Ausgabe 
25.3.1900 Erstes Blatt
 
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niederlegen, außer wenn er durch dringende Notwendigkeit dazu gezwungen ist. Diejenigen, welche diesen Befehl über­schreiten, werden wegen Verrats mit den schwersten Strafen bestraft.

Wien, 24. März. Die von den Skodaschen Werken abgelieserten Kanonen sollen angeblich für eine chinesi­sche Firma nach Shanghai bestimmt sein. Es wird beab­sichtigt, diese Angelegenheit zum Gegenstände einer Inter­pellation im Reichsrate zu machen.

Ausland.

Graz, 23. März. Einer Blättermeldung zufolge sandte die Firma Skoda in Pilsen 45 schwere Geschütze samt Munition mittels Eilzuge^ nach Triest. Die Sen­dung ist für die Engländer in Südafrika bestimmt. Der Reichstagsabgeordnete Lemisch forderte den Minister-Prä­sidenten telegraphisch auf, die Sendung zu sistieren. Offi­ziös wird behauptet, daß die Sendung für die österreichische Kriegsmarine bestimmt ist.

Nizza, 23. März. Anläßlich des demnächst erfolgen­den Besuches der russischen Mittelmeerflottc werden in

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Heer und Marine.

Betreffend die Zulassung von Zahl­meistern der Armee zu den Stellen für mittlere Verwaltungsbeamte und Verleihung des Obel' zahlmeistertitels an ältere Zahlmeister veröffent­licht dasArmee-Verord.-Bl." folgenden kaiserliche Erlaß :Ich bestimme, daß fortan die Zahlmeister o Armee bei nachgewiesener Befähigung zum Uebertrut die Stellen für oie mittleren Beamten der Miiitärvttwcu» tung zugelassen werden. Besonders sind ihnen die Sten bei der General-Militärkasse und der Zahlungsstelle o 14. Armeekorps, den Intendanturen (Sekretariat), Gar son-Verwaltungen und Garnison-Lazaretten zu er chuev - Die für den Uebertritt maßgebenden Bedingungen sind vom Kriegsministerium, unter Wahrung der berechtigten x) teressen der Militäranwärter, festzusetzen und Mir z» Genehmigung vorzulegen. Zugleich genehmige JO), W Zahlmeister, bic den obersten drei Gehaltsstufen angehorcn- und sich nach jeder Richtung in ihrer Stellung beway»

Gerichtssaal.

** Strafkammer. Einen vergeblichen Handel ver­suchte gestern der des Diebstahls im Rückfall glatt über­führte, nahezu.70 Jahre alte Ta^elöhnet Michel Schäfer von Friedberg erst mit dem Staatsanwalt und dann mit dem Gerichtshof wegen der Höhe der erkannten Strafe abzuschließen. Er hatte einen halben Zentner Kohlen auf dem Bahnhofe Friedberg gestohlen und mußte dem Gesetz zufolge, wenn man nicht mildernde Umstände zuließ, mit einem Jahre Zuchthaus bestraft werden. Der Staatsanwatt plädierte wegen des geringen Wertes des gestohlenen Gutes für milde Beurteilung des Falles und beantragte, auf die gesetzlich niedrigste Strafe von drei Monaten Gefängnis zu erkennen, welchem Anträge der Gerichtshof auch ent­sprach. Schäfer wandte sich an den Staatsanwalt un­meinte jovial, das sei doch zuviel für einen Diebftaltt, dessen Wert nur 70 Pfg. betrage;lassen Se, Herr Staats­anwalt, doch ebbes ab!" Lächelnd erklärte dieser fein Be­dauern, die Sache nicht billiger machen zu können. Nun ging Schäfer an den Präsidenten des Gerichtshofes und erklärte, er habe ja nicht aus Wollust, sondern aus Not gestohlen, er bäte dringend, ihm doch von der Strafe etwas abzunehmen. Als man seitens der Richter dem Verurteil­ten klar machte, daß er eigentlich mit Zuchthaus halle bestraft werden müssen, wenn das gestohlene Objekt seine» geringen Wertes wegen die Zubilligung mildernder Um­stände nicht zugelassen, erkundigte sich der alte Mann gleit, wo er die Strafe abbüßen könne, und als man ihm mib* teilte, dies könne er in Butzbach machen, schien er zufrieden. An einem erneuten Versuch, einen Handel wegen der Höhe der Strafe zu beginnen, wurde der Verurteilte durch den Gerichtsdiener verhindert, der ihn am Arme nahm und zum Saale hinausführte.

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den Häfen Villefranche und Ajaccio Festlichkeiten zum Empfang derselben vorbereitet.

Brüssel, sämtliche Komitees, welche sich zur Unter­stützung der Buren gebildet haben, organisieren für den Ostermontag ein großes Meeting, in welchem verschie­dene hervorragende Redner sämtlicher politischer Parteien das Wort zu Gunsten des Friedens ergreifen werden. Tas Meeting dürfte ungemein imposant werden, da Delegierte aller Provinzstädte daran teilnehmen werden.

A m st e r d a m , 23. März. Das KriegsschiffSer- dang" hat in Butirika Marinetruppen gelandet. Die Ein­geborenen Patoas erzählten, die O'ffiziere des Kriegs­schiffesG e n e r a l P e l" seien gleich nach ihrer Gefangen­nahme ermordet worden. Elf Mörder wurden an Bord desSerdang" gebracht. Wie derHarlemer Courier" berichtet, seien die Offiziere von den Eingeborenen ver­zehrt worden.

Paris, 23. März. In der heutigen Kammer­sitzung nahm die Regierung einen Gesetzentwurf an, der der Kolonie Madagaskar erlaubt, eine Anleihe von 16 Millionen Francs zum Bau von Eisenbahnen zu machen. Alsdann wurde die Interpellation des Antisemiten Ferette diskutiert. Der Interpellant hielt eine längere Rede, in welcher er versuchte, den Handelsminister Millerand zu kompromittieren wegen seines Verhältnisses zu den beiden französischen Handelskammern in Brüssel. Er stellte fest, daß Meinungsverschiedenheiten zwischen Delcassee und Millerand bestehen, weil der eine-Roland befürworte und der andere Gerard unterstütze. Delcassee ergriff das Wort und erklärte, er habe der Handelskammer, welcher Roland präsidiere, die Unterstützung der französischen Regierung verweigert, weil diese nur eine solche den amtlichen Han­delskammern gewähre. Millerand erklärte, eine Unter­stützung der Regierung sei Roland unter der Bedingung versprochen worden, daß er seine Verleumdungskampagne gegen Gerard einstelle. Roland habe aber keine Unter­stützung erhalten, weil er der Bedingung nicht nachgekom­men sei. Die Interpellation sei also gegenstandslos. Die Mitglieder der französischen Kolonie besäßen im Auslande das Recht, mehrere Handelskammern zu gründen unter der Bedingung, daß sie den Vorschriften der Regierung nach­kommen. Nach längerer Beratung, während welcher meh­rere Abgeordnete den Vorsitzenden der zweiten Brüsseler Handelskammer Roland gegen die Anschuldigungen Fe- rettes verteidigten, zog Ferette die Interpellation zurück. Die Kammer begann alsdann die Beratung der Inter­pellation des Grafen Aulan über die mißbräuchliche Ver­leihung des Ordens der Ehrenlegion seitens Millerands an verschiedene Kaufleute und Industrielle, speziell an den Leiter der Schneiderfirma Paquis! Die Regierung erklärte, nur die einfache Tagesordnung annehmen zu können, welche denn auch mit 271 gegen 226 Stimmen zur Annahme gelangte. Eine weitere Interpellation über die Vorgänge auf Martinique wurde auf Montag vertagt.

Petersburg, 23. März. Offiziöser Mitteilung zu- zufolge stehen Verhandlungen mit dem Vatikan, betreffend die Ernennung eines katholischen Erzbischofs für Pe­tersburg unmittelbar bevor.

Konstantinopel, 23. März. Der russische Bot­schafter telegraphierte den Wortlaut der Konvention, durch welche die Russen das ausschließliche Recht zum Bau von Eisenbahnen im nordöstlichen Klein-Asien erhal­ten, nach Petersburg und ersuchte um die Erlaubnis der Unterzeichnung der Konvention. Die Unterzeichnung soll gestern erfolgt sein..

Deutsches Reich.

Berlin, 23. März. Die Kaiserin hat heute vor­mittag die für die Pariser Weltausstellung im Kaiserlichen Gesundheitsamte vorbereiteten Gegenstände eingehend be­sichtigt.

Am nächsten Sonntagmittag findet im Rathause die von dem Komitee unter Vorsitz Sudermanns vorbe­reitete große Prote st Versammlung gegendieLex Heinze statt.

Die Osterferien des preußischen Abge­ordnetenhauses werden voraussichtlich am 6. April beginnen und, wie im Reichstage, etwa bis zum 24. April währen.

lieber das Schicksal der Expedition v. Besser berichtet dieNordd. Allg. Ztg.": Nach einem Telegramm des Gouverneurs Köhler, derzeitigen Vertreters des Gou­verneurs v. Puttkamer in Kamerun, sind bei der Expedi­tion, welche unter Hauptmann v. Besser zur Bestrafung der Mörder des Leutnants v. Queis und des Forschers Conrau entsandt worden ist, die sämtlichen Offiziere, Haupt­mann v. Besser, die Leutnants Buddeberg und v. Peters­dorfs und der Assistenzarzt Dr. Dittmer verwundet worden. Der letztere ist schwer verwundet und nach Kamerun zurück- aebracht worden, lieber die Einzelheiten der stattgehabten Kämpfe liegen noch keine Mitteilungen vor. In Kamerun selbst ist Regierungsassessor Freiherr v. Gagern am Hitz- fchlag gestorben.

DieBert. Reuest. Nachr." veröffentlichen den Wort­laut des Trinkspruches, welchen der Reichskanz­ler Fürst Hohenlohe bei dem zu Ehren der Akademie der Wissenschaften gegebenen Festmahl gehalten hat. Dar­nach sagte der Fürst u. a., er sei alt geworden in dem Glauben an den Fortschritt der Menschheit, an den auf­steigenden Fortschritt. Nun gestehe er, daß sein Glaube in den letzten Jahren etwas erschüttert worden sei. Der natur­notwendige Kampf ums Dasein habe in neuerer Zeit eine Richtung, eine Form angenommen, die an Vorgänge in der Tierwelt erinnere, und die einen Fortschritt in ab­steigender Linie befürchten lasse. Da sei es denn wohl- thuend, zahlreiche hervorragende Vertreter der Wissenschaft hier versammelt zu sehen und daraus die tröstende lieber» zeugung zu schöpfen, daß noch genügend geistige Kraft und Macht vorhanden sei, um die drohende Flut der materiellen Interessen auf ihr richtiges Maß zurückzudämmen.

Im Laufe dieser Woche weilten zwei bayerische und zwei württembergische höhere Postbeamte in Berlin, um tvegen Einführung des Postcheckverkehrs in Bayern und Würt temberg auf gleicher Grundlage wie im Neichspostgebiet zu verhandeln.

Aus Reuß altere Linie Die Mitteilung des ortho­doxen MissionsblattesWächter unterm Kreuz", Fürst HeinrichXXII. beabsichtige, abzud anke n und sein Land der Krone Preußen zu überlassen, ist, wie man demBerl. Tgbl." aus Greiz schreibt, zwar in der aus­wärtigen Presse als Aprilscherz charakterisiert, wird aber dort viel besprochen, da man weiß, daß das genannte Preß­organ mit gewissen Greizer Kreisen engste Fühlung hat. Bei der hohen Auffassung, die der Fürst von seinen Regenten­pflichten hat, glaubt hier niemand, daß er denselben ohne die unbedingteste Notwendigkeit entsagen würde. Man meint nun hier vielfach, daß der Fürst diese Notwendigkeit in einer Reihe fast hochtragisch zu nennender Umstände finden könnte, die sich an seine Person und an das Fürsten­haus gekettet haben, und die nicht zum mindesten darin gipfeln, daß die stark zunehmende Schwerhörigkeit des Fürsten naturgemäß immer mehr zu dessen geistiger Ver­einsamung beiträgt, und daß der Thronerbe, der letzte männliche Sproß des Hauses, von Körper ein kräftiger, blühender Jüngling, infolge einer in frühester Jugend durchgemachten Krankheit der Sprache nahezu beraubt ist und in völliger geistiger Umnachtung lebt. Sollte ein Rück­tritt von der Regierung hiernach vielleicht doch in Frage kommen, so ist man hier im Land überzeugt, daß eine Ber­einigung mit Reuß jüngerer Linie unter allen Umständen das Letzte wäre, was uns passieren könnte, vorausgesetzt, daß nicht etwa die Hausgesetzgebung für den Fall des Er­löschens der einen oder der anderen Linie eine solche Ver­einigung direkt vorschreibt. Was die übrigen, den Haupt­teil des Fürstentums umschließenden Staaten anlangt, so sind die persönlichen Beziehungen der beiden Häuser Reuß ältere Linie und Sachsen-Weimar seit etwa zwanzig Jahren auf ein Minimum herabgesunken. Auch zum Hof in Dresden ' find seit dem Ableben des Königs Johann die Beziehungen nicht mehr die alten. Aus allen diesen Thatsachen will man in unserem Ländchen folgern, daß für den Fall der Uebereignung au eine andere Krone nur Preußen in Be­tracht kommen könnte, dessen Kreis Ziegenrück mit der an ihn angrenzenden Enklave-Burgk, dem Sommersitz und Lieb­lingsaufenthalt des Fürsten, in den freundnachbarlichsten Beziehungen steht.

fr ** Militärdienst Nachrichten. (Aus dem Militär-Wochen­blatt.) Charles de Beaulien, Oberst, beauftr. mit der Führung der 25. Feldart.-Brig. (Großh. Hesi.), zum Kom­mandeur dieser Brig. ernannt. v. Hartmann, Obcrstlt, beauftr. mit der Führung des 1. Großh. Inf. (Leibgarde) RegtS. No. 115, unter Ernennung zum Kommandeur des­selben, zum Obersten befördert. v. Dewall, Oberstit. u. Kommandeur des Großh. Hess. Train-Bats. No. 25, tin Patent s. Dienstgrades erhalten. v. Lepel, Haupte, und Komp.-Thef im 1. Großh. Hess. Inf. (Leibgarde-) Regt No^ 115, als Adjutant zur 3. Div. kommandiert. Frhr.. v. Ungern-Sternberg, Hauptm. und Komp.-Chef im Jnf.-Regt No. 167, in das 1. Großh. Hess. Inf. (Leib­garde-) Regt. No. 115 versetzt. Flies, Hauptm. ä la suite des Jnf.-RegtS. Kaiser Wilhelm (2. Großh. Hefs.) No. 116, zum Mitglied beim Bekleidungsamt des Ul. Armeekorps ernannt. T hüMimel, Oberlt. im 3. ®ro$. Hess. Jnf.-Regt. (Leib. - Regt.) No. 117, zum überzähl. Hauptm. befördert. Schotte, Lt. in dems. Regt., als Erzieher zur Haupt-Kadettenanstalt kommandiert. Bauer v. Bauern, Lt. im 1. Großh. Hess. Inf. (Leibgarde-) Regt. No. 115, bei der Gewehrfabrik Erfurt zur dauerndes Dien st lei st ung kommandiert. Peppler, Bizewachtm. im Landw.-Bezirk Gießen, zum Lt. der Res. des Westfäl. Drag.-Regts. Ro. 7. Frhr. v. Wangenheim, Vize- wachtm. im Landw.-Bezirk II Darmstadt, Schmitz, Vize Wachtmeister im Landwehr-Bezirk Wiesbaden, zu LtS. der Reserve des 2. Großh. Hess. Feldari. Regts. No. 61, Koerner, Vizewachtm. im Landw.-Bezirk IV Berlin, zu» Lt. der Res. des 1. Großh. Hess. Drag.-Regts. (Garde- Drag.-Regts.) No. 23, Diehl, Vizefeldwebel im Landw.- Bezirk Frankfurt a. M., zum Lt. der Res. des 4. Großh. Hess. Jnf.-RegtS. (Prinz Karl) No. 118 befördert. Lange, Lt. im 3. Großh. Hess. Jnf.-Regts. (Leib-Regt.) No. 117, zu den Res.-Offizieren dieses Regt, übergetreten. Zahn, Major z. D., mit Pension und der Uniform des 2. Großh. Hess. Drag.-RegtS. (Leib-Drag.-RegtS) No. 24, Kettenbach, Lt. der Res. des 3. Groß. Hess. Jnf.-Regts. (Leib-Regts.) No. 117 (Mainz), v. Hahn, Oberlt. d. Inf. 2. Aufgeb. des Landw.-Bezirks I Darmstadt, Cellarius, Hauptm. der Inf. 2. Aufgeb. des Landw.-Bezirks II Darm stadt, diesem mit der Erlaubnis zum Tragen seiner seit­herigen Uniform, Joseph, Hauptm. d. Fußart. 1. Aufgeb. des Landw.-Bezirks Gießen, diesem mit der Erlaubnis zum Tragen der Landw.-Armee-Uniform der Abschied bewilligt. Dr. Richler, Stabs- und Bats Arzt beim Jnf.-Regt. Kaiser Wilhelm (2. Großh. Hess.) No. 116, zum Ober­stabsarzt 2. Kl. und Regts.-Arzt bei dem Magdeburg. Huf. Regt. No. 10, Dr. Schön (Gießen), PeterS, Dr. Heyer (I. Darmstadt), Unterärzte der Res., zu Afsist.-Aerzten befördert. Bet der Kadetten-Verteilung 1900 wurden die Kadetten Riedesel Frhr. zu Eisenbach u. Altenburg dem Großh. Hessi Feldart.-Regt. Nr. 25, Graf zu Sayn- Wittgenstein-Berleburg dem 1. Großh. Hess. Inf. (Leibgarde-)Regt. Nr. 115 als charakter. Fähnriche, der Portepeeunteroffizier Geppert dem 2. Großh. Hefs. Feld- art.-Regt. Nr. 61 als Leutnant zugeteilt.

Lokales und Krovimietles.

** Stadttheater.Die Regimentstochter", Vaudeville, nach der gleichnamigen Oper Donizettis bear­beitet von Blum. War die große Beliebtheit der Benefizi- antin, Frl. Marie Eichenwald, oder das Stück selbst die Ursache, daß das Theater gestern abend so gefüllt war? Wir glauben, beides wirkte zusammen-. Frl. Eichenwald hat uns so manchen Abend dieses Winters durch ihr stets ansprechendes Spiel und durch ihren Gesang erfreut, daß es selbstverständlich für jeden nicht dringend verhinderten Theaterbesucher war, an ihrem Ehrenabend nicht zu fehlen. Und dann, wie viele in Gießen werden die Regimentstochter noch nicht gekannt haben! Sie nahmen deshalb gern vor­lieb mit der Vaudeville-Bearbeitung der Oper. Aber auch die Kenner der Donizetti'schen Oper werden^ihre Freude gehabt haben an den schönen Liedern, welche aus der Oper mit herübergenommen sind. Frl. Eichenwald besitzt die wesentlichen, für die schauspielerische Darstellung der Regimentstochter notwendigen Eigenschaften, und ihre zwar nicht große, aber wohlgeschulte und sympathische Stimme überwand glücklich alle gesanglichen Schwierig­keiten der Partie, sooaß der starke Beifall, der ihr zu teil wurde, und die überaus zahlreichen Blumenspenden wir zählten mindestens ein Dutzend wohl verdient waren. Die große Rolle des Sergeant Trouillon hatte in Herrn Direktor Helm einen sehr guten Vertreter, und in der des Haushofmeisters Philippe schuf Herr W i l h e l m i eine so ergötzliche Figur, daß ihm der Beifall auf offener Szene nicht ausblieb. Ausgezeichnet, wie wir das von ihm nicht anders gewöhnt sind, war auch Herr Henry als Antoin. Die übrigen Rollen sind klein; nur die der Marchesa ragt noch etwas hervor, xind diese hätten wir freilich lieber in anderen Händen, als in denen von Fräulein Rux ge­sehen. Die Dame bringt für die Rolle so gar keine Be­gabung mit, ihr Spiel war unnatürlich kalt, und ihr Lachen an verschiedenen Stellen sehr wenig am Platze. Der Schauspieler soll sich doch zu beherrschen verstehen, auch wenn es ihm einmal schwer wird, ernst zu bleiben. Die Direktion batte für eine gute Ausstattung Sorge ge­tragen, doch fehlten, wie man erzählte, im letzten Augen­blick die Soldaten für die schönen, neu beschafften Uni­formen, sodaß unter den Theaterbediensteten noch eine große Aushebung vorgenommen werden mußte. Die deutsch-französischn Beziehungen müssen doch noch nicht die allerbesten sein, wenn das 116. deutsche Regiment dem 2. französischen die leihweise Hergabe einiger Soldaten ver­weigert. Auch in der letzten Vorstellung des Theatervereins wurde das Fehlen der sonst die Garderobe bedienenden Soldaten viel erörtert. Schade übrigens, daß die letzte Volksvorstellung schon gegeben ist! Die Regimentstochter wäre cit> ausgezeichnetes Stück für eine solche. Vielleicht entschließt sich die Direktion aber, noch eine allerletzte zu veranstalten?

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