Ausgabe 
23.10.1900 Zweites Blatt
 
Einzelbild herunterladen

Nr. 248 Zweites Blatt. Dienstag den 23 Oktober 150. Jahrgang KAOG

General-AMger

Alle Anzeigcn-VermittlungSstellen deS In« und Auslandes nehmen Anzeigen für den Gießener Anzeiger entgegen. Zeilenpreis: lokal 12 Pfg., auswärts 20 Pfg.

ZSrzugspreis vicrtcljöurl. Mk. 2,20 moiiaiiiri) 75 Pfg. mit Bringerlohn: durch die Al-Holestellen viepteljährl. Mk. 1,90 monatlich 65 Pfg.

Bei Postbezug Mk. 2,40 viertcljährl. mit Bestellgeld.

Lnuahme von Anzeigen zu der nachmittags für den f»(flcnbtn Tag erscheinenden 9himmer bis vorm. 10 Uhr. Abbestellungen spätestens abends vorher.

Erscheint täglich A J JkJ

mit Ausnahme des W

S Gießener Anzeiger

Amts- uitb Zlnzeigeblatt für den Nreis Gietzen.

IMeTtion, Expedition und Druckerei:

Kchukstraße Ar. 7.

Gratisbeilagen: Gießener Familienbiätter, Der hessische Landwirt, Kiätter für hessische Volkskunde.

Adresse für Depeschen: Anzeiger Kietze«.

Fernsprecher Nr. 51.

Politische Tagesschau.

Die Adresse des früheren irischen Parlamentsabge­ordneten Davitt, aus die wir in unserer vorigen Nummer schon hinwiesen, lautet:

Sr. Exzellenz Paul Krüger, Präsident der Süd­afrikanischen Republik. Hochgeehrter Herr! Ihre An­wesenheit in Holland als Vertreter von Transvaal und dem Oranje-Freistaat giebt die Gelegenheit, die lange zurückgehaltene Sympathie der Völker Europas mit Ihren Republiken in ihrem heroischen Kampfe für die Freiheit gegen den brutalen Angriff zum Ausdruck zu bringen. Am Ausdrucke solcher Sym­pathie und an der Bewunderung Ihres Heroismus wünscht unsere Nation, Irland, und die überwältigende Mehrheit unseres über den Erdball zerstreuten Volkes . Anteil zu nehmen. Wir sind mit Stolz uns dessen be- . wußt, daß wir den größten Teil der Besten in Irland und von Irländern im Auslande repräsentieren den größten Teil derer, die nicht durch Interesse und Vor­urteil irregeleitet und nicht durch die monströsen An­maßungen der Regierung, unter der zu leben wir das Unglück haben, verblendet sind. Die Mehr­wert von 82 gegen 21 irischen Mitgliedern des Parla- m' sichte unser Land dem an dem Kriege gegen 2Ve Nation schuldigen Ministerium entgegengeschleudert rst ein untrügliches Zeichen für die Tiefe des Empfindens, das wir ausdrücken. Es ist um so mehr unsere Pflicht, dieses unser Empfinden zum Ausdruck Zu bringen, als viele unserer Landsleute sich in den S»o ld n er sch a r en des Unterdrückers befunden yaben. Die Scham über diesen Gedanken drückt uns nieder. Der Ausbruch des Krieges fand dieselben in einer Lage vor, der sie sich einzeln unmöglich entziehen rannten. Wir glauben,, daß die meisten derselben, wenn Ue gewußt Hütten, daß ihnen je von ihren Lohnherren Vieser schändliche Krieg zur Aufgabe gemacht würde, sich E in die Stellungen begeben hätten, durch die sie iN den Krieg hineingezogen wurden. Die Art und Weise, inj der die britische öffentliche Meinung die britische Regierung und ihre Machthaber in ihren gewundenen und unehrlichen Verhandlungen vor dem Kriege und bei der nachherigen Führung desselben unterstützt hat, bildet eine Rechtfertigung aller Ihrer Zweifel an Treue und Glauben bei diesen Verhandlungen und eine Recht­fertigung dafür, daß Sie die Initiative ergriffen. Wir haben das lange Kampfesringen mit gespanntestem In­teresse verfolgt; bald waren wir durch die Hoffnungen, die Ihre Triumphe erweckten, erhoben, bald waren wir durch die Sorge über Ihre Mißerfolge niedergedrückt. Wir wünschten sehnlichst und wir beteten, daß das End­resultat ein anderes sein möge, als es dann wurde, und zwar auch zum Besten Englands selbst. Es kann nie den arbeitenden Millionen Englands zum Nutzen gerochen, daß das Verbrechen der zeitweiligen Nieder­werfung Ihrer Republiken auf ihnen lastet und in der Zukunft ihr nationaler Vorwurf ist. Vor ein und einem Viertel Jahrhundert führte England einen Krieg mit eutei anderen Republik, und jetzt erkennen die besten V^treter der englischen Rasse es an, daß es für sie

J?!e ?elt gut war, daß England besiegt wurde.

Wir haben das lange Kampfesringen in Südafrika ZI! Sespanntestem Interesse verfolgt. Selten hat in der für hw fre*er Männer in edlerer Weise

von Staich gehalten gegen eine Uebermacht

M§£anh 3.1?S?r?enmbXe von denen bezahlt sind, welche bassen Di? sv>n5 begehren und die Unabhängigkeit eubMtoerten bcr ®er9= und Thäler Ihrer Re- vack und Bunkers benm von Marathon, Sein-

Mnaens naä vorbildliche Denkmale des

Die ^llebermackt der^Di-nnn genannt werden.

St»® Ä'nf»', bU w°lch° keine sanken und kLe^ew^eLbis & wenn ihre eigenen vermeintlichen Interessen oder chr Stolz im Spiele sind, haben das Feld gewonnen Tieker Nation gehört die Schande, Ihnen die Ehre Die Zeit muß die Wiederherstellung dieses gewaltigen Unrechts mit sich bringen. Obwohl Sie gegenwärtig geschlagen sind, wie die Freiheit vordem schon auf hundert Schlachtfeldern geschlagen ist, sind Sie doch im Rechte sind Sie die Sieger, und als solche werden Sie in der Geschichte leben. Wir ehren das Andenken Ihrer helden­haften Gefallenen. Wir sympathisieren mit den Mit­gliedern Jhrev braven Nation, die in Gefangenschaft und in der Verbannung sind. Unsere Herzen bluten für die Mitglieder Ihres Volkes, die in ihrem eigenen Lande wiederum unter dem Fuße des Unterdrückers liegen. Wir bewillkommnen Ihre sichere Ankunft bei den sympathisierenden Völkern Europas und beglück­wünschen Sie zur freundlichen Aufnahme, die in der Heimat des großen und freien Volksstammes, zu dem die selbst gehören, Ihrer wartet".

Der Krieg t« China.

^Die Vorschläge, mit denen die chinesischen Unterhändler an die fremden Gesandten in Peking herangetreten sind, werden in London halb mit Entrüstung, halb mit Spott begrüßt. DieTimes" bemerkt, die Frech­heit, mit der die chinesischen Wortführer solche Zumut­ungen stellten, beweise aufs neue, daß die Auffassung, die man sich von der Lage in China gebildet, vollkommen zutreffend sei. Ton wie Inhalt dieser Vorschläge zeugten von der vollkommenen Unfähigkeit der Bevollmächtigten wie des hinter ihnen stehenden Hofes, zu der Erkenntnis zu gelangen, welche ungeheuerliche Beschimpfung sie der gesitteten Welt angethan, und wie groß die Sühne sein müsse, die sie dafür zu leisten haben. Möglicherweise sei die dabei zur Schau getragene Harmlosigkeit zum Teil erheuchelt, um ChinasGesicht" vor den Barbaren zu retten. Wahrscheinlich aber sei sie in der Hauptsache der natürliche Ausfluß des überwältigenden Dünkels und der bodenlosen Unwissenheit Chinas hinsichtlich der eigenen Ohnmacht und der unermeßlichen Uebermacht des Aus­landes.Herr Pichon", schreibt dieTimes" am Schlüsse ihrer Ausführungen,hat es, wie wir mit Freuden sehen, verstanden, dieses unverschämte Vorgehen im richtigen Sinne zu beantworten, und es verlohnt daher gar nicht der Mühe, auf die einzelnen Punkte der chinesischen Vor­schläge näher einzugehen. China läßt sich zu dem Ausdrucke des Bedauerns über die jüngsten Vorkommnisse" herbei und zu dem Versprechen, daß dieselben sich nicht wieder­holen sollen. Kaiser Wilhelm hat bereits in schneidender und praktischer Weise diese wohlfeile Art der Sühne ab­gefertigt. Die Erwiderung des französischen Gesandten ist ein trefflicher Kommentar zu dem deutschen Telegramm an den chinesischen Kaiser. China räumt auch seine Haft­barkeit zur Zahlung einer Entschädigung ein. Ganz natür­lich! Seine Bemühungen waren, seit ihm ein Licht darüber aufging, daß die Mächte siegen wurden, fortwährend dahin gerichtet, sie dahin zu bringen, für ihre beschimpfte Ehre und für das Leben ihrer ermordeten Staatsangehörigen Geld zu nehmen. Sie werden jedenfalls von ihm Ent­schädigung heischen für die Unkosten, in die es sie gestürzt, und für den Schaden, den es am Gute ihrer Staatsange­hörigen angerichtet hat, aber keine Großmacht kann sich soweit erniedrigen, Blutgeld aus seiner Hand zu nehmen. Das einzige sonstige Anerbieten, wenn man dergleichen überhaupt ein Anerbieten nennen darf, geht dahin, die alten Handelsverträge aufs neue zu bestätigen oder ab­zuändern oder neue Verträge zu schließen. Dafür solle dann dem Tsungliyamen gestattet werden, wieder in Thätig- keit zu treten, und ferner soll das militärische Vorgehen! unverzüglich eingestellt werden. Herr Pichon hat daraus die Antwort erteilt, die solche Unverschämtheit verdient."

Ein Telegramm aus Tientsin vom 18. ds. meldet: Ein Courier berichtet, die britische Abteilung der Expe­dition nach Pao tingfu besetzte am 15. Oktober die befestigte Stadt Wangtschiaku ohne Widerstand. Auch an­dere Kolonnen fanden keinen Widerstand. Tie Eingeborenen versorgten die Truppen in freundlicher Weise mit Lebens­mitteln. Der Taotai von Wangtschiaku teilte mit, daß eine Truppenabteilung!, wahrscheinlich Franzosen oder Deutsche, die Boxer in der Umgebung von Wenan am 9. Oktober auseinander getrieben, ihnen schwere Ver­luste beigebracht, und auch verschiedene Dörfer nieder- gebrannt habe. General Chaffee ordnete an, zwei Kom- pagnieen sollten sich als Garnison nach Tientsin begeben.

Ein Telegramm aus Tientsin vom 19. ds. besagt: Nach verläßlichen, wenn auch nicht amtlichen Berichten ist die Avantgarde der Verbündeten! am 17. ds. in Pao­ti n g f u eingerückt. Die Stadt ist fast völlig verlassen und es wurde kein Widerstand geleistet. Die britische Ko­lonne nahm 17 Mann von den kaiserlich chinesischen Truppen am 16. ds. in Wenanhsien gefangen. Sie bildeten einen Teil der 2000 Mann starken Truppenabteilung, die ausgesandt war, um die Boxer in jener Gegend zu zer­streuen. Die Gefangenen behaupten, sie hätten 200 Boxer getötet und seien auf der Rückkehr nach Patschen begriffen gewesen, als sie von der französischen Kolonne beschossen und zerstreut worden seien. Die Engländer entwaffneten die Leute, nahmen ihnen die Pferde weg und ließen sie dann laufen. Ein Reutertelegramm aus Tientsin meldet von demselben Tage: Die Nachricht von der Be- setzungPaotingfus einschließlich der Eisenbahn durch Franzosen bestätigt sich Die Stadt wurde von einem Bataillon Zuaven mit zwei Geschützen und einer Schwa­dron Kavallerie besetzt. Der Feind leistete während des Marsches keinen Widerstand, und als die Truppen an­langten, wehte die weiße Fahne von den Wällen der Stadt.

Aus Hongkong wird vom 19. telegraphiert: Der Militär-Mandarin in Samschun berichtet: Admiral Hos Streitmacht stieß auf Empörer, von denen etwa 100 gEet wurden. Die Empörer zogen sich nördlich vom Ostflusse zurück. Wie aus Kanton berichtet wird, macht der Auf stand am Ostsluffe große Fortschritte;

er ist weit verbreitet und erinnert an den TaipingAufstand Die Missionen blieben unbelästigt.

Eine Depesche desNew-Iork Herold" aus Hong­kong vom 19. meldet: Die Aufrührer haben unweit Hut- schou, wo sie ihr Hauptquartier haben, eine starke Stellung eingenommen. Ihre Anführer, die offenbar Anhänger Kangyuweis find, haben einen Aufruf erlaffen, in dem sie sagen, China sei auf Gnade und Ungnade seinen Feinden ausgeliefert und für diesen Zustand seien durchaus die Mandarinen verantwortlich. Eine Abteilung Aufständischer ist nordwärts in der Richtung auf Kanton gegangen. An der britischen Grenze ist alles ruhig.

Aus Yokohama wird vom 20. gemeldet: Marquis Ito hat die Kabinettsbildung vollendet. Die Minister Katsura und Aamamoto behalten ihre Portefeuilles des Krieges und der Marine, die übrigen Minister gehören zu der neuen Partei Itos.

Eine Meldung aus Petersburg vom 20. besagt: Aus der mandschurischen Bahn von Wladiwostok nach Pogranitschnaja verkehren wieder regelmäßig Personen­züge, auf der Strecke Pogranitschnaja Charbm Zizikar be­reits Militärgüterzüge. Die Telegraphenlinie Wladiwostok- Kaidoalowo Tschita, die von den Chinesen ebenfalls zerstört worden ist, wird mit Beschleunigung ausgebessert. Die Demobilisierung im Amurgebiet wird eifrig durchgeführt. Die Reservisten reisen auf dem Amur nach Rußland. Russischen Dampfern ist es gelungen, aus Hankau Thee im Werte von 10 Millionen Rubel auszuführen.

* *

Telegramme des Gießener Anzeigers.

Loudon, 22. Oktober. Aus Peihotien wckd ge­meldet: Die Expeditionskolonne ist, ohne auf Widerstand gestoßen zu sein, hier eingetroffen. Die chinesischen Lokal­behörden legten eine sehr freundliche Gesinnung an den Tag.

London, 22. Oktober. Die heutigen Morgenblätter kommentieren sämtlich das deutsch-englische Ab­kommen betreffend das Yangtsethal.Daily Mail- erklärt, die Wichtigkeit dieser Abmachung für den Tag der endgiltigen Abrechnung mit China sei unverkenn­bar. Ferner meint das Blatt, Krüger werde sich nun­mehr überzeugt haben, daß er von Deutschland nichts zu erhoffen hat. DieMorning Post" glaubt, daß die neue Abmachung die russische Habgier in Schranken halten werde. Dieselbe könne gleichzeitig als Gegengewicht für Rußland in China gelten. DieMorning Leader" billigt die Kon­vention mit Ausnahme des Artikel 3, der den Großmächten die Möglichkeit benimmt, unter gewisfen Umständen China aufzuteilen. Aus Petersburg wird gemeldet, daß in dortigen Regierungskreisen die englisch-demsche Konvention gebilligt wird.

New-York, 22. Oktober. DieSun", die als das zu­verlässigste Blatt der Vereinigten Staaten bekannt ist, ver­öffentlicht eine Depesche aus London, wonach das deutsch­englische Abkommen eine weit größere Tragweite besitze als nach dem Text des Abkommens anzunehmen ist. Es bestehe eine förmliche vollständige Allianz zwischen den beiden Nationen seit dem im vorigen Jahre getroffenen Abkommen betr. die Affairen bei Samoa und Westafrika. Damals entsprach Lord Salisbury einem von Deutschland seit 30 Jahren geäußerten Wunsche auf Abschluß eines Bündnisses mit England. Salisbury wollte aus diese Weise sein Land vor der Gefahr einer europäischen Intervention während des südafrikanischen Kriege« schützen. Das Bündnis sei nicht nur defensiver Natur; die gestrige Mitteilung biete dafür den besten Beweis. Es sei anzu­nehmen, daß Frankreich und Rußland von der Existenz des Vertrages Kenntnis hatten. Aber dieser Vertrag ist weit­gehender und umfaffcnber, als man in Paris und Peters­burg angenommen hatte. Die©um" erfährt, daß diese Allianz, welche das wichtigste politische Ereignis der letzten beiden Jahre fei, den Zweck habe, den Frieden aufrecht zu erhalten. Durch diese Allianz werde der allgemeine Krieg, der mit jedem Tage drohender am Horizont erscheine, um Monate, vielleicht um Jahre hinauSgeichoben. Es wird offiziell ausdrücklich dementiert, daß die Vereinigten Staaten sich diesem Vertrage angeschlossen haben.

Südafrikanisches.

Nach einer Meldung aus Kapstadt versuchen die Eng­länder der Welt zu beweisen, daß der Südafrikanische Krieg mit ihren jüngsten Erfolgen bei Machadodorp und der sogenannten Flucht Krügers beendet fei, da ihnen keine regulären Burenheere mehr gegenüberständen. In Wirklich-