Ausgabe 
23.8.1900 Erstes Blatt
 
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geführte Behauptung der Sozialdemokraten Deutschlands, daß die soziale Gesetzgebung im Reiche derjenigen anderer Länder weit nachstehe und der deutsche Arbeitcrschutz sich in so mäßigen Grenzen bewege, daß von einer thatfäch- lichen Arbeiterfürsorge kaum gesprochen werden könne, er­fährt wieder einmal eine grelle Beleuchtung in der ange­sehenen französischen ZeitschriftLa Revue de Paris". Im Zweiten Augusthest derselben bespricht ein Herr R. Romme in Anknüpfungen au einen Besuch der deutschen Ausstellung dieArbeiterversicherungen in Deutschland"' und führt aus:

Tank der Fürsorge der Kaiser ist auf deutschem Boden ein Baum emporgewachsen, und unter diesem Baume findet der Arbeiter Obdach und Schutz, wenn ein Ungewitter über seinem Haupte ausbricht. Wird er ver­wundet auf dem geiverblichen Schlachtselde, verfällt er, geschwächt durch die tägliche Arbeit, in Krankheit, wird er alt ober leistungsunfähig, so kann er sich, um nicht in den Abgrunb zu rollen, au den Zweigen des Baumes festhalteu, wenigstens ein Stück Brot für sich und seine Familie finden, und er ist nicht genötigt, auf seine alten Tage betteln zu gehen."

Herr Romme meint zwar, es sei durch die Arbeiter- versicherungen noch nicht gelungen, in Deutschland den * vielbesprochenen und ersehnten sozialen Frieden herzu­stellen. Aber er ist doch der Ueberzeugung, daß durch diese Thatsach? das hervorragend menschenfreundliche Werk, das von Deutschland unternommen und verwirklicht worden, nicht entwertet werde.

Es ist gewiß", versichert er,daß zur Stunde der deutsche Arbeiter unter allen Arbeitern derjenige ist, der der Zukunft mit den ge­ring st e n Sorgen e n t g e g e n b l i ck e n kann. Es will etwas heißen, zu wissen, daß man im Falle eines Unglücks, das Arbeitsunfähigkeit herbeiführen wird, nicht auf das Betteln angewiesen ist; es will etwas heißen, zu wissen, daß man im Krankheitssalle sicher ist, die nötige Pflege zu genießen, ohne mit seiner Familie vom äußersten Elend heimgesucht zu werden; es will etwas heißen, sich sagen zu können, daß man in seinem Alter nicht seiner Familie oder, was noch schlimmer ist, der öffentlichen Unterstützung zur Last fallen wird. In drei Vierteln der sogenannten gesitteten Länder aber hat der Arbeiter, wenn ihm Zeit daran zu denken bleibt, die Zukunft in solchem Lichte zu betrachten. Die deutsche Gesetzgebung über die Arbeiterversicherungen stellt aber noch von einem anderen Gesichtspunkt einen Fortschritt dar. Zum ersten male sind hier die Grundsätze eines Arbeiterrechtes festgestellt, und diese Grundsätze bleiben nicht ein toter Buchstabe. Vor dieser Gesetz­gebung blieb die Hilfe für den kranken, arbeitsunfähigen oder bei der Arbeit gealterten Arbeiter der Privat-Wohl- thätigkeit oder der öffentlichen Unterstützung überlassen, und in letzter Reihe war der Beistand, den man empfing, ein Almosen. Dieser Begriff Wohlthätigkeit und Almosen ist heute durch den des Rechts ersetzt. Der Arbeiter wird , heute von Rechts wegen unterstützt, weil er durch An­zahlung seines mühsam erworbenen Pfennigs in die Ver­sicherungskasse im Falle des Bedürfnisses erhält, was er eingezahtt hatte. Er bekommt sogar mehr als seinen Anteil, denn von den drei Milliarden Francs, die seit fünfzehn Jahren von den versicherten Arbeitern in Empfang genommen wurden, ist mehr als die Hälfte durch die Arbeitgeber zusammengekommen. Es wird gewiß dem deutschen Bürgertum zur ewigen Ehre ge­reichen, seine Pflicht sozialer Zusammengehörigkeit gegen­über der enterbten Menge des Volkes so gut verstanden zu haben".

Der Artikel giebt sodann eine Schilderung der drei Versicherungsarten in Deutschland, die dem deutschen Leser nichts neues bietet. Um so beachtenswerter sind die Schluß­sätze seiner Ausführungen, in denen er sich gegen die von unseren Sozialdemokraten an der Arbeiterversicherung ge­übte Kritik wendet.

Diese Kritik, sagt er,erklärt sich vor allem durch

die Taktik einer unversöhnlichen Oppositionspartei und erst in zweiter Linie durch die Erwägungen, die man aus der reinen sozialistischen Kehre schöpft. Wollten die deutschen Sozialisten die soziale Hilfe richtig würdigen, auf die jeder deutsche Arbeiter, der krank, arbeitsunfähig oder bei der Arbeit alt geworden ist, ein Recht kwt, so dürften sie nur in unseren Wohlthätigkeitsbureaus her umgehen. Ta würden sie die Invaliden der Arbeit als Bettler behandelt sehen, denen eine Hand aus einem Schalter hervor ein Almosen bietet. Ich ziehe das deutsche System vor!"

Generalversammlung des Zentral BerbaudeS deutscher Kaufleute «ud Gewerbetreibenden.

Stettin, 20. August.

Im großen Saal desKonzerthaus-EtabliffementS" begannen heute vormittag die Verhandlungen der General­versammlung des ZentralverbandeS deutscher Kaufleute und Gewerbetreibenden. ES waren etwa 200 Delegierte von kaufmännischen usw. Vereinen auS allen Teilen Deutschlands anwesend. Der ständige Vorsitzende des ZentralverbandeS, Senator Hermann Schulze (Gifhorn), eröffnete die Ver- Handlung mit Worten der Begrüßung. Er freue sich, daß so viele Vertreter von kaufmännischen Vereinigungen aus allen Teilen Deutschlands erschienen seien, um zu beraten, wie dem Mittelstand zu helfen sei. Der Oberpräfident der Provinz Pommern habe auf die an ihn ergangene Ein­ladung geantwortet, er sei infolge überhäufter BerusS- geschäfte leider nicht in der Lage, den Verhandlungen per­sönlich beizuwohnen oder einen Vertreter zu entsenden, er nehme aber an den Verhandlungen das größte Interesse und wünsche denselben besten Erfolg. Die hiesigen städtischen Behörden haben aus die an sie ergangene Einladung nicht geantwortet. (Hört, hört!) Er freue sich aber, daß die Presse so zahlreich vertreten sei. Die Presse werde sich bewußt fein, daß, wenn erst der gewerbliche Mittelstand verschwunden und durch Konsumvereine usw. ersetzt sei, dies ihr zum Schaden gereichen muffe. Die Presse werde aber auch im Interesse des Nationalwohlstandes und des deutschen Vaterlandes die Erhaltung des Mittelstandes wünschen. Der Zentralverband, der selbstverständlich nur erreichbare Forderungen stelle, habe mit den auf dem vorjährigen Ver- bandStag beschlossenen Petitionen bei der Regierung das größte Wohlwollen gesunden. ES sei zu hoffen, daß, wenn der Zentralverband in der bisherigen Weise fortarbeite, er daS Ziel, das er sich gesteckt habe, den gewerblichen Mittel- stand zu erhalten und zu fördern, erreichen werde. (Beifall.) Senator Schulze teilte ferner mit, daß der Zentral- verband annähernd 19000 Mitglieder zähle und einen Kaffen­überschuß von 2826,50 Mk. habe. Die hiesige Handwerker- kammer und der Zentralverband reisender Kaufleute Deutsch­lands seien durch Delegierte vertreten.

Kaufmann Hoffmann (Koblenz): Er jschlage vor, bei der Königlichen Staatsregierung vorstellig zu werden, die hiesige Regierung durch einen Regierungsrat zu verstärken, damit die hiesige Regierung in Zukunft in der Lage sei, zu Kongressen, wie dem gegenwärtigen, einen RegierungSrat zu entsenden. (Beifall.) Den ersten Gegenstand der Tagesordnung bildete ein Antrag des Provinzialverbandes für Schlesien und Pofen: Bei dem Staatssekretär des Reichspostamts vorstellig zu werden, den Kaufleuten für den Verkauf von Postwertzeichen einen Rabatt zu gewähren. Kaufmann Vogel (Breslau) ersuchte um Annahme des Antrages. Sollte bei dem Staatssekretär des ReichSpost- amtS ein Erfolg nicht erzielt werden, dann müsse sich der Zentralverband an den Reichstag wenden. Er sei doch der Meinung, daß jeder Arbeiter seines Lohnes wert sei. Kaufmann Riehl (Berlin): Er könne sich diesem Anträge

nur anschließen. Es sei bekannt, daß daS große Publikum sich nicht Marken aus Vorrat kaufe, sondern nur für den augenblicklichen Bedarf. Daher komme eS, daß die Post­schalter gewöhnlich dicht belagert seien. Deshalb sei die Dezentralisation des Postmarkcn-verkaufeS sowohl im In­teresse des Publikums als auch im Interesse der Post eine dringende Notwendigkeit. Die Post spare dadurch an Be amten und an Arbeit. In der Besprechung pflichteten die Redner im allgemeinen diesen Ausführungen bei. Die Generalversammlung stimmte schließlich dem oben mitgeteilten Anträge zu.________________________________(Forts, folgt)

Humoristisches.

Leider. Seutnani: Aeh, ah, Einjähriger, kommen mir recht bekannt vor, vielleicht schon mal gesehen, wie?

Einjähriger: Zu Befehl, Herr Leutnant, hatte die Ehre, mit Herrn Leutnant die Quinta des hiefigen Gymnasiums ju frequentieren l

Leutnant: Ach famoS, aber dann?

Einjähriger: Dann wurde ich leider versetzt, Herr Leutnant! In Dublin wurde neulichMacbeth" gegeben. In der Schlaf­wandel-Szene, worin der Arzt mit der Wärterin auf der Bühne erscheint, und beide miteinander in ernster Redeweise verkehren, rief plötzlich eine laute Stimme von der Gallerte herab:Was ist's Doktor, Bub oder SÄäbelt" (Münchner Jugend.")

Der Viehhändler Meyer und der Gutsbesitzer Brauberg aus verschiedenen Orten der Berliner Umgebung hatten verabredet, sich auf der Vorortstation zu treffen, um Zusammen zum Viehmarkt zu fahren. Jener wollte ein paar Ochsen, dieser mehrere Schweine mitbringen. Da depeschiert der Viehhändler Meyer plötzlich in telegraphischer Kürze:

Herrn Gutsbesitzer Brauberg aus Waldhof. Morgen Schweine auf dem Bahnhof. Eie erwarte auch. Ich kann nicht mitkommen, da der Personenzug keine Ochsen befördert. Rindvieh im Preise gestiegen. Sehen Sie sich vor. Wenn Sie Ochsen brauchen, denken Sie an mir.

Meyrr."

(Münchner Jugend.")

- Wa» ist )U bunt? Wenn ein grüner Junge blauen Mon­tag macht und sich dann bet seinem grauen Later weiß waschen will, von diesem aber braun und blau geschlagen wird, so daß es ihm grün und gelb vor den Augen wird und er sich rot vor Scham davonschleicht wenn das auch noch am nächsten Tag schwarz auf weiß in der Zeitung steht.

Amttzel >m- Verkehr. Volkswirtschaft.

Fruklirler Börte vorn 81. August.

Wechsel auf New-York zu 0.00-00.

Prlmlei auf Kredit per ult. Äug. 0.950/q, do. per ult Sept. 2.20%, Diekonto-Kommandit per ult. Äug. 0.80 %, do. por ult. Sept 1.90 %, Lombarden per ult Ang. 0,40%, do. per ult Sept. 0.80 % Deutsche Bank per ult. Aug. 0.00%.

Motieru»<eu: Kreditaktfen 206.80-00-00, Dtekoutc- Kommandit 174.90-00 00.0000, Staatabahn 188.80, Lombarden 25.50-, Italiener 94.20-30, Spanier 71.90, Bproz. Mexikaner 25.20, Bochumer 187.30-50.00 bz., G. Laura 203.20-50 bz. Harpener 178.80-178.60- bz., Gelsenkirchen 190.50-40-00-00 bz., Privat- Diskont 4 s , 0 q.

1% bis 2% Uhr: Kroditaktien 206.80-00 bz.. Dh- kontO-Kommandlt 175.10-00.00 bz., Berliner Handelsgesellschaft 000 bz., Staatsbahn 138 30 bz., Lombarden 25,50-00 b., Laura 00-00 3proz. Mexikaner 00.00 bz

Märkte.

-ü- Alsfeld, 20. August. Auf dem heutigen V i e h m a r k t waren 831 Stück Schweine und 14 Stück Rindvieh aufgetrieben. Der Handel mit Schweinen ging flott; es kosteten Ferkel Mk. 26 bis M. 40, Läufer Mk. 45 bis Mk. 90 und Mk. 100 bis Mk. 130 daS Paar. Der Handel mit Rindvieh war dem Auftrieb entsprechend; es fehlte hierbei am nötigen Angebot. Der nächste Markt (Michaelismarkt) ist Mittwoch den 26. September.

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