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25.1.1900 Erstes Blatt
 
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Nr. 20 Erstes Blatt Donnerstag den 25. Januar

Gießener Anzeiger

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Amtlicher Teil.

Bekanntmachung,

betreffend: Maul- und Klauenseuche.

In Stockhausen ist in einem Gehöfte die Maul- und Klauenseuche ausgebrochen und Gehöftsperre angeordnet worden.

Gießen, den 24. Januar 1900.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

v. Bechtold.

Bekanntmachung,

betreffend Maul- und Klauenseuche.

In Alten-Buseck ist die Maul- und Klauenseuche er­loschen und Aufhebung der Sperrmaßregeln angeordnet worden.

Gießen, den 24. Januar 1900.

Großh. Kreisamt Gießen.

v. Bechtold.

* Der Dreibund im Zerfall?

G i e ß e n, 24. Januar.

Die vergangene Woche war durchaus dem Charakter des neuesten Kurses entsprechend: eine Woche der Reden. So war es vom ersten bis zum letzten Tage, von der Etats­debatte im preußischen Abgeordnetenhause bis zu der In­terpellation über die Beschlagnahme unserer Schiffe durch England im Reichstage. Dazu kommen dann noch die De­batten in den österreichisch-ungarischen Delegationen. Da wir auf große Thaten als bescheiden gewordene Leute ver­zichten müssen, wollen wir wenigstens sehen, was aus den Reden für unser Volk und Land herausspringt.

Die bedeutsamsten Verhandlungen waren unstreitig die in Wien über den Dreibund, und die in Berlin über unsere Beziehungen zu England; dort; Goluchowski>und)die Gegner des Dreibundes, hier Bülow und die Freunde einer Be­sprechung der Interpellation. Es ist nichts neues, daß bei der Eröffnung der Delegationen Oesterreichs und Un­garns der gemeinsame Minister des Aeußeren die guten Beziehungen betont, die zwischen den Mächten des D r e i - b un des herrschen. Auch das ist nicht neu, daß Gegner dieses Bündnisses ihre Stimme erheben. Von den Czechen sind wir das seit Jahren gewohnt; alles Reichsdeutsche wirkt auf sie wie eilt" rotes Tuch auf den Truthahn empfinden sie es doch, daß aus dem Reiche, dieser staatlichen Verkörperung des deutsch-nationalen Gedankens, ihre deutschen Gegner in Böhmen und in ganz Cisleithanien ihre ideelle Kraft schöpfen. Eben deshalb ist ihnen das Bundesverhältnis Oesterreichs zu Deutschland ein Dorn im Auge, und sie haben ihrer Abneigung dagegen auch früher schon unverhohlen Ausdruck verliehen. Aber es geschah doch nicht in so gehässiger Form wie dieses.Mal. Wenn der Czeche Kaftan meinte, Oesterreich wäre nur dazu da, um Deutschland bei der Ausführung seiner kolonialen Ausdehnungspläne den Rücken zu decken, so ist der Ausfall zu ungeschickt, um ernst genommen werden zu können. Wenn dann jedoch der Jungczechc Kramarcz Oesterreich nur für ein Anhängsel des deutschen Reiches erklärte, wenn er der Regierung den Rat gab, sich lieber Rußland m die Arme zu werfen, und gemeinsam mit diesem den deutschen Er­oberungsplänen in Kleinasien entgegenzutreten, so spricht daraus offene Feindschaft. Diese ist aber auch noch nicht das bemerkenswerteste Moment aus der Behandlung des Dreibundes. Neu waren die diesmaligen Angriffe unga­garischer Delegierter auf den Dreibund. Der Delegierte U g r o n war es, der hier als Chorführer auftrat; er erhob besonders darüber Klage, daß durch das enge Verhältnis zu Deutschland der österreichisch-ungarischen Monarchie zu schwere Militärlasten aufgeoürdet werden, schwerer jeden­falls, als sie ohne das Bundcsverhältnis seirk würden. Eine Anlehnung an den französisch-russischen Zweibund das ließ er deutlich durchblicken erschien ihm weit er­träglicher, billiger und bequemer. Und wenn der Befür­worter dieses Gedankens offiziös jetzt auch noch so sehr herabgesetzt wird, so darf man sich doch nicht darüber täuschen, daß derartige Sympathien mit Frankreich in Ungarn in breiten Schichten der Bevölkerung fruchtbaren Boden haben. , , .

x Das giebt zu denken; es zeigt uns wieder einmal, daß der Dreibund kein auf die Ewigkeit berechnetes Ver­hältnis darstellt, daß die Zeit, in der er einer stillen A u f - lösung anheimfällt, merklich immer näher ruckt. Auch sein großer Schöpfer hat ihn ja keineswegs für eine In­stitution von allzu großer Dauer gehalten. Er spricht es in seinenGedanken und Erinnerungen" offen aus: ^zn Ungarn, in Polen sind französische Sympathien auch heute lebendig, und im Klerus der habsburgischen Gesamt- monarchie würde eine katholisch-monarchische Restanratton I in Frankreich die früheren Beziehungen wieder beleben I

können.Die Bürgschaft, die diesen Möglichkeiten gegen­über in der Person des heutigen Kaisers von Oesterreich und Königs von Ungarn liegt, steht auf zwei Augen, eine voraussehende Politik soll aber alle Eventualitäten im Auge behalten, die im Reiche der Möglichkeit liegen . . . Wir müssen und können der österreichisch-ungarischen Mo­narchie das Bündnis ehrlich halten; es entspricht unseren Interessen, den historischen Traditionen Deutschlands, und der öffentlichen Meinung unseres Volkes . . . Wir dürfen Oesterreich nicht verlassen; aber auch die Möglichkeit, daß wir von der Wiener Politik freiwillig oder unfreiwillig verlassen werden, nicht aus den Augen verlieren".

Liegt aber diese Möglichkeit, daß die Wiener Politik von der öffentlichen 'Meinung Fürst Bismarck legte Wert auf diesen Faktor! gezwungen wird, unsunfrei- nüllig" zu verlassen, so sehr fern? Nach der vorher ge­schilderten Richtung starker Strömungen in Oesterreich und Ungarn durchaus nicht. Das lehren uns die Delegations­debatten in Wien. Da aber erklärt Bismarck in demselben Zusammenhänge wie vorher:Die Möglichkeiten, die uns in solchen Fällen offen bleiben, muß die Leitung der deutschen Politik, wenn sie ihre Pflicht thun will, sich klar machen und gegenwärtig halten, bevor sie eintreten, und sie dürfen nicht von Vorliebe oder Verstimmung abhängen, sondern nur von objektiver Erwägung nati­onaler Interesse n".

Wenn sich nun aber auch der Dreibund nicht als durch­aus zuverlässige Stütze und Einrichtung erweist wo soll Deutschland Anlehnung suchen? Viele meinen an Frankreich; Und gerade jetzt nach der fast herzlichen Verabschiedung des französischen Militürattachees durch den Kaiser tauchen wieder alle möglichen Illusionen von einer deutsch-französischen Annäherung auf. Und doch ist es durchaus verfehlt, der öffentlichen Meinung bei uns ein­reden zu wollen, daß wir in einer irgendwie schwierigen politischen Frage aus eine wirklich sichere Haltung Frank­reichs zählen könnten. Das war auch die Ueberzeugung des Fürsten Bismarck. Er hat diese noch in den letzten Jahren seines Lebens wiederholt dahin ausgesprochen, daß ein deutsch-englischer Konflikt Frankreich nie an der Seite Deutschlands, sondern stets an Englands Seite finden würde. Wie die Stimmung in Frankreich heute wirklich noch ist, das zeigte uns ja erst vor wenigen Tagen der Gaulois", als das Gerücht auftauchte, der deutsche Kaiser- Würde zum Besuche der Welt-Ausstellung nach Paris kommen.

Also wohin? Unser natürlicher Bundesgenosse ist und bleibt allein Rußland; deshalb legte der sterbende Kaiser Wilhelm dem Enkel, der jetzt den Kaiserthron inne hat, als Vermächtnis den dringenden Rat ans .Herz, gute Beziehungen.mit Rußland zu pflegen. Die jetzige auswärtige Politik Deutschlands läßt aberauf­richtig gute und freundliche Beziehungen" zu Rußland nicht zu. Wenn wir dies auch noch so oft betont haben, so kann es doch nicht oft genug wiederholt werden: entweder mit England, wie leider jetzt oder mit Rußland, wie hoffent­lich recht bald. Ein Drittes giebt es nur dann, wenn wir uns zwischen zwei Stühle^ setzen wollen.___

Deutscher Reichstag.

183. Sitzung vom 23. Januar. 1 Uhr.

Tages-Ordnung: Fortsetzung der ersten Beratung der Vorlage betr. Abänderung der Unfallversicherungs-Gesetze.

Abg. Fischbeck (frs. Vp.) erklärt, im allgemeinen nähmen seine Freunde zu den vorliegenden Entwürfen eine freundliche Stellung ein. Im einzelnen allerdings wichen sie von .Herrn Trimborn und .Herrn Roesicke etwas ab, namentlich insoweit dieselben auch hier den örtlichen Unterbau verlangten, bezw. die Benutzung der lokalen Ren- tenstelleu der Invalidenversicherung. Seine Freunde pflich­teten dem Herrn Staatssekretär darin durchaus bei, daß dies unterbleibe. Redner geht hierauf die Entwürfe im einzelnen durch, und bekämpft schließlich das Verlangen des Abg. Stadthagen nach Festsetzung der Normalrente in höhe einer Vollrente, d. h. des vollen Arbeitsverdienstes. Was die vom Abg. Stadthagen behauptete mangelhafte Unfall- verhütungsthätigkeit der Berufs-Genossenschaften an­lange, so stehe fest, daß gerade die Unfallverhütungs-Ein­richtungen bei den Arbeitern vielfach ganz unpopulär seien und sogar nicht selten von ihnen entfernt würden. Er bitte um wohlwollende Beratung in der Kommission.

Abg. Paasche (nl.) beleuchtet die Art, wie alles, was für die Arbeiter geschehe, vom Abg. Stadthagen nur als Almosen hingestellt werde. Glaube die Sozialdemokratie wirklich, daß hier nicht einmal das gewährt werde, was das Bürgerliche Gesetzbuch biete, nun, weshalb nehme man denn da solche Gesetze, wie das Jnvalidengesetz, an? (Ruf: Das wenige Gute!) Namens der Nationalliberalen erkennt Redner sodann an, daß die vorliegenden Entwürfe wesent­liche Fortschritte brächten. Zu wünschen sei, daß auch die kleinen Unternehmer, deren Arbeiter jetzt versicherungs­pflichtig gemacht werden sollten, ebenfalls demselben Zwange unterworfen würden. Wenn irgend angängig,

solle der Begriff der Erwerbsfähigkeit bezw. Unfähigkeit im Gesetz definiert werden, denn das Gesetz solle ja nie­mandem Vorteile zuwenden, sondern nur Schaden ersetzen.

Abg. Eckart (südd. Vp.) verteidigt die Berufs-Ge­nossenschaften gegen den vom Abg. Stadthagen erhobenen Vorwurf der Knauserei. Für notwendig hält Redner eine Verdoppelung der vorgeschlagenen Berufungsfrist.

Abg. Dörksen (RP.) erblickt in der Vorlage einen großen Fortschritt, wünscht aber in der landwirtschaft­lichen Versicherung einen anderen Maßstab für die Beiträge.

Abg. Molken buhr (Soz.) wendet sich gegen die Ausführungen des Abg. Fischbeck, wobei er u. a. bemerkt, daß die Fälle, in denen ein Arbeiter, der eine Unfallrente bezieht, gleichwohl noch denselben Lohn bezieht, wie vor dem Unfall, sehr selten seien. Daß die Unternehmer durch das gesamte Versicherungswesen übermäßig belastet würden, werde schon allein biird) die seit Jahren unablässig gestiegenen Dividenden der Aktiengesellschaften hinreichend widerlegt. Die Unfallrente bleibe thatsächlich nicht nur um ein Drittel, sondern wegen der Art der Feststellung des Jahresarbeitsverdienstes um zwei Drittel hinter dem wirk­lichen Arbeitsverdienst zurück. Man solle deshalb doch endlich einmal aufhören, von 66 zweidrittel Prozent Rente zu reden. Und wann gewähre denn die Berufsgenossen­schaft die sogen, volle Rente?

Abg. Höffel (Rp.) schildert den Einfluß der Trunk­sucht auf die Unfallgefahr.

Staatssekretär Graf Posadowsky bemerkt gegen­über dem Abg. Molkenbuhr, was die Löhne der landwirt­schaftlichen Arbeiter betreffe, so müsse doch erst der Beweis erbracht werden, daß in irgend welchen Fällen die Fest­setzung des Lohnes zu niedrig gewesen sei. Herr Molken­buhr müsse sich in solchen Fällen an die Behörde wenden, um Remedur zu schaffen.

Die Debatte wird geschlossen, und die Vorlagen gehen an eine besondere Kommission. Alsdann setzt das .Haus die in voriger Woche begonnene Beratung des Etats des Reichs-Justizamts fort.

Mg. P a ch n i ck e (frs.Vg.) kommt zurück aus die lieber» tragung obrigkeitlicher Befugnisse, speziell in Vormund­schaftssachen, in Mecklenburg, auf die Gutsherren. Meck­lenburg sei eben in staatsrechtlicher Hinsicht in der Ent­wickelung zurückgeblieben, was auch der Wortlaut der Pro­klamation des gegenwärtigen Herzogregenten bei seinem Antritt beweise. In der Proklamation sei die Rede von Gehorsam von Dienern gegen seine Person, statt von Staatsbürgern gegen das Gesetz. Wenn das Reich nicht entschreite, sei an eine Aenderung der Zustände in Meck­lenburg in absehbarer Zeit nicht zu denken. Er, Redner, bitte, wenn er wieder mit seinem bekannten Anträge komme, demselben zuzustimmen.

Abg. Kirsch (Zentr.) erklärt, feine Freunde seien bis­her nicht geneigt gewesen, in das Verfassungsleben der Einzelstaaten einzugreifen. Aber alles habe seine Grenzen, und er glaube, daß diese Grenze in Mecklenburg nun erreicht sei, und daß seine Freunde bereit sein würden, gegebenensalls ihre Stellungnahme einer Revision zu unterziehen.

Abg. Schmidt-Warburg (Zentr.) kommt aus den Spruch des Landgerichts Berlin in Sachen desVorwärts" zurück. Tie Kritik, daß das Landgericht Berlin zu Unrecht denVorwärts" zum Beweis zugelassen habe, sei durchaus unzutreffend.

Abg. Rettich (kons.) wendet sich gegen den Abg. Pachnicke.

Nach einer kurzen Bemerkung des Abg. Sattler (nl.) wird der Etat des Justizamts bewilligt. Morgen 1 Uhr Etat des Reichsschatzamts, Etat des Rechnungshofes und Anträge zum Berggesetz. Schluß 5 Uhr 30 Min.

* Vom Kriegsschauplatz.

Der Mund des amtlichen Telegraphen, der seit der Ankunft der englischen Streitkräfte an den Tugeladristen uugewöhnlich beredt geworden war, ist auf einmal wieder verstummt.

Buller schweigt, das ist das Einzige, was man seit Sonntag weiß. Es ist auch etwas; denn eS scheint zu zeigen, daß der General besonders Erfreuliches nicht zu melden hat. Wir können lediglich die folgende Mitteilung wiederholen:

London, 22. Januar, lieber die Operationen de» Generals Buller ist bis heute abend kein Telegramm vom Krtegsamt veröffentlicht worden. General Buller tele­graphierte, daß in dem gestrigen Gefecht 1 Offizier und 5 Mann getötet und 3 Offiziere und 75 Mann verwundet worden seien; acht werden vermißt.

Die Verlustliste weist nunmehr 390 Mann an Toten, Verwundeten und Vermißten auf, eine stattliche Zahl, die wir demnächst successive erheblich steigen sehen werden.

lieber die Kämpfe am Montag muß man Privatmeldungen zu Rate ziehen. So wird berichtet: