Ausgabe 
23.8.1900 Zweites Blatt
 
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Nr. 196 Zweites Blatt. Donnerstag den 23 August

1900

Gießener Anzeiger

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Die Wirren in China.

Unsere Vermutung, daß mit derinnern" Stadt, die als das Ziel der Operationen der Verbündeten in P e ki n g bezeichnet wurde, dieverbotene Stadt" gemeint sei, in der sich die Kaiserpaläste befinden, ist inzwischen durch ein japanisches Telegramm bestätigt worden. Die Japaner hielten den Kaiserpalast umschlossen, offenbar in der Hoff­nung, dessen für die Verbrechen in Peking verantwortliche Insassen in -ihre Gewalt zu bekommen. Ob das gelingt, ist immer noch zweifelhaft, denn neuerdings heißt es wieder, die Kaiserin und ihr Anhang seien trotz der spätern Ableugnung aus Peking geflohen. Daß die Nachrichten über die Ereignisse in Peking so spärlich eingehen, ist vermutlich auf eine Störung des Feldtelegraphen Peking-Tientsin zurückzuführen. Nach Berichten aus amtlicher chinesischer Quelle, die Reuter aus Shanghai vom 20. mitteilt, sind in Peking noch drei hohe Beamte enthauptet worden, und zwar Hsutung, Präsident des Lipuamtes, der Zivilver­waltung, Lischan, einer der Minister des kaiserlichen Haus­halts, und Lienyuan, Mitglied des Tsungliyamens. Tie beiden erstgenannten hegten fremdenfeindliche Gesinnung, Lienyuan dagegen war ein Freund der Fremden. General Zunglu soll von dem Prinzen Tsching gefangen gesetzt worden sein. Der Kaiser und die Kaiserin-Regentin hielten sich etwa 95 Kilometer westlich von Peking aus und würden von dem Prinzen Tuan bewacht. Li-Hung-Tschang habe sich! alsbald nach Norden begeben. Gegen den Rückzug des Hofes in die alte Hauptstadt Singan in Schensi scheinen Bedenken entstanden zu sein. So meldet dieTimes" aus Shanghai vom 20. ds.: Vor kurzem von Schensi einae- kroffene Missionare glaubten, daß zwei Gründe die Kaiserin-Regentin veranlaßt hätten, nicht nach Singanfu zu gehen. Der erste Grund sei der Mangel an Wasser infolge längerer Dürre in jener Gegend, der zweite Grund der, daß die ihrer Mehrzahl nach aus Mohammedanern bestehende Bevölkerung Schensis eine feindliche Stimmung gegen die Kaiserin-Witwe zeige, hauptsächlich aus Furcht vor den Truppen Tungfuhsiangs. Die Vizekönige des Südens hätten die Kaiserin in diesem Sinne gewarnt. Li-Hung-Tschang hat nach einer Meldung derTimes" au£ Shanghai vom 18. August die Nachricht erhalten, die Kaiserin und der Hof seien unter dem Schutze der Kansutruppen ihr Befehlshaber.ist Tungsuhsiang in nordwestlicher Richtung von Peking auf Hsuenkwafu geflohen, in der Absicht, später nach Südwesten zu ziehen und zunächst in der Sommerresidenz von Wutaihsien in Schansi etwa 320 Kilometer südwestlich von Peking Aufenthalt zu nehmen. Von den Gesandten ist weitere Nachricht nicht eingetroffen, von ihrem Urteil aber wird es wesentlich ab hängen,, nnej sich bas ^Strafgericht der Mächte gestaltet und gegen wen es sich zu richten hat.

DerNew York Herald" meldet aus Peking vom 17. August: Entgegen dem Plane, den die Befehlshaber der verbündeten Truppen angenommen hatten, mar­schierten die Russen am 14. August voraus und besetzten an diesem Tage den Ausgang des östlichen Tschihothores, konnten aber das zweite Thor (vermutlich die innere Thor- burg) nicht einnehmen. Um 2 Uhr nachmittags drangen die englischen und amerikanischen Truppen durch das den Gesandtschaften nächstgelegene Thor (das Tungpienthor der Chmesenstadt) in die Stadt ein und begegneten nur schwachem Widerstand. Die Japaner hatten bei dem Nord- ofkthore (Tungtschi) größere Mühe. Nachdem sie einen ganzen Tag gekämpft hatten, gelang es ihnen, das Thor gegen Mitternacht zu sprengen. Die Belagerten wurden wohlbehalten vorgefunden, sie waren aber etwas erschöpft. Der amerikanische Gesandte Conger erklärte:Am Tage vor der Ankunft der Verbündeten haben die Chinesen noch einmal versucht, uns niederzumetzeln. Der Prinz Tsching, Vorsitzender des Tsungliyamens, hatte uns angekündigt, daß die chinesischien Offiziere unter Androhung von Todes­strafe den Befehl erhalten hätten, die Feindseligkeiten ein» zustellen. Nichtsdestoweniger wurde die Beschießung fort­gesetzt, und wenn die Verbündeten heute nicht eingetroffen wären, so hätten wir morgen unterliegen müssen." In elf Tagen fielen 2000 Geschosse auf die Gesandtschaften. In der kaiserlichen Stadt leisteten die Chinesen verzweifel­ten Widerstand. Die Verbündeten drangen am Mittag des 15. in die Stadt. Das Gerücht, wonach die chinesischen Behörden den Gesandtschaften Lebensmittel verschafft hätten, ist gänzlich unbegründet. Die Gesamtzahl der Opfer unter den Belagerten, die sich in die Gesandtschaften ge­flüchtet hatten, beläuft sich auf 67 Tote und 120 Ver­wundete. 1

Nach einer Meldung ans London hat der dortige chinesische Gesandte dem Lord Salisbury ein Telegramm Lihung-TschangS überreicht, worin Lihung-Tschang um die Ernennung eines Bevollmächtigten zur Eröffnung der Verhandlungen ersucht, da die Gesandten in Peking nun befreit seien. Eine gleichlautende Note ist an alle Mächte übersandt. Der Berichterstatter derTempS" meldet

aus Shanghai, die Kaiserin-Regentin sei geflohen und habe einen Schatz von 50 Millionen mit sich geführt. Die Kaiserin sei jedoch von japanischer Kavallerie eingeschlossen. Der amerikanische Gesandte Conger teilte mit, die ganze gegen dieFremden gerichtete Bewegung sei von der chinesischen Regierung ausgegangen; die Boxer habe sie nur als Vorwand benutzt; diese hätten nicht einmal Kanonen gehabt.

Wie der Petersburger Berichterstatter derTimes" aus gut unterrichteter Quelle erfährt, wünscht Rußland, daß die mandschurische Frage den Gegenstand gesonderter Ver­handlungen zwischen Rußland und China bilden soll. Die russische Flagge weht noch immer allein über dem VertragS- hafen Niutschwang. Am 13. August wurde der russische Konsul zum Zivilverwalter und der Vertreter der Russischen Bank zum Assistenten für daS Zollwesen ernannt.

Rußland und die Mandschurei.

In einem am 20. August beim Generalstab in Peters­burg eingegangenen Telegramm berichtet General Orlow, daß am 14. ds. die Kosakenbrigade von Dschamete aus mit einem weitern Kosakenregiment und einer Batterie nach heftigem Kampfe mit 700 Mann feindlicher Truppen den Paß von Iakoschi einnahm und noch in der Nacht den Vormarsch fortsetzte. Am 15. dS. morgens besetzten die Truppen Menduche. Die Russen verloren 3 Tote und 6 Verwundete.

Rüstungen.

Eine der großen Schwierigkeiten, die unsere Armee­leitung in' China zu überwinden haben wird, ist die Unterbringung unserer Truppen während des Winters. Selbst in den größern Städten wird es nicht immer leicht sein, für bedeutende Truppenmassen Quartiere zu finden, die den gesundheitlichen Anforder­ungen auch nur einigermaßen entsprechen. Die vorhan­denen chinesischen Regierungsgebäude und insbesondere die Kasernen befinden sich durchweg in ganz schlechtem Zu­stande «und sind so schmutzig, daß sie alle Vorbedingungen zur Verbreitung schwerer Krankheiten enthalten. Als wir Tsingtau besetzten und ohne vorherige Vorbereitungen unsere Truppen, so gut es eben ging, unterbringen mußten, legten wir sie in die alten chinesischen Kasernen. Unsere Truppen begaben sich sofort mit Feuereifer daran, diese Augiasställe zu reinigen, und in einen menschenwürdigen Zustand zu versetzen, was aber nur in höchst mangelhafter Weise gelang. Bis wir eigene Gebäude in Tsingtau auf­richteten, war daher die Unterbringung unserer Truppen sowohl der Offiziere wie der Mannschaften recht unbe­friedigend, und diesem Umstand ist auch zum Teil die Schuld beizumessen, wenn viele unserer Leute in ihrer Gesundheit scljwer geschädigt worden sind. Es ist unter solchen Umständen nur anzuerkennen, wenn unsere Kriegs­verwaltung dafür Sorge trägt, unsere Truppen in jeder Beziehung so auszurüsten, daß sie der Einwirkung eines fremden wnd hich! ungefährlichen Klimas soweit pls möglich enthoben werden. Hierzu gehört die Errichtung von Ba­racken, ihre vollständige Einrichtung, Vorkehrungen zur Beschaffung von brauchbarem Trinkwasser, große Anhäuf­ungen von Proviant und aller der zahlreichen Bedürfnisse für eine Armee von 20 000 Mann. Es wäre ja gewiß bei weitem porzuziehen, wenn man sich'das alles wenigstens zum Teil an Ort und Stelle beschaffen könnte, wenn das aber schon bei gewöhnlichen Verhältnissen außerordentlich schwer, wenn nicht unmöglich sein würde, so ist daran gar nicht während der jetzigen kriegerischen Wirren zu denken. Aus diesem Bedürfnis für N a ch s ch i ck u n g von V o r r ä t e n und M a t e r i a l aller Art ist es zu erklären, daß die Reichsregierung außer den schon ftüher genannten österreichischen DampfernBorneo" undJenny" auch noch den österreichischen DampferEmilia" und die engftschen DampferCaithness" undClaverhiss" gemietet hat. Die vermittelnde Rhederei Tiderichsen in Kiel wird überdies noch mehrere Dampfer verschiedener Nationalität für Rech-- nung der Marine nach Ostasien expedieren, da durch das Vorhandensein einer ungewöhnlich starken Kriegs- und Handelsflotte in Ostasien der Kohlenbedarf über das ge­wöhnliche Maß derart hinausgehl, daß man mit der Mög­lichkeit eines zeitweiligen Versagens der örtlichen Quellen rechnen muß. Daß durch die großen Transporte von Ma­terialien und Vorräten ganz bedeutende Kosten verursacht werden, ist selbstverständlich, doch muß die R ü ck s i ch t auf die Kosten unseres Erachtens zurücktretenf wenn es sich um die Ge s u n d h e i t u n s e r e r T r upp e n handelt. Ueber diesen Punkt dürften Mein­ungsverschiedenheiten wohl nirgends be­stehen.

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DasM ilitär-Wochenblatt" veröffentlicht die Stellenbesetzung der Verstärkung des ost asiati­schen Expeditionskorps. Danach! sind neu formiert das 5. und 6. ostasiatische Jnf.-Regt., eine ostasiat. Jäger­

kompagnie, die 4. Esk. des ostasiat. Reiterregiments, die 3. Abth. des ostasiat. Feld-Art.-Regts., eine halbe leichte Feldhaubitz-Munitionskolonne, eine 2. Bakterie des ostasiat. Bataillons schwerer Feldhaubitzen, eine 3. Kompagnie des ostasiat. Pionier-Bats., eine 2. und 3. Eisenbahn Bau<Kömp. des ostasiat. Eisenbahn-BatS., eine Infanterie-Munitions- kolonne Nr. 2, eine Artiklerie-Munitionskolonne Nr. 2, eine schwere Feldhaubitz-Munitionskolonne Nr. 2, Pro­viantkolonne Nr. 3, Feldlazarett Nr. 5 unb G. - Komman­deur des 5. Ostasiat. Jnf.-Regts. ist Oberst v. R o h r - scheidt, bisher a la suite des 1. See BatS. und dem Stabe der Jnsp. der Marine-Inf. zugeteilt; Kommandeur des 6. ostasiat. Jnf.-Regts. ist Oberst Grüber, bisher Kommandeur des Kgl. Bayr. 2. Jäger-Bats. Zum 6. Re- gement wurden versetzt: die Leutnants See b old vom 1. Großh. Hess. Jnf.-(Leibgarde-)Reat. Nr. 115 und Horn vom 4. Großh. Hess. Jnf.-Regt. (Prinz Carl) Nr. 118; zur 9. Kompagnie des 4. ostasiat. Ins.-Regts.: Oberlt. Schn ei» der vom 3. Großh. Hess. Jnf.-Regt. (Leib-Regt.) Nr. 117, zum Führer der 4. Eskadron des ostasiat. Reiterregiments wurde Rittmeister Graf zu Castell-Rüdenhausen vom 1. Großh. Hess. Drag.-Regt (Garbe-Drag.-Regt.)Nr. 23 ernannt, zur 3. Abteilung des ostasiat. Felbartillerie Regts. wurde Leutnant B r e i t h a u p t vom Feld-Art. Regt. Nr. 63 und zur 2. Eisenbahnbau-Komp. Oberlt. Seelm a nu­tz g geb er t vom 4. Großh. Hess. Jnf.-Regt. (Prinz Carl) Nr. 118 versetzt. Die dritte ostasiatische I n f.- Brigade wird sich wie folgt formieren: Der Stab und das 2. Bat. 5. Ostasiat. Jnf.-Regts. werden in Senne, das 1. Bat. desselben Regiments in Lockstedt aufgestellt, Stab und 2. Bat. G. Ostasiat.-Jnf.-Regts. in Darmstadt, das 1. Bat. 6. Jnf.-Rrgks. in Geithain, die 4. Eskadron Ostasiat. Reiter-Regts. in Senne, die gesamte Feld und Fuß­artillerie in Jifterbogk, die 3. Pion.-Kompagnie in Harburg, die tzisenbahntruppen in Berlin, zwei Feldlazarette in Rendsburg, die Proviantkolonnen in Alt-Damm. Die Ein­kleidung der Truppen wird weniger Zeit in Anspruch nehmen als bei der ersten Brigade, weil Kleidungsstücke und Bewaffnung vorher hergestellt werden konnten, so daß noch Zeit bleibt, Exerzier- und Schießübungen auf den Truppen - Uebungsplätzen abzuhalten. Die Ausreise der Truppen von Bremerhaven beginnt, wie schon gemeldet wurde, am 31. August. An diesem Tage werden die Dampfer Palatia",Darmstadt" undAndalusia" auslaufen. Die beiden ersten Dampfer legen in der Stunde 13 Seemeilen zurück,Andalusia" 11. DiePalatia" trägt das Ostasiat. Jnf.-Regt. Nr. 5, das Feldlazarett 5 und eine Feldhaubitzen­munitionskolonne. DieDarmstadt" trägt den Stab des Jnf.-Regts. 9hr. 6, das erste Bat. des Jnf.-Regts. Nr. 6, die neunte Kompagnie des Jnf.-Regts. Nr. 6, siebente Batterie des Feldart.-Regiments (Gebirgsbatterie), Pro­viantkolonne 3, Feldgeistlichkeit (zwei katholische, zwei evan­gelische) Lind den Rest des Armee-Oberrommanoos. Die Andalusia" trägt die vierte Eskadron des Ostasiatischen Reiter-Regts., den Stab der dritten Abteilung des Feld- Art.-Negts., dessen fünfte und sechste Batterie und die Ar­tilleriemunitionskolonne 2. Diese Dampfer, wenigstens die beiden ersten, werden vermutlich am 11. Oktober in Taku an kommen. Am 4. September nachmittags laufen die DampferHannover" undArcadia" aus (Hannover" läuft 12 einhalb,Arcadia" 11 Seemeilen), und schließlich folgen als die letzten am 9. SeptemberKrefeld",Roland" undValdivia". Sie lichten am Vormittag bie Anker und haben eine Geschwindigkeit von 12 Seemeilen in der Stunde. Zu dem neuen Expeditionskorps für Ostasien stellt die baierische Armee den Stab des 6. Jnf.-Regts., ferner den Stab des 2. Bataillons dieses Regiments, sowie die 5., 6. und 7. Kompagnie des 2. Bataillons. Die Zahl der Unteroffiziere und Mannschaften beträgt 633. Zum Kommandeur des 6. ostasiatifchen Regiments ist der Kom­mandeur des in Aschaffenburg garnifonierenben 2. Jäger- Bataillons Grüber bestimmt, zum Kommanbeur bes 2. Ba­taillons bieses Regiments ber Bataillonskommanbeur im 8. Jnf.-Reg. in Metz Major Libl.

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Telegramme deS Gießener Anzeiger-.

Berlin, 22. August. In baS Haupt-Quartier des Grafen Walbersee würbe in letzter Stunde der Leutnant ber Reserve des dritten Pionier-Bataillons zur Nedden als Dolmetscher kommandiert.

Berlin, 22. August. Generalmajor v. Höpsner, der den Transport der beiden Seebataillone leitete, ist zum Kommanbeur der dritten ostasiatischen Jnsanterie-Brigade ernannt worden.

London, 22. August.Daily Mail" meldet aus Shangai: Die verbündeten Truppen sind in Peking em- getrosfen, nachdem sie bie Mauern gesprengt hatten, bewaffnete chinesische Christen leisteten ihnen Unterstützung. Die Flaggen ber Verbündeten wehen über dem kaiserlichen Palast. In den Straßen ward hart gekämpft, die Chinesen leisteten hartnäckigen Widerstand. Die Legationen konnten