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Sonntag den 24. Juni
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Gießener Anzeiger
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Gießen, den 23. Juni 1900.
Großherzogliches Polizeiamt Gießen.
Hechler.
Die Wirren in China.
Heber die Lage der Fremden in Peking, über *n Verbleib der deutschen Abteilung, dis Segern die Hauptstadt marschiert und über den Aufenthalt w -ldmirals Seymour mit einer größeren internatio- Mleiv Expedition ist man nach wie vor im Ungewissen. -Kr englische Unterstaatssekretär Brodrick hat im Unter- Hmst erklärt, zuverlässige Nachricht aus Peking liege nicht Dor, and eine Reutermeldung aus Tschifu vom 21. hebe Msdreücklich hervor, daß feit 14 Tagen keine Nach- richt aus Peking eingetroffen sei. Dagegen ist 4eibetr kaum noch daran zu zweifeln, daß in Tientsin jid> ernste Vorgänge ereignet haben. Darüber rnel- äet Taily Expreß aus Shanghai vom 21.: „Tientsin wurde -am11-5. Juni pon zwei Seiten von Boxerbanden angegriffen. .Eie beschossen zunächst die Eingeborenenstadt an zwölf Äl en nno rückten dann gegen die Fremdenniederlassung vor. Die Eisenbahnstation, die am linken Peiho-Ufer, der Zremdenstadt gegenüber, liegt, war von einer russischen jrup'penabteilung von 2000 Mann mit 10 Geschützen besetzt. -Is Die Boxer dort ankamen, gaben die Russen hintereinander. 50 Salven ab, ihr Feuer scheint den Boxern unec- fciarttet gekommen zu sein, es richtete ein großes Blutbad an; etwa 300 Boxer wurden getötet, 200 ver- auttoet. — Der „Times" wird ebenfalls aus Shanhai Don ibemfelben Tage bestätigend telegraphiert: „In der •$a(61 des 15. Juni richteten die Boxer in Tientsin in der ^jngseborenenstadt große Verheerungen an. Die fremden Zru ppen erwiesen sich stark genug, die Frern- Seirniederlassungen zu schützen".
Seitdem scheinen die Boxer ihre Angriffe auf die Nie- Äcrla ssung fortgesetzt zu haben, denn Reuter berichtet aus: Min vom 21. ds., Tientsin sei zwei Tage lang. Aelchossen worden, die Verluste sollen 100 Mann ftetraiaen, und der amerikanische Admiral Kempfs telegrafiert vom 21. ds. über Tschifu amtlich nach Washington: tie Chinesen bombardieren Tientsin. Das amerikanische, Konsulat und ein großer Teil der Fremden-i Niederlassung sind zerstört. Eine Hilfs truppe, bmunter 130 amerikanische Soldaten, geht nach Tientsin ab — Weiter wird aus Shanghai telegraphiert: Während ÖM Boxerangriffs auf die ausländische Niederlassung in «iemlsin suchten die europäiscl)en Frauen und Kinder die omie Nacht Schutz in der Goedenhall. Am Samstag ver- ffkß?m alle englischen Frauen Tientrn mit W Ulen Zuge. Sie erlebten aufregende Abenteuer und imre ii nie durchgekommen, wenn ihnen die ch i nesis ch e n Lrupp e n nicht geholfen hätten. Die Boxer machten miederholt Versuche, den Zug anzugreifen Em Panzerzug ,stit«ch Tientsin abgegangen. - Die gestrigen Londoner Mkndolätter melden aus Shanghai, m Tientsm seien 1500 gurlanber massakriert worden.
Der Chef des deutschen Kreuzergeschwaders m ^.aku Ml^t- Ein am 20. d. M. abends aus Tientsin angekom- mier 'französischer Offizier berichtet: Tientsin wird seit to Tagen von den chinesischen Truppen beschossen. Die »mition ist knapp. Die „Irene" ist am 21 d M. Mitz S) Seesoldaten eingetroffen und sofort mit 380 Eng-' Widern und 1500 Russen zum Intsatze von Tientsin, utoeirütft Die Eisenbahn ist von Taku bis lo Klm. von L „rsin im stände. Von Peking und den dorthin gesandten- Men liegt keine Nnchrick)t vor. Da- Befinden der V-r- "ÄiS erSam' 22. d. M. im Landaner Unter- fafs- Gestern hat ein in Taku eingetcossencr Lauser eine Mi richt über die Lage in Taku gebracht. Danach wurden Zfe Stobt mehrere Angrisse ausgefichrt, aber zuruck- «Maaen Am 17. d. M. beschossen die Chinesen die Frem- ^r^iederlassungen. Eine aus 175 Mann bestehende Me die aus Oesterreichern, Engländer, Deutschen und Weitern sich zusammen.etzte, gns, die chineftsche Mtli- Ächule an und zerstörte die dortigen Geschütze und - -t e die Verteidiger der Schule. Sie b r a n n t e diese 4mt den dort besindlichen Schtehvorraten nieder. Außer-. 1™ machten sich die Russen, die 4 Feldgeschu^ hatten Uomders verdient. Die Verluste betragen: 1 Engländer! m7nd 5 verwundet.. Während der zum ,17. ver- ;iHfitetn die Chinesen sich der Schiffbrücke zu bemächtigen, twrboen aber mit Verlusten zuruckgeschlagen, darunter soll sHerin General befinden. ,
Nus Tientsin kommt weiter die Meldung, daß reguläre ..chiefsische Truppen die Stadt bombardieren und die
Lage dort sehr kritisch ist. Nach der Schätzung des britischen? Kontre-Admirals Bruce standen am 21. Juni etwa 3000 Mann fremder Truppen in Tientsin, doch war seit dem 16. Juni von dort keine Nachricht in Taku eingetroffen. Im Jahre 1896 lebten in Tientsin 852 Ausländer, darunter 380 Engländer, 200 Amerikaner und 60 Deutsche. Seitdem hat sich diese Zahl, besonders die der Deutschen, erheblich vergrößert.
Nach einer Meldung aus Bremen ging der „Weserztg." von einer Shanghaier Firma ein Telegramm zu, laut welchem das G e s ch ä f t im Norden Chinas st i l l steht, die Lage in Tientsin und Peking als sehr ernst, in Shanghai und im Jangtse-Flußgebiet als nicht bedrohlich für die Banken erklärt wird. Die Sicherheit der chinesischen Anleihen sei nicht gefährdet.
Inzwischen ist, wie Reuter aus Shanghai meldet, das dortige Konsularkorps am 21. zu einer Beratung über die Lage zusammengetreten. Man war der Ansicht, daß das Fehlen von Nachrichten aus Peking von übler Vorbedeutung sei, und stellte fest, daß das Darniederliegen des Handelsverkehrs 20000 Kuliarbeiter brotlos mache. Die Konsuln beschlossen, den Doyen der Konsuln in Tschifu telegraphisch zu ersuchen, sich mit den dienstältesten Seeoffizieren in Taku wegen sofortiger Unterstützung in Verbindung zu setzen. Die Konsuln glauben, daß man eine direkte Verbindung mit Peking schaffen könne, und haben (b,en chinesischen Eisenbahndirektor Scheng um bezügliche Mitteilungen ersucht. Daß es binnen 14 Tagen nicht möglich gewesen ist, von Taku mit dem nur 127 Kilometer entfernten Peking Fühlung zu nehmen, und daß selbst die Verbindung mit Tientsin (50 Kilometer) verloren gehen konnte, sind Zeichen, wie bedenklich die Lage nach wie vor ist. Inzwischen wird hoffentlich eine schnelle Dampferpoft zwischen Taku und Tientsin eingerichtet worden sein. Ein Schiff, das 15 Seemeilen in der Stunde zurücklegt, würde für die Strecke 17 Stunden gebrauchen.
Aus den übrigen Teilen Chinas lauten die Nachrichten beruhigender. Dem alten Lihungtschang dürften die Bitten der fremden Konsuln, in Kanton zu bleiben, sehr gelegen gekommen sein. Er soll ihnen bekanntlich nachgegeben und sich entschlossen haben, dem Befehl der Kaiserin, nach Peking zu kommen, nicht Folge zu leisten. Der Vorwand wird ihm um so willkommener sein, als auch er kaum im stände sein dürfte, die von den Mandschu in Peking verfahrene Karre wieder ins Geleise zu bringen, und er deshalb von seiner Vermittelungsmission am Ende doch nur Undank geerntet hätte. So lange Li in Kanton ist, darf man vertrauen, daß dort im Süd- westen die Ruhe nicht ernstlich gestört wird. Dasselbe gilt von den Vizekönigen am Yanatse; so lange Liukunyi üt Nanking und Tschanschitung in Hankau den Willen dazu haben, wird die Ordnung dort erhalten bleiben. Auch dem Vizekönige von Szetschuan, Kuei, einem Mandschu, soll es gelungen sein, den Aufruhr niederzuschlagen, und die energischen Vorstellungen der französischen Regierung werden sich vermutlich auch bald in Yünnan bemerklich wack-eu. In Shanghai, dem größten Vertragshafen, soll keinerlei Gefahr drohen; wie Reuter meldet, sind die britischen Marinemannschaften, die in W u s u n g, dem Seehafen Shanghais, zum Schutz der Telegraphenstation an Land gegangen waren, nach Shanghai zurückgekehrt. Die Missionare der großen amerikanischen Station in Tung- tschou, dem Flußhafeii Pekings, die in den ersten Tagen des Aufruhrs zerstört wurde, weilen wohlbehalten in Weihaiwei.
Die „Central News" meldet aus Hongkong von Donnerstag nacht: Es verlautet, daß eine Rebellion in Samchueii, der an Kaulung angrenzenden Provinz, ausgebrochen sei. Man glaubt aber, daß die Rebellen keine Boxer, sondern Mitglieder einer chinesischen Handelsgesellschaft sind. — Wie Man aus Wiesbaden meldet, wurde beim Aufstand in China der Ober- i n g e n i e u r der Bahnlinie Peking-Hankow, Otto O s s e n t ermordet.
Ein am 19. d. M. über Shanghai an die Brüsseler Verwaltung der Eisenbahn Peking-Hankow gelangtes Telegramm aus letzterem Orte besagt, daß die Arbeiten auf dem südlichen Teile der Strecke, also nördlich von Hankow, ruhig fortdauerten. Seit mehr als einer Woche sind in Brüssel feine anderen Nachrichten über die in China befindlichen Belgier eingegangen.
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lieber das Gefecht bei Taku meldet noch das Schiff Lady, das aus Taku in Shanghai eingetroffen ist, folgendes: Das Ultimatum der vereinigten Flottensuhrer an die Kommandanten der Forts besagte, wenn die Forts nicht bis Mitternacht des 16. Juni kapitulierten, würde am 17. Juni um 2 Uhr das Bonkbardement beginnen. Die fremden Schiffsoffiziere suchten um Mitternacht den chinesischen General auf und fragten ihn, was er zu thun gedenke. Der General erwiderte, er wolle den Kampf aufnehmen. Um 1 Uhr eröffneten die Chinesen das Feuer.
Der erste Schuß ging durch das Takelwerk der englischen Korvette Alaerine. Englische Einwohner von Tientsin und Taku befanden sich an Bord des amerikanischen Kriegsschiffes Monocacy, das getroffen wurde, ohne daß jedoch erheblicher Schaden angerichtet worden wäre. — „Daily. Expreß" meldet aus Shanghai: Der britische Zerstörer Whiting erhielt von Taku eine Granate zwischen die Kessel. Dieselbe explodierte nicht. Der Schaden wurde ausgebessert und Whiting ist glücklich in Wei-hai-wei angekommen mit der unkrepierten Granate in seinem Raum. Dem deutschen „Iltis" wurde der Schornstein zertrümmert und das Schiff über und über mit Schnellfeuergeschossen überschüttet. Die russischen Kanonenboote Gilyak und ftoreje& wurden von den Chinesen speziell aufs Korn genommen. Die Schiffe erwiderten das Feuer erfolgreich — Nach einer Dalziel-Meldung aus Shanghai soll der Kommandeur des deutschen Kanonenbootes Iltis den Wunden, die er beim Kampf gegen die Takuforts erhalten hat, erlegen sein. Daß Kapitän La ns sich im Gegenteil wohl befindet, beweist ein von ihm nach Wesel gerichtetes Telegramm, vom 21. d. M. Es scheint, daß nicht die Munitionskammer das Kanonenboots Korejez aufflog, sondern daß das Kanonenboot durch einen glücklichen Schuß ein großes chinesisches Pulvermagazin xines Forts auf* sprengte. Das in der Nachbarschaft der Küste während derMnonade gesunkene 'Schiff lvav der Frachtdampfer einer chinesischen Gesellschaft, dessen Kapitän, ein Engländer, den Tod sand. Von den großen Schiffen nahm nur das britische Schlachtschiff erster Klasse Centurion über die Kanonenboote hinweg an der Beschießung teil. Die britische Schaluppe Algerine lag im Kreuzfeuer zweier Forts und entging dem Verderben nur durch Versagen der feindlichen Scheinwerfer.
Inzwischen fährt die chinesische Presse Shanghais unentwegt fort, allerlei wilde Gerüchte über die Vorgänge in Peking in die Welt zu setzen, einige davon verzeichnet die „Times". Sv wird dort behauptet, in der Maiidschupartei seien ernste Zwistigkeiten auGgebrochen, und im Paläste zu Peking herrsche Verwirrung. Die Kaiserin-Regentin schicke sich au, zu fliehen. Prinz Tuanshutung und Kangyi seien entschiedene Widersacher Yunglus und der Gemäßigten, die dem Throne raten, die fremden Mächte zu versöhnen.
Kieler Marinekreise behaupten, der deutsche Kreuzer „Hansa" bohrte in den chinesischen Gewässern ein chinesisches Schiff in den Grund und kaperte ein anderes. 50 Chinesen sollen getötet und 70 verwundet worden sein.
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Aus Kiel wird geschrieben: Die augenblickliche Lage erinnert an die aufregenden Tage in Kiel nach der Besetzung von Kiautschou. Unkontrollierbare Meldungen über die Entsendung einer Reihe von Kriegsschiffen wurdeu verbreitet, in den Kasernements herrschte eine aufreibende Thätigkeit. Wahrheit und Dichtung waren kaum zu unterscheiden. So geht es jetzt wiederum. Heute heißt es, daß mehrere im Auslande stationierte Kreuzer Segelordre nach China erhalten haben; bis zur Stunde sind jedoch keine Entscheidungen getroffen. Die Ausrüstungsarbeiten auf Fürst Bismarck und Luchs werden mit regstem Eifer fortgesetzt. Man beabsichtigt, einen Teil der in der Heimat noch verfügbaren Kreuzer in Seebereitschaft zu setzen und nach China zu entsenden. Außer den veralteten sog. Panzerkreuzern König Wilhelm, Kaiser und Deutschland liegen in Kiel, Danzig und Wilhelmshaven die großen Kreuzen Kreya und Viktoria Luise, die kleinen Kreuzer Prinzeß Wilhelm, Oberber, Bussard, Gazelle, bfe veralteten Arcona und Alexanorine, sowie eine Anzahl wenig geeigneter ehemaliger Avisos. Welche und wie viele dieser Schiffe ins Ausland gehen, dürste in den nächsten Tagen bestimmt werden. Die Indienststellung der Neubauten Niobe und Nymphe wird beschleunigt. Anläßlich des Schich'als des neuen Iltis vor Taku, dem der Kaiser eingedenk des' tragischen Untergangs des alten Iltis und seiner heldenmütigen Besatzung ein lebhaftes Interesse seit Anbeginn, entgegenbrachte, sei folgende Erinnerung aufgefrischt. Der Monarch beauftragte seine drei ältesten Söhne kurz vor der Abfahrt des Iltis, dem Kanonenboot und dessen Mannschaft in seinem Namen einen Besuch abzustatten. Er telegraphierte dem Kommandanten, Korvettenkapitän Lans, als der Iltis abn 6. Februar 1899 nach China abging: „Jchj wiederhole den Abschiedsgruß, den ich durch den Besuch meiner drei ältesten Söhne an Bord meines Schiffes Iltis seiner Besatzung zum Ausdruck bringen wollte, und hoffe, daß diese dem klangvollen Namen Iltis Ehre machen wird". „Wir werden", antwortete Kapitän Lans, „eingedenk der hohen Verpflichtung, die uns der Name Iltis auferlegt, die Abschiedsworte unseres kaiserlichen Kriegsherren als einen Segensspruch mit auf die Reise nehmen mit dem Gedanken, nicht schlechter sein zu wollen, als die Besatzung des ttlten Iltis". Kommandant und Mannschaft haben, ihr Wort nach deutscher Art gehalten. Der zur FührunL beider Seebataillone ausersehene Inspekteur der Marine-


