Mittwoch den 25, Juli
Zweites Blatt
1900
Gießener Anzeiger
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Die Verlobung des Königs von Serbien.
Man ist in dieser an unvorhergesehenen Ereignissen so reichen Hochsommerzeit schon so sehr abgestumpft gegen Ueberraschiungen, daß die Meldung von der Verlobung des 24jährigen serbischen Königs kaum nochs als solche wirkt. Sie ist aber trotz alledem eine Ueberraschung selbst für die Nächstbeteiligten, die Serben und den Vater des Königs. Schon am Samstag kam die Meldung aus Belgrad, daß das Ministerium seine Entlassung erbeten habe. Jetzt ist es klar, daß der Widerspruch der Minister gegen die Verlobungsabsichten des Königs zu dem Entlassungsgesuche geführt hat. In der That ist der Entschluß des Königs zum mindesten ungewöhnlich, denn seine Wahl j>st a»uf die Frau gefallen, die nicht nur dem Range nach unter ihm steht, sondern die bereits verheiratet gewesen ist. Frau Draga, die Braut, Witwe des serbischen Gardekapitäns Maschin, ist 42 Jahre alt, sieht jedoch, wie es heißt, jünger aus. Die Familie ihres Vaters Panta Lunjevitz ist ziemlich unbedeutend. Ms Hofdame der Königin Natalie soll die jetzige Braut des Königs häufig Anlaß ßu Zänkereien zwischen Milan und Natalie gegeben haben. Die Familie der Braut ist nur mäßig bemittelt. Sie stammt allerdings aus einem alten serbischen Wojwo- dengeschlechte. Ihr Großvater war, wie König Alexander in dem Erlaß an sein Volk sagt, einer der bedeutendstes Mitarbeiter des großen Milosch bei der Begründung des heutigen Serbien. Wojwode bedeutet Herzog und deckt sich in seiner ursprünglichen und geschichtlichen Bedeutung mit unserm Worte. Aber diejenigen, die Serbiens Königtum zum vollen Glanz der übrigen europäischen Königsfamilien zu erheben trachten — und zu diesen gehören die verantwortlichen Berater des Königs selbstverständlich in erster Linie — können in einer Heirat des Königs mit -^irem Landeskinde nicht die Förderung -ihres Strebens erblicken. Die Königsfamilie mit anderen herrschenden,' Häusern zu verschwägern uno dadurch ihre Stellung im Rate der Völker zu heben, war der Traum der serbischen Politiker; er wird, wenn der Entschluß des Königs nicht erschüttert wird, ein Traum bleiben. Aber es gießt noch! andere Gründe, die man gegen des Königs Wahl ins Feld führen kann. Die Heirat mit einem Landeskinde verschwägert den . König mit dessen Sippe und bringt ihn, wenn er nicht ein sehr starker, unabhängiger Charakter ist, notwendig mit dieser Sippe in nahe Beziehung. Wenn das schon bei andern, mehr durchgereiften Völkern eine Gefahr ist, pm wieviel mehr bei den Serben, die im allgemeinen nock), nicht soweit vorgeschritten sind in der Entwickelung, daß sie die eigenen von den allgemeinen Interessen immer trennen könnten. Und endlich kommt das böse Omen der elterlichen Ehe zwischen Milan Obrenowitsch und Natalie Ketschko hazu, die deutlich gezeigt hat, daß auch eine fürstliche Liebesheirat nicht immer zum Segen führt. Auch Milan heiratete in jungen Jahren, dem Zuge seines Herzensfolgend, im Widerspruch mit seinen Ministern ein Mädchen jaus dem Volke, die bildschöne, sechzehnjährige Tochter des russischen Obersten Ketschko und einer Rumänin, die sich dann später zu der ränkespinnenden Königin Natalie Entwickelte. Frau Draga Maschin, die Hofdame Natalies, ist mit der Königin intim befreundet, und darum ift die Ansicht in Belgrader Hofkreisen, daß Natalie nach Serbien zurückkehren, der Vermählung beiwohnen und ihren alten Einfluß zurückgewinnen wird.
. König Alexander hat in seinem Erlaß geschickt alles zusammengestellt, was seinen Entschluß in einem günstigen Luchte erscheinen lassen kann. Söin stärkstes Motiv ist, daß er seiner Herzensneigung ungehindert folgt, aus der ^o^de Glück und Zufriedenheit für sich und sein Volk betont ferner, daß seine Dynastie aus dem Volke hervorgegangen sei und durch eine Verbindung mit eurer Volksgenossin nur noch festere Wurzeln im Volke schlagen werde. Er stellt diese Volksgenossin als eine der edelsten dar, besonders geeignet, das Band zwischen ihm urid dem serbstchen Volke noch fester zu knüpfen, und weist den zwychen den Zetten lesbaren Einwand daß er durch diese Heirat auf das Anknüpfen dynastisch-politischer Beziehungen verzichte, mit der Bemerkung zurück, daß sich die Politik der Herrscher und Staaten heute nicht mehr nach verwandtschaftlichen Verhältnissen, sondern nach den Interessen der Völker richte. Unzweifelhaft ift an diesen Ausführungen viel Wahres; zweifellos kann auch dieser Liebesheirat viel Segen entspringen, und auch die Bemerkungen über den Volkscharakter der Dynastie und die edle Abkunft der königlichen Braut werden auf die große Masse des Volkes ihren Eindruck nicht verfehlen.
Trotzdem herrscht in Belgrad fast allgemeine Bestürzung, und nur eine Deputation des Gemeinderats und einige Privatpersonen gratulierten. Der Staatsrat, der Metropolit und der Präsident der Skupschtina Nestorowitsch beschworen den König, das Heiratsprojekt fallen zu lassen. Vergebens. Der König soll zum Präsidenten der Skupschtina gesagt haben: Möge man mein Vorgehen billigen oder nicht, äch liebe diese Frau und werde sie heiraten oder lieber
dem Throne zu Gun st en meines Vaters entsagen. Auch das Kabinett Georgiewitsch bekämpfte von' vornherein die beabsichtigte Heirat. Es machte dem Könige Vorstellungen und erörterte das Heiratsprojekt vom dynastischen und politischen Standpunkte aus. Als die Vorstellungen erfolglos blieben, erfolgte die Demission des Kabinettes. Zur Zeit besteht kein Ministerium. Sämtliche Regierungs-Ressorts werden nur von Sektionschefs geleitet. Kein Politiker von Ansehen hat sich bisher geneigt gezeigt, ein Ministerium zu bilden. Folgende Ministerliste zirkuliert: Präsidium und Inneres Nikola Christitsch, Aeußeres Sima Lozanitsch, Finanzen Ilja Tschiritsch, Krieg General Milowan Pawlowitsch, Justiz Georg Stefanowitsch, Volkswirtschaft Tschiwanowitsch, Bauten Oberstleutnant Damian Popowitsch.und Unterricht Prazin Mijuskowitsch. Die Liste ist jedoch nicht definitiv. Auch der Kabinettssekretär Weykowitsch erbat und erhielt seine Entlassung. Zu seinem Nachfolger wurde Dr. Milosch Petrowitsch, der in Deutschland studiert hat, ernannt. Und schließlich hat auch der gemäßigte Vater des Königs, der edle Milan, sein Bedauern über die Verlobung sofort zum Ausdruck gebracht. Der Mann hat ja seine Erfahrungen. Milan hat seine Kur in Karlsbad plötzlich unterbrochen, ist nach' Wien abgereift und hat sein Oberkommando über das Heer niedergelegt. Ein Mitarbeiter der „Wiener Ällg. Ztg." wurde von Milan empfangen. Er gab seinem schmerzlichen Bedauern über den Schritt seines Sohnes Ausdruck. Die Demission als Armeekommandant habe er zehn Minuten, nachdem er die Verlobungsnachricht empfangen, in größter Erregung telegraphisch seinem Sohn angezeigt. Er hatte wohl Kenntnis von den Beziehungen Alexanders zu der Hofdame Natalies, von einer Heiratsabsicht aber keine Ahnung: er sei daher vollkommen überrascht. Auf die Frage betreffs der möglichen Folgen äußerte sich Milan sehr reserviert._________________________
Die LVirren in China.
Nach einer Mitteilung des Chefs des Kreuzergeschwaders, Vizeadmirals Bendemann aus T a k u vom 20. ds. ist die deutsche Besatzung von Tientsin auf 300 Mann unter dem Kommando des Kapitänleutnants Weniger herabgesetzt worden. Die Nachrichten über neue Ereignisse fließen jetzt langsamer. Der französische Konsul in Tsungking am oberen Jangtse telegraphiert unter dem 18. Juli, in der Provinz Szetschuan herrsche im allgemeinen Ruhe, doch seien in den ländlichen Bezirken im Nordwesten der Provinz einige christliche Niederlassungen zerstört worden. Nach einer russischen Meldung soll es bei Weihaiwei in der Provinz Schantung zu zwei Gefechten zwischen Engländern und Chinesen gekommen sein, und laut derselben Quelle haben bei Tientsin einige Vorposten- gesechte stattgeftmdeu. Die letzten amtlichen Berichte aus Tientsin besagten, daß Aangtsun, etwa 24 Kilometer nordwestlich von Tientsin am Peiho, dort, wo die Eisenbahn vom Fluß auf Peking abbiegt, noch von Chinesen besetzt sei; vermutlich haben hier jene Gefechte stattgefunden. Die Reparatur der Eisenbahnlinie nach Taku ist vollendet und die Bahn unter russischer Leitung wieder int Betriebe. Die Verwaltung von Tientsin wird der „Times" zufolge zunächst durch ein i n t e r n a t i o nales Komite geleitet, das aus dem japanischen Oberstleutnant Aoki, dem englischen Oberstleutnant Bower und dem russischen Oberst Wogak besteht.
Nach einem Telegramm aus London soll das Verhalten der vereinigten Truppen nach der Erstürmung des Fremden Viertels von Tientsin ein ausführlicher telegraphischer Bericht der Agentur Lassan im trü-bsten Lichte erscheinen. Danach war der ganze der Erstürmung folgende Tag einer Generalplünderung gewidmet. Die gesamte Chinesenstadt war überfüllt von fremden Truppen aller Nationalitäten, die mit einheimischen Pöbelhaufen und Landstreichern bei der Brandschatzung von Läden und Magazinen wetteiferten. Auf dem Wege zwischen dein Chinesenviertel und den fremden Niederlassungen bewegte sich eine förmliche Prozession von Soldaten, die beladen mit allen erdenklichen Gegenständen Silberbarren, Seidenzeug, Pelzwerk, Schmucksachen und tausend anderen Dingen, ihre Beute in Sicherheit brachten. Sachen im Werte von vielen Millionen Taels sollen gestohlen worden sein.
Das sind schwere Beschuldigungen, sowohl gegen die sremden Truppen wie gegen die ausländischen Bewohner Tientsins, und jene Agentur wird sie zu verantworten und zu vertreten haben. Daß deutsche Soldaten sich bei dieser Plünderung beteiligt hätten, ist so gut wie ausgeschlossen, aber es wäre auch bedauerlich, wenn sich Herausstellen sollte, daß die Truppen irgend einer der andern Mächte sich einen derartigen Verstoß gegen die Disziplin hätten zu Schulden kommen lassen. Solche „Soldaten der Zivilisation" wären dann freilich schlecht geeignet, das strafende Sühnewerk des rächenden Richters durchzuführen.
Der Pariser „Gaulois" hatte die Meldung gebracht, daß die Verhandlungen zwischen den Großmächten betreffs des Oberkommandos der vereinigten Truppen in China in.dem Sinne abgeschlossen seien, daß England den Oberbefehl über die verbündeten Flotten erhalten solle. Wegen des Oberbefehls über die Landtrupp en hätten die Großmächte Kaiser Wilhelm ersucht, den Führer zu bestimmen. Kaiser Wilhelm hätte vorgeschlagen, dieses Kommando einem französischen General anzuvertrauen. Die französische Regierung habe dieses Anerbieten dankend a b g e l e h n t. — Zu dieser Meldung erfährt unser Berliner Mitarbeiter zuverlässig, daß an dortiger amtlicher Stelle weder über die Ernennung eines englischen Flot- ten-Oberbefehlshabers,n o ch über das von Kaiser Wilhelm angeblich vorgeschlagene französische Oberkommando über die verbündeten Landtruppen irgend etwas bekannt ist. Es wird vielmehr ausdrücklich hervorgehoben, daß die Verhandlungen wegen des Oberkommandos noch nicht zum Abschluß gelangt sind. — Eine Bestätigung der Rachricht, nach der die chinesischen Zölle von jetzt ab mdcyt mehr nach Peking, sondern nach Kanton abgeliefert werden sollen, liegt einem Berliner Gewährsmann zufolge an dortiger amtlicher Stelle ebenfalls nicht vor.—Der Vormarsch aus Peking dürfte vor September unmöglich sein.
Der Briefwechsel zwischen den Kaisern von China und von Japan.
Berlin, 23. Juli. Nach einer aus japanischer Quelle stammenden, Tokio, den 20. Juli datierten Depesche lauten die zwischen den Kaisern von China und Japan gewechselten Briefe in ihrem vollen Text wie folgt:
Der Kaiser von China an den Kaiser von Japan. Während unser Reich sich in aufrichtigen Freundschaftsverhältnissen mit oem Reiche Cw. Majestät befand, wurde der Kanzler Ew. Majestät Legation vor etwa einem Monat angegriffen und ermordet. Durch dieses Ereignis tief betrübt, haben wir Befehl gegeben, die Individuen, die dieses Verbrechen begangen hatten, zu ermorden uno zu bestrafen. Jedoch hatten die sremden Mächte, in dem Glauben, daß bei dem bestehenden Konflikt zwischen unseren christlichen und nichtchristlichen Unter» thanen unsere Regierung die Bewegung gegen die Christen unterstützt hätte, die Forts von Taku angegriffen und besetzt. So entstanden Feindseligkeiten und die Lage und die Beziehungen zu den Mächten sind immer verwickelter geworden. Westen und, Osten ftehen sich feindlich gegenüber. Ew. Majestät und unsere Staaten sind die einzigen, die den Osten aufrecht erhalten. Nicht blos auf China richten sich die lüsternen Blicke der Mächte, um ihre Pläne zur Geltung zu bringen, sondern, falls China nicht int stände ist, seine Stellung zu behaupten, so befürchten wir, daß auch für Ew. M. Reich die Lage unhaltbar werden wird. Die Interessen der beiden Reiche sind eng miteinander verbunden, und so hoffen wir, daß Ew. Majestät Angelegenheiten von untergeordneter Bedeutung in diesem Moment übersehen möchten und mit uns gemeinschaftliche Sache machen, um unsere gleichartigen Interessen zu beschützen. China ist in diesem Moment so vollständig durch seine militärischen Operationen in Anspruch genommen, um den Aufstand zu bewältigen, daß es nicht int stände ist, die von außen drohenden Verwicklungen mit den Mächten zu einem erfolgreichen Ende zu führen. Wir sind daher darauf angewiesen, auf Unterstützung desjenigen Landes zu rechnen, das wie unser Reich einen Teil von Asien bildet. Unter diesen Umständen richten wir unsere Botschaft an Ew. Majestät in einem absolut offenen und vertrauensvollen Geiste und bitten, Ew. Majestät möge solche Schritte anordnen, als für gut befunden werden, um unter Ew. Majestät mächtiger Führung den Frieden und die Ordnung wiederherzustellen. Am 7. Tage des 6. Monats int 26. Jahre. Kwangsu (3. Juli 1900).
Der Kaiser von Japan antwortete:
Während bisher nur gerüchtweise verlautete, daß Sn- giyama, der Kanzler unserer Gesandtschaft vor einiger Zeit ermordet worden sei, hat bisher eine positive Bestätigung dieser Nachricht gefehlt. Ew. Maj. Telegramm, das soeben angelangt ist, hat nun diese Thatsache bestätigt und uns tiefen Schmerz verursacht. Seit diesem peinlichen Ereignis hat die Insurrektion int nördlichen Teile Ew. Maj. Länder einen stetig wachsend eit heftigen Charakter angenommen und den gesetzwidrigen Handlungen wurde freier Lauf gelassen, während in Peking die diplomatischen Vertreter der fremden Mächte und die Mitglieder der Gesandtschaften umzingelt und angegriffen wurden. Es wird sogar gemeldet, daß der Gesandte einer Macht angegriffen und ermordet worden sein soll. Wir hören, daß die Truppen Ew. Maj. äußer stände sind, die Insurgenten zurückzutreibeni und zu unterwerfen. Die Handlungen der Jnsurgenwn verletzen äuf das empfindlichste das völkerrechtliche Prinzip, daß die diplomatischen Agenten mit höchster Achtung zu behandeln und ihre Personen unverletzlich sind. Eine Be-


