W& 249 Zweites Blatt. Mittwoch den 24 Oktober 15V. Jahrgang LV GW
Gießener Anzeiger
Henerat-An^eiger
Erscheint täglich mit Ausnahme deS
Montags.
Die Gießener N««tlleirvkLtter werden dem Anzeiger im Wechsel mit „£>cff.
1 Landwirt" u. „Blätter Mr beff. Volkskunde" wüchtl. 4 mal beigelegt.
Alle Anzeigen.Bermittlungsstellen deS In« und Auslandes nehmen Anzeigen für den Gießener Anzeiger entgegen. Zeilenpreis: lokal 12 Pfg., auswärts 20 Pfg.
Nezugspreis vierteljährl. Mk. 2,20 monatlich 75 Pfg. mit Bringerlohn; durch die Abholestellen vierteljährl. Mk. 1,90 monatlich 65 Pfg.
Bei Postbezug Mk. 2,40 vierteljährl. mit Bestellgeld.
>Kanahme von Anzeigen zu der nachmittags für den folgenden Lag erscheinenden Nummer blS vorm. 10 Uhr. Abbestellungen spätestens abends vorher.
Amts- und Anzrigeblatt für den Ureis Gieren.
Redaktion, Expedition und Druckerei:
Schulstraße Ar. 7.
Gratisbeilagen: Gießener Familicnblätter, Der hessische Kandwirt, Klätter für hefjische UalKsKunde.
nilllini I ■ II■ II11 III ■■■■! I ■■■■■■■■HMMBnMaM
—'-- ■ ' ■ ■1 J
Adresse für Depeschen: Anzeiger Kietzen.
Fernsprecher Nr. 51.
Amtlicher Heil.
Bekanntmachung.
Bor Beginn des Unterrichts an den landwirtschaft- ttcheu Wirrterschuleu mache ich nochmals daraus aufmerksam, daß der landtv. Bezirksverein denjenigen Landwirten aus dem Kreise, die die beiden Kurse einer landwirtschaftlichen Schule durchgemacht haben, zur Anerkennung und Erinnerung ein oder mehrere gute landwirtschaftliche Bücher im Werte von etwa 20 Mk. mit eingeschriebener Widmung des Vereinsdirektors überreichen läßt. Auch kann im einzelnen Falle, soweit die Mittel reichen, eine kleinere Beihilfe zum Besuch der Schule gegeben werden.
Gießen, den 23. Oktober 1900.
Der Direktor des landw. Bezirksvereins.
I. A.: Boeckmann.
Allerhand Mosaik zum Kanzlerwechsel.
Fast scheint es, als ob den Zwischenträgern und politischen Lakaien des Hintertreppendienstes noch ein Vergnügen bereitet werden sollte: der Telegraph im Dienste der Privat-Journalistik weiß nämlich von drohenden Krisen $uJ?-e^en' deren Ausgang mit einem Auszug des Herrn v. Miquel aus dem „Kastanienwäldchen" enden soll. Dieser Auszug wurde schon oft prophezeit, ohne sich zu erfüllen. Herr Dr. Leon Leipziger im „Kl. Journ." hat bereits vor Monaten in seinem „Brennt China nieder"-Stil dem Finanzminister die gar nicht so übermäßig bequeme Wohnung am Kastanienwäldchen gekündigt, allein Herr v. Miquel wohnt heute noch dort. Wenn sich nun die Laufjungen des hauptstädtischen Journalismus jetzt ein ahn- lra>es Vergnügen machen, so wird man ihre Thätigkeit nicht allzu tragisch nehmen dürfen. Es ist ja richtig, daß es eine Zeitlang den Anschein hatte, als bereiteten sich „kommende Dinge" vor, da in der freikonservativen „Post" die utltra-freisinnige Forderung gestellt wurde, die Minister möchten dem Kaiser sämtlich ihre Portefeuilles zur Verfügung stellen, um so eine Art Kraftprobe darüber herbeizuführen, ob in der inneren Politik fortgesetzt nach Miquel-Posadowsky'schem Rezept regiert werde, oder ob der „wirtschaftspolitische Liberalismus" in einigen von der hauptstädtischen Presse vorgesehenen Herren aur Herrschaft kommen sollte. Besagte Presse ist offenbar der Meinung, da Herr v. Bülow in den innerpolitischen Fragen nicht besonders „versiert" erscheint, müsse er zur Fahne des Freihandels schwören.....
Nun, die Minister sind auf die freundlichen Vorschläge der „Post" nicht eingegangen, und Herr v. Miquel ist bis jetzt noch im Amt. Ein Privat-Telegramm der „Rh. Wests. Ztg." weiß zu melden, Herr v. Miquel bliebe zwar, aber Graf v. Posadowsky gehe und ebenso Sperr v. Tirpitz. Das siyd natürlich unbestätigte Nachrichten. Wenn Miquel bleibt, kann sich auch £>err v. Posadowsky mit der Lage abfinden. Gewiß gehört auch Posadowsky zu den Leuten — so gut wie Miquel — die ein „inneres" Anrecht auf den Kanzlerposten hatten; er ist ein ganz hervorragend tüchtiger Staatsmann, gewandt in den Geschäften, schneidiger Redner und von einem Temperament, in dem die Energie den Grundtou bildet. Aber es kann doch schließlich nur einer Kanzler werden und da hat sich der Kaiser den Mann ausgesucht, der ihm angesichts der zurzeit maßgebenden Accente der auswärtigen! Politik als der passendste erschien. Darum hat die Ernennung von Bülows zum Reichskanzler weder eine Spitze ?och gegen Posadowsky. Staatsmänner sind schließlich doch keine kleinen Kinder, die mit verzogenen Mäulchen die „gekränkte Leberwurst" spielen, wenn etwas nicht nach ihrem Willen geht.
Recht kindisch hat sich bei dem letzten staatspolitischen Ereignis wieder ein anderer Teil der Presse in Berlin benommen. Wenn man die betreffenden Organe im allgemeinen journalistisch auch nicht ernsthaft nimmt, so brauchen sie es 'doch nicht mit Gewalt daraus anzulegen, den Rekord politischer Oberflächlichkeit zu erreichen. Weil Graf von Bülow nicht der Vertrauensmann der Prohibi- tivisten und Kanalgegner ist, inszenierte man auf geduldigem Zeitungspapier einen innerpolitischen Frontwechsel, dem der viel gehaßte Herr v. Miquel zum Opfer fallen sollte, damit das enfauf cheri des Berliner Tiergartenviertels, Herr Dr. v. Siemens, das Haus am Kastanienwäldchen mit dem Glanze seiner Finanzwirtschaft erleuchten könne. Auf solche Weise macht man doch keine „hohe Politik"; dies Gebahren erinnert nur zu sehr an die „bewährte Praxis" der Ramsch- und Ausverkaufs-Geschäfte, die ihre „Ladenhüter" gern zu jedem Preis anbringen wollen. Sogar die „Franks. Ztg." macht sich über das Gebahren jener hauptstädtischen Presse lustig, die es in der Behandlung der Sache an Ernst und Vorsicht fehlen lasse.
Es ist ja leicht erklärlich, daß sich die verschiedensten Kombinationen an ein so bedeutsames Ereignis wie der Kanzlerwechfel, knüpfen und daß die Interessenten in den wirtschaftlichen Lagern sich beeilen, ihre allbekannten Forderungen mit dem gehörigen Nachdruck zu präsentieren. Es zeugt aber wirklich von wenig politischem Geschick und Geschmack, für eine solche Präsentation die Form marktschreierischer Aufdringlichkeit zu wählen.
Welche Stellung Herr v. Bülow in der inneren' Reichspolitik einnimt, wird sich bald zeigen. Da Herr v. Miquel bleibt, ist die Aussicht auf Verwicklungen und rollenwidrige Seitensprünge nicht vorhanden. Sollte, wie das Essener Blatt meldete, Herr v. Posadowsky wirklich seine Entlassung eingereicht haben, so kann dies nur dazu beitragen, seine Stellung zu befestigen, denn der Kaiser wird einen Mann, der sich so hervorragend tüchtig bewährt und gerade die Politik der Ausgleichung wirtschaftlicher Interessen so erfolgreich vertreten hat, nicht ziehen lassen. Gegenüber den Quertreibereien der Berliner Presse und Konjekturalpolitikern wag Herr v. Posadowsky ruhig sein Saatburg-Diktum bekennen: Semper sum is qui; macht er damit auch den Philologen Bauchgrimmen, so verstehen ihn doch die Politiker. . .
Der Krieg in China.
In China steigt ein Papierdrache nach dem andern auf, und es giebt thatsächlich nur noch wenig Leute, die Vergnügen daran finden, dieses Spiel mit diesen papierenen Edikten zu verfolgen. Ter Inhalt der kaiserlichen Erlasse, die teilweise sofort nach ihrer Veröffentlichung schon als unecht oder gefälscht erklärt werden, ist völlig gleichgiltig. Während nun aber schon Anfang September fortwährend versichert wurde, der Sohn des Himmels befinde sich längst mit den übrigen 6000 Prinzen der Mandschudynastie in Singanfu, wird uns jetzt fast tagtäglich über London dieselbe Meldung übermittelt, der Kaiserliche Hof werde demnächst in Singanfu eintreffen. Ob die Tendenz, den Aufenthaltsort der chinesischen Regierung zu verheimlichen, mehr in London oder in Shanghai — dort natürlich von verlogenen Vizekönigen und Mandarinen unterstützt — besteht, läßt sich nicht entscheiden. Jedenfalls muß es aber merkwürdig erscheinen, daß der Gefangene aus- dem Kaiserpalaste, während er auf den Schultern geduldiger Kulis die Flucht aus der Öffentlichkeit unternimmt, doch noch Zeit findet, in seiner Sänfte täglich ein Dutzend Erlasse, Telegramme und Briefe zu verfertigen, deren Inhalt und Bedeutimg allerdings. in umgekehrtem Verhältnis zu der geistlosen Produktivität ihres Verfassers steht. Auch über die sagen- umsvonnene Expedition der vereinigten Truppen nach Pao- tingsu ist ein mystisches Dunkel gebreitet. Heute wird berichtet, sie sei erfolgreich beendet, morgen wird sie angeblich erst begonnen. Dieser Nachrichtenwirrwarr und das absolute Fehlen zuverlässiger Meldungen von amtlicher deutscher oder fremder Seite ist allerdings eine bedauerliche und sehr befremdliche Begleiterscheinung des ostasiatischen Krieges. Als die strenge Zensur des Londoner Kriegsamtes keine Depeschen über die Kämpfe ist Südafrika durchließ, und unter dem Eindruck der Nachrichten von der anderen Seite allmählich ein „unbedeutendes Gefecht" wie ein in den Ofen geschobener Kuchen aufging zu einer recht empfindlichen Niederlage des englischen Söldnerheeres, bis endlich auch von London aus mit dem üblichen Bedauern gemeldet wurde, daß die Khakihelden der Queen vor wenigen Hundert Buren davongelaufen wären, da hatte man eigentlich gedacht, dieses System offiziöser Nachrichtenbeeinflussung sei der Gipfelpunkt alles Erreichbaren. Aber von einem „Erreicht" steigen wir immer wieder zu einem neuen „Es wird erreicht" empor, und heute ist es klar, daß China Transvaal ü ei weitem übertrumpft hat. Ist es denn nicht ein wahrhaft beschämender Zustand, daß wir über das Thun und Treiben Zehntausender deutscher Landeskinder wochenlang ungefähr so genau unterrichtet sind wie über das Leben der Marsbenwhner? Kein verständiger Mensch wird der deutschen Heeresleitung zumuten, das, was sie thun will, vorher in alle Welt hinauszutelegraphieren. Aber was geschehen ist, das zu wissen, haben wohl die zahl reichen Angehörigen der in China kämpfenden Deutschen ein Recht. Schlimmer können sich die Folgen deS eng lischen Kabelmonopols kaum in einem Kriege mit England bemerkbar machen. Hoffentlich kommen diese unhaltbaren Zustände möglichst bald int Reichstage zur Sprache.
Das Ostdetachement unter General Bailloud steht bekanntlich schon seit einigen Tagen in P a o t i n g f u, das Norddetachement, das von Peking ans vordrang, hat am 15. Oktober Peikoutien, eine etwa 60 Kilometer in nordöstlicher Richtung von Paotingfu gelegene Stadt am Peikou- flnsse, ohne bis dahin auf Widerstand getroffen zu sein, besetzt. Sie fand die dortigen Behörden durchaus freundlich gesinnt; das deutsche, das französische und das italienische Kontingent nahmen in der Stadt Quartiere
ein, die Engländer marschierten 5 Kilometer weiter bor und bezogen am Ostufer des Flusses ein Lager. Die Ortschaften in der Nachbarschaft find von den Boxern geplündert und niedergebrannt. Zwei chinesische Soldaten, die gefangen genommen und später wieder freigelassen wurden, erklärten, die kaiserlichen Truppen wären erfolgreich gegen die Boxer vorgegangen. Eingeborene berichteten, zwei französische Bataillone seien in Paotingfu eingetroffen und hielten die Vorstadt besetzt.
Die „Agence Havas" meldet aus Peking vom 18. ds., daß Paotingfu durch idie Abteilung des Brigade- Generals Bailloud vor der Ankunft der von Peking kommenden internationalen Truppenabteilung genommen worden sei. Das Verhalten der französischen Truppen sei musterhaft gewesen. Tschotekou, das von 200 Soldaten Li-Hung-Tschangs besetzt gewesen sei, sei auf die einfache Aufforderung des französischen Befehlshabers geräumt worden.
General Voyron telegraphiert ans Ta kn unter dem 20. ds.: Die französischen Truppen halten den Bahnhof sowie die Eisenbahnlinie von Paotingfu besetzt und unternehmen mit Eisenbahnwagen Erkundungen nach Norden itnd Süden bis zu den Endpunkten der Bahn, deren Wiederherstellung sofort in Angriff genommen worden ist.
Meldungen aus Kanton berichten: Die Bezirke am Ostfluß oberhalb Poklo sind vom Verkehr abge- schnittcn. Es kommen daher von dort widersprechende Nachrichten über den Fortschritt der Unruhen. Chinesen sagen, die kaiserlich chinesischen Truppen hätten, obwohl sie anfangs erfolgreich gewesen, in der Folge zweimal eine Niederlage erlitten. Man sei wegen der Präfekturstadt Huitschau in schwerer Sorge. Nach einigen Meldungen soll diese Stadt bereits genommen seich während andere Berichte melden, sie sei von den kaiserlichen Truppen zurückerobert worden. In dem Ausbleiben weiterer Nachrichten erblickt man eine Bestätigung der ersten Meldung. Die Stimmung in Kanton hat sich nicht gebessert. Der stellvertretende Vizekönig bedroht zwar die Aufrührer, verhängt aber die angedrohten Strafen nicht. Seine Kundmachungen werden mit Verachtung behandelt und heruntergerissen, sobald sie angeschlagen "sind. Zahlreiche Anhänger der Rebellen in Kanton würden sich der Erhebung willig anschließen, sobald sie Erfolg verspricht. Ferner wird aus Kanton gemeldet, daß der Aufstand sich nach dem Ostflilß zu ausbreitet. Die Ein- wohner von Tscheklung bezweifeln, daß die Militär-Behörden im stände sind, die Verteidigung der Stadt und ihrer Bewohner vorzubereiten. Unter den Chinesen heißt es, der 23. Oktober sei als Tag für die Zerstörung aller Missionen und die Ermordung aller christlichen Chinesen in Kuangtstng bestimmt worden.
Nach einer Meldung ans Tientsin werden die englischen Füsiliere und die Artillerie nach Hongkong zurückgezogen und das englische Chinesenregiment geht nach Weihaiwei zurück.
Ein dem russischen Generalstab in Petersburg am 26. zugegangener Bericht enthält folgende Meldungen: Am 4. Oktober rückte ein Teil der Truppen des Generals Wolkow von Schanhaikuan längs der Eisenbahnlinie nach Kintschou ab. Diese Truppen hatten den Befehl erhalten, die Abteilung des Generals Zerpitzki abzulösen, die zwei Tage früher ausgerückt war, um Kintschou einzunehmen, und die Eisenbahn vor einer Zerstörung oder Beschädigung durch die Boxer zu bewahren. Um" diese Ausgabe zu erleichtern, sollte der Kommandant von Jnkou die Station Niutschwang besetzen und sich des Eisenbahnmaterials bemächtigen. Am 6. Oktober erfolgte die Besetzung dieser Station.
Wie aus Paris vom 22. Oktober gemeldet wird, hat der chinesische Gesandte dem Minister des Aeußeren Delcasse einen Brief des Kaisers von China an den Präsidenten 8 anbei überreicht, worin bei* Kaiser um die guten Dienste des Präsidenten, zur schnelle« Eröffnung von Friedensverhandlungen bittet. — Nach dem „Temps" haben sämtliche Mächte ihre Zustimmung zu der zweiten französischen Note gegeben und eiugewilligt, die sechs Punkte dieser Note als Grundlage für die Unterhandlungen mit China anzunehmen. Es ist wahrscheinlich, daß ein gemeinsamer Wortlaut angenommen wird, um diese sechs Bedingungen näher zu bestimmen, und daß die Unterhandlungen mit den chinesischen Bevollmächtigten schon in einigen Tagen beginnen.
Nach einer amtlichen, der „Nordd. Allg. Ztg." mit geteilten Meldung weht die Flagge Waldersees seit dem 17. Oktober aus dem kaiserlichen Winterpalast in Peking.
Nach einem Telegramm aus Tientsin vom 19. ist der deutsche Legationssekretär v. Bohlen am 18. nach Peking vorausgereist; der Gesandte v. Mumm mit dem übrigen Personal hat am 19. die Reise dahin angetreten.
♦


