M. 198 Erstes Blatt Samstag den 25. Auguft
1900
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AmÜicher Ml.
Gießen, 22. August 1900.
Betr.: Die Voranschläge der Landgemeinden des Kreises Gießen pro 1901/1902.
Das Grohherzogliche Kreisamt Gießen
au die Grotzh. Bürgermeistereien des KreiseS. ■
Mit der Ausstellung der Gemeinde-Boranschläge für 1901/1902 ist jetzt zu beginnen. Sie wollen besorgt sein, baß die Einsendung derselben zum vorgeschricbenen Termin — 15. November — bestimmt erfolgt.
Wir beziehen uns auf unser gedrucktes Ausschreiben vom 21. August 1895, und empfehlen Ihnen, dasselbe bei Ausstellung der Voranschläge zur Hand zu nehmen. Insbesondere verweisen wir bezüglich der Aufstellung der Beilage 2 aus poB. 5 desselben.
Die beiden achttägigen Offenlegungsfristen sind genau einzuhalten. Der Beginn der zweiten Offenlegung darf mit dem Datum des Kreisblattes, in welchem die betr. Bekanntmachung enthalten ist, nicht zusammenfallen.
v. Mechtolk.
Bekanntmachung.
Betreffend: Feldbereinigung in der Gemarkung Ringelshausen; hier die Arbeiten des III. Abschnittes.
In der Zeit vom Dienstag, 28. August l. IS. bis einschließlich Montag, 10. September l. IS. liegen auf dem Amtszimmer der Großh. Bürgermeisterei Rabertshausen die Arbeiten des HL Abschnittes rubr. Feldbereinigung, nämlich: I.
1. 6 Zuteilungskarten,
, 2. 1 Zuteilungsverzeichnis,
3. 1 Band Gütergeschosse,
4. 1 Band Zusammenstellung der Gütergeschosse,
5. 1 GeldausgleichungSverzeichniS über den Zuviel- oder Zuwenigempfang von Geländewert,
6. 1 Abschätzungsverzeichnis der Obstbüume nach dem alten und neuen Stand,
7. 1 Geldausgleichungsverzeichnis über den Zuviel- oder Zuwenigempfang an Obstbaumwert,
8. das Protokollbuch.
n. Bezüglich der aus der Gemarkung RabertS- Hausen infolge Grenzregulierung zugezogenen Grundstücke:
1. 1 Zuteilungskarte,
2. 1 ZuteilungSverzeichniS,
3. 1 Band Gütergefchoffe,
4. 1 Band Zusammenstellung der Gütergefchoffe,
5. 1 GeldausgleichungSverzeichniS über den Zuviel oder Zuwenigempsang an Geländewerk,
6. 1 Abschätzungsverzeichnis der Obstbäume nach dem alten und neuen Stand,
7. 1 GeldausgleichungSverzeichniS über den Zuviel- oder Zuwenigempfang an Obstbaumwert, zur Einsicht der Beteiligten offen.
Tagfahrt zur Entgegennahme von Einwendungen hiergegen findet statt: Dienstag, 11. September l. IS. vormittags von 10 bis 11 Uhr auf dem Amtszimmer der Großh. Bürgermeisterei Rabertshausen, wozu ich die Beteiligten unter dem Anfügen ein- lade, daß die Nichterscheinenden mit Einwendungen ausgeschlossen sind. Die Einwendungen sind schriftlich abzufassen, zu begründen und aus Papier in Aktengröße mindestens i/8 Bogen einzureichen.
Friedberg, 21. August 1900.
Der Großh. Bereinigungskommissär.
Süffert, Regierungsrat.
Die Sedanfeier.
Bon verschiedenen militärischen Seiten ist, wie wir gestern bereits kurz mitteilten, die Anregung gegeben worden, von einer amtlichen Feier des Sedantages in diesem Jahre abzusehen, weil eine solche Feier alljährlich die Em psindlichkeit der Franzosen von neuem zu reizen Pflegt und weil wir in diesem Jahre diese Empfindlichkeit besonders zu schonen haben, da wir auf einem beschränkten Kriegsschauplätze mit den Franzosen in Waffenbrüdersck)aft stehen.
Nun ist allerdings die Sedanfeier von Anfang an nicht gedacht worden als ein Siegesfest den Franzosen gegenüber, sondern als eine Feier der Aufrichtung deö Deutschen Reiches. Der zweite September ist kein Schlachttag ; an ihm ist Uin Flintenschuß gefallen, nachdem an drei vorhergehenden Tagen blutig gekämpft worden war. Als sich die Nachricht verbreitete, daß die Sä)lacht von Sedan zur Gefangennahme des französischen Heeres geführt habe, verbreitete sich in allen deutschen Herzen die Ueberzeugung, daß die vertragsmäßige Waffengemeinschaft zwischen dem Norddeutschen Bunde und den süddeutschen Staaten, die so herrliche Erfolge gezeitigt hatte, sich in
ein festes und dauerndem Band verwandeln werde. Unter den Tagen, welche die KaiserproNamation vom 18. Januar vorbereiteten, ist der zweite September der wichtigste gewesen.
Diese Erwägung hat hauptsächlich dahin geführt, bett zweiten September zum Tage eines nationalen Festes zu machen. Zu diesem innerlichen Grunde kommt ein sehr äußerlicher. Die erste Hälfte des September eignet sich, zur Abhaltung von Festen, die im Freien gefeiert werden, ganz besonders. Die große Hitze ist beendigt, aber die Herbststürme haben noch nicht begonnen. Die Erntearbeiten sind vorüber: von den Sommerreiscnden ist der größte Teil in die Heimat zurückgekehrt.
Eine Absicht, die Franzosen durch ein Pochen auf unsere Waffenthaten zu reizen, hat gewiß niemand gehegt. Wir alle wissen, daß die Franzosen tapfere Soldaten sind und auch in diesem für sie unglücklich verlaufenen Kriege zahl reiche Proben ihrer Tapferkeit abgelegt haben. Wir alle wissen, daß es eine Zeit gegeben hat, in der die Franzosen alle Völker der Welt an soldatischer Tüchtigkeit überragten, und wenn sie diesen Ruhm heute nicht mehr in Anspruch, nehmen können, so mögen wir daraus schließen, daß es wahrscheinlich keinem Volke der Welt beschieden fein wird, das Kriegsglück dauernd an sich zu fesseln. _
Um es zu widerholen: Unsere Absicht war, am ^eban- tage einen wichtigen Mschnitt in unserem inneren Ver- sassungsleben und nicht einen kriegerischen Erfolg zu feiern. Die Franzosen haben diesen Unterschied nickst begriffen. Sie haben das Unglück nationaler Zerrissenheck: nicht erfahren, können also auch nickst wissen, wie sehr es als ein Glück empfunden wird, aus solcher Zerrissenheit zur Einheit zu gelangen. Sie sehen in unserer Sedan, feier nichts als ein Siegesfest und fragen, bei welckicn anderen Nationen eS Sitte ist, Erinnerungen an Kriegs- thaten in dieser Weise zu verewigen. Die Freudenfeuer, die zur Erinnerung an die Schlacht bei Leipzig auf den Gebirgen am Rheine emporloderten, sind schon nach we nigen Jahren erloschien. Man kann bei der Prüfung in der Geschickste das Urteil „gut" erhalten haben und doch außer stände sein, zu sagen, an welchem Kalendertage die Schlacht bei Roßbach geschlagen worden ist.
9?un fragt es sich, ob es für uns ein Herzensbedürfnis ist, an der Feier des Sedantages festzuhalten. Und diese Frage verneinen wir. Der Deutsche hat für die Begehung von nationalen Festlichkeiten weniger Anlage wie ein anderes Volk. Gelehrte, welche die Völkerpsychologie zu ihrem besonderen Studium gemacht haben, mögen die Ursachen ermitteln, wenn sie können. Eine allgemeine und dauernde Teilnahme, wie sie die Franzosen für die Feier des Bastille sturms, die Amerikaner für ihren DnnksagungStag, die Belgier für ihre Unabhängigkeitsfeier, die Skandinavier für oie des geschichtlichen Hintergrundes entbehrende, aber als nationales Fest behandelte Mittsommernachtsfeier haben, wäre bei uns nicht denkbar.
Im Jahre 1871 wurde die Erinnerung an die Grofi- thaten des vorhergegangenen Jahres noch mit voller urwüchsiger Begeisterung gefeiert. Auch in den nächsten zwei, bis drei Jahren war die Theilnahme des Volkes noch unverkennbar. Dünn verflog der Spiritus mehr und mehr.
Leuau.
Von Paul Wittko.
(Nachdruck verboten.)
's ist eitel nichts, wohin mein Äug' ich Heftel Das Leben ist ein vielbesagtes Wandern;
Ein wüstes Jagen ist's von dem zum andern, Und unterwegs verlieren wir die Kräfte.
Große Dichter sind in einem gewissen Grade auch «immer Darsteller ihres eigenen Lebens. Ihre Dichtungen sind Lebensberichten, abgelegt vor dem Beichtstühle der Welt. Versenken wir uns in die Blätter der Weltlitteratur, so mach)en wir immer und immer wieder diese Beobachtung. Jeder echte Dichter dichtet sich selber, er giebt sein Innerstes der Welt, die sich von dieser inneren Wahrheit ergreifen und erschüttern läßt. Seeleneindrücke, nicht zufällige Ursachen schmieden zumeist das Einzelschicksal. Je weiter der Abstand von Wille und Kraft, desto sicherer, daß in dem Streite zwischen Altem und Neuem, zwischen Erziehung und Erkenntnis, zwischen Pflicht gegen andere und Recht auf sich selbst, — daß in solcher Tragödie schwankende Naturen unterliegen.
Zu den Dichtern, die fast ausschließlich sich selbst dichteten, und zu den Menschen, die in jenem angedeuteten Streite zu Grunde gingen, gehört Lenau (bekanntlich eigentlich Mkolaus Niembsch Edler v. Strehlenau), dessen 50. Todestag der 22. ds. M. war. In einem Briese vom 19. Juli 1840 sagt er: „Meine sämtlichen Schriften sind, da ich für Thaten keinen Raum finde, mein sämtliches Leben", ein andermal nennt er seine Poesie ein Selbstopfer, und an einer dritten Stelle endlich sagt er: „Me Poesie, bin ich selbst; mein selbestes Selbst ist die Poesie".
Es ist ein eigentümlich unbestimmtes Halbdunkel, das des Dichters Individualität umgiebt. Obwohl er sich eine Zeit lang zum Gelehrten berufen fühlt, ist er durch und durch eine Künstlernatur. Man könnte ihn, den Menschen Lenau, fast als den Tichtertypus unserer Tage ansehen. Dieser unstete Drang, diese schon in seiner frühesten Jugend getadelte eigensinnige Ungeduld, diese launische, überreizte Stimmung, dieses ständige hypochondrische Gefühl des Unglücklichseins, diese ausnehmende Abhängigkeit von seinen Nerven, dieses „einsame Menschentum" - das sind ßüge denen wir im modernen Leben auf Schritt und Tritt begegnen. Ein Mensch von ungemein reichem Geist lautem Gewissen, aber früh gebrochenem Willen kommt es ihm nicht in den Sinn, gegen seine innere Unrast, das Zweiseelentum in seiner Brust anzukämpfen. Fortwährend abhängig von äußeren und inneren Eindrücken, entrüstet er sich zwar darüber, aber er flieht immer mehr in sich selbst, als daß er Anfechtungen abwehrt. Ja, er ertötet sogar ganz rationell in sich alle Lebenslust und Lebenskraft Er belauert, umschleicht, beobachtet sein Inneres bis ins Kleinste. Aber gerade darum bleibt er in den Händen des Schicksals ein Spielball, den es bald hierhin bald dorthin, selbst über den Ozean schleudert. Sein geistiges Leben währt 42 Jahre (er wurde geboren am 13. August 1802 zu Czalad in Ungarn), aber er findet keinen Beruf, kein Heim, kein Weib. Im Alter von 20 Jahren schon verteidigt „Ter Unbeständige" in einem ebenso überschriebenen Gedichte mit guten Gründen seinen fortwährenden Wechsel des Studiums. Er studiert ohne praktischen Lebenszweck, aber, wie einer feiner Freunde sagt, mit dämonischem Fleiß. Von der Philosophie wird er zum Jus, und vom Jus zur Medizin getrieben, besteht
überall die beiden ersten Prüfungen glänzend, läßt es aber zu keiner dritten, abschließenden kommen. Er strebt nack) einer Philosophie-Professur, geht aber bald daraus auf eine Ackerbauschule, um Landwirtschaft zu studieren. Dann ist er drauf und dran zum Dr. med. zu promovieren und sich in Heidelberg zu habilitieren, gelangt aber bald wieder zu anderen Entschlüssen. UeberaU ein wehrloses. Unterliegen feinen jeweiligen Einfällen.
lieber ein Jahrzehntlang führt er ein Wanderdafein. Zumeist hält er sich bei Freunden oder Verwandten in Stuttgart ober in Wien auf, und wird von diesen unheilvoll verwöhnt. Niemals kommt er vom Weibergängelbande los. Schon seine Mutter verzärtelt den vergötterten Sohn über alle Maßen, macht ihn aber dadurch unfrei, eigenwillig, bequem, launenhaft, selbstsüchtig und mißtrauisch. Sobald er aus ihren Händen ist, taumelt er in einen unglückseligen Liebesrausch. Als Student verliebt er sich in ein schon sehr verblühtes und zänkisches Frauenzimmer von zweifelhaftem Ruf in untergeordneter Stellung — sie ist Haushälterin bei einem bürgerlichen Stadtrat Wiens — und kommt viele Jahre von diesem Weibe nicht los. Acht seiner schönsten Gedichte erzählen von diesem unwürdigen, ihn zerrüttenden Liebeshandel, durch den er um seine besten Jugendjahre betrogen wird. Es wird ein, Töchterchen geboren, das aber nicht den Namen des angeblichen Vaters erhält. Dem langen Liebesrausche folgt, als er an der Treue seiner Geliebten begründeten Zweifel zu hegen beginnt, bis sie ihm endlich offen einen griechischen Handelsmann vorzieht, ein fürchterlicher Katzenjammer, und er findet mit allen seinen großen Gedanken, von Gewysens- bissen und körperlichen Schmerzen gefoltert, offenbar den. Folgen einer unglücklichen Veranlagung, weder zum Leben


