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150. Jahrgang
Freitag den 28. November
1900
Erstes Blatt
W. 375
Zlmts- und Anzergeblutt fiw den TLreis Gieren
Amtlicher Heil.
LUe Anzeigen-BermittlangSstellen M In« und LuSlanHeD nehmen Anzeigen für den Gießener Anzeiger entgqjou Zeilenpreis: lokal 12 Pfg., auswärts 20 Pfg.
WckoMtn, krpedition und Druckerei: fr^etfUafot Nr. 7.
Inatlmt von Anzeigen zu der nachmittags für de» iHmtzen Lag erscheinenden Nummer bis vorm. 10 Uhr. Abbestellungen spätestens abend- vorher.
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Fernsprecher Nr. 51.
Nolitische Tagesschau.
Das „Korrespondenzblatt der Gewerkschaften" schreibt: „Bekanntlich befindet sich die ganze T a b a k i n d u st r i e Frankreichs in den Händen des Staats; er hat das Monopol der ganzen Fabrikation ^und des Verkaufs und zieht aus demselben ungeheure Summen; ebenso bejibt er das Monopol für die Herstellung von Streichhölzern, die den verdienten Ruf genießen, selten Feuer zu fangen. Die Arbeiter und Arbeiterinnen in diesen staatlichen Fabriken, die sich in verschiedenen Teilen Frankreichs befinden, haben zwei ganz gute Organisationen. Kürzlich wollte nun der Generaldirektor Jacquin (dem Finanz^ Minister unterstellt) seine Macht zeigen und erließ ein Zirkular, durch das die gewerkschaftliche Propaganda eine sehr große Einschränkung erlitt; die Arheiter sahen in ihm eine Bedrohung ihrer Rechte. Delegierte beider Verbände versammelten sich in der Arbeitsbörse und beschlossen, beim Finanzminister um die Zurückziehung der Verfügung vorstellig zu werden. Im Fall dies nicht geschäht sollte in zwei der Staatsbetriebe der Generalstreik proklamiert werden. Der Minister versicherte der Delegation, daß das Zirkular im Interesse aller Arbeiter erlassen sei, konnte aber die Delegierten nicht von den guten Absichten der Verwaltung überzeugen. Er händigte jedem Delegierten ein Eremplar zum besseren Studium ein; ein neues Rendezvous wurde ausgemacht. In dieser zweiten Zusammenkunft erklärte der Minister, daß das Zirkular umgeändert worden sei, und zwar in dem gelegentlich der ersten Unterredung angedeuteten Sinne. Die Delegierten hatten Genugthuung erlangt uni> erklärten sich mit dem Zirkular in dieser Form einverstanden."
Brunialti, der Vicenza in der italienischen Kammer vertritt, Professor des Staatsrechts ist und dem Staatsrat angehört, mithin nicht der Erstbeste unter den öffentlichen Persönlichkeiten des modernen Italien zu sein scheint, erhebt in einem volkstümlichen Blatte Roms eine zornige Anklage gegen Deutschland, weil nach seiner Meinung das deutsche Gewerbe-Unfallversicherungsgesetz vom 30. Juni d. I. durch seine Vorschriften über die Zahlung der Arbeiterver- s i ch e r u n g s r e n t e n die italienischen Arbeiter in geradezu räuberischer Weise schädige.
• Er will in den venetianischen Alpen, wo sich sein Wahlkreis befindet, „hundert, ja tausend" (??) verkrüppelte und verstümmelte Arbeiter gesehen haben, die
Bekanntmachung.
Vor Weihnachten wird der Verein nachfolgende Vorträge halten lassen:
1. zu BelterShain am Sonntag, dem 25. November, nachmittags 4 Uhr in der Wirtschaft von Max Becker über „Jungviehaufzucht".
2. zu Grüningen am Sonntag, dem 2. Dezember, nachmittags4 Uhr im Rathaussaal über „Vieh- ;ucht insbesondere Schweinezucht und Schweinenästung" von Herrn Oekonomierat Leithiger.
3. zu Annerod amSonntag, dem 9. Dezember, nachmittags y34 Uhr in der Wirtschaft von PH. Mohr VIII. über „Züchtungsgrundsätze" von Herrn Oekonomierat Leithiger.
4. zu Utphe am Sonntag, dem 9. Dezember, nachmittags V,4 Uhr im Lokale von August Neunobel über „rationelle Boden-Bewirtschaftung" von Herrn Direktor Dr. v. Peter in Friedberg.
5. zu Treis a. d. Lda. am Samstag dem 15. Dezember, abends 7 Uhr in der Wirtschaft von Wilhelm Jenner über „Düngung der landwirtschaftlichen Lulturpfl anzen" von Herrn Landwirtschaftslehrer Mlchelt in Alsfeld.
6. Staufenberg am Sonntag, dem 16. Dezember, nachmittags 4 Uhr im Burgsaale über „Frucht- Iolge, Viehfütterung und anderes" von Herrn Oekonomierat Leithiger.
Ich bitte die Herren Bürgermeister der BortragSorte HO der Nachbarorte um Bekanntmachung im Orte und lade jedermann der sich für die Vorträge interessiert, Mw ein.
Gießen, den 19. November 1900.
Der Direktor des landw. Bezirksvereins, v. Bechtold.
unserem Schutzgebiete planen sollen, zu stellen beabsichtige. Bisher war die Zahl der im Schutzgebiet ansässigen Transvaalburen gering. Sie belief sich nach der letzten dem Reichstage vorgelegten Denkschrift auf 72 Köpfe, d. h. sie war annähernd so stark wie die der Engländer (76) und Kapländer (90), während sich die Zahl der Deutschen unter der 1840 Köpfe betragenden Gesamtbevölkerung der Weißen ans 1557 bezifferte. Die ansässigen Buren verteilen sich auf die Bezirke Gibeon, Windhoek, Otjimbingue und Outjo. Daß Deutsch-Südwestafrika zufolge seiner klimatischen und meteorologischen Verhältnisse nur durch Viehzüchter besiedelt werden kann, darf als festgestellt gelten. Der Bur besitzt alle die Eigenschaften, über die der Ansiedler in Südwestafrika verfügen muß. Er hat sie in jahrhundertelangem Kampfe mit einer wilden Natur und mit wilden Eingeborenen erworben. Schon der erste Landeshauptmann von Südwestafrika, Major v. Francois, lobte 1892 in einem amtlichen Bericht den Fleiß, die Ausdauer, die Genügsamkeit und das Familienleben der im Schutzgebiet ansässigen Buren und sagte, er teile die Ansicht vieler uninteressierter Leute, „daß keiner so geeignet zur schnellen Nutzbarmack'nng des Namalandes ist als der Bur". Graf Joachim Pfeil urteilt ähnlich. Trotzdem stand die deutsche Kolonialverwaltung lange Jahre auf unbedingt ablehnendem Standpunkt gegenüber einer Masseneinwanderung von Buren. Heute nimmt sie den entgegengesetzten Standpunkt ein. Sie ist gewillt, den Buren, die sich in Deutsch-Südwest- afrika ansiedeln wollen, nach Möglichkeit entgegenzukommen. Jin Interesse der wirtschaftlichen Entwickelung des Landes wird mau diesen Standpunkt teilen dürfen, wenn unter der Ansiedelung von Buren die Seßhaft rnachung deutscher Bauern nicht leidet und wenn die Buren-Ansiedelungen nicht in großen geschlossenen Massen erfolgen. Dem deutschen Südwestafrika muß der Charakter einer deutschen Kolonie gewahrt bleiben. Ter Bur besitzt eine starke nationale Eigenart, die ihn dazu drängen würde, einen Staat im Staate zu bilden. Dieser Gefahr kann nur vorgebeugt werden, wenn geschlossene Massenansiedelungen vermieden werden. Es werden Menschenalter darüber hingehen, bevor der Bur vergessen lernt, daß er dereinst ein selbständiges nationales und politisches Dasein geführt hat. Mit diesen Umständen wird und muß die deutsche Kolonialverwaltung rechnen, wenn anders sie vermeiden will, daß der Bur dereinst zum Pfahl im deutschen Fleische werde.
Koloniale Probleme.
Rach dem Etatsvoranschlag für das Auswärtige Amt sna Etatsiahr 1901, der gegenwärtig noch dem Zundesrate vorliegt und sich auf 26 396 607 Mk. an ein- Mliaen Ausgaben beziffert, werden an Reichszuschuß für die Kolonien 25 947 807 Mark gefordert werden. Die Hohe dieses Zuschusses ist annähernd derjenigen gleich, die im ^Voranschläge für 1900 geordert wurde >md 26 478 000 Mar? betrua Damals war an dieser <^umme in erper «eihc mit nahezu zwei 9 780 0M Mk Kimitschou
beteiligt und nächst Kiautschou solgte mit < ^"0» t. Dmrsch-Südwestasrika, und erst in dritter Reihe stand Leutsch-Ostafrika mit einer Forderung an Reichszuschuß
An böhe voll 6 830 930 Mk.
Bekanntmachung.
8-e t r.: Die Schweizerische National-BersicherungS-Gesell- schäft in Basel.
Wir bringen hiermit zur öffentlichen Kenntnis, daß Großh. Ministerium des Innern der Schweizerischen National- AerficherungS-Gesellschaft in Basel die Erlaubnis zum Ge IhästSbetrieb im Großherzogtum Heffen unter den üblichen Ä-diNgungen auf Widerruf erteilt hat.
Gießen, den 21. November 1900.
Großherzogliches Kreis amt Gießen.
I. V.: Dr. Wagner.
Die Höhe des für Kiautschou und Südwestafrika geforderten Zuschusses war erklärlich. Dort mußte die Zivilund die Militärverwaltung neu eingerichtet werden, zu Hafen-, Ties- und Hochbauten einschließlich des Land-Erwerbes waren allein nahezu füns Millionen erforderlich; und in Südwestafrika verlangte die Fortführung der Eisenbahn und des Telegraphen von Swakopmund nach Windhoek 2 300 000 Mk. Unter den einmaligen Ausgaben int deutsch-ostafrikanischen Etatsvoranschlag waren als letzte Rate 2 309 000 Mk. für den weiteren Ausbau der Usam- bara-Eisenbahn von Muhesa bis Korogwe und für Vorarbeiten zur Fortsetzung der Bahn über Korogwe hinaus bis Mombo gefordert. Obwohl für die Usambarabahn in dem diesmaligen Etatsvorauschlag ins Gewicht fallende Summen nicht verlangt werden können, wird der Reichszuschuß, der diesmal für Deutsch-Ostafrika gefordert wird, doch die Höhe von 9117 000 Mk. erreichen, und zwar vornehmlich deshalb, weil von der Kolonialverwaltung der Plan, mit dem Bau der ost afrikanischen Zentralbahn zu beginnen, weiter verfolgt wird und für diesen Bau als erste Rate'zwei Millionen verlangt werden.
Im vergangenen Jahre hatte sich die Kolonialverwaltung damit beschiedeu, „zur Ergänzung der Vorarbeiten für eine Eisenbahn von Daressalam nach Mrogoro" 100 000 Mk. zu verlangen. Diese Summe wurde nach eingehender Beratung in. der^ Budgetkommission verweigert. Diesmal werden als erste Rate zum Bau dieser Strecke 2 Millionen gefordert, nachdem sich Gouverneur v. Liebert in der jüngsten Tagung des Kolonialrats bafür, ausgesprochen hat, mit dem Bahnbau, dessen Gesamtkosten auf 15 Millionen veranschlagt werden, unverzüglich zu beginnen. Der Weg, den die Bahn von Daressalam nach Mrogoro nehmen soll, läßt sich aus der Denkschrift erkennen, die dem vorjährigen Kolonialetat beigefügt war. Die 1896 geplant gewesene Eisenbahnverbindung zwischen Daressalam und Bagamoyo hat man fallen lassen, weil dadurch die Gesamtstrecke der Bahn von Daressalam bis Mrogoro um 30 bis 40 Kilometer auf 240 Kilometer abgekürzt wird und weil der Gefahr vorgebeugt werden soll, den Handelsverkehr aus dem Innern zur Küste zu Ungunsten des Gouvernemeptssitzes Daressalam nach Bagamoyo abzulenken. Daressalam verfügt über einen guten Hafen, Bagamoyo nur über eine Rhede. Dazu kommt, daß Bagamoyo mit dem gegenüberliegenden Sansibar einen regen Schiffsverkehr unterhält und mithin befürchtet zu werden scheint, daß die Vorteile der Bahn in letzter Linie an dem englischen Sansibar auslaufen könnten.
Die Bahn soll unter Berührung des Puguberglaudes sich über Kola direkt nach Mafisi wenden, dort den Kin- ganifluß überschreiten und in der Richtung auf Kwa-Ma- sudi nach Mrogoro weitergehen. Sie würde also das Ulu- gnru-Gebirgsland mit den Vorlandschaften Ukami und Usa- ramo durchqueren. Die Gründe, die für die Wahl Mro- goros als vorläufigen Endpunkts der Bahn sprechen, müssen ais triftig anerkannt werden. Mrogoro, auf der alten Karawanenstraße nach Tabora und dem Seengebiet gelegen, hat sich als-eine hauptetappe dieser Straße herausgebildet. Die Bahn könnte dort die Handelsgüter, die aus dem Westen über Tabora zur Küste befördert werden, aufnehmen, und in Zukunft würde Mrogoro auch den natürlichen Ausgangspunkt für die Fortsetzung der Bahn in der Richtung aus Tabora und die großen Seen bilden. Von den Landschaften Ukami und Ufaramo, die von der Bahn durchschnitten werden sollen, urteilen Dr. Stuhlmann, Dr. Peters, Stanley und andere Reisende übereinstimmend, daß sie zahlreich bevölkert und wohl an- gebaut seien und, ebenso wie das Dlnguru-Gebirgsland, alle erofrderlichen Vorbedingungen für eine Plantagenkultur bieten. Tas Gedeihen der katholischen Missionsstation im Ulngura-Berglande und der evangelischen Missions-Station Kiserawe in der Landschaft Ufarama, die sich beide mit'Plantagenkultur befassen, scheint das zu bestätigen. Trotzdem sind die Bedenken, die sich gegen den Bahnbau geltend machen, nicht gering. Die Gesamtsumme der Aus- und Einfuhrzölle betrug 1898/99 nur 1 1/4 261 Rv • sie hatte gegen das Vorjahr um- 81168 Rp. zugenommen An der Einfuhr im Werte von 11852 656 Rp., gegen 6 840 731 Rp. im Jahre vorher, war Deutschland nur nut 2252 356 Rp beteiligt, während bei weitem mehr als die fcälfte 7 024547 Rp., auf Sansibar und 1994 290 Rp. auf Indien entfielen. Und der Wert der Ausfuhr im Jahre 1898'99 belief sich gar nur auf 4 332 945 Rp., gegen 3 736197 Rp. im Jahre vorher, und an dieser Summe nahm Sansibar mit 3 215 805 Rp. und Deutschland nur mit 783 702 Rp. teil. Selbst wenn man annimmt, daß sich die Ausfuhr mittlerweile in gleichem Maße um etwa 600 000 RP. jährlich steigert, darf es zweifelhaft erscheinen, ob der Bahnbau sich in absehbarer Zeit rentieren werde. Dem Etatsvoranschlag soll ein vom Oberstleutnant Gerdmg ausgearbeiteter Bericht über die allgemeinen Verkehrverhältnisse in Ostafrika beigefügt werden. .
In Deutsch-Süd we st afrika ist die Kolomal- Verwaltung vor die grundsätzliche Frage gestellt, wie sie sich zu der E i n w a n d e r u n g , welche die Buren nach
Bekanntmachung.
Be tr.: Die Maul- und Klauenseuche.
Nachdem die Seuche in Angenrod und Brauer- ^chw end, Kreis Alsfeld, erloschen ist, find die angeordneten Cperrmaßregeln aufgehoben worden.
Wegen größerer Verbreitung der Seuche in Eulersdorf, Kreis Alsfeld, ist nunmehr Gemarkungssperre angeordnet worden.
Unter dem Rindviehbestande des Schmiedemeisters Happel in Gladenbach, Kreis Biedenkopf, ist die Leuche festgestellt und Gehöftesperre angeordnet worden.
Die Seuche unter dem Rindviehbestande der Philipp Küsfel III. Witwe, des Ferdinand Stern und Willy Schiff zu Gladenbach, Kreis Biedenkopf, ist erloschen; die Cperrmaßregeln find aufgehoben worden.
Gießen, den 20. November 1900.
Großherzoaliches Kreisamt Gießen.
I. V.: Dr. Wagner.
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