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Nr. 171 Erstes Blatt. Mittwoch dm 25. Jul!
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Amtlicher Teil.
Bekanntmachung.
Betreffend: Die Abgabe der Vermögenssteuer-Erklärungen zum Zwecke der Veranlagung für das Steuerjahr 1901/02.
Nach Artikel 19 des Gesetzes die Vermögenssteuer betr., vom 12. August 1899 haben die von der Kommission für die Einkommensteuer erster Abteilung zu veranlagenden, ein jährliches Einkommen von 2600 Mark und mehr besitzenden Betriebsunternehmer (Personen, die Land- und Forstwirtschaft oder ein Gewerbe betreiben), die zum ersten Male mit Anlage- und Betriebskapital zur Vermögenssteuer veranlagt werden, eine schriftliche Erklärung über das im land- und forstwirtschaftlichen oder gewerblichen Unternehmen verwendete Anlage- und Betriebskapital und die es belastenden Schulden abzugeben.
Ferner sind nach Art. 25 desselben Gesetzes diejenigen, deren sonstiges Vermögen (Kapitalvermögen usw.) nach Abzug der darauf lastenden Schulden einen Wert von 3000 Mark und mehr hat, zur Abgabe einer schriftlichen Erklärung über dieses Vermögen verpflichtet.
Zu diesen Erklärungen sind die vom Gr. Ministerium der Finanzen festgesetztenFormülarien zu verwenden; dieselben sind je nach> der Wahl der Steuerpflichtigen offen oder verschlossen
spätestens bis zum 81. Juli d. I., ohne daß der Pflichtige deshalb eine besondere Aufforderung abzuwarten Hat, bei der Bürgermeisterei des Wohnorts oder auch unmittelbar bei dem betreffenden Steuerkommissariat abzuliefern.
Den außerhalb des Großherzogtums wohnenden Steuerpflichtigen werden die Formularien zu den Steuer- erklücungen durch die betreffenden Steuerkommissariate zugesendet, an welche die abzugebenden Erklärungen innerhalb vier Wochen unmittelbar einzusenden sind.
Nach Art. 32 des Gesetzes sind die Vermögenssteuererklärungen abzugeben:
1. für Minderjährige, für Abwesende, sowie für Personen, die aus anderen Gründen unter Vormundschaft oder Pflegschaft gestellt sind, von deren gesetzlichen Vertretern;
2. für Nachlaßmassen, die der Steuerpflicht unterliegen, von deren Verwaltern;
3. in allen anderen Fällen von dem Steuerpflichtigen selbst und zwar hinsichtlich seines eigenen Vermögens «, als auch, des Vermögens, das ihm nach Art. 10 setzes bei der Besteuerung zuzurechnen ist.
Bei Abgabe dies er Erklärungen i st besonders zu b e ach ten, daß Schulden und Saften nur dann an dem rauhen Vermögen abgezogen werden können, wenn das Bestehen und dieHöhe dieserSchulden undLasten nach - gewiesen wird.
Zwecks Herbeiführung einer zutreffenden Veranlagung des Grundvermögens, bezüglich- dessen eine gesetzliche Verpflichtung zur Abgabe von Erklärungen nicht besteht, ist die Einreichung freiwilliger Erklärungen über die Höhe, den Wert desselben und die es belastenden Schulden in eigenem Interesse des Steuerpflichtigen sehr wünschenswert, da hierdurch^ unter Umständen einer irrtümlichen Veranlagung und den hieraus erwachsenden Weiterungen vorgebeugt wird.
Awknüpfend an diese Mitteilungen richten wir an die hiernach zur Abgabe von Vermögenssteuererklärungen Ver- tftüfyteten unserer Bezirke hiermit die Aufforderung, ihre 9er, wählbar bis zu dem angegebenen Termin atr Die betr. Bürgermeistereien oder direkt an uns gelangen Ku lassen. Die bei den Bürgermeistereien einlaufenden Steuererklärungen werden, und zwar insoweit verschlossen, uneröffnet, an die Vorsitzenden der betr. Veranlagungskommissionen abgegeben werden.
Die Formularien zu den Steuererklärungen, welchen ein Auszug aus dem Gesetz und der hierzu erlassenen Anweisung beigefügt ist, hat der Steuerpflichtige von der Bürgermeisterei des Wohnorts zu beziehen.
Gießen, Grünberg, Hungen und Nidda, 29. Juni 1900.
Die Großherzoglichen Steuerkommissariate
I. E. I. E.
Krug. Ulrich. Frenz. Schmitt.
Samsun und sein Hinterland.
(Wirtschaftsbrief aus Kleinasien.)
Samsun, Juli 1900.
Die gesamte nordanatolische Küste von Eregli bis Trapezunt trägt einen gemeinsamen Charakter. Bergreihen, im westlichen Teil mehr mit scharfen Zackungen und tiefen Einrissen, im östlichen Teil mehr gewellt und mit kegelförmigen Häuptern, sowie mit weiten Thalfurchen durchzogen, umgürten die Küste und schließen das Hinterland durch
ihre hohen Erhebungen vom leichten Verkehr mit dem Meere ab. Saftige, wildreiche Waldungen von Eichen, Linden, Buchen, Edeltannen, Kiefern und Fichten krönen die Höhen. Waffergesättigte Thäler laden zur Bestellung. Bald dringen kleine schmale Rinnsale durch die Felsspalten zum Meere, bald zeigen sich rauschende Flüsse, die, an hundert Stellen an geradem Lause von den Bergen gehemmt, in vielfach gewundenen Linien zum Meere durchbrechen müssen. Breite Deltaniederungen, mit Eichendickicht und Schlingpflanzen bewachsen, hier und da von Mais- und Tabakseldern bedeckt, von Fieberdünsten überlagert, kennzeichnen die Mündungen eines Kysyl und Jeschil Irmak.
Keine langen, schräg ins Meer hinauslausenden Klippen, unter deren Schutz größere Hafenbecken stehen können. Der Bos tepe burun vor Sinope ist die einzige solcher Bildungen. An der Nordwestküste mangelt jedweder tieferer Einschnitt; an der Nordostküste zahlreichere Einbuchtungen, aber diese in weite Halbkreise sich formend, daß allen ungünstigen Winden ein Spielplatz geboten ist, so solche von Riseh, Trapezunt, Tireboli, Kerasund, Ordu, Unieh, Samsun.
Mäßig besiedelt ist das Küstengebiet selbst. Die zahlreichen Bergzüge, die Kämme, Zacken, Kuppen, Hänge und jähen Senkungen wehren größeren Siedelungen. Erst aus den Hochebenen hinter den Küstengebirgen dichtere Bevölkerung und häufigere Stadtgruppierungen. Alle lebhafteren, wohlhabenderen Ackerbauzentren und Sitze des Warenaustausches und Kleinindustrie liegen im Inneren, so Safranboli, Kastamuni, Tosfia, Bojabad, Mersiwan, Amasia, Tokat, Siwas.
Alle nennenswerlec: Hafenplätze der anatolischen Nordküste erfüllen die Ausgabe, die Bodenerzeugnisse des Hinterlandes in Empfang zu nehmen und dorthin europäische Waren zu verteilen. AmaSra dient der Gegend von Safranboli, Jneboli der von Kastamuni, Sinope der von Bojabad.
Die größten Flächen, die reichsten Gebiete, die bedeutendsten Binnenstädte Nordkleinasiens bestreicht jedoch Samsun. Das ganze Land, das nördlich von Jüsgad vom Halbkreislauf des Kysyl Irmak umschlossen wird, Jüsgad, Siwas, Tokat, Amasia, und das ganze hochfrucht, bare vom Jeschil Irmak und seinen zahlreichen Nebenflüssen gespeiste Gebiet gehört zur Handelszone von Samsun. Seit Mitte des Jahrhunderts hat Samsun das nicht so bedeutende, durch seinen sicheren Hasen überlegene Sinope überwunden, lieber Bojabad kommt der Einfluß Sinope's nicht hinaus. An den schroffen Uferwänden des durch wenige Brücken gezähmten Kysyl Irmak müssen die Handelszüge von Sinope Halt machen.
Im Lause der letzten zwei Jahrzehnte hat sich ein gewisses Aufblühen Samsuns vollzogen. Der Entwicklung der Tabakpflanzungen von Samsun und dem nahen Basra und der Vervollkommnung der Getreide- und Obstkultur von Amasia darf man diesen Ausschwung zuschreiben. Denn kein Transitverkehr wie in Trapezunt setzt hier die HandelSkräste in gute Nahrung.
Unter den kleinasiatischen Tabaken haben die von Samsun und Basra den besten Ruf. Nach Deutschland (seit Berührung Samsuns von der Deutschen Levantelinie meist über Hamburg), Oesterreich, England, Rußland gehen bedeutende Quantitäten des Produktes dieser Gegenden. Der Ertrag von Samsun betrug im Jahre 1899 in 160 Ortschaften mit ungefähr 5500 Pflanzern bei einem bebauten Flächenraum von etwa 11000 Dönüm (1 Dönüm — 937.8 Hektar) ca. 2 000 000 Kilo. Die Pflanzung des Tabaks geschieht zumeist aus einem wenige Kilometer breiten Küstenstreifen, besonders aus den Nordhängen der Küstenberge, und in den Niederungen der Flußdeltas. Nur längs der Flußläufe reicht seine Kultur etwa einen Tagemarsch ins Innere hinein, am weitesten beim Kysyl Irmak, und zwar bis zu einer Entfernung von 80 Kilometer von der Mündung.
Eine der vier unter Leitung der ottomanischen Tabakregie in der Türkei arbeitenden Tabakfabriken (Sa- lonik, Smyrna, Konstantinopel) befindet sich in Samsun. Schon vom Schiff aus drängt sich die nüchterne Massivität des Gebäudes in das anmutige Stadtbild hinein. Dem Besuch der Fabrik habe ich interessante Einblicke in die Methoden der Verarbeitung zu verdanken. Eine Anzahl mächtiger Säle fassen die ca. 500 Arbeiter, die als Tabaksortierer, -schneider, -Verpacker und Zigarettenmacher thätig sind. Der Verdienst der Tabakleser, die sich aus den erfahrensten Kräften rekrutieren, beträgt 8 bis 12 Piaster pro Tag. Die Zigarettenmacher arbeiten im Akkord. Die
Geschicktesten können 3000 Stück pro Tag liefern, was einem Gewinn von 131/2 Piastern entspricht. Für den Orientalen stellen diese Löhne eine hochbegehrte und reichliche Einnahme dar.
Das Füllen und Verkleben der Pakete liegt in der Hand von Kindern. Hauptsächlich Armenier und Griechen, wenig Türken sah ich unter der Schaar. Mit affenartiger Gewandtheit liegen die meisten dieser Thätigkeit ob, und vermögen so ca. 2000 Pakete täglich fertig zu stellen (pro 1000 2 bis 2i/2 Piaster). Ein deutscher Ingenieur hat die Leitung der Fabrik in Händen. Er hat eine ungemein ingeniöse, höchst komplizierte Maschine erfunden, die automatisch das Wägen des Tabaks, Füllung des Pakets, Schließung und Beklebung desselben vollzieht, und an 25 000 Pakete den Tag liefern soll. Die Maschine ist bereits patentiert, und wird gegenwärtig hinsichtlich ihrer Leistungsfähigkeit in der Konstantinopeler Tabakfabrik erprobt.
Die zweite Quelle zunehmender Wohlhabenheit Samsuns ist der Getreide- und Obstexport. Amasia gibt sich als Mittelpunkt dieser Kulturen. Besonderes Augenmerk gebührt diesem Ort, da dort eine Anzahl deutscher Familien ansässig sind. Wunderbar sind hier die Erträge von Weizen und Gerste (15 bis 20 Körner auf eines in guten Jahren), ebenso in Tokat und Siwas. Jährlich 10 Millionen Kilogramm Weizen und Gerste mögen au» diesen Bezirken über Samsun ausgesührt werden. Jammerschade, daß der Anschluß der Gegend von Siwas an die anatolische Bahnlinie Konstantinopel-ESkischehr-Angora in unsichere Ferne gerückt ist. Zur Erntezeit ist die Straße von Samsun nach Amasia täglich von ca. 400 Fuhrwerken belebt. Die Mühlenindustrie würde bei einiger Anstrengung in Samsun wie im Hinterlande sichere Zukunft haben.
Klimatisch stellt sich der Strich von Amasia für europäische Ansiedler durchaus günstig. Mir steht bei dieser Erwägung lebhaft vor Augen, was in dem hinsichtlich Klima und Bodenbeschaffenheit ziemlich gleichen Transkaukasien die Arbeit von drei Generationen schwäbischer Bauern in 13 blühenden Dörfern zuwege gebracht. Welche glänzende Kulturarbeit vermöchten solche in Gebieten zu leisten, wo sie nicht eines Tages der Russifizierung zum Opfer fallen müssen.
Das Ansehen des Deutschen Reiches und sein im nördlichen Kleinasien stärker eingreifender Handel möchte es wohl vertragen, wenn ein konsularisches Netz gebildet würde. Als Generalkonsulat hätte dann Trapezunt auszutreten, dem sich als Vizekonsulate Erserum, Samsun und das bereits bestehende Wahlkonsulat in Amasia unterordnen würden.
Dr. H. Grothe (in der „Allg. Zlg.")
Die Wirren in China nnd die evangelische Mission
Man «schreibt uns aus Kreisen der evangelischen Geistlichkeit:
Die tragischen Ereignisse im fernen Ostasien nehmen, das Interesse jedes Deutschen in vollstem Maße gefangen. Ist es doch, wie wenn ein Vulkan, seither trag und leblos, nun plötzlich aus seiner Tiefe die feurige Masse schleudert, die mit elementarer Gewalt alles Heben in seinem Bereiche unbarmherzig vernichtet.
In diesem Augenblick, wo die Entrüstung über den perfiden Treubruch, den Blutdurst und die teuflische Grausamkeit des auf seine 3000 Jahre alte Kultur überstolzen Chinesenvolkes jedes deutsche Herz erfüllt, ist von gewisser Seite eine traurige Debatte auf die Tagesordnung gestellt worden, die geeignet ist, in nicht orientierten christlichen Köpfen Verwirrung anzurichten.
Als nämlich die Wirren in China begannen, erhob sich natürlich die Frage nach der Ursache derselben, und merkwürdigerweise wurde ein Teil der Schuld auf die Thätigkeit Pier christlichen und besonders auch der evangelischen Mission zurückgeführt. (So Herr v. Brandt, der Vorvorgänger des ermordeten Gesandten v. Ketteler in der „Finanzchronik" re.)
So «wenig derartige Anklagen geeignet sind, solche evangelische Christen in ihrer Liebe zur Mission irre zu machen, die über die Bestrebungen, Arbeit und Methode derselben orientiert sind, so sehr sind leider solche allgemeine und bis jetzt durch nichts begründete Urteile imstande, bei anderen Verwirrung anzurichten. Ja viele, die der Missionsarbeit indifferent oder, wie überhaupt jeder religiösen Betätigung, unsympathisch gegenüber stehen, sind noch im Herzen sehr befriedigt über ihre seitherige Haltung. Hier sieht man ja wieder einmal, wie verkehrt und utopisch diese Missionsarbeit ist, und wie aufgeklärt man war, sich von ihr fernzuhalten.
Wir (beschäftigen uns hier nur mit den Vorwürfen, die gegen die evangelische Mission in China erhoben


