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24.1.1900 Zweites Blatt
 
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1900

Zweites Blatt

Amt und Anzeigeblatt für den Tlrei» Gieren

Mittwoch den 24. Januar

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tebeltien, Expedition und Druckerei:

Kchutstraße Ar. 7.

abgeschafft werden müßten. Es sei unerhört, daß die Ar­beiterschaft nicht organisiert werden könne. In der ganzen Vorlage komme die Verbeugung vor dem Zentralverbande deutscher Industrieller zum Ausdruck.

Staatssekretär Gras Posadowsky äußert seine Ge- nuathuung darüber, daß anerkannt werde, welche Fort- chritte die Vorlage enthalte. Dem Abg. Stadthagen, der wünsche, daß dem Arbeiter sein volles Privatrecht zugut komme, dem Unternehmer aber nicht, indem dieser auch ohne jedes Verschulden zahlen solle, wolle er, Redner, erwidern, darauf werde weder die Regierung, noch, wie er glaube, die Mehrheit des Reichstages eingehen. Wenn man wünsche, daß die Unfallfürsorge für Gefangene den betreffenden Unternehmern aufgebürdet werde, so solle man doch bedenken, daß dann die Unternehmer einfach die Löhne an die Gefangenen entsprechend herabsetzen wurden. Auf eine anderweite Regelung der Karenzzeit bitte er dringend, hier zu verzichten und die Sozialdemokraten er­suche er, die Verabschiedung dieses Gesetzes nicht zu sehr zu erschweren. w ,

Das Haus vertagt alsdann, die Weiterberatung auf morgen 1 Uhr. Schluß 6 Uhr 15 Min.

Gratisbeilagen: Gießener "Familienblätter, Der hessische Landwirt, Mittler für hesslsche Volkskunde.__________________

Adrefse für Depeschen: Anzeiger Hieße«.

Fernsprecher Nr. 51.

* Vorn Kriegsschauplatz.

Es ist unmöglich ein vollständig genaues Bild von den Operationen

nördlich des Tugelaflufses

zu entwerfen, da die in den vorliegenden Telegrammen angegebenen Ortsbezeichnungen auf den Karten fast ohne Ausnahme nicht zu finden sind. So viel aber läßt sich sagen, daß die beiderseitigen Streitkräfte an verschiedenen Punkten schon hart aneinander geraten sind und daß am Sonnabend den ganzen Tag über schwer gekämpft worden ist, ohne daß es den Engländern gelungen wäre, eine der 5>auptpositionen der Buren zu nehmen, ja nach der Privat-Meldung aus Londoner Kreisen war General Warren von Alton Homes nach Süden auf das nördliche Ufer des Tugela zurückgeworfen worden. General Warren hat die Aufgabe, mit dem linken englischen Flügel den rechten der Buren via Alton Homes zu umgehen, während der rechte Flügel der Engländer (General Lyttle- ton) die Potgieters (Wagon) Drift zu decken hat und das Zentrum zum Vorstoß direkt auf Ladysmith beordert ist. Bis jetzt scheint nur Warren, unterstützt durch General Clery, und eine die Buren vor Potgieters-Drift in Schach haltende Bewegung Lyttleton's im Feuer gestanden zu haben. Er hateinen Bergrücken nach dem andern ge­nommen", diewichtigste Position liegt aber noch vor ihnen". Die Verluste der Engländerr sind be­reits bedeutende. Am Venterspruit (südlich von Alton Homes) verlor Warren nach amtlicher Angabe 290 Verwundete (darunter 11 Offiziere), Lyttleton ^bei seiner Rekognoszierung an der Potgieters Drift 16 Tote, Ver­wundete und Vermißte, das sind zusammen 306, wobei Warrens Tote noch nicht mitgerechnet sind, da ihre Zahl noch nicht feststeht. Wenn General Buller telegraphiert, bis Sonnabend abend sechseinhalb Uhr seienetwa 100 Verwundete" nach Spearmans Lager gebracht worden, so ist das natürlich keine abschließende Angabe. Haben die Engländer aber schon beim ersten Ansturm, beim Angriff aus die vorgeschobenen Positionen Schalk Burgher's so empfindlich gelitten, was mag ihnen erst bevorstehen, wenn ihre Kavallerie und Infanterie gegen die eigentlichen Ver­teidigungszentren der Buren vorgehen werden'.

Zweifellos ist die Lage der vereinigten Republikaner keine besonders beneidenswerte, da sie nicht nur dem Ent­satzheer Bullers entgegenzutreten, sondern auch gegen Eo- lenso auf der Wacht stehen, die nach dem Orangestaat führenden Pässe besetzt halten und die Cernierung und Beschießung von Ladysmith aufrecht erhalten müssen. Wenn General White gehofft hatte, schon durch den An­marsch Bullers Luft zu bekommen, so hat er sich getauscht, die Buren sind weit entfernt davon, den Gürtel um ein paar Löcher weiter zu schnallen, vielmehr haben sie neues Geschütz aufgefahren und bombardieren Lager und Stadt energischer denn je. Es bleibt ihnen auch nichts anderes übrig, wenn sie nicht riskieren wollen, daß die Besatzung im kritischsten Moment einen Ausfall macht und den gegen das englische Entsatzheer Kämpfenden vernichtend in den Rücken fällt. Rach einer Meldung aus Bullers Lager ver­lautet, daß die Buren fast ihre gesummten Streitkräfte im nördlichen Natal in Stärke von 48 000 Mann zwischen Bullers Truppen und Ladysmith zusammengezogen haben. Ob sie dort über so viele Leute verfügen, erscheint uns zweifelhaft, aber es ist sehr wahrscheinlich, daß ein Teil der Truppen Cronje's vom Modder-River und anderen Teilen des Kriegsschauplatzes herangezogen worden ist, so daß Joubert dem englischen Heerführer am Tugela mög­licherweise überlegen ist.

Auch am Sonntag hat, wie uns ein soeben ein­gelangter Bericht meldet, der Kampf zwischen Warren und dem rechten Burenflügel weiter getobt. Man meldet aus:

Keß euer Anzeiger

Henerat-Anzeiger

London, 22. Januar. Aus Durban wird uns Montagnacht berichtet: General Warren erneuerte, ver­stärkt durch die Brigade Hart und Artillerie, am Sonntag den Angriff, der den ganzen Tag über wahrte. Die vordersten Schützenlinien wurden von den ihn halbkreis­förmig umklammernden rech en Burenflügel abgeschlagen. Warren kampierte nachts in verdeckter Stellung vor dem Feinde, um heute den Angriff zu erneuern.

In der Hauptsache wird unsere Meldung durch das folgende Telegramm bestätigt:

London, 22. Januar. Eine Depesche des Generals Buller aus Spearmans Kamp vom 21. d. Mts. besagt: Warren war den ganzen Tag im Gefecht, besonders auf dem linken Flügel, den er zweimal vorwärts warf. Das Terrain ist sehr schwierig, und da sich das Gefecht stets bergan entwickelt, so ist es schwer, genau zu sagen, wie viel wir an Boden gewinnen, doch glaube (!) ich, daß wir thatsächlich Fortschritte machen werden.

Das klingt schon recht kleinlaut. Jedenfalls vermag Bullers Armee, wie ein englischer Korrespondent sagt, sich nur langsam tastend" vorwärts zu schieben. Auch bei den Kämpfen am Sonntag werden die Engländer nicht un­erheblichen Abgang an Toten und Verwundeten zu ver­zeichnen gehabt haben. Noch schweigt darüber der Telegraph.

Aus London, 20. Januar

wird noch geschrieben: Eine Meldung aus Durban klärt uns über die Konfusion in den ersten Nachrichten General Bullers von der Front auf; der englische Oberstkomman­dierende hat vorsichtshalber den englischen, und besonders den ausländischen Spezialkorrespondenten, überhaupt die Erlaubnis verweigert, mit an die Front zu kommen und dieselben angewiesen, stach Pietermaritzburg resp. Durban zurückzukehren. Auch in Frere und Chieveley wird keiner von ihnen geduldet. Bei General Buller befinden sich nur zwei Korrespondenten und zwar auch nicht als solche, sondern in ihrer Eigenschaft als Offfziere der Natalfrei­willigen. Diese bedienen dieTimes of Natal" und ein Durbaner Blatt und sind als Offiziere natürlich sozusagen einer doppelten Zensur unterworfen resp. angehalten, absolut nur im Sinne des englischen Kommandos zu berichten. Die Korrespondenten der europäischen und amerikanischen Blätter sind darauf reduziert, aus diesen Quellen zu schöpfen und dieselben bestenfalls durch nach Pietermaritz­burg resp. Durban auf anderen Wegen, d. h. durch Eisen­bahnwärter, Trainknechte, Kafiernläufer u. s. w. gelangende Gerüchte oder mindestens nicht kontrollierbare Meldungen zu ergänzen. Das erklärt zur Genüge die Einseitigkeit der in den letzten Tagen eingegangenen Meldungen auf der einen Seite, die alle auf dieselbe Quelle deuteten, sowie andererseits den unglaublichen Wirrwarr und die schreiendsten Widersprüche derselben unter sich. Dazu kommen dann noch die freiwilligen Zuthaten und die Ausschmückung der Londoner Jingo- und Sensationspresse, sowie die Streich­ungen der Zensur, die ihrerseits allein genügen, um eine Meldung ganz oder halb unverständlich zu machen, oder dieselbe geradezu in ihr Gegenteiizu verkehren. Wir sind soweit gekommen, daß man ehrlicher Weise sagen muß: Absoluten Glauben darf man gar keiner, auch nicht den Meldungen der eigenen Korrespondenten, entgegenbringen, denn die Zensur macht stets selbst aus den letzteren was sie will."

Seitdem Lord Roberts, oder besser gesagt, Lord Kit- chener (denn dieser ist der wirkliche Urheber des Befehls) eine noch strengere Quarantäne über die Vertreter der Presse in Südafrika verhängt hat, wird es den dort maß­gebenden Faktoren noch mehr und noch länger als bisher gelingen, die thatsächlichen Ereignisse in der von ihnen selbst gewollten Beleuchtung erscheinen zu lassen, und die Aufgabe einer unparteiischen und ehrlichen Berichterstat­tung wird noch schwieriger, undankbarer und mühseliger werden, als. sie es bisher schon gewesen.

General Warren, welchen einige Uebereisrige be­reits vorgestern die rechte Flanke der Buren umgehen ließen, befand sich am 18. abends noch, wie der Korrespon­dent derTimes" konstatiert, drei Kilometer vom Tugela entfernt, und hatte vor sich die über zehn Kilometer im Westen, Norden und Osten sich ausdehnende befestigte Stel­lung des Feindes, welche aus drei hinter e i n a n d e r- lieqenden Verteidigungslinien besteht, deren dritte die höchsten K o p j e s u m f a ß t, von denen aus General Joubert mit Schalk Burgher, Lueas Meyev und Viljone nicht nur den Thalweg beherrscht, m welchem General Buller sich engagiert hat, sondern auch sämtliche nach Ladysmith von Süden führende Straßen. Der Korre­spondent derTimes" selbst bestätigt dies mit dem AM- fügen, die Stellung des Feindes sei mehrere englische Meilen tief. Rechts voii General Warren halt General

»«nähme von Anzeigen zu der nachmittags für den felgenbfn Tag erscheinenden Nummer bis vorm. 10 Uhr. Abbestellungen spätestens abends vorher.

Deutscher Reichstag.

182. Sitzung vom 22. Januar. 1 Uhr.

Bei sehr schwach besetztem Hause wird in die erste Beratung der Unfall-Versicherungsgesetze eingetreten.

Abg. Trimborn (Zentr.) drückt feine Genugthuung darüber aus, daß bei diesen Reformgesetzen die früheren Kommissionsbeschlüsse berücksichtigt worden seien. Nament­lich sei es erfreulich, daß die Bau-Unfall-Versicherung auf sämtliche bei Bauten thätige Handwerker erstreckt werde. Daß im übrigen das Handwerk nicht einbezogen sei, werde von seinen Freunden gebilligt, ebenso, daß andererseits häusliche Dienstleistungen der Versicherung unterworfen würden. Dankenswert sei auch die Erhöhung der Rente für die Kinder. Sehr erwünscht würde feinen Freunden die Erhöhung der Vollrente von zweidrittel auf dreiviertel des Arbeitsverdienstes sein. Ein fernerer Wunsch seiner Partei sei das Verlassen des berufsgenossenschaftlichen Systems zu Gunsten des territorialen. Dringend notwen­dig seien Vertrauensärzte für die Versicherten, bei denen diese sich unentgeltlich Rat holen könnten. Er, Redner, werde hierfür mit der Zähigkeit eines Buren kämpfen. (Heiterk.) In der Kommission werde man flott arbeiten müssen, da man nicht wissen könne, ob nicht wie der Blitz eine Auflösung komme, und die Erledigung dieser Vorlagen dadurch verzögert werde. z .

Abg. v. Richthofen (kous.) halt eine sorgsame Prü­fung der Vorlage für geboten, aber nicht vom Standpunkte der gewerblichen Arbeiter allein, sondern vom vaterländi­schen Standpunkte aus. Miit den neuen, für Unfall- und Invalidenversicherung gemeinsamen Schiedsgerichten sei seine Partei eiinverstanden, obwohl die territoriale Glie­derung der Schiedsgerichte namentlich den ländlichen Ar­beitern die Vertretung ihrer Interessen erschweren durste. Trotzdem stimmten seine Freunde zu, aber in der Er­wartung, daß auch die anderen Parteien der Vorlage bei­träten. t

Abg. Rösick e - Dessau (wildlib.) bedauert, dast sticht die bei der Invalidenversicherung geschaffene abgeschwächte Form des Unterbaues für die Unfallversicherung nutzbar gemacht werde. Das Verfahren werde hierdurch klarer für den Arbeiter, und das sei eine Hauptsache für denselben. Notwendig sei auch ,daß die Fristen für Einlegung der Berufung verlängert würden. Dem Verunglückten müsse mehr Zeit gelassen werden, sich zu entscheiden, ob er die Berufung einlegen wolle. Mit dem einheitlichen Schieds- aerichtswesen sei er einverstanden. Die Versicherunas- pflicht der Bauhandwerksbetriebe sei dankenswert. Aber solle nun auch der Tischler versicherungspslichtig und zwar dauernd sein, der nur gelegentlich einmal das Anschlägen von Fenstern auf einem Bau unternimmt? H^r werde man einen Ausweg suchen müssen Sehr zu empfehlen ei der Wunsch des Abg. Trimborst, daß den Berufungs- ^- nossenschaften schon nach zwei Jahren (statt fünf) mcht mehr gestattet sein solle, die Rente einseitig herabzusetzen.

Abg. Stadthagen (Soz.) meint, diese Vorlage sei weit davon entfernt, dem modernest Rechtsgedanken Gel­tung zu verschaffen. Nicht einmal die Vollrente werde den Arbeitern gewährt! Herr Trimborn habe ganz recht, wenn er sagt, daß die Berufungsgenossenschaften vor allem

Amtlich« Teil-

Bekanntmachung.

Betr.: Maul- und Klauenseuche. ,

Da die Maul und Klauenseuche noch immer in grotzerem Umfange herrscht, sehen wir uns veranlaßt, das Verbot deS Handels mit Klauenvieh im Umherziehen gemäß § 56 b der Reichsgewerbeordnung bis 28. Februar d. IS. zu verlängern. Zuwiderhandlungen unterliegen der Bestrafung nach § 147, Ziffer 7 a der Gew.-O.

Gießen, den 22. Januar 1900.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

v. Bechtold.___

Gießen, 20. Januar 1900.

Betr.: Die Einsendung der für die Landeswaisenanstalt zu erhebenden Kollekten und Büchsengelder.

DaS Großherzogliche Kreisamt Gießen

e* die Großh. Bürgermeistereien des Kreises.

Unter Hinweis auf unser Ausschreiben vom 10. Februar 1877 (Amtsblatt Nr. 3) empfehlen wir Ihnen, am 31. d.Mts. die unter Ihrem und eines Gemeinderatsmitgliedes Verschluß stehenden Waisenbüchsen zu öffnen und deren Inhalt bis längstens zum 31. März ds. Js. durch eine Kosten nicht verursachende Gelegenheit an uns abzuliefern.

v. Bechtold.

Nr. IS

Erscheint täglich mit Ausnahme des

MontagS.

Die Gießener Karnikieusttätter werden dem Anzeiger tm Wechsel mit »Hess. Landwirt" u. glätter Mr heff. Volkskunde" wLchtl. 4 mal beigelegt.