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23/09/1900 Drittes Blatt
 
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Sonntag den 23 Sepirmbrr 180. Jahrgang looo

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und die Gleichgiltigkeit der nicht sozialdemokratisch ae- srnnten Mitglieder es ist, die den sozialdemokratischen Einfluß zumeist auskommen ließen. Schenkten diese den Wahlen dieselbe Aufmerksamkeit, wie dieGenossen", dann säße in mancher Kasse mancher nicht an feinem Platze Uebrigens werden bei den zusammengelegten Kassen an die kaufmännischen und verwaltungstechnischen Kenntnisse der Vorstandsmitglieder erheblich größere Anforderungen gestellt werden müssen, als seither, und auch) dieser Umstand wird dazu beitragen, den sozialdemokratischen Einfluß auf die Kassenverwaltung um einiges zurückzudämmen.

Zur Erreichung des letzteren Zieles ist nun aber auch noch in Anregung gebracht worden, ob nicht den Arbeit­gebern ein erhöhter Einfluß in den Kassen zu verschaffen sei. Das wird aber nur geschehen können^ wenn die Beiträge der Arbeitgeber erhöht würden, etwa auf die Hälfte, wenn mau ihnen die gleiche Stimmenzahl einräumen will, wie den Arbeitnehmern. Es ist aber kaum anzunehmen, daß sich die Arbeitgeber, die ohnehin schon schwer von der sozialpolitischen Gesetzgebung belastet sind, hierzu verstehen werden. Die Vergrößerung ihres Ein­flusses würde auch wenig bedeuten angesichts der Zurück­haltung, die sie sich den Kassenangelegenheiten gegenüber auferlegen, jedenfalls würde sich nicht sonderlich), viel an den bestehenden Verhältnissen ändern. Die unbeschränkte und freie Arztwahl, die dann noch auf dem Reform­programm der Regierung zur Erörterung steht, veranlaßt nach so vielen Seiten hin Erwägungen, daß sie einer gelegentlichen Betrachtung Vorbehalten bleiben mag.

So viel dürfte zunächst wohl feststehen: die Ange­legenheit ist noch) durchaus nicht genügend erörtert und vor­bereitet, als daß man sie jetzt schon zur Entscheidung bringen sollte. Wenn daher aus Berlin verlautet, daß die Vorarbeiten zur Revision des Kranken-Versicherungs- gesetzes so umfangreich sich gestaltet haben, daß man zu bezweifeln beginnt, ob es möglich sein werde, den wich- Ligen Entivurf schon in der bevorstehenden Session denk Reichstage vorzulegen, so kann es nur als im Interesse der Reform liegend bezeichnet werden, wenn diese noch em weiteres Jahr aufgeschoben wird. Gut Ding will Weile haben und da die Sozialdemokraten bisher nicht Unheil rn den Kassen angerichtet haben, so kann man vertrauen, daß auch noch das eine Jahr, um das die Revision ev weiter verzögert würde, den Kassen nicht schaden wird.

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Rr. SS3 Drittes Blatt

Volitlsche Tagesschau.

Aus der Ein füchrun gsrede des neuen Ober­landesgerichtspräsidenten Dr. Holtgreve».

des Nachfolgers Falk's, werden einige Bruchstucke mrtgeteilt, die nicht uninteressant sind. Die Rede begann mit einer Huldigung seines Vorgängers Dr. Falk:

.//Das erste Wort in dieser feierlichen Stunde gebührt den Manen des großen Toten, der vor mir daS Präsidium des Oberlandesgerichts geführt hat. Achtzehn Jahre lang hat Herr Staatsminister und Oberlandes­gerichtspräsident D. Dr. Falk an der Spitze dieses hohen Gerichtshofes gestanden, stets ein Förderer des Rechts und der Rechtspflege, stets voll Interesse für das Wohl

GrMsdeÜLZM: GreßeMr ZamitienblStker, Der hrMche Kindwirt, Kötter M hesKsche UMsKanÄr.

Orten hat sich auf diesem oder jenem Gebiete immer noch den Vorrang, mindestens die Gleichberechtigung gewahrt und es würde allerorten doch auch auf recht lebhaften Widerspruch stoßen, wenn man die großen Toten der Natron aus der Heimaterde, auf der sie getvirkt mit der sie verwachsen, waren, in das fteineme Meer der nüch­ternen Weltstadt entführen würde. Möchte Weimar je seine Heroen hergeben, Hamburg seine von Klopstock verherr- lick)1en Gräber, Wittenberg seine Lutherstätte Leipzig Dresden, Köln, Bonn, von Süddeutschland 'ganz zu schweigen? So viele kleine schöne Orte birgt Deutschland die pietätvoll den Hügel irgend eines tapferen Haudegens der Weltgeschichte, eines verstummten Liedermundes von Bedeutung, eines großen Gelehrten oder Künstlers auf ihrem Friedhof haben und wie ein stilles Heiligtum Pflegen! Das ist hundertmal Poetischer und schöner als die steinerne Riesenhalle mit tausend Denkmälern, von denen eines das andere erdrückt, und wo man vor einem Er von klingenden Namen niemals zu einer reinen Andachtsstimmuiig für seine Lieblinge kommt! Außerdem aber: wer besucht denn so ein Pantheon, wenn er in »erhn, dem toll pulsierenden Zentrum deutscher Ver- gnugungssuch)t weilt? Wie verlassen liegen unsere großen ^.n^r auf den Berliner Friedhöfen! Kein Mensch hat

m^^^ohn-Bartholdy oder Chamisso, bie Ge- 555 J ^nmni ober den General Scharnhorst und viele, viele andere. Das Mausoleum in Charlottenburg bas

der Durchschnittsreisende, der in Weimar vielleicht sogar bie Ruhestätte Euphrosynes nicht vergißt in Berlin auf diesem Gebiete zu betrachten geneigt wäre!

I Natürlich) würde er dasPantheon" in Zukunft nicht versäumen; aber er würde es mit seinem roten Bädeker in der Hand durchbasten wie das Zeughaus oder bie Nationalgallerie. Unddas wäre ein schlechter Gewinn" Mso fort mit ben Pantheon-Gedanken!

Dem großen Allerwelts-Bazar Wertheim ist eine ko­lossale Konkurrenz entstauben in bem eben vollendeten Kaufhause Tietz baS sich ein monumentaler Industrie- Palast von fünf Häuserfronten - in der Leipzigerstraße, hinter der Kreuzung der Markgrafenstraße, erhebt. Ge­waltige Frauengestalten beleben die luftige und lichte Fassade, die von einem stolz wirkenden Sandsteingesims gekrönt wird. Eine Leuchtkugel von ca. 5 Meter Durch- nasser thront über dem Ganzen und wird allabendlich prahlen in die Räume des rieftgelt Handelshauses senden, sondern and) weithin in die Leipzlgerstraße hineinlenck)ten und dem kaufltistigen, mit öem nötigen Mammon versehenen Publikum als Weg- dienen. Das Innere des Hauses ist in Lila und ^oeiß gehalten und wirkt sehr geschmackvoll. Sehring, der Ades Theaters des Westens, hat das stolze Gebäude geschaffen, und es wird ihm Ehre nmcbeii. rM^lheim aber, der bedrohte König des Detailgeschäftes, setzt von Tag zu Tag die Preise herunter, um demkoin menden Usurpator die Stirne zu bieten. Das kann nett werden, wenn die Schrauberei der beiden losgeht! Da unsere Hausfrauen bekanntlich gar zu gernbillig" kaufen, halten sich jetzt schon alle Ehemänner ängstlich), die Taschen zu! «. R.

Die Reform der Krartkerrdersicherrrng.

Nachdem in der verflossenen Session des Reichstages in der Vervollkommnung der sozialen Gesetzgebung durch Erweiterung und Verbesserung der Gesetze über die Jn- validttäts- und Alters-, sowie über die Unfallversicherung ein weiterer wesentlicher Schritt vorwärts gethan worden ist, wird die kommende parlamentarische Tagung Verhand- lungeu über bie Reform des Krankenversicherungs-Gesetzes bringen, bie an Wichtigkeit unb Bebeutung nicht hinter gelten zuruckstehen werben. Die Pläne der Regierung haben an keiner der um gutachtliche Rückäußerung er- suchten zahlreichen Stellen rückhaltlose Zustimmung ge- s^oen und werden voraussichtlich zu heftigen Kämpfen im Reichstage fuhren, wenn die leitenden Kreise an ihnen festhalten und ihre Verwirklichung burchzusetzen ver- fNchen. Die Reichsregierung wünscht die Unterstützimgs- darner auf 26 Wochen auszudehnen unb plant, um dies sicherer erreichen zu können, die V e r schm e lz un g der in den Stabten ober ländlichen Bezirken bestehenden Orts- rrantenlassen zu einer gemeinsamen Kasse, der alle ^.^zrrk dieser Kasse beschäftigtenVerficherungspflichtigen angehören müssen. An und für sich wird dieser Absicht «Ä? ^vtg egen zusetz en sein, denn bie Vereinfachung ber ^^durch herbeigeführt werden soll, kann ver Kasse wie ben Arbeitgebern nur er- m !_<-<...' v ^-.^Usen im Falle des

J^rer Stellen nie mehr Unklarheit darüber auf- ff^n kann, welcher der jetzt bestehenden zahlreichen Msen, sie angehoren, den letzteren, weil für diese, die and nach; mehr verschiedenen Kassen zu thun haben, eine Ersparnis an Arbeit und Zeit und - betritt, die oft ganz außerordentlich ins sallt, zumal die Versicherungsgesetzgebung heute ^.ach rn dieser Beziehung ganz erhebliche

Arbeitgeber stellt. Daß eine solche ge- wesentlich leistungsfähiger ist, als die X, T^nenSi®irUf<ai Unb ®etUerBen «gliederten

Allerdings scheint es, als ob die Reichsregierung diese Zusammenlegung der Ortskrankenkassen davon abhängig wache daß die freien Hilfskassen, die jettz aller­orten bestehen wir in Gießen besitzen deren neun in den Verschmelzungsprozeß einbezogen werden, resp. zu existieren aufhören. Ueber diesen Punkt dürfte die Ueber- einstimmung weniger durchgehend fein, wie über den vor­her besprochenen, denn die freien Hilfskassen haben sich ganz außerordentlich bewährt und es ist eigentlich kaum ein stichhaltiger Grund ersichtlich., inwiefern sie der Zu­sammenlegung der Ortskrankenkassen int Wege sein sollten Dazu kommt, daß einzelne der Kassen, wie die großen kauf­männischen beispielsweise in Leipzig und Hamburg, eine weitreichende und sorgfältige Organisation und ganz er- heblpche Kapitalien besitzen, die zum Teil mit anderen SSE Peinigungen gepflegten Einrick)tungen sozialer tnm9 Zusammenhängen, daß ein Ameinanderreißen den ganzen sorgfältig aufgebauten Or- ganismus zerstören oder doch erheblich gefährden müßte Mfen UnfT q falls der, daß man die freien Hilfs-

K ^s. Zuschußkassen fortbeftehen ließe, aber auch in ieser Beziehung wurden sich mancherlei Unzuträglichkeiten

Kerliner Kries.

(Plaudereien aus der Kaiserstadt.) (Nachdruck verboten.)

Pautheou-Gedankeu. Ein Bazar-Duell in Sicht.

- das Projekt aufgetaucht, in der Geaend ^?gen

Marktes eine nationale BeisetzungsstättebbE^^^ f^N Geister Deutschlands zu errichtet^unb Lmft ^^nben ber Sübseite bes Schloßplatzes einen roürhin^n1^?61^9 Abschluß zu geben." Im ersten AnAnblickOhat dieser Gebanke, es den Franzosen mit ihren? Pantheon^ ^I^lglandern mit Westminster-Abtei gleichzuthun etwas ^stechendes, unb es wirb nicht nur in Berlin eine aame Menge von Menschen geben, bie sich von bieser Jbee packen aub lortreißen lassen Zwei große ansschlaggebenbe Mo- stehen jeboch der Verwirklichung des Planes der natürlich wieder durch eine flotte Nietenlotterie in Szene gefegt werden müßte, entgegen. Erstens zentralisiert sich das Leben m Deutschland, Gott sei Dank, bei weitem nicht w stark in Berlin wie das enlglische in London oder aar oas französische in Paris. Wir haben in unserem Vater- ein« ganje Reihe von Städten mit einer vorzüglichen fleijtigen Atmosphäre, wir kranken durchaus nicht so schwer am letzten Ende aus Berlin erhalten tole das bei ben anderen Nationen und ihren Hauptstädten ist- im Gegenteil, eine weitere Reihe von

ergeben, von denen nicht die geringste die Gefährdmig dieser Kassen wäre, die M§urch herbeigeführt würde, daß sich der Ortskrankeiikassen-Mitgliedszwang den Hilfskassen gegenüber als wegwerbend erweisen würde.

Ungleiche schwerer aber als die Sorge um die Hilfs- kafsen sind die Bedenken, welche sich gegen die Absicht erheben müssen, die Ortskrankenkassen den Ge­meindeverwaltungen anzugliedern dergestalt daß der Vorsitzende und die Rendanten von der Gemeinde bestellt werden. Regierungsseitig ist offen zugegeben, daß mit diesem Vorhaben nichts weiter bezweckt werden soll als die Kassen dem Einfluß ber Sozialbemokraten zu entziehen, bem sie in vielen Stäbten unterstehen. Damit ist die Angelegenheit, die von rein sozialen Gesichtspunkten aus betrachtet werden sollte, von ber Reichsregierung selbst auf das politische Gebiet hinübergespielt worden und bie Reform der Krankenversicherung selbst außerordentlich er­schwert. Daß die Sozialdemokratie Einfluß auf bie Ver­waltung der Kassen gewinnen würde, war unschwer vor­auszusehen, weil ja die Kassenmitglieder sich zumeist aus Arbeiterkreisen rekrutieren, aber es ist bislang nichts be­kannt geworden, daß dieser Umstand besondere Unzuträg­lichkeiten gezeitigt hätte. Mag hier und da auch mal ver­sucht worden sein, parteipolitische Grundsätze und Anschau­ungen in den Kassenverwaltungen zum Durchbruch zu bringen, so rechtfertigt das nicht, daß den Kassen nun das Recht der Selbstverwaltung entzogen werden soll. Die Rechte und Pflichten der Kassen sind so genau festgelegt unb derart scharf umgrenzt, daß eine Aus­nutzung der Verwaltungsstellen im Parteiinteresse aus­geschlossen erscheinen muß. Auf der anderen Seite jedoch könnte die Einkehr des Bureaukratismüs in bie Ver­waltung ber Ortskrankenkassen leicht Differenzen zwischen den Kassenmitgliedern unb ber Verwaltung Hervorrufen bie nachteilig wirken unb an Stelle bes aussöhnenben Mo­mentes, ben bie Kassen boch mit verfolgen, Unzufrieden- beit unb Erbitterung treten lassen würden, wenn sie nicht gar der Sozialdemokratie neuen und vermehrten Agi­tationsstoff zuzuführen geeignet wären.

Aber nicht diese Bedenken allein sollten reifliche Er­wägungen Hervorrufen, sondern die Erkenntnis, daß der sozialdemokratische Teil der Kassenangehörigen doch immer noch in den Generalversammlungen ein Mittel hätte und Gelegenheit fände, Einfluß auf die Kasse auszuüben, müßte dahin führen, Abstand zu nehmen von einem Plane, ber höchstens zur Folge haben könnte, daß der Frieden' der jetzt in dem weitaus größten Teile der Kassen herrscht durch Zwistigkeiten und Reibereien unliebsam gestört wird' ohne in ber Sache selbst irgend einen Nutzen zu schaffen' Deshalb wird auch der Vorschlag, wenn man die Ver- ?rtutI9 in die Hände ber Gemeinden übergehen rnJ'enJPlH' ^esen wenigstens das Recht der Bestätigung oder Nichtbestätigung der gewählten Vorstandsmitglieder zu verleihen, abzulehnen sein, denn ein solches Recht'würde erst recht den Streitereien Thür und Thor öffnen Denen aber, die, und nicht zu Unrecht, daran AergerniS nehmen daß die sozialdemokratische Mehrheit der Kassen die Ver­waltungsstellen der letzteren gewissermaßen als Belohnung für agitatorisch verdiente Genossen betrachten, müß erwidert werden, daß in sehr vielen Fällen der Jndifferentismus

MMeßmer Anzeiger

Keneral-'Unzeiger

Anitr. «nd Anzsigeblatt füv den Areir Gieren.