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24.6.1900 Drittes Blatt
 
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srr. 145 Drittes Blatt.Sonntag den 24. Juni

1900

Heneral-^Unzeiger

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Mer.

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D. Krauase.

Entrie 30 Pfg,

Berliner Aries.

(Plaudereien aus der Kaiserstadt.) (Nachdruck verboten.)

Berliner Erziehungsfrüchte. Eine Schulaffaire.

StleiszSge durch die Pariser Wkstaussttüllug.

Bon PaulLindenberg.

(Nachdruck verboten.)

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FraUreich in den Palästen der Invaliden. Esplanade. Der sttirfmarkt des franzöfischen Kunstgewerbes. Kirchliche und Wortfitu Kunst. Wohnungseinrichtungen. Jahrhundert- Rückblicke. Erinnerungen au den ersten Napoleon. Bronzen md Goldschmiede Sachen. Einzelne Sammlungen. DaS ßttmreich der Diamanten. Allerhand Uhren. Die kleinsten

Bucher. Godelin-Ausstellung. Idyllische Winkel.

In den rechter Hand gelegenen Palästen der Jnva- liden-Esplanade tummeln wir uns meist auf internatio- nakun Gebiet umher, jene links liegenden sind ausschließ­lich Frankreich gewidmet und zwar den dekorativen Künsten, der Wohnungseinrichtungen, den verschiedenen Zweigen des Kunstgewerbes. Bekannt ist ja, was gerade in dieser Hins icht Frankreich und namentlich Paris leistet, aber an dielen Stellen werden die weitgespannten Erwartungen doch noch übertroffen, hier feiert ein seit Jahrhunderten, aasestebilheter Geschmack, eine seit ebenso langer Zeit emsig geübte Technik ihre höchsten Triumphe, und mit der Freude, dl das Schöne ju.nb Herrliche zu sehen, verbindet sich, die Bewunderung über den Reichtum des Kunstgewerbes und den Reichtum des Landes, welches dieses .Kunstgewerbo jo zu hätscheln, so zu pflegen, so zu beschäftigen vermag, Ivie es in Frankreich noch immer der Fall ist.

Nicht daß wir gerade viel neues sehen, denn dieses von so vielen politischen Umwälzungen heimgesuchte und sonst- die Abwechslung so liebende Land ist ja in anderen. Begehungen das konservativste der Welt, aber was uns in i 0 überraschender Fülle geboten wird, ist fast alles! erfrrn Ranges und verdient die größte Anerkennung, bifriige, minderwertige Sachen fehlen gänzlich. Kein Wun­der' wer Gelegenheit hatte, sich in Frankreich urnzu- [djauien, weiß, daß selbst der wohlhabende Mittelstand weit iveniiger behaglich und freundlich eingerichtet ist, als bei uns die ärmeren Kreise, der Durchschnitts-Franzose giebt mkhr auf ein zinstragendes Papier, wie auf ein gemüt- Mcs Heim; in den wirklich begüterten und reichen Stän­de aber findet man einen desto größeren Luxus in den 'Lohmstätten, wobei auf Vornehmheit, auf Gediegenheit ge- sthem wird nach Gipsfiguren, nach Buntdruckbildern, Brü sseler Teppichen, nach Gegenständen aus unächtem Por- rcllan, aus Zinkguß und Alfenide wird man vergeblich Umschau halten. Richt daß unser Kunstgewerbe heute etwa nicht das Gleiche und zu denselben Preisen zu leisten ver­mochte, wie das französische, nein, denn daß es dazu im siande ist, haben wir ja in den fremden Abteilungen ge- jehen, aber um seine volle Leistungsfähigkeit entfalten, um mit dem französischen würdig wetteifern zu können, bam fehlt ihm noch immer die genügende Unterstützung jener Klassen, welche die Mittel dazu haben, aber nicht beit Trieb, sie geeignet zu verwenden!

Auf den Inhalt dieser linksseitigen Paläste deutet schon der monumentale Haupteingang hin, dessen Balkon von Karyatiden getragen wird, während in der hochbogigen Eintrittshalle Statuen und Brunnen aufgestellt sind und schwere Vorhänge zu beiden Seiten der breiten, zum oberen Stockwerk führenden Treppe herabfallen. Links öffnet sich der Zugang zur Abteilung der kirchlichen ttunft mit zahl­reichen, mehr oder minder sorgsam ausgeführten Kruzi­fixen, mit Altären, deren Marmor-Reliefs Szenen aus ber Heilandsgeschichte darstellen, mit kunstvoll geschnitzten höl­zernen Kanzeln, mit Heiligenfiguren und schließlich mit einer sehr wirksamen, die ganze Schmalseite eines Saales, einnehmenden plastischen Gruppe, deren Einzelgestalten in Lebensgröße gehalten sind: Christus, von römischen Sol­daten vor Pilatus geführt, gelästert von den durch die Legionäre zurückgedrängten Juden das Ganze von großer, bewegender Lebenswahrheit. Mebr nach rechts öffnen sich in langer Flucht die lichten und freundlichen Räume, in denen wir zunächst auf all das stoßen, was zur kunstvolleren Einrichtung der Häuser und Wohnungen ver­wandt wird, von den farbigen Mosaikböden der Flure, von Tapeten an bis zu schmiedeeisernen Zierraten der Dächer und mächtigen dekorativen Kaminen mit Holz- und Mar- Mor-Gruppen als Krönung; an den Figuren der Jungfrau von Orleans in allen nur möglichen Metallen fehlt es ebenso wenig wie an Zimmer- und Gartenbrunnen, arv gewaltigen Portalen, an Vasen, Kronenleuchtern rc. in mannigfachster Gestaltung.

Von echt künstlerischem Reiz sind die oft von Meister­hand (so von Puvis de Chavanne) stammenden Entwürfe zu malerischen Darstellungen bestimmter Erzeugnisse, u. a. des Cidre, des Benediktiner-Likörs, und gleich Gemälden wirken viele der wandbreiten, meist aufgespannten Teppiche, wie Gobelins mit auffallend zahlreichen graziösen Szenen aus der Maintenon- und Watteauzeit, lockere Idyllen des Versailler Hoflebens veranschaulichend. Stoffe darunter wundervolle Brokate, Seiden und Damaste, ein Meter bis zu 3400 Franks, die zu Tapeten und Dekorations­zwecken, wie zur Bekleidung von Sitzmöbeln dienen, Leder­tapeten, Stickereien rc., dann eine sehr stark beschickte Ab­teilung des Beleuchtungswesens mit häufiger Verwendung der Stilmuster Ludwigs XIV. und XV. leiten allmälig zu den Möbeln und ganzen Zimmer- wie Wohnungseinricht­ungen über, die zum Teil auch im oberen Geschoß Auf­nahme gefunden.

Welch ein Genuß, langsam diese Säle zu durchwandern und vor den einzelnen Kojen in freudiger Betrachtung zu verweilen! Hier vor diesem hellgelb getönten Schlafgemach mit dem Bett aus Rosenholz, über dessen Kopfende sich Ranken mit elektrischen Flämmchen hinziehen und sich etn von goldenen Libellen gehaltener gelbseidener Baldachin spannt, dem mit dem Fuß des Bettes in eins verbundenen Divan, sowie mit dem breiten Spiegel-Garderobenschrank, der von Guirlanden mit Uhr und elektrischen Lichtchen um­rahmt ist Preis 12 000 Franks. Oder vor jenem wkette- sten crller japanischen Salons mit den bestickten Seiden-

Der Berliner ist gewöhnt, bei irgend welchen Mltaen Verbrechen ziemlich genau nachzuforschen, was suv nn Lnndsmann der Sündenbock gerade ist, um den es i BL handelt, und in allen den Fällen, wo der Betreffende lut der Provinz stammt, ein Ostpreuße tst oder ein Rhem- Kitder und wenn sich Pas auch blos auf die zwei oder dret mttn Jahre seines Erdendaseins bezieht, mtt phartsaer- raftter Genugthuung auszurufen: Ta habt ^hrs wieder .n-mal nicht wir wirklichen, echten Berliner sind es, die bis Material für alle die Schändlichketten liefern, wir iaib viel zu gut gewöhnt, viel zu sorgfältig erzogen; dtej «oinz, der Osten und Westen bringt uns die schlimmen die unsere schöne Stadt in «erruf bringen; der

tapeten und den phantastisch geschnitzten Möbeln, dem be­nachbart ein orientalisches Zimmer mit farbenfrohen Tep­pichen, Vorhängen und reichstem Waffen-Wandschmuck liegt. Was jener Schlafraum kostet mit den zierlichen Möbeln in Goldbronze und dem gewaltigen, aus gleichem Material gefertigten Bett, dessen Seiten bedeckt sind mit flachen Reliefdarstellungen der Spiele übermütiger Rajaden, wagt man gar nicht zu fragen, nachdem man gehört hat, daß eine Schreibzimmereinrichtung nebenan im prunkvollsten Stil Ludwigs XIV. mit allerdings fürstlich zu bezeichnenden acht Gegenständen, die aus Cedernholz mit Einlagen und den kunstvollsten Bronzezierraten gefertigt sind, 400 000 Franks kostet.

Das Vornehmste in vollständigen Wohnungseinricht­ungen stellen die großen Pariser Bazare aus, so der Louvre" u. a. einen Speiseraum, der auf der Veranda einer Villa am Mittelländischen Meere gedacht ist und durch eine geschickte, gut gemalte, rückwärts beleuchtete Kulissen­wand die völlige Täuschung erweckt, als ob man hinaus­schaue auf den Zauber südlicher Natur; in derselben Weise ist auch eine Nische des anstoßenden, in gelber Seide mit echten weißen Spitzen dekorierten Schlafgemaches kulissen- artig ausgefüllt worden; man glaubt von dem Bette aus aus den sonnenbestrahlten Golf von Neapel mit dem Vesuv dahinter zu blicken. Ganz begreiflich der Ausruf eines neben mir stehenden reizenden Pariser Backfischchens:Ach, Mama, in dem Bette möchte ich mal krank sein!" Die, beiden MagazineBon Marchee" undPrintemps" haben sogar zwei zierliche Villen, die auf der Hofseite dieser Aus­stellungshallen errichtet wurden, mit einer ganzen Flucht von Zimmern aber nur für die oberen Tausende! ausgestattet in gewähltestem modernem Geschmack, und ebenso hat sich dieVereinigung der dekorativen Künstler" einen eigenen wunderhübschen Pavillon gebaut mit allem, was Kunst und Mode zur Ausschmückung der Wohnräume hervorzubringen vermögen.

Ein großartiger Reiz der diesmaligen Weltausstellung liegt darin, daß jede umfangreichere Abteilung eine rück­schauende Sonderausstellung besitzt, welche die im Laufe des letzten Jahrhunderts entstandenen besten und kenn­zeichnendsten Werke der betreffenden Gruppe enthält und uns vertraut macht mit den Wandlungen des Schönheits­sinnes und den Entwickelungen der verschiedenen Stilricht­ungen. Auch in der Gallerie der Möbel finden wir ein derartiges, äußerst sorgfältig zusammengestelltes Museum, aus sechs Salons bestehend, die teils in Originalen, teils in getreuen Nachbildungen die Wohnungseinrichtungen von Ludwig XVI. bis zum zweiten Kaiserreich verkörpern, mit Möbeln, Kunstgegenständen, Tapeten, Beleuchtungen rc. Am! meisten interessiert auch hier wieder der Wohnraum des ersten Napoleon, dessen gewaltiger Schatten seit einiger Zeit sich mächtiger und mächtiger in Frankreich aufreckt und manches bängliche Gemüt mit Sorgen erfüllt; dor- unter seinem ihn im Krönungsornat darstellenden Oel- Gemälde von David, sehen wir seinen mit verschossenem, lichtblauem Sammet bespannten, mit Bronzeverzierungen.

geschlagen werden! Die Schule ist bei diesen sich häufenden trüben Erfahrungen noch lange nicht streng genug! Und wehe den einsichtslosen Thoren, die voll Gier aus einem schlimmen Zufall, wie dem in Schöneberg, Kapital schlagen, um dem Stande bie' Hände zu binden, der allein noch vermag, die überhand nehmende Verrohung und Verwilderung unserer Jugend einzubämmen! Herzlich schlecht sieht es in Berlin auf, diesem Gebiete so wie so schon aus, und zwar wegen des üppig blühenden Privatschulwesens, in dem die Lehrkräfte vielfach zum Spielball der schlimmsten Rangen werden. Denn der arme Pädagoge, der hier angestellt ist, die be­dauernswerte Lehrerin, die an einer Privatschule endlich! ein Unterkommen gefunden hat, das ihr eine,, wenn auch kümmerliche Existenz gewährt: sie müssen ängstlich darauf bedacht sein, jeden Konflikt mit den theuren und kost­baren Zöglingen zu vermeiden, damit dem Direktor nicht! das Unheil begegnet, beim Quartalswechsel diesen oder jenen wackeren Schulgeldzahler zu verlieren. Was aus diesem Grunde alles an Ungezogenheiten, Bosheiten und Niederträchtigkeiten mit zähneknirschender Nachsicht und seufzender Güte eingesteckt wird, ist endlos. Der von den verhätschelten Rangen mit Wonne mißhandelte Lehrer weiß eben ganz genau, daß der Direktor in hundert Fällen lieber eine andere Lehrkraft engagiert, ehe er einem Zögling die Thür weist. Geld bleibt Geld! Welche Früchte diese Ar­ber Erziehung schließlich zeitigt, sieht man an all oen Verhanolungen ber Gerichte, in betten Lehrlingssundett jeber Art gestraft werben müssen, erkennt man m den typisch gewordenen Fällen, wo bekümmerte Eltern dte plötz­lich verschwundene Tochter wieder zu erlangen suchen, und in hundert ajiberen Anzeichen, benen ein tyube£, erbarm» unigslosesZu spät" als Signatur aufgedruckt ist . . .Es wirb Zeit, daß man hier an dte Umkehr denkt. Weit genug ist es wirklich gekommen. R.

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W. Dreher.

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' Berliner an und für sich, der eingeborene, m Spre^ust ' : gro|B Gewordene, ist zehnmal besser, als all das Volk,

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in Wirklichkeit zu jein!" Hausig genug hat er ckiecht, und mt Behagen packt der wackere Spree^lthener so einen ' ; ? 9 großstädtischer Laster und Vergehen den Provinzen V rz die Vorfälle der letzten Monate haben doch

Qur'- s 5516 hip mancherlei Einflüsse des Berliner Lebens as tieräbt9wurÄ/Lskrt^iu -Leckendes9Bei- feejS

hi? llirthat durch geistige Minderwertigkeit zu erklären, bi? Lektüre von Räuber- und Indianer-Geschichten ins

Treffen zu führen, es bleibt eben doch bestehen: die haupt­städtische Jugend ist infolge der ungenügenden Kontrolle, die sich in tausend Fällen über sie ausüben läßt, durch­schnittlich schlechter, leichtsinniger und verstockter als das junge Volk auf dem Lande und in den kleinen Städten.

Geradezu erlösend wirkte im Angesicht der letzten ab­scheulichen Blutthat der Freispruch in der Schöne­berger Schul-Affaire. Der Lehrer Richard, der das Unglück gehabt hatte, einen Knaben etwas derber zu züchtigen, als die von Jahr zu Jahr immer peinlicher werdenden Vorschriften es gestatten, und für den im Laufe der übernächsten Woch^ eintretenben zufälligen Tob beä Gezüchteten verantwortlich gemacht zu werben, ist durch die jahrelangen Angriffe, bie er infolge bieses traurigen, Unglücksfalles hat erteiben müssen, ein vielgehaßter und schwer verfolgter Mensch geworden, und es wird trotz des Entscheides einsichtsvoller Richter noch immer eine große. Menge Menschen geben, die auch fernerhin an diesem Opfer seines Berufs ihre Zeterkünste üben und dabei dem ganzen Stande mit dem undankbaren und schwierigeu Amte eins atuswischen! __

Ach, und wie nötig eine strenge, unnachnchtige Dis­ziplin gerade in der Großstadt ist, lehren tagtäglich tau^enb Beispiele. Man sehe nur abends die kaum der Schule ent­wachsenen Bürschchen umherslanieren, jedemnoblen" Lallter mit mehr oder weniger starker, aber immer im Bunebmen begriffener Routine fröhnen; man kontrolliere einmal das Publikum der großen, paschuliduftenden Ball- lokale, man betrachte die Spätlinge der Nachtcafees, in denen das geschminkte Laster ihr Unwesen treibt, man gehe in die blödsinnigenBars", in denen großstädtisch« Blasiertheit und jugendlich kecke Lüsternheit ein so selt­sames Gemisch von Besuchern hervorbringen, und man | wird entsetzt fein, wie schnell alle die ernsten Warnungen und herzlich gutgemeinten Lehren der Schule in den Wind I