Nr. 198 Zweites Blatt
Samstag den 25, August
1900
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Gießener Anzeiger
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Die Wirren in China.
„Integrität Chinas" und „Erhaltung der Mandschu- Dynastie" sollen die neuesten Vereinbarungen sein, über die die beteiligten Mächte in Bezug auf die in China zu befolgende Politik einen Beschluß gefaßt haben. Daß Deutschland sür die beiden genannten Bedingungen eintritt, ist lange bekannt, daß aber auch sämtliche anderen Mächte aus demselben Standpunkt stehen, darf stark bezweifelt werden. Besonders was die Erhaltung der Mand- s<lm-Dynastie anbctrifft, wird von mehr als einer Seite verlangt werden, daß an höchster chinesischer Stelle nicht nur der gute Wille gezeigt wird, die in China lebenden Fremden und Christen zu schützen, sondern daß auch eine volle Garantie für die Sicherheit der dort lebenden Christen und Fremden gefordert werden wird. Ueberdies aber werden die Friedensverhandlungen sich vor allem deshalb in die Länge ziehen, weil die chinesische Regierung anscheinend nicht gewillt ist, die verursachten Kriegskosten und Entscl>ädigungen zu zahlen. Abgesehen hiervon wird — insbesondere von Deutschland — auch die Eruierung und exemplarische Bestrafung der Mörder des Frhrn. v. Ketteler verlangt werden. Dies letztere dürfte um so schwieriger sein, als die Mörder bekanntlich im Auftrage der Kaiserin- Witwe selbst gehandelt haben sollen.
Die „Köln. Ztg." schreibt: Die Bestimmungen für die iu nächster Zeit in China vorzunehmenden Operationen lassen sich aus den neuesten Schiffsbewegungen ersehen. Bisher waren alle Kreuzer und Kanonenboote auf der Rhede von Taku, sowie auf dem Peiho vereinigt, neuerdings sind jedoch alle Kräfte vollständig auseinandergezogen. Die Hauptmacht sei nach zwei wichtigen Punkten im südlichen China dirigiert worden, während der Geschwaderchef mit dem Flaggschiff sich nach Shanghai begeben habe. Die ostasiatische Seemacht habe die Ausgabe, die schwer heim- gesuchten, besonders jetzt hart bedrängten deutschen Missionare in Swatow sowie in den benachbarten Gebieten zu schützen, denen gegenüber von jeher die Chinesen besonders tiefen .Haß gezeigt haben.
Das Angebot L i - H n n g - T sch a n g s, über den Frieden zu verhandeln, hat jetzt auch die deutsche Regierung abgelehnt, weil Li keine genügenden Vollmachten aufweisen kann. In verschiedenen .Hauptstädten scheinen ausführliche Berichte der Pekinger Gesandten eingetroffen zu sein, vorläufig gelangen jedoch nur einzelne Tropfen daraus an die Oeffentlichkeit. Die Regierung der Vereinigten Staaten erklärte dagegen in Beantwortung des letzten Friedensgesuchs Chinas, daß sie bereit sei, Verhandlungen anzuknüpfen, sobald Peking ruhig und die chinesische Regierung fähig und willens sich zeigt, die thatsächliche Beendigung der Feindseligkeiten chinesischerseits herbeizuführen. Erst dann werde Amerika die anderen Mächte ersuchen, gemeinsam auf den Frieden hinzuwirken.
AuS Peking.
Die ersten direkten Meldungen des deutschen Geschäftsträgers in Peking von Below sind jetzt endlich eingegangen. Eine Depesche ist vom 14. ds., die andere vom 16. ds. datiert. Herr von Below bestätigt, daß die Verbündeten in Peking eingezogen seien und daß noch am Tage vor ihrem Einzuge von den Chinesen hart- nacnge Angriffe auf die Gesandtschaften stattgefunden patten. Die Japaner hätten vor dem einen Thor einen neunstündigen Artilleriekampf zu bestehen gehabt, ehe sie IP P!e eindringen konnten. Der Besetzung der Kaiserstadt setzten die Chinesen hartnäckigen Widerstand ent- gegen. Die Karserin-Witwe habe mehrere Tage vor dem Eintreffen der Verbündeten in Begleitung des Prinzen Tuan Peking verlassen. J °
. ^^wung von dem Entsätze Pekings ist am Sams- tag narfnntttag durch Graf Soden, den Führer des zum Schutze der Gesandtschaft nach Peking beorderten deutschen Detachements, vom 3. Seebataillon nach Tientsin gelangt. Die chinesischen Truppen sind aus der Tatarenstadt verschwunden, die Kaiserstadt ist von den Verbündeten umstellt Sodens Detachement hat folgende V e r l u st e zu beklagen: Tot sind die Soldaten Mathies, Kauften, Tölle Hentschel, Hohnke, Gefreiter Gölitz, Strauß, Ebel,' Meinhardt, Rentmeister, Güzel; schwer verwundet: Seesoldat Berger; leicht verwundet 15 Mann, die sich auf dem Wege der Besserung befinden. Aus anderer Quelle verlautet, die Kaiserin-Mutter sei am Montag vor der Einnahme Pekings in der Richtung nach Kalgan entflohen. Yuanschikai, der Gouverneur von Schantung, soll mit seinen Truppen nordwärts vorrücken. Trotz der kolossalen Schwierigkeiten, welche die Beschaffung von Pferden und Kulis für den Transport verursachte, rückte das 1. Seebataillon bereits am Freitag, den 17. d. M., nach Peking ab, das 2. Bataillon mit dem Stabe der Expedition und der Artillerie folge jetzt nach Die brillante Haltung der deutschen Truppen erregte in Tientsin den Enthusiasmus der Fremden und fand die unzweideutige Bewunderung der übrigenKon- n ti 9 en t e. Das deutsche Landungskorps von den
Kreuzern „Hertha" und „Hansa" ist noch nicht in Peking eingetroffen.
lieber die Einnahme von Peking berichtet weiter ein Telegramm des russischen Generals Lenewitsch, das aus Tschifu vom 21. d. M. datiert ist, folgendes: In der Nacht vom 13. auf den 14. August unv 2 Uhr erstürmten unsere Soldaten das östliche Thor am Kanal, drangen als die ersten in die Stadt ein und hißten die ersten russischen Flaggen auf der Stadtmauer. Die Beschießung des Thores hatte 14 Stunden gedauert. Der Kommandant der Avantgarde Generalmajor Wasilewski und der Regimentskommandeur des Schützenregiments Oberst Modi erstiegen die Mauer an der Spitze ihrer Leute, setzten sich dort fest und hißten die russische Flagge. Die Chinesen hielten aber noch immer das Observatorium und andere Türme besetzt und unterhielten ein starkes Kreuzfeuer auf unsere Truppen, bis unsere Infanterie und Artillerie sie aus ihren letzten Stellungen verdrängte. Leider wurden General Wasilewski, Oberst Modl sowie fünf Offiziere und 102 Mann verwundet. Gefallen sind Oberst Antiukow und 20 M a n n. Inzwischen hatten die verbündeten Truppen die übrigen Thore Pekings erstürmt und waren in die Stadt eingedrungen. Die Mitglieder der chinesischen Regierung waren bereits aus der Flucht. Die Gesandtschaften wurden in sehr mißlicher Lage gefunden. Sie hatten täglich mit den Chinesen Schüsse gewechselt, namentlich waren sie in den letzten Tagen und auch am Tage der Erstürmung Pekings heftig angegriffen worden. In allen Gesandtschaften war großer Schaden angeridjtet worden. In der russischen Gesandtschaft waren 5 Personen getötet, 20 verwundet worden.
Das,,B. Dalziel" meldet aus Shanghai: Chinesischen Berichten zufolge verlangen die Verbündeten in Peking die Hinrichtung von Prinz Tuan und General Tung-Fuh-Siang, sowie von Kana-Yi, Chao-Su-Chao,Hsu Tong, Hsn-Chi und Yu-Sien. Es scheint, als ob Prinz Tuan darum vor Abzug der Kaiserin Yung-Lu gefangen setzen ließ, weil er damit auf Yung Ln alle Schuld werfen wollte. Yung-Lus Soldaten bildeten den größeren Teil der Truppen, welche die Gesandtschaften belagerten. Verschiedene Damen starben an Erschöpfung während der Belagerung der Gesandtschaften. Einer anderen Meldung des „B. Dalziel" zufolge wird aus Hunan berichtet, daß der dortige Gouverneur Plakate anschlagen ließ, worin zur Ausrottung aller Ausländer im Norden aufgefordert wird.
Aus Shanghai meldet der französische Konsul vom 20. ds., die Stadt sei ruhig. Die Ausschiffung der französischen Truppen an der französischen Niederlassung sei ohne Schwierigkeiten ausgeführt worden und habe einen vorzüglichen Eindruck gemacht. Nach einer Reulermeldung aus Shanghai vom 23. ds. beläuft sich die Zahl der in Shanghai und Wusung ankernden Kriegsschiffe im ganzen auf 27 Fahrzeuge mit einer Gesamtbesatzung von 7000 Mann. Doch sollen noch mehr Kriegsschiffe eintreffen. Am 28. August werde in Shanghai zur Feier des Falles von Peking eine öffentliche Beleuchtung ftattfinden. In Han kau sind verschiedene Fälle von Brandstiftung vorgekommen, die Einwohnerschaft ist indessen nicht beunruhigt. Ein Pariser Telegramm besagt, daß in der Nacht von Montag auf Dienstag in Hankau Berschworene versuchten, die englische Bank anzuzünden, um sich in den Besitz von Geldmitteln zu setzen. Der Plan wurde im letzten Augen, blick entdeckt. Die Thäter wurden verhaftet, dir Rädels- führer enthauptet.
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Der „Pariser Matin" verzeichnet das Gerücht, General Negrier soll als General st abschefder internationalen Armee nach China gehen.
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Telegramme des Gietzeuer Anzeigers.
Berlin, 24. August. Der Geschäftsträger bei der deutschen Gesandtschaft in Peking, v. Below, hat seinem Vater nach Pommern de dato Tschifu, 22. ds. telegraphiert: „Endlich befreit, wohlbehalten. Klaus.- — Auch der Legationssekretär v. Berken in Peking hat an seine in Baden Baden wohnenden Eltern, folgende Depesche gerichtet: „Endlich befreit. Wohlbehalten. Wie gehts Euch? Antwort durch Konsulat Tientsin."
London, 24. August. Ein Telegramm aus Paris teilt einen Auszug aus dem Tagebuche eines dem Konsulat nahestehenden Franzosen mit, worin eS u. a. heißt, daß die mit Seymour zurückgekehrten Truppen sich in einem unsäglichen Zustande befunden hätten. Nur die Deutschen hielten sich noch stramm, ihre Kleidung war noch proper zu nennen.
London, 24. August. Nach einer Shanghaier Meldung telegraphierte der chinesische Staatsmann Da-chicka an Li- Hung-Tschang, er glaube trotz des amtlichen Telegramms,
das die Flucht der Kaiserin gemeldet hat, nicht, daß die Kaiserin Peking verlassen habe. Das ganze umliegende Gebiet sei von Aufständischen überfüllt.
Loudon, 24. August. Die Morgenblätter stellen fest, daß die Feindseligkeiten in China sür einige Zeit eingestellt sind. Sie scheinen glauben zu wollen, daß die Generäle der Großmächte erst neue Instruktionen abwarten müssen, da die ihnen anvertraute Mission nun- mehr beendet sei.
Loudon, 24. August. „Daily Expreß" meldet aus Shanghai: Die fremden Konsuln sind der Ansicht, die Kaiserin sei damit beschäftigt, die kaiserlichen Truppen in der Provinz Schansi unter den Beseh! des Prinzen Tuan zu sammeln.
London, 24. August. „Daily Telegraph" meldet aus Shanghai, die fremden Gesandtschaften würden demnächst nach Shanghai befördert werden.
Loudon, 24. August. Nach Meldungen aus Shanghai steht ein Angriff der Boxer auf die Stadt Sout schon bevor.
Paris, 24. August. Freiherr von Ketteler war gleich den Vertretern der anderen Mächte nach dem Tsung li Damen geladen worden, um einer Beratung beizuwohnen, wie man das Leben der Gesandten und ihrer Familien angesichts der zunehmenden Boxerbewegung am besten schützen könne. Nach der Ermordung des Gesandten bemächtigten sich 20 Deutsche mit vier Kanonen, von denen sie zwei vom Hose des Tsung-li Damen weggenommen hatten, des Mittelhofes im Süden der Tartaren-Stadt, wo sie sich bis zum Entsatz heldenmütig verteidigten.
Washington, 24. August. (Kabelmeldung der Paris- Nouvelles.) Die Regierung der Bereinigten Staaten hat beschlossen, im Verlauf der nächsten vier Monate dreißig Magazine in Taku zu erbauen, um die Verproviantierung der amerikanischen Truppen in China sicher zu stellen. — Das Kriegsministerium hat den amerikanischen Konsul in Nagasaki angewiesen, dem Befehlshaber der Pionier- und Kavallerietruppen, welche demnächst auf dem Transportschiff „Maeda" dort eintreffen werden, mitzuteilen, daß sich derselbe nach Manila statt nach Taku zu begeben hat. Es ist noch unbekannt, aus welchen Gründen eine andere Bestimmung bezüglich dieser Truppen getroffen worden ist.
Tschifu, 22. August. Die Ermordung des deutschen Gesandten Freiherrn v. Retteier geschah auf höheren Wunsch. Er erhielt einen Schuß in den Hinterkops, als er in einer Sänfte nach dem Tsung-li- Damen unterwegs war. Seitdem war seine Leiche verschwunden. Am Tage nach der Einnahme von Peking verriet ein Chinese einem Deutschen die Stelle, wo Ketteler begraben worden war. Es war ein chinesischer Grabhügel in der Nähe der Mordstelle. Die deutschen Seesoldat-u deckten den Hügel ab und stießen bald auf einen Chincsen- Sarg, den sie öffneten. Ec enthielt in der That die Leiche des ermordeten deutschen Gesandten. Freiherr v. Ketteler wird nun am nächsten Samstag nach christlichem Brauche beigesetzt werden. Der GesandtschastS- dolmetscher Dr. Corde- ist von seiner Verwundung voll- ständig wiederhergestellt. Die Allerersten, die am Nachmittag des 14. August in die Tartaren-Stadt ein- drangen, waren die indischen ShikeS. Bald war denn auch die äußere Kaiserstadt genommen und die innere Stadt wurde von Japanern und Russen zerniert, aber bis Freitag von ihnen nicht genommen. Vom Kohlenhügel herab hatten die Ruffen einen Einblick in den innersten Palasthof. Dort war aber außer vier Pferden nichts zu sehen.
Der Krieg irr Südafrika.
Lord Roberts meldet vom 22. ds. Mts. aus Pretoria: Buller berichtet, daß seine Division gestern nach Van- vykSvlei, 15 Meilen südlich von Belsast, marschierte. Er verlor beim Vormarsch etwa 20 Mann. General Paget berichtet aus HannSkral, daß Baden-Powell gestern den ganzen Tag mit Kommandant Groblers Nachhut im Gefecht war. Grobler wurde östlich von PienaarS River zurückgetrieben. Baden-Powell besetzte daselbst gestern Abend die Eisenbahnstation. Während des Gefechts kamen Baden-PowellS und des Feindes berittene Vorhut in ein Handgemenge. Hierbei erlitt das rhodesische Regiment schwere Verluste. Oberst Spreckley und vier Mann wurden getötet, ein Leutnant und sechs Mann verwundet. Die Buren ließen eine beträchtliche Anzahl Tote und Verwundete zurück. Der Feind wird von Plumer und Hickman verfolgt. Es scheint ziemlich sicher, daß Dewet es für hoffnungslos hält, mit Geschützen und Wagen nach Osten zu marschieren, und daß


