nommen werden kann, hat eine sehr bedeutende Steiger­ung des Wasserverbrauchs veranlaßt. Dadurch entstand dann wieder das dringende Bedürfnis, das gebrauchte und durch den Gebrauch verunreinigte Wasser in geregelter Weise abzuleiten, um sein Eindringen in den Boden und die Verunreinigung des letzteren zu verhindern. So folgte auf die Anlage der einheitilchen Wasserversorgung in den meisten Städten sehr bald die Anlage eines planmäßigen Kanalnetzes für die Entwässerung. Es war das nächst­liegende und natürlichste, daß man das in dieser Weise zusammengeführte schmutzige Abwasser dem nächstgelegenen Flusse zuführte. Bald aber zeigte es sich, daß dieses in vielen Fällen, Namentlich dann, wenn die Schmutzwasser­menge sehr groß char, im Verhältnis zu der vom Flusse selbst geführten Wassermenge nicht beibehalten werden konnte, weA der Fluß dadurch allzusehr verunreinigt und den weiter abwärts gelegenen Angrenzern Schaden zuge­fügt wurde. Dadurch wurden die Städte vor die ganz neue und außerordentlich schwierige, sowie auch außer­ordentlich! kostspielige Aufgabe gestellt, ihre schmutzigen Ab­wässer zu reinigen, bevor sie dieselben dem Fluß über­geben, eine Aufgabe, die bis heute noch nicht in zufrieden­stellender Weise gelöst ist, wenngleich es sich dabei keines- ivegs darum handeln kaust, das schmutzige Wasser wieder soweit zu reinigen, daß es als TriNkwasser verwendbar ist, sondern nur darum, die Reinigung bis zu solchem

Aus Stadt und Land.

Gießen, 24. September 1900.

Das Rauchen und die Gesundheit. In einer Studie Sehstörungen durch Tabakraucher:, die Professor Laqueur

Grade zu bewirken, daß die durch die Verunreinigung I der natürlichen Wasserläufe hervorgerufenen Uebelstände I vermieden werden. Die Aufgabe besteht im wesentHchen I in der Beseitigung der in den Mwässern enthaltenen I esten mineralischen, an sich nicht gesundhertschädlichen I Stoffe, wie Sand und Thon, ferner der gesundheitschädlich I wirkenden festen und in Lösung befindlichen organischen I Stoffe wie Sand und Thon, ferner der gesundheitschädlich I wirkenden festen und in Lösung befindlichen organischen | Stoffe. In Fabrikstädten kommen hierzu noch verschieden- I artige feste und gelöste Stoffe, teils unorganischer, teils I organischer Natur.

Zur Lösung der Aufgabe hat man bisher insbesondere I die folgenden Wege eingeschlagen: 1) Die Berieselung von I in landwirtschaftlichem Betriebe stehenden Landflächen von I geeigneter Bodenbeschaffeuheit; 2) die Filtration durch I kiesigen Boden, wo solcher in geeigneter Beschaffenheit und ausreichender Mächtigkeit zur Verfügung stand; 3) die mechanische Reinigung durch Absetzenlassen der schwebenden festen Stoffe; 4) die mechanisch-chemische Reinigung, wobei das Absetzenlassen durch Zusatz chemi­scher Stoffe befördert wird; 5) eine Verbindung mehrerer der vorgenannten Verfahren, namentlich der Verfahren 4 und 1, Berieselung nach voraufgegangener mechanisch­chemischer Klärung.

Redner beschreibt kurz die Eigentümlichkeiten und mehr | oder weniger mangelhaften Erfolge dieser Verfahren und geht dann zur Besprechung des in neuester Zeit aufge­kommenen und anscheinend viel versprechenden Verfahrens der bakteriologischen Reinigung der Abwässer über, welches zuerst von einem Deutschen angeregt, aber bisher und besonders in England in größeren Versuchsanlagen prak­tisch erprobt uno durchgebildet wurde und gegenwärtig die lebhafteste Aufmerksamkeit aller beteiligten Kreise auf sich zieht . Auch in Deutschland besteht eine Anzahl von Versuchsanlagen kleineren Maßstabs, so in Großlichter­felde bei Berlin, in Charlottenburg und Hamburg, welche unter anerkannt sachverständiger Leitung nach streng wissenschaftlicher Arbeitsweise betrieben werden, wahrend die englischen Versuchsanlagen sich wehr der praktischen Erprobung in größerem Maßstabe zugewendet haben, dabei zugleich den Einfluß, den die Fabrikabwässer auf den Erfolg der Reinigung haben, eingehend untersuchend.

Der Grundgedanke des Verfahrens besteht darin, die Kräfte, welche bei der Reinigung durch Berieselung von Landflächen und bei der Reinigung mittelst Filtration durch Kiesboden wirksam sind, und welche auch stets in Thätigkeit treten, wenn die Unschädlichmachung von or­ganischen Stoffen der Natur selbst überlassen wird, näm­lich die Thätigkeit gewisser BakterieU unter den für diese Thätigkeit günstigsten Bedingungen derart in Anwendung zu bringen, daß auf. Möglichst kleinem Raume eine mög­lichst große Wirkung erzielt wird.

Redner geht nun näher auf die in England herge­stellten Versuchsanlagen ein und bespricht dann die Er­gebnisse, welche die daselbst, namentlich in Manchester in der mannigfaltigsten Weise ausgeführten Versuche bis­her gehabt und welche so günstig sind, daß bereits eine große Anzahl von englischen Städten im Begriffe sind, das neue Verfahren für die Reinigung ihrer sämtlichen Ab­wässer in Anwendung zu bringen.

Aus den bei dem Festmahl gehaltenen Reden sei das folgende mitgeteilt: Rudolph Virchow schilderte die Aachener Naturforscherversammlung von 1847 und kam dann auf die Gegenwart zu sprechen: Er komme eben von Paris wo er die verschiedenen Kongresse mitgewacht und den Eindruck mitgenommen habe, wie der europäische Geist im Augenblick stehe. Er sei voller Bewunderung, gesehen zu haben, daß selbst die Franzosen gelernt haben Mäßig­ung zu bewahren; sie selbst seien im Augenblick darüber erstaunt daß sie es könnten. Es sei nichts vorgekommen, was beunruhigend oder verletzend hätte wirken können. Die Männer der Wissenschaft sollten diese Mäßigung alle lernen um in dem schweren Kampfe gewappnet zu sein, der Europa bevorstehe. Diese Mäßigung sei vornehmlich jetzt angebracht, in dem Stadium, wo auch die Ungelehrten friedlich geworden seien, und zwar nicht nur mit Worten, sondern mit wirklicher Absicht. Er sei in der Lage gewesen, auch an höchster Stelle in Frankreich ehrliche Friedensliebe rn erkennen die sich ja auch anderen Nationen mitgeteilt habe Es werde eine Zeit kommen, wo die Wissenschaftler in allgemeiner Konkurrenz in die Zukunft hineingingen.

Wirkt Geh. Admiralitätsrat Neumayr- Hamburg pries die Bestrebungen der Deutschen für die Polar­forschung Sein Toast galt einer erfolgreichen deutschen Forschung in den arktischen und antarktischen Regionen.

in Straßburg in der Klinisch therapeutischen Wochenschrift veröffentlicht, macht er den Versuch, eine Hygiene deS Rauchens aufzustellen, die auch für weitere Kreise Interesse hat. Das Wichtigste ist selbstverständlich die Mäßigkeit im Tabakgenusse. Die tägliche Dosis, die ohne Schaden für die Gesundheit genoffen werden kann, ist ungefähr 25 Gramm Tabak, die einer Anzahl von etwa fünf Cigarren mittlerer Größe entsprechen. Bei empfindlichen Personen können sich auch bei kleineren Gaben Störungen der Herzthätigkeit ein» stellen. Gewiß spielt auch die Qualität des Tabaks eine nicht zu unterschätzende Rolle. Man sollte niemals bei leerem Magen rauchen. Am besten wird das Rauchen un­mittelbar nach der Mahlzeit vertragen. Ganz verwerflich ist das Rauchen im nüchternen Zustande vor dem Frühstück und fast ebenso nachteilig das leider vielverbreitete Rauchen unmittelbar vor der Hauptmahlzeit, um das Hungergefühl zurückzudrängen. Will man zwischen den Hauptmahlzeiten rauchen, so soll man vorher eine geringe Menge Nahrung zu sich nehmen; ein kleiner Zwieback oder ein Stückchen Chokolade genügt schon, um die Magensaft-Sekretion ein wenig anzuregen. Man möge die Cigarre nicht unnötig im Munde halten und nicht bis an das äußerste Ende rauchen, da infolge der Durchfeuchtung des oberen Teiles der Cigarre schädliche Substanzen des Tabakblattes gelöst werden. ES ist dringend notwendig, den im obigen Sinne mäßigen ; Tabakgenuß einzuschränken, sobald sich die ersten Vergistungs.

erscheinungen bemerkbar machen. Als solche sind Störungen der Herzthätigkeit anzusehen, wie Beklemmungsgefühl, Herz­klopfen u. s. w. Beachtet der Raucher die erste Verwarnung nichh dann ist er von anderen schweren BergiftungS- erscheinungen bedroht.

** Die Wirtschaftliche Frauenfchule zu Rieder-Ofleiden, für die die Freifrau Dorette von Schenk zu Schweinsberg ihre ganze Kraft und Umsicht einsetzt, hat seit der Zeit ihres Bestehens ihre Berechtigung nach jeder Richtung dargethan. An die bestehenden Einrichtungen und Gruppen wird sich jetzt bald ein Seminar für Haus­haltungs-Lehrerinnen und Hausbeamtinnen mit einer Dienstbotenschule schließen.

** Für den telephonischen Verkehr von I Wichtigkeitist ein Urteil der 23. Zivilkamwer des I Berliner Landgerichts I, welches besagt: Bei Geschäfts- I abschlüssen im telephonischen Verkehr soll sich die Aus- I legung im Zweifelfalle gegen denjenigen richten, welcher I diese Verkehrsform gewählt hat. In dem Streitfälle hatte I jemand bei einer Maschinenbau-Anstalt telephonisch an- I gefragt, ob und unter welchen Bedingungen ihm schleun- I igst ein Monteur zugesandt werden könne. Darauf er- I folgte telephonisch die Zusage unter der Bedingung, daß I dem Monteur freie Kost und Wohnung gewährt werden I müsse. Ueber den letzteren Punkt kam es später zwischen I den Parteien zu einem Streit, den die Zivilkammer zn I Gunsten der Maschinenbauanstalt entschieden hat. AuS I den in denBl. f. Rpfl." wiedergegebenen Gründen sind I die folgenden bemerkenswert: Eine telephonische Anfrage I und Aufforderung zur telephonischen Antwort der vor- I gedachten Art enthält eine Handlung, deren Bedeutung | im Handelsverkehr nach den Bestimmungen des Handels- I gesetzbuchs, im vorliegenden Falle, also nach Art. 278 I bis 279 des bisherigen Handels-Gesetzbuches, festzustellen I ist. Wer eine solche Anfrage und Aufforderung ergehen I läßt, weiß, dajß die telephonische Antwort bei dem jetzigen I Stande der Technik verstümmelt beim Anfragenden ein- I gehen kann und daß die Folgen dieser Verstümmelung I zwischen ihm und dem Antwortenden ausgetragen werden I Lnüssen. Er weiß und will, daß der zu einer tele- I phonischen Antwort Aufgeforderte so vorzugehen hat, wie I er es pflichtgemäß auf Grund des Artikels 282 bisherigen | Handelsgesetzbuches thun soll. Eine telephonisch^ An- I frage und Aufforderung dieser Art enthält int Handels- I verkehr die Abgabe einer stillschweigenden Willenserklär- I ung d e s Inhalts, daß der Auffordernde dasjenige, was I der Befragte ordnungsmäßig infolge der Aufforderung I antworten werde, auch dann als verbindlich gelten lassen I wolle, wenn es nur teilweise oder verstümmelt zur Kennt- I nis des am Telephon stehenden An fragenden gelangen sollte.

Bingen, 20. September. Auf der Tagesordnung I der zweiten Bürgerversammlung, welche heute abend statk- I fand, stand u. a. weitere Klarlegung und Besprechung I der städtischen finanziellen Verhältnisse. Der Vorsitzende I Dr. med .Horn stellte von vornherein die Tbatsache fest, I über die hauptsächlich gesprochen werde, daß Bingen I zur Zeit 6 Millionen Schulden habe. Das lasse I sich auch von oben nicht ableugnen. Redner verlangte, I daß von der Stadtverwaltung Rechnungsablage gemacht I werde und glaubt, daß die Stadt mir auf deut von der | Bürgerversammlung beschrittenen Wege vor dem wirt-