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24.8.1900 Erstes Blatt
 
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Freitag den 24. August

1900

Gießener Anzeiger

E-meral-Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Ureis Gießen

Die Warner »«*w<<*eraittr ernten Ue lajriger ta «MM *it .Hess. öoxiBwr e. Ritter ßäc h-S. Bekunde» bäfdejt.

Mr Nnzngka-Vermittiun,»stell« M I»- >nd BuilasM «ehmrn Anzeigen für den Gießener Anzeiger mtgeg*. Zeilenpreis: lokal 12 Pfg., anSwärlS 20 Pf,.

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banMit Ma Anzeige, zu der nnchmtnagS für ke 1*4 »fchelnender. Nummer M »erm. tS HW WGOMnngm fpälesten» eb*M »ocher.

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>#eftrO< Nr. 7.

GraLisdeitasrn: Gießener Familiendlätter, Der hcWche Landwirt, Matter für heMchc UMsKunde.

Adreße für Depeschen: Anzeiger chintzE.

Fernsprecher Nr. 5L

Amtlicher Teil.

Bekanntmachung.

Betr.: Urlaub des Kreisarztes zu Gießen.

Der Kreisarzt Herr Medizinalrat Dr. Haberkorn ist Dom 20. August bis 9. September beurlaubt und wird während dieser Zett durch den Großh. Kreisassistenzarzt Herrn Dr. König er in Gießen vertreten.

Gießen, den 21. August 1900.

Großherzogliches Kreisamt Gießen, v. Bechtold.

Bekanntmachung.

Kiel, 14. April 1900. Wilhelmshaven, 20. April 1900.

Im Herbst 1901 wird eine größere Anzahl tropen. dienstfähiger Dreijährig-Freiwilliger für die Besatzung von Kiautschou zur Einstellung gelangen.

Ausreise: Frühjahr 1902. Heimreise: Frühjahr 2904.

Bauhandwerker (Maurer, Zimmerleute, Dachdecker, Tischler, Glaser, Töpfer, Maler, Klempner u. s. w.) und andere Handwerker (Schuhmacher, Schneider usw.) werden bei der Einstellung bevorzugt.

Die Mannschaften erhalten in Kiautschou neben der Löhnung und Verpflegung eine Teuerungszulage. Bewerber, von kräftigem und mindestens 1,67 Meter großem Körperbau, welche vor dem 1. Oktober 1882 ge­boren sind, haben ihr Einstellungsgesuch mit einem auf dreijährigen Dienst lautenden Meldeschein entweder:

dem I. Geebataillorr in Kiel: zum Diensteintritt für das III. Seebataillon, oder

dem II. Seebataillon in Wilhelmshaven: zum Diensteintritt für das HL Seebataillon und die Marineseldbatterie,

oder

der III. Matrosevartillerie-Abteilnng in Lehe: zum Diensteintritt für das Matrosenartillerie- Detachement Kiautschou (Küstenartillerie)

bis spätestens Ende Februar 1901 einzusenden.

Kaiserliche Inspektion Kaiserliche Inspektion

der Marineinfanterie. der Marineartillerie.

Die makedonische Frage.

Täe Ermordung des Professors Mihaileanu in Buka­rest durch einen Abgesandten des makedonischen Komitees in Sofia lenkt Lite Blicke Europas wieder nach jenem Wetter­winkel im Südosten Europas, aus dem schon so oft die Wolken heraufgezogen sind, die den Horizont verdunkelten. Es handelt sich dort unten in Makedonien aber um eine der schwierigsten Fragen, die je der Diplomatie gestellt

Gin Duell und seine Kokgen.

Heute handelte es sich nicht um ein paar blutige Schrammen; dieses Mal war es fürchterlicher Ernst. Auf dreißig Sck)ritte Distanz standen sich die Gegner kampfbereit gegenüber; ^unheilverkündend blitzten die Pistolenläufe in den ersten strahlen der ausgehenden Sonne. Schauerlich tönte die Stimme des Unparteiischen eins? zw Schön- senkten die Gegner langsam die hoch erhobenen Mord­waffen. 9cur noch einen kleinen Augenblick da plötzlich Knacken und Knistern in den nächsten Gebüschen und'der Ruf aus mehreren Kehlen:Im Namen des Gesetzes". Die Duellanten waren abgefaßt.

Zum Glück spielt unsere wahrhaftige Geschichte zu einer Zeit, da das fröhliche Völklein der akademischen Bürger noch nach anderen Gesetzen abgeurteilt wurde, als die banausen Philister. Ein kleines Nachspiel nur vor dem Universitälsgericht und die Sache war abgethan. Abgethan allerdings nur für die Herren am grünen Tisch: aber nicht abgethan für unsere Studenten Karl Süffel und Oskar Bnmmel. Die Feindschaft blieb, und das Tragikomische war, daß beide in einem Hause, auf einem Gange, in zwei nebeneinander liegenden Buden wohnten und, als Jünger einer und derselben Wissenschaft, von Zeit zu Zeit sogar dasselbe Kolleg besuchten. Denn sie waren stets die treuesten, unzertrennlichsten Freunde gewesen, bis eine schöne Nachbarin, ohne es zu wollen, oder and) nur zu ahnen, diesen so innigen Herzensbund mit ihren wunderbar großen Augen erbarmungslos trennte. Ganze Stunden Lrng legte sich nun Süffel in's Fenster und starrte^ unver- waudt hinüber nach dem Nack)barhause; ganze Stunden

worden sind; denn hier tritt nicht ein Erbe auf, um schon jetzt seine Ansprüche für den Fall des Ablebens des kranken Mannes anzumelden, sondern eine Reihe von Erben streitet sich um die Hinterlassensd)aft eines noch Lebenden. Bulgaren, Serben, Griechen und auch Rumänen, jeder will der einzig Berechtigte sein und be­müht sich, die Erbansprüche der anderen als gefälscht oder nicht zu Recht bestehend hinzustellen; und dies geht um so leichter, als bis heute nod), keine hinlänglich sicheren Daten über die Nationalitäten und die Bekenntnisse, denen wir in Makedonien begegnen, gesammelt worden sind. Nach den neuesten Schätzungen beträgt die Bevölkerung Make­doniens 2 300 000 Seelen, unter diesen bilden die Bulgaren mit 1 200 000 Stammesangehörigen die Mehrheit, neben ihnen kommen nur noch die Griechen mit 220 000 Köpfen, die Kutzowalachen mit 70000 und die Türken mit 500 000 in Betracht. Doch diese nationalen Einheiten bilden keines­wegs auch religiöse; denn von den 1 200 000 Bulgaren ge­hören nur 800 000 der bulgarischen Kirche an, während 300 000 dem griechisch-katholischen Glauben anhängen und der Rest größtenteils Bekenner Mohameds zählt.

Obigem Zahlenverhältnis nach betrachten die Bulgaren sick) als die berufenen Erben Makedoniens und weisen die Ansprüche Griechenlands, Serbiens und Rumäniens zurück. Und die bulgarische Propaganda hat auch wirklich schon große Erfolge in Schule und Kirche erzielt, während die Agitation von griechischer Seite nach dem ursprünglichen Ausgang des letzten Krieges gegen die Türkei wesentlich nachgelassen hat und auch bescheidener in ihren Forder­ungen ist. Um so dreister setzte dafür aber die serbiscl-e Propaganda ein; denn objvohl es Thatsache ist, daß nur einige wenige serbische Gemeinden in Makedonien sich fin­den, beansprucht man in Belgrad dennoch einen großen Teil dieses Landes, indem man sich darauf beruft, daß eseinst" zu dem großserbischen Reich der Nemajiden gehört habe. Neuerdings sind aber auch die Rumänen als Erbkandidaten hervorgetreten; in Bukare stlvill man eine nahe Verwandtschaft zwischen Rumänen und Kutzo­walachen (Aromunen) entdeckt haben und so hofft man bei einer etwaigen Teilung wenigstens nicht ganz leer auszugehen.

Diese vier Balkanstaaten betreiben nun eine mehr oder minder offene Agitation, um die Vorherrschaft in den um­strittenen makedonischen Landen zu gewinnen. Natürlich halten die Kabinette sich wohlweislich im Hintergrund, dafür arbeiten aber die einzelnen Komitees desto rücksichts­loser. Und mit welchen Waffen, das hat sich ja noch soeben in Bukarest gezeigt, wo Professor Mihaileanu fein Leben lassen mußte, weil er den bulgarischen Ansprüchen in seinen Aufsätzen und Zeitungspolemiken entgegenge- treten war. Nun wird der Leser sich auch nicht mehr wundern, wenn in jedem Monat ein neuer Zwischenfall in der europäischen Türkei sick) ereignet, und nun sofort in Konstantinopel, Belgrad, Sofia und Athen sich ein großes Geschrei erhebt, da jeder dem anderen die Schuld an den neuesten Greuelthaten zuzuschreiben sich beeilt.

So lange freilich nur die im Geheimen arbeitenden Revolutionskomitees alle Aktionen leiten und durchführen, braucht man sich um den Frieden Europas keine Sorge zu

machte sich daneben Bummel an seinem Fenster breit und starrte ebenfalls das unschuldige Haus an, bis ihn seine Augen schmerzten. Am liebsten hätten sich beide aber sie hatten Urfehde geloben müssen, und einem Studenten muß sein Wort heilig sein. Ahnungslos oder auch absicht­lich ries mancher Kommilitone im Vorbeigehen ihnen, wenn er sie scheinbar so friedlich am Fenster liegen sah, einen gemeinschaftlichen freundlichen Gruß zu. Aber diese Freundlichkeit fiel auf schlechten Boden; em brummiger Gegengruß der Mißtrauischen war der Dank, und neue Feindschaft oder gar Spott und Hohn war für beide die Folge Nein! der Zustand war unerträglich; dem mußte ein Ende gemacht werden, so bald wie möglich. Aber aus­ziehen und dem Gegner das Feld räumen, dazu konnte sich keiner von ihnen verstehen. Endlich faßte Karl Süffel einen kühnen Entschluß. Eines Tages klopfte er bei seinem Philister an und verlangte von ihm nichts Geringeres, als daß er seinem bisherigen Mieter die Wohnung kündigen solleAber, lieber Herr Süffel, Ihr Freund Bummel- Feind wollte ich sagen"Todfeind", warf Süffel da­zwischenwohnt schon zwei Jahre bei mir, hat ordent­lich" Hier wurde Herr Maier durch ein Klopfen unter­brochen.Herein!" Oskar Bummel erschien im Rahmen der geöffneten Thüre. Als er seinen Feind erblickte, stutzte er einen Augenblick, dann aber trat er entschlossen mitten in's Zimmer.Herr Süffel! Herr Bummel!" stellte Maier die beiden vor, sei es aus Bosheit, oder weil er glaubte, daß unter den gegenwärtigen Verhältnissen, wo einer den anderen ja nicht mehr kannte, eine erneute Vorstellung notwendig wäre; dann sich an den Neueingetretenen wen­dend, fragte er:Was verschafft mir die Ehre, Herr Bummel?"Ich verlange", antwortete der Gefragte

machen; ernster wird jebod) schon die Lage, wenn sich plötzlich herausstellt, daß das eine oder andere Kabinett an den Umtrieben beteiligt ist, denn eine derart bloß gestellte Regierung ist leicht geneigt, die Volksmassen in Bewegung zu setzen, um so hinter einer nationalen Er­hebung Deckung zu finden. Immerhin werben derartige Fehden so lange lokalisiert bleiben und daher dem Welt frieden nicht gefährlich werden, als Rußland und Oester reich an ihrem bekannten Balkan-Abkommen festhalten, in dem beide sich verpflichteten, von jeder Einmisck)nng in die inneren Angelegenheiten der Balkanstaaten Abstand zu nehmen. Damals segelte nämlich Serbien unter der Lei­tung Milans noch im Fahrwasser Oesterreich'-Ungarns, während Rußland in Bulgarien und Montenegro als Schutzmacht angesehen wurde. Nun ist aber in den letzten Wock-en der Einfluß der Wiener Diplomaten in Belgrad völlig beseitigt worden, sodaß auf dem ganzen Balkan soeben in Wirklichkeit nur noch Rußlands Machtwort gilt. Unter diesen Umständen ist es nicht unmöglich, daß einige Heißsporne die Zeit für gekommen halten, um ihre Pläne zur Befreiung Makedoniens vom türkischen Joch energischer als bisher zu betreiben, zumal ganz Europa wie hypnoti­siert nach dem Osten Asiens schaut und darüber die Balkan frage ganz zu vergessen scheint.

Es wird daher wohl angebracht sein, wenn die auf dem Balkan interessierten Mächte den Heißspornen in Sofia, Belgrad und anderswo schon bald zu verstehen geben, daß'man keineswegs geneigt ist, ihren Umtrieben ruhig zuzusehen, ober sie gar noch zu unterstützen. Hier gilt es vorzubeugen, noch ehe weiter Zwischenfälle ein­treten.

Aus dem Jahresbericht der Großh. Handelskammer zu Gießen.

Verkehrswesen. 0. Zollwesen.

Die Kammer hatte im Berichtsjahre mehrfach Gelegen­heit, sich mit den zahlreichen Uuzuträglichkeiten zu befassen, welche sowohl in der Beschaffenheit und den Ein­richtungen der Niederlageräume bei dem Großh. Haupt-Steueramt Gießen, als auch in der un­günstigen örtlichen Lage des Zollfchuppens ihren Grund haben. Eine besonders zu diesem Zwecke gewählte Kom­mission untersuchte die einschlägigen Verhältnisse und führte Verhandlungen mit der Steuerbehörde. Auf Grund ihres Berichtes wurde an das Haupt Steueramt das Ersuchen gerichtet, auf baldmöglichste Abhilfe der Beschwerdepunkte und Berücksichtigung der vorgetragenen Wünsche hinwirken zu wollen. Das Haupt-Steueramt sprach darauf die Hoff­nung aus, daß nach Fertigstellung der neu erbauten Revision-» halle für Stückgüter und nach Ingebrauchnahme der neuen Räume im Lagerhaus B (Anbau) die Ein- und Auslage­rungen sich künftig rascher abwickeln werden. Weiter sei auch der Anschluß des Zollfchuppens am Bahnhof an das städtische Fernsprechnetz dem Wunsche der Kammer ent­sprechend beantragt. Eine dauernde befriedigende Lösung

mit männlicher Festigkeit,daß Sie, wenn Sie wünschen, daß ich länger unter Ihren Penaten weile, meinem Stuben­nachbar alsbald kündigen". Wenn Süffel nicht gewußt hätte, was er seinem dem Senate gegebenen Ehrenwort schuldig wäre, so hätte er sich am liebsten bei diesen Worten auf Bummel gestürzt, und ihn geohrfeigt.Sie setzen mich in große Verlegenheit, meine Herren", sagte Maier, Sie, Herr Süffel, wollen, daß ich Herrn Bummel" bei diesen Worten verfärbte sich Bummel vor ZornSie, Herr Bummel, daß ich Herrn Süffel ohne Grund kündige. Tas aber, meine Herren, geht gegen meine Prinzipien und Sie wissen, daß ich in diesem Punkte nicht mit mir spaßen lasse. Können Sie also nicht mehr länger bei mir und meinen Mänaden Herr Maier hatte durch seinen Umgang mit den Studenten manch' sck)önes Fremdwort aufgeschnappt weilen, in acht Tagen ist der Erste. Oder darf ich noch hoffen, daß Sie"Nein", antworteten beide, noch ehe Maier geendet, wie aus einem Munde. Noch an demselben Tage sah man an einem der Fenster des Maier schen Hauses ein Plakat hängen, worauf mit großen Buchstaben die Worte:Zwei Zimmer zu vermieten" zu lesen waren.

Ganz tiefsinnig aber saß tags darauf Süffel bei seinem Schoppen. Die Kündigung war gerade nicht nach seinem Sinne. WaS nützte es ihn, daß Bummel ausziehen mußte, wenn ihn selbst das gleiche Los traf! Er überlegte hin und her. Plötzlich klärte sich seine Miene auf. Mit den Worten Heureka! heureka!" goß er schnell seinen schäbigen Rest hinunter und stürzte weg. Herr Maier aber sagte noch desselbigen Tages vergnügt zu dem ihm begegnenden Bummel:Herr Bummel, soeben Ihr Zimmer wieder vermietet".