Nr. 170 Drittes Blatt. Dienstag den 21. Mi
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Heneral-Anzeiger
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M Kreßener Anzeiger
Anits« und Anzeigeblatt für den Kreis Gieren.
Ggy«frttto« und Druckerei: Nr. 7.
Gratisbeilage«: Gießener Famitienbtätter, Der hestifche Landwirt, Mütter für hessische Volkskunde.
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«brtffe für Depeschen: Anzeiger chtatzse«.
Fernsprecher Nr. 6L
Aus Stadt und Land.
Gießen, 23. Juli 1900.
*♦ Persoualuachrichteu. Der außerordentliche Professor Lei der medizinischen Fakultät der LandeSuuiversität Dr. Heinrich Walther aus Gießen wurde zum außerordentlichen Professor für Gynäkologie bei dieser Fakultät ernannt; der Stationsassistent bei der Main-Neckar-Eisenbahn Wilhelm Reinmuth zum Stationsasfistenten bei den Hessischen Staats-Eisenbahnen, sowie die Expeditionsgehilfen Peter Demmler aus Groß-Rohrheim und Ludwig Weiler aus Darmstadt wurden zu Stationsassistenten bei der Maiu- Neckar-Eisenbahn — sämtlich mit Wirkung vom 1. Januar l. IS. an ernannt.
** Auszeichnungen. Der Kaiser hat die Erlaubnis zur Anlegung ihnen verliehener hessischer Ordenauszeichnungen erteilt, und zwar des KompturkreuzeS 1. Klasse des Verdienst-Ordens Philipps des Großmütigen dem Schloßhauptmann v. Erdmannsdors, Kammerherrn Grafen von E arm er; des Allgemeinen Ehrenzeichens dem Lakaien Puls vom Hofstaat des Prinzen Albrecht von Preußen.
*• Feldpostkarten. Bon jetzt ab werden bei allen Post- annahmestellen sowie bei den Posthilsstellen Formulare zu .Feldpostkarten an die nach Ostasien entsendeten mobilen Truppen des Landheers und der Marine zum Preis von 5 Pfg. für 10 Stück verkauft. Die Feldpostkarten tragen In der Aufschrift folgenden Vordruck:
Deutsche Reichspost. Feldpostkarte.
An den......................
an Bord S. M. Schiff ............
. . Ostafiat......Regt. .... Eskadron
s........Bataillon ......... Batterie
........Kompagnie ....... . . Kolonne
X Nidda, 20. Juli. Vorgestern feierte der Möbelschreiner Friedrich Hofmann die 25. Wiederkehr des Tages an dem er in die hiesige Möbelfabrik von C. RingS- hausen eingetreten ist. Es wurde eine festliche Zusammenkunft veranstaltet, an der das ganze Personal der Fabrik teilnahm. Besonders rühmend wurde in den Ansprachen hervorgehoben, in welch gutem Einvernehmen Arbeitgeber und Arbeiter der Fabrik stehen. Die Feuerwehrkapelle brachte dem Jubilar ein Ständchen. Es ist dieses bereits das zweite derartige Jubiläum in besagter Fabrik.
** Kleine Mitteilungen aus Heffeu und de« Nachbarstaaten. In Kassel ist der verdienstvolle hessische Schriftsteller und Dichter Ludwig Mohr im 68. Lebensjahre gestorben. Hom- berger von Geburt, hing er mit großer Liebe an der hessischen Heimat. Als Erzähler und Balladendichter hat er sich einen geachteten Namen gemacht. Sein bestes Werk ist der Roman „Rot-Weiß", in dem er Begebnisse und Persönlichkeiten aus der Zeit des Königreiches Westfalen außerordentlich anziehend schildert. In seinen Gedichten behandelte er mit Vorliebe Stoffe aus der hessischen Sagengeschichte.
Vermischtes.
*EinDuellskandal. Wiener Blätter beschäftigen sich, seit einigen Tagen fast unausgesetzt mit einem Duellskandal schlimmster Art. Ein Blatt stellt nach authentischen Informationen die Sache wie folgt dar: Ein Leutnant hatte ehrenrührige Aeußerungeni gegen einen Erzherzog gethan. Er erhielt deswegen später eine Verwarnung. Zur weiteren Verantwortung wurde er deshalb nicht gezogen, weil dies der beleidigte Erzherzog nicht wünschte. Marchese Tacoli fragte ihn nach der Quelle seiner Information. Der Leutnant nannte eine aristokratische Dame: diese aber sagte, daß sie pichts davon wisse. Darauf stellte Marchese Tacoli den Leutnant zur Rede und warf ihm vor, „ein Mitglied des Kaiserlichen Hauses verleumdet zu haben", worauf der Leutnant dem Marchese Beschimpfungen an den Kopf warf, die (in dem Vorwurfe der Feigheit gipfelten unter Anspielung guf die dem Leutnant bekannten Prinzipien des Marchese Taculi, der ein Duellgegner ist. Marchese Taculi übergab die Sachje zunächst zwei Offizieren zur Beilegung, ohne von einem Duett ein Wort zu erwähnen. Dieselben erklärten jedoch ein Duett für nötig, selbst wenn der Leutnant Abbitte leisten würde, und hatten sogar ohne Wissen des Marchese bereits die Bedingungen des Duells (Pistolen, fünfzehn Schritte Entfernung, fünf Schritte Avance) verfaßt. Als Marchese Tacoli dies erfuhr, entzog er jden Offizieren ihr Mandat und unterließ die Forderung zum Duell. Hierauf folgte die vom Obersten v. Henike angeordnete Untersuchung über den Marchese Tacoli wegest Feigheit. Marchese Tacoli erklärte, daß er erstens den Leutnant wegen Verleumdung eines Mitgliedes des kaiserlichen Hauses für satisfaktionsunfähig halte und überdies zweitens als Katholik ein Duett verweigern müsse. Die Untersuchung endete mit der Verurteilung, des Marchese Tacoli, und zwar „wegen Ausweichens vom Zweikampf unter Vorschützen nichtiger Vorwande". In der dem Marchese Tacoli zugekommenen Zuschrift des Offizier-Ehrenrates heißt es: „Sie werden wegen Verletzung der Standesehre usw. Ihrer Offizierscharge verlustig erklärt", d. h. er wurde kassiert, zum Gemeinen degradiert. Auch, verlor er die k. k. K ä m m e r e r w ü r d e, die er erst im laufenden Jahre erhalten hatte.
* Ausbruch eines japanischen Vulkans. Das Reuter'sche Bureau meldet aus Yokohama: Am letzten Dienstag erfolgte plötzlich ein heftiger Ausbruch des Vulkans Adsuma bei Bandaisan, wodurch 200 Menschen getötet oder verletzt sein sollen.
Universität und Hochschute.
— An der Universität Jena habilitiert sich Dr. Max Scheler aus München für Philosophie mit einer Vorlesung über die Ideen über philosophischen Fortschritt. — Aus Breslau wird berichtet, daß sich an der dortigen Universität Dr. Walther Herz, Assistent am chemischen Institut, habilitiert hat. — Da die Errichtung einer außerordentlichen Professur für Musikwiffenschaft an der Universität zu München genehmigt worden ist, wurde der Privatdozent an der Universität und Konservator der musikalischen Abteilung der Hof- und Staatsbibliothek Adolf Sandberger in München zum a.-o. Profeffor an der philosophischen Fakultät mit dem Lehrauftrag für Musikwiffenschaft ernannt.
Ferner wurde für den neuerrichteten Lehrstuhl für Petrographie der Privatdozent an der dortigen Universität, Dr. Ernst Weinschenk, zum a.-o. Profeffor ernannt. — Dem Privatdozenten Dr. Nagel von der medizinischen Fakultät der Universität Freiburg i. B. wurde der Charakter eines a.-o. Profeffors verliehen. — Der Profeffor der romanischen Philologie an der Universität Graz, Dr. Hugo Schuchardt, ist in den Ruhestand getreten. — Die Privatdozenten in der mathematisch -naturwiffenschaftlichen Fakultät (technische Sektion) der Universität Lausanne Louis Pelet (gewerbliche Chemie) und Nikolaus v. Schulepnikoff (Hydraulik) sind zu a.-o. Professoren ernannt worden. — Der o. Profeffor für Physiologie und physiologische Chemie in Freiburg in der Schweiz C. Arthur hat einen Ruf an das Institut Pasteur der Universität Lille angenommen.
Berlin, 22. Juli. Der Kartellverband der katholischen deutschen Studentenverbindungen (farbentragend) ist in jüngster Zeit um zwei Korporationen gewachsen. Kaum war in Breslau durch Teilung der Winfridia das 31. Mitglied des Kartellverbandes unter dem Namen Rheno-Palatia gegründet, als in Berlin die 32. Verbindung ins Leben trat. Da die Mitgliederzahl der Suevia in den letzten Semestern für eine Korporation zu groß war, so war die Notwendigkeit der Teilung gegeben. Gleich bei Beginn des Semesters wurde die Neugründung der Hansea vorbereitet und vom 15. bis 17. Juli fand das Publikationsfest statt.
Eisenach, 22. Juli. Auch in diesem Jahre wieder erläßt die Deutsche christliche Studenten.Bereinigung einen Aufruf zur 10. Studentenkonferenz in Eisenach (vom 9. bis 13. August) an die Kommilittonen aller Fakultäten und Hochschulen und studentischen Verbände. Das Programm weist drei Hauptreferate auf: 1. Wie werden wir neue Menschen? (Dr. Joh. Lepsius, Groß-Lichterfelde). 2. Welche besonderen Anforderungen stellt der Dienst in der äußeren Mission an die Theologen, welche sich ihm widmen? (Missionsdirektor Dr. Buchner, Brüdergemeinde) und 3. Wie können wir im Wesen des Geistes verharren? (Pfr. O. Stockmayer, Hauptweyl). Außerdem sind noch eine Reihe kleinerer Themata angegeben, die in den Nebenversammlungen behandelt werden sollen.
Sport, Spiet, Jagd.
«chweirrfrrrt, 16. Juli. Der hiesige Ruderklub „Franken" errang bei der gestern in Würzburg stattgefundenen 3. Fränkischen Verbands.Regatta und Jubiläums-Regatta des Würzburger RudervereinS wiederum zwei Hauptpreise, und zwar den sehr wertvollen Ehrenpreis deS Prinzregenten Luitpold von Bayern und den Heraussorderungspreis des Fränkischen Ruderverbandes nebst einer Ehrengabe, gestiftet von Privatdozent Dr. Spemann in Würzburg, mit je fünf Ehrenzeichen. Außerdem wurde den „Franken" ein Ehrenschild für den auf der Schweinfurter Regatta errungenen Preis des Prinzen Ludwig von Bayern überreicht.
Landwirtschaft.
— Gaaterrstand in Preußen Mitte Juli: Winterweizen 2,5, Sommerweizen 2,5, Winterspelz 2,2, Winterroggen 3,0, Sommerroggen 3,0, Sommergerste 2,5, Hafer 2,4, Kartoffeln 2,3, Klee 3,4, Luzerne 2,8, Wiesenheu 3,0, wobei 1 sehr gut, 2 gut, 3 mittel, 4 gering bedeutet. Hierzu wird bemerkt, im letzten Junidrittel beeinflußten reichliche Niederschläge vielfach die Sommerung der Futterpflanzen. Von Winterweizen darf gute Mittelernte erwartet werden. Winterroggen nimmt unter den Julinoten der letzten 8 Jahre die vorletzte Stelle ein, Hafer berechtigt zu guten Hoffnungen.
— Saatenftand irr Würtemberg im Juli: Winterweizen 2,6, Sommerweizen 2,6, Winterdinkel 2,4, Winterroggen 2,4, Sommerroggen 2,6, Sommergerste 2,3, Hafer 2,4, Kartoffeln 2,1, Hopfen 2,6, Klee 2,8, Luzerne 2,7, Wiesen 2,5, Aepfel 1,7, Birnen 2,6, Wein 2,2.
In beinahe jedem Hause wird jetzt nur noch Krebs-Wichse geführt, weil die meisten Frauen die Erfahrung gemacht haben, daß damit am schnellsten schöner Glanz erzeugt wird.
berliner Kunstausstellungen.
(Eigener Bericht des Gießener Anzeigers.)
IV*). •
„Die Große".
1.
Kollektiv • Ausstellungen.
Dettmann. — Wauters. — Vogel. — Gari Melchers. — Eberlein.
Wer sich etwa in dem holden Wahn befindet, es gehöre zu den Annehmlichkeiten des Lebens, unter 2236 Katalog- mummern einherzugehen und die Spreu vom Weizen, will sagen: die ausgestellten „Schmarrn" von den Kunstwerken oder doch von Werken, die mit der Kunst Berührungspunkte haben, zu sondern, der ist schlecht beraten. Es wäre ihm von Herzen zu wünschen, daß -er einmal einen ganzen Vormittag im Landes-Ausstellungs-Gebäude am Lehrter Bahnhof (in Moabit zubrächte. Dann würde er am eigene n> Leibe erfahren, mit welchen Anstrengungen der Besuch der Großen Berliner Kunstausstellung verbunden ist. Sie heißt schlankweg „die Große"; nichts davor und nichts danach; und sie führt diesen Namen mit Recht. Ihre Größe ist vielleicht das einzig Imposante, das sie auf- zuweisen hat. Sie suchet durch Pie Zahl zu ersetzen, was ihr <n Wert abgeht; die Quantität wuß die mangelnden. Qualitäten auswiegen. Bemalte Leinwände sind unter Umständen kaum eindrucksvoller! äls Schmetterlingskästen. Und eine Flucht von fünfzig und etlichen Sälen lädt eigentlich
*) Bgl. Nr. 124, 143, 155.
eher zu rascher Flucht als zu längerem Verweilen ein. Es gehört fast in das Nebelreich des Unmöglichen, daß eine solche Riesenausstellung ein anständiges künstlerisches Niveau erreicht; denn man müßte schon in allen Erdteilen werben, um 2236 Kunstwerke zusammenzutrommeln; und selbst dann dürfte ein so vermessenes Unterfangen kaum von Erfolg gekrönt sein. Dazu kommt, daß die Sezession, ein Konkurrenzunternehmen, mit der ihr eigenen Rührigkeit die Besten der Modernen zu versammeln weiß; daß hier in einem kleinen Haus eine beschränkte Anzahl von Bildern mit der größtmöglichsten Sorgfalt und zum Teil mit einem 'liebevollen Eingehen auf Einzelheiten untergebracht ist. Auch dieser Umstand fällt schwer ins Gewicht. Denn wer möchte es sich zutrauen, eine solche Hülle und Fülle von Gemälden einwandfrei anzuordnen? Wer kann bei dieser erdrückenden Zahl alle Wünsche berücksichtigen, alle Rücksichten erfüllen? Freilich von so ungeheuerlichen Geschmacklosigkeiten, zwei oder drei aneinander stoßende Säle mit Landschaftsbildern zu betteben, als ob es die Seiten eines Briefmarkenalbums wären, wo für jede Marke ein bestimmtes Feld vorgezeichnet ist, sollte man sich unter Aufbietung 'aller Kräfte fern halten. Am besten ist es in dieser Beziehung noch den Künstlern ergangen, die mit einer Kollektivausstellung aufwarten durften. Hier beherbergt wenigstens ein enger Raum eine kleine Welt. Hier sind die störenden Elemente beseitigt. Jene sollen uns vorderhand und. hauptsächlich beschäftigen. Der Rest kann in aller Kürze abgethan oder, was vielleicht noch ersprießlicher scheint, mit dem Mantel der christlichen Nächstenliebe bedeckt werden.
Um mit dem Prunk- oder Ehrensaal zu beginnens der seinen Namen nicht davon hat, daß die hier aufgehängten Werke der deutschen Kunst zu besonderer Ehre gereichten, sondern davon, daß hier meist solche Werke Platz finden, die patriotische Momente verherrlichen, deren historische Bedeutung nicht immer gleichen Schritt hält mit der Wichtigkeit, die ihnen von vaterländisch gesinnten Malern beigelegt wird: so gebührt es sich, vor Ludwig D e t t m a n n's Wandbildern einen Augenblick stehen zu bleiben. Sie sind, wie der Katalog nicht ohne Prätcnsion kündet, im Auftrage des preußischen Staates und der Stadt Altona für das neue Altonaer Rathaus in Kaseinfarbe'n gemalt, und stellen Momente aus der Altonaer Geschichte dar, der Reihe nach die folgenden: Aufnahme von Glaubensgenossen aus Holland; Einäscherung Altonas durch die Schweden 1713; Oberpräsident von Blücher - Altona begegnet einem Zuge der von Davoust aus Hamburg Vertriebenen, die Altona, selbst iw «größter Not, aufnimmt 1813; Einzug der Bundestruppen nach Beendigung der dänischeit Herrschaft 1863. Es ist eine wackere Arbeit, wohl gelungen in der Komposition, mit feiner Abwägung der Gegensätze und nach freier Bewegung trachtend, doch nach meinem Gefühl oft ohne höheren Schwung, ohne das Kühne und Große, ohne das Monumentale. Glücklicher ist, was diesen letzten Punkt anlangt, Emile Wauters, der Sobieski am Kahlenberg und das von der türkischen Armee belagerte Wien (1863) darstellt. Das Landschaftliche ist hier wirttich in großen Linien behandelt. Leider ist nur die Leinwand von einem solchen Riesenmaß der Dimensionen, daß der Betrachter niemals ein engeres Verhältnis zu


