Nr. 248 Zweites Blatt. Dienstag den 23 Oktober 150. Jahrgang KAOG
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Politische Tagesschau.
Die Adresse des früheren irischen Parlamentsabgeordneten Davitt, aus die wir in unserer vorigen Nummer schon hinwiesen, lautet:
„Sr. Exzellenz Paul Krüger, Präsident der Südafrikanischen Republik. Hochgeehrter Herr! Ihre Anwesenheit in Holland als Vertreter von Transvaal und dem Oranje-Freistaat giebt die Gelegenheit, die lange zurückgehaltene Sympathie der Völker Europas mit Ihren Republiken in ihrem heroischen Kampfe für die Freiheit gegen den brutalen Angriff zum Ausdruck zu bringen. Am Ausdrucke solcher Sympathie und an der Bewunderung Ihres Heroismus wünscht unsere Nation, Irland, und die überwältigende Mehrheit unseres über den Erdball zerstreuten Volkes . Anteil zu nehmen. Wir sind mit Stolz uns dessen be- . wußt, daß wir den größten Teil der Besten in Irland und von Irländern im Auslande repräsentieren — den größten Teil derer, die nicht durch Interesse und Vorurteil irregeleitet und nicht durch die monströsen Anmaßungen der Regierung, unter der zu leben wir das Unglück haben, verblendet sind. Die Mehrwert von 82 gegen 21 irischen Mitgliedern des Parla- m' sichte unser Land dem an dem Kriege gegen 2Ve Nation schuldigen Ministerium entgegengeschleudert rst ein untrügliches Zeichen für die Tiefe des Empfindens, das wir ausdrücken. Es ist um so mehr unsere Pflicht, dieses unser Empfinden zum Ausdruck Zu bringen, als viele unserer Landsleute sich in den S»o ld n er sch a r en des Unterdrückers befunden yaben. Die Scham über diesen Gedanken drückt uns nieder. Der Ausbruch des Krieges fand dieselben in einer Lage vor, der sie sich einzeln unmöglich entziehen rannten. Wir glauben,, daß die meisten derselben, wenn Ue gewußt Hütten, daß ihnen je von ihren Lohnherren Vieser schändliche Krieg zur Aufgabe gemacht würde, sich E in die Stellungen begeben hätten, durch die sie iN den Krieg hineingezogen wurden. Die Art und Weise, inj der die britische öffentliche Meinung die britische Regierung und ihre Machthaber in ihren gewundenen und unehrlichen Verhandlungen vor dem Kriege und bei der nachherigen Führung desselben unterstützt hat, ■ bildet eine Rechtfertigung aller Ihrer Zweifel an Treue und Glauben bei diesen Verhandlungen und eine Rechtfertigung dafür, daß Sie die Initiative ergriffen. Wir haben das lange Kampfesringen mit gespanntestem Interesse verfolgt; bald waren wir durch die Hoffnungen, die Ihre Triumphe erweckten, erhoben, bald waren wir durch die Sorge über Ihre Mißerfolge niedergedrückt. Wir wünschten sehnlichst und wir beteten, daß das Endresultat ein anderes sein möge, als es dann wurde, und zwar auch zum Besten Englands selbst. Es kann nie den arbeitenden Millionen Englands zum Nutzen gerochen, daß das Verbrechen der zeitweiligen Niederwerfung Ihrer Republiken auf ihnen lastet und in der Zukunft ihr nationaler Vorwurf ist. Vor ein und einem Viertel Jahrhundert führte England einen Krieg mit eutei anderen Republik, und jetzt erkennen die besten V^treter der englischen Rasse es an, daß es für sie
J?!e ?elt gut war, daß England besiegt wurde.
Wir haben das lange Kampfesringen in Südafrika ZI! Sespanntestem Interesse verfolgt. Selten hat in der für hw fre*er Männer in edlerer Weise
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Die ^llebermackt der^Di-nnn genannt werden.
St»® “ Ä'nf»', bU w°lch° keine sanken und kLe^ew^eLbis & wenn ihre eigenen vermeintlichen Interessen oder chr Stolz im Spiele sind, haben das Feld gewonnen Tieker Nation gehört die Schande, Ihnen die Ehre Die Zeit muß die Wiederherstellung dieses gewaltigen Unrechts mit sich bringen. Obwohl Sie gegenwärtig geschlagen sind, wie die Freiheit vordem schon auf hundert Schlachtfeldern geschlagen ist, sind Sie doch im Rechte sind Sie die Sieger, und als solche werden Sie in der Geschichte leben. Wir ehren das Andenken Ihrer heldenhaften Gefallenen. Wir sympathisieren mit den Mitgliedern Jhrev braven Nation, die in Gefangenschaft und in der Verbannung sind. Unsere Herzen bluten für die Mitglieder Ihres Volkes, die in ihrem eigenen Lande wiederum unter dem Fuße des Unterdrückers liegen. Wir bewillkommnen Ihre sichere Ankunft bei den sympathisierenden Völkern Europas und beglückwünschen Sie zur freundlichen Aufnahme, die in der Heimat des großen und freien Volksstammes, zu dem die selbst gehören, Ihrer wartet".
Der Krieg t« China.
^Die Vorschläge, mit denen die chinesischen Unterhändler an die fremden Gesandten in Peking herangetreten sind, werden in London halb mit Entrüstung, halb mit Spott begrüßt. Die „Times" bemerkt, die Frechheit, mit der die chinesischen Wortführer solche Zumutungen stellten, beweise aufs neue, daß die Auffassung, die man sich von der Lage in China gebildet, vollkommen zutreffend sei. Ton wie Inhalt dieser Vorschläge zeugten von der vollkommenen Unfähigkeit der Bevollmächtigten wie des hinter ihnen stehenden Hofes, zu der Erkenntnis zu gelangen, welche ungeheuerliche Beschimpfung sie der gesitteten Welt angethan, und wie groß die Sühne sein müsse, die sie dafür zu leisten haben. Möglicherweise sei die dabei zur Schau getragene Harmlosigkeit zum Teil erheuchelt, um Chinas „Gesicht" vor den Barbaren zu retten. Wahrscheinlich aber sei sie in der Hauptsache der natürliche Ausfluß des überwältigenden Dünkels und der bodenlosen Unwissenheit Chinas hinsichtlich der eigenen Ohnmacht und der unermeßlichen Uebermacht des Auslandes. „Herr Pichon", schreibt die „Times" am Schlüsse ihrer Ausführungen, „hat es, wie wir mit Freuden sehen, verstanden, dieses unverschämte Vorgehen im richtigen Sinne zu beantworten, und es verlohnt daher gar nicht der Mühe, auf die einzelnen Punkte der chinesischen Vorschläge näher einzugehen. China läßt sich zu dem Ausdrucke des Bedauerns über die jüngsten Vorkommnisse" herbei und zu dem Versprechen, daß dieselben sich nicht wiederholen sollen. Kaiser Wilhelm hat bereits in schneidender und praktischer Weise diese wohlfeile Art der Sühne abgefertigt. Die Erwiderung des französischen Gesandten ist ein trefflicher Kommentar zu dem deutschen Telegramm an den chinesischen Kaiser. China räumt auch seine Haftbarkeit zur Zahlung einer Entschädigung ein. Ganz natürlich! Seine Bemühungen waren, seit ihm ein Licht darüber aufging, daß die Mächte siegen wurden, fortwährend dahin gerichtet, sie dahin zu bringen, für ihre beschimpfte Ehre und für das Leben ihrer ermordeten Staatsangehörigen Geld zu nehmen. Sie werden jedenfalls von ihm Entschädigung heischen für die Unkosten, in die es sie gestürzt, und für den Schaden, den es am Gute ihrer Staatsangehörigen angerichtet hat, aber keine Großmacht kann sich soweit erniedrigen, Blutgeld aus seiner Hand zu nehmen. Das einzige sonstige Anerbieten, wenn man dergleichen überhaupt ein Anerbieten nennen darf, geht dahin, die alten Handelsverträge aufs neue zu bestätigen oder abzuändern oder neue Verträge zu schließen. Dafür solle dann dem Tsungliyamen gestattet werden, wieder in Thätig- keit zu treten, und ferner soll das militärische Vorgehen! unverzüglich eingestellt werden. Herr Pichon hat daraus die Antwort erteilt, die solche Unverschämtheit verdient."
Ein Telegramm aus Tientsin vom 18. ds. meldet: Ein Courier berichtet, die britische Abteilung der Expedition nach Pao tingfu besetzte am 15. Oktober die befestigte Stadt Wangtschiaku ohne Widerstand. Auch andere Kolonnen fanden keinen Widerstand. Tie Eingeborenen versorgten die Truppen in freundlicher Weise mit Lebensmitteln. Der Taotai von Wangtschiaku teilte mit, daß eine Truppenabteilung!, wahrscheinlich Franzosen oder Deutsche, die Boxer in der Umgebung von Wenan am 9. Oktober auseinander getrieben, ihnen schwere Verluste beigebracht, und auch verschiedene Dörfer nieder- gebrannt habe. General Chaffee ordnete an, zwei Kom- pagnieen sollten sich als Garnison nach Tientsin begeben.
Ein Telegramm aus Tientsin vom 19. ds. besagt: Nach verläßlichen, wenn auch nicht amtlichen Berichten ist die Avantgarde der Verbündeten! am 17. ds. in Paoti n g f u eingerückt. Die Stadt ist fast völlig verlassen und es wurde kein Widerstand geleistet. Die britische Kolonne nahm 17 Mann von den kaiserlich chinesischen Truppen am 16. ds. in Wenanhsien gefangen. Sie bildeten einen Teil der 2000 Mann starken Truppenabteilung, die ausgesandt war, um die Boxer in jener Gegend zu zerstreuen. Die Gefangenen behaupten, sie hätten 200 Boxer getötet und seien auf der Rückkehr nach Patschen begriffen gewesen, als sie von der französischen Kolonne beschossen und zerstreut worden seien. Die Engländer entwaffneten die Leute, nahmen ihnen die Pferde weg und ließen sie dann laufen. Ein Reutertelegramm aus Tientsin meldet von demselben Tage: Die Nachricht von der Be- setzungPaotingfus einschließlich der Eisenbahn durch Franzosen bestätigt sich Die Stadt wurde von einem Bataillon Zuaven mit zwei Geschützen und einer Schwadron Kavallerie besetzt. Der Feind leistete während des Marsches keinen Widerstand, und als die Truppen anlangten, wehte die weiße Fahne von den Wällen der Stadt.
Aus Hongkong wird vom 19. telegraphiert: Der Militär-Mandarin in Samschun berichtet: Admiral Hos Streitmacht stieß auf Empörer, von denen etwa 100 gEet wurden. Die Empörer zogen sich nördlich vom Ostflusse zurück. — Wie aus Kanton berichtet wird, macht der Auf stand am Ostsluffe große Fortschritte;
er ist weit verbreitet und erinnert an den TaipingAufstand Die Missionen blieben unbelästigt.
Eine Depesche des „New-Iork Herold" aus Hongkong vom 19. meldet: Die Aufrührer haben unweit Hut- schou, wo sie ihr Hauptquartier haben, eine starke Stellung eingenommen. Ihre Anführer, die offenbar Anhänger Kangyuweis find, haben einen Aufruf erlaffen, in dem sie sagen, China sei auf Gnade und Ungnade seinen Feinden ausgeliefert und für diesen Zustand seien durchaus die Mandarinen verantwortlich. Eine Abteilung Aufständischer ist nordwärts in der Richtung auf Kanton gegangen. An der britischen Grenze ist alles ruhig.
Aus Yokohama wird vom 20. gemeldet: Marquis Ito hat die Kabinettsbildung vollendet. Die Minister Katsura und Aamamoto behalten ihre Portefeuilles des Krieges und der Marine, die übrigen Minister gehören zu der neuen Partei Itos.
Eine Meldung aus Petersburg vom 20. besagt: Aus der mandschurischen Bahn von Wladiwostok nach Pogranitschnaja verkehren wieder regelmäßig Personenzüge, auf der Strecke Pogranitschnaja Charbm Zizikar bereits Militärgüterzüge. Die Telegraphenlinie Wladiwostok- Kaidoalowo Tschita, die von den Chinesen ebenfalls zerstört worden ist, wird mit Beschleunigung ausgebessert. Die Demobilisierung im Amurgebiet wird eifrig durchgeführt. Die Reservisten reisen auf dem Amur nach Rußland. — Russischen Dampfern ist es gelungen, aus Hankau Thee im Werte von 10 Millionen Rubel auszuführen.
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Telegramme des Gießener Anzeigers.
Loudon, 22. Oktober. Aus Peihotien wckd gemeldet: Die Expeditionskolonne ist, ohne auf Widerstand gestoßen zu sein, hier eingetroffen. Die chinesischen Lokalbehörden legten eine sehr freundliche Gesinnung an den Tag.
London, 22. Oktober. Die heutigen Morgenblätter kommentieren sämtlich das deutsch-englische Abkommen betreffend das Yangtsethal. „Daily Mail- erklärt, die Wichtigkeit dieser Abmachung für den Tag der endgiltigen Abrechnung mit China sei unverkennbar. Ferner meint das Blatt, Krüger werde sich nunmehr überzeugt haben, daß er von Deutschland nichts zu erhoffen hat. Die „Morning Post" glaubt, daß die neue Abmachung die russische Habgier in Schranken halten werde. Dieselbe könne gleichzeitig als Gegengewicht für Rußland in China gelten. Die „Morning Leader" billigt die Konvention mit Ausnahme des Artikel 3, der den Großmächten die Möglichkeit benimmt, unter gewisfen Umständen China aufzuteilen. — Aus Petersburg wird gemeldet, daß in dortigen Regierungskreisen die englisch-demsche Konvention gebilligt wird.
New-York, 22. Oktober. Die „Sun", die als das zuverlässigste Blatt der Vereinigten Staaten bekannt ist, veröffentlicht eine Depesche aus London, wonach das deutschenglische Abkommen eine weit größere Tragweite besitze als nach dem Text des Abkommens anzunehmen ist. Es bestehe eine förmliche vollständige Allianz zwischen den beiden Nationen seit dem im vorigen Jahre getroffenen Abkommen betr. die Affairen bei Samoa und Westafrika. Damals entsprach Lord Salisbury einem von Deutschland seit 30 Jahren geäußerten Wunsche auf Abschluß eines Bündnisses mit England. Salisbury wollte aus diese Weise sein Land vor der Gefahr einer europäischen Intervention während des südafrikanischen Kriege« schützen. Das Bündnis sei nicht nur defensiver Natur; die gestrige Mitteilung biete dafür den besten Beweis. Es sei anzunehmen, daß Frankreich und Rußland von der Existenz des Vertrages Kenntnis hatten. Aber dieser Vertrag ist weitgehender und umfaffcnber, als man in Paris und Petersburg angenommen hatte. Die „©um" erfährt, daß diese Allianz, welche das wichtigste politische Ereignis der letzten beiden Jahre fei, den Zweck habe, den Frieden aufrecht zu erhalten. Durch diese Allianz werde der allgemeine Krieg, der mit jedem Tage drohender am Horizont erscheine, um Monate, vielleicht um Jahre hinauSgeichoben. Es wird offiziell ausdrücklich dementiert, daß die Vereinigten Staaten sich diesem Vertrage angeschlossen haben.
Südafrikanisches.
Nach einer Meldung aus Kapstadt versuchen die Engländer der Welt zu beweisen, daß der Südafrikanische Krieg mit ihren jüngsten Erfolgen bei Machadodorp und der sogenannten Flucht Krügers beendet fei, da ihnen keine regulären Burenheere mehr gegenüberständen. In Wirklich-


