IMcMmi, Expedition und Dru^rrei:
Sch«kArohe Nr. 7.
GratisbeUagev: Gießener FamitiendtÄter, Der hestlfche KauÄoick, Klätter für Helfische Volkskunde.
144 Zweites Blatt
Samstag den 23. Ium
1900
Kichener Anzeiger
Henerat-NHeiger
2lints- unfc Anzeigeblatt für den Tireis Gieren.
Nerugspreis
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Montags.
Die Gießener »«»UienStaUer «tdeu dem Anzeiger fr «echi-l mit „Hest. kebtetrt* M. ^Blätter ► heff. Volkskunde" VSchtl. 4*el deigelegt.
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Adreff« für Depeschen: Anzeiger Kießea.
Fernsprecher Nr. 5L
nicht über 1150 Mk. beträgt, Marken 4. Lohnklaffe zu verwenden, und zwar vom 1. Januar 1900 ab.
v. Bechtold.
Bekanntmachung.
Betr.: Feldbereinigung in der Gemarkung Steinbach bei Gießen.
Ich bringe hiermit zur öffentlichen Kenntnis, daß die BollzugSkommissiou für die ruvr. Feldbereinigung nach erfolgter Beendigung der Feldbereinigungsarbeiten aufgelöst worden ist.
Friedberg, 12. Juni 1900.
Der Großherzogliche BereinigungSkommiffär: Süffert, RegierungSrat.
Politische Tagesschau.
DieverstorbeneFürstin-MutterJosefine von Hohenzollern war die Seniorin des fürstlichen Hauses Hohenzollern. Die Fürstin, die im Oktober vorigen Jahres ihr 86. Lebensjahr vollendete, ist eine Tochter des Großherzogs Karl von Baden und seiner Gemahlin Stefanie von Beau Harnais, die Nichte der Kaiserin Josefine und Adoptivtochter Napoleon' s I. An ihrem 21. Geburtstage vermählte sich die anmutige Prinzessin mit dem um zwei Jahre älteren Fürsten Carl Anton von Hohenzollern, den sie 1885 durch den Tod verlor. Von ihren Söhnen wurde der zweite König von Rumänien, während der jüngste, PrinzFriedrich, mit einer Nichte der Kaiserin von Oesterreich vermählt ist. Die Ehen dieser beiden Söhne sind kinderlos, während der jetzige Fürst, Gemahl einer portugiesischen Prinzessin, drei Söhne besitzt, von denen der älteste und jüngste in Potsdam garnisonieren, während der zweite zum Thronfolger Rumäniens bestimmt ist. Die einzige Tochter der Fürstin ist die Gemahlin des Grafen von Flandern, und die Verlobung ihres einzig noch unvermählten Enkels, des Prinzen Albert von Belgien, war noch eine große Freude für die fürstliche Greisin. — Fürstin Josefine war eine der wenigen Persönlichkeiten, die sich» Caspar Hauser's entsannen, jenes rätselhaften Fremdlings, den man für den Sohn des Großherzogs Karl, also für den Bruder der Fürstin Josefine hielt. Bekanntlich starben die Söhne des Großherzogs Karl
jung, und es folgte ihm deshalb, der der letzte Erbe der ersten Ehe des Groß Herzogs Karl Friedrich *mit Prinzeß Karo line von Hessen-Darmstadt war, der Sohn au5 seines Großvaters zweiter Ehe mit einer Hofdame, der zur Gräfin Hochberg ernannten FreiinGeyervonGeyersberg. In Baden glaubte man, einer dieser jung verstorbenen Söhne sei nicht tot, sondern zu Frentden gebracht und ohne Erziehung ausgewachsen, bis er unter dem Namen Caspar Hauser aufgetaucht sei, dann aber auf ebenso rätselhafte Weise ermordet wurde. Ob' dieser Fremdling der Thronerbe Badens, oder wer er sonst gewesen, diese Frage soll Fürstin Josefine häufig beschäftigt haben. *
Der Kaiserlich russische Minister des Aeußeren, Graf Murawjew, ist, wie uns gestern nachmittag telegraphiert wurde, am Donnerstag in Petersburg plötzlich verstorben. Graf Murawjew wurde zu Anfang Januar 1896 an Stelle des in einem Eisenbahnzuge auf der Fahrt nach Petersburg plötzlich verstorbenen Fürsten Lobanow zum Minister des Auswärtigen ernannt, nachdem er seit dem Frühjahr 1893 Gesandter in Kopenhagen gewesen war. Seine Berufung von diesem relativ nicht hohen Posten in der Diplomatie zum leitenden russischen Minister erregte damals viel Aufsehen und wurde mit der besonderen Protektion der Kaiserin- Mutter, bekanntlich einer dänischen Prinzessin, erklärt. — Graf Michael Murawjew ist 55 Jahre alt geworden. Sein Vater war Gouverneur von Litthauen, sein Großvater, der Unterdrücker des Polenaufstandes, General-Gouverneur von Wilna. Graf Michael Murawjew trat nach Absolvierung seiner Studien in Petersburg in diplomatische Dienste. Er war zuerst als Sekretär der Gesandtschaft im Haag, dann der Botschaft in Paris attachiert. In den achtziger Jahren kam er als Botschaftsrat nach Berlin. Hier fand er Gelegenheit, die Aufmerksamkeit sowohl in den diplomatischen Kreisen Rußlands als außerhalb Rußlands auf sich zu lenken. Man erzählt, daß er sich auch des besonderen Wohlwollens des Kaisers Wilhelm II. erfreute, und daß er andererseits sich auch stets als Freund und Verehrer der deutschen Nation bekannte. Im Jahre 1893 wurde Graf Murawjew als Gesandter nach Kopenhagen geschickt. Dort hatte er vielfach Gelegenheit, auch
Amtlicher Teil.
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Nachdem die Maul und Klauenseuche in den Gehöften inb bei der Schafherde zu Dorf-Gill erloschen ist, ubien wir hiermit die Aufhebung der Gemarkungssperre anb der sonstigen Sperrmaßregeln an.
Gießen, den 20. Juni 1900.
Großherzogliches KreiSamt Gießen.
v. Bechtold.
Gießen, den 21. Juni 1900.
Betr.: Ausführung des JnvalidenversicherungSgesetzeS; hier: BersicherungSpflicht.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen rtt die Großh. Bürgermeistereien der Land- gemeinden des Kreises.
Rach § 1 deS JnvalidenversicherungSgesetzeS vom 13. Juli 1899 unterliegen auch Judustrielehrerinueu der BersicherungSpflicht. Ausgeschloffen ist die Verfiche- mnNSPflicht nach § 5 des Gesetzes solange die Lehrerinnen lediglich zu ihrer Ausbildung für ihren zukünftigen Beruf beschäftigt werden, oder wenn ihnen eine Anwartschaft auf Pension im Betrage von 116 Mk. und darüber gewährleistet ist, oder falls die Voraussetzungen deS Bundesrats- beschluffeS, betreffend Befreiung vorübergehender Dienstleistungen von der BersicherungSpflicht gemäß § 4 Abs. 1 des JnvalidenversicherungSgesetzeS, in der Faffung vom 27. Dezember 1899, etwa vorliegen sollten.
ES hat sich nun ergeben, daß die Jndustrielehrerinnen nicht in allen Gemeinden zur Invalidenversicherung zu- gezogen find. Sie wollen daher für die Versicherung der in Dren Gemeinden thätigen Jndustrielehrerinnen, soweit LkN'stcherungSpflicht vorliegt, und insoweit dieselben noch nicht» versichert sind, alSbald Sorge tragen. In allen «ltneifelsfällen wollen Sie uns Bericht erstatten und unsere bitsjcheidung anrufen. Nach § 34 Abs. 2 des Jnvaliden- verfiicherungsgesetzes sind für Lehrerinnen, soweit der Gehalt
Ium hundertsten Geburtstage der Gharkotte Dirch-Ufeiffer.
(23. Juni 1900.)
Eine Grabrede von Paul Witt ko.
(Nachdruck verboten.)
Hundert Jahre sind heute verflossen, seit dem Tage, da tan Dvmänenrat Pfeiffer in Stuttgart ein Töchterchen gehören wurde. Schon in seinem 13. Lebensjahre wußte das Muttere Kind seinen Vater zu veranlassen, daß er es den 'kietttern anvertraute, die damals noch einem unbestimmten lLeriicht zufolge die Welt bedeutet haben sollen. Der kecke 'kleine Backfisch fand, Unterkunft am Königlichen Refidenz- Ibka tcr in München und entwickelte sich im Laufe der Jahre m einer hervorragenden tragischen Liebhaberin. Im Alter iU 23 Jahren heiratete Charlotte Pfeiffer den dänischen »^riststeller Dr. Christian Birch, und 183?'wurde: sie, »ie ernst die Neuberin in Leipzig und heute Nuscha Butze m Berlin und das Fräulein von Schönerer m Wien, The- «erdirektorin, und zwar in Zürich. 1844 erhielt sie am Ärmlichen Schauspielhause in Berlin das dankbare Rollen- W, das heute Anna Schramm inne hat. Im Sommer □•(S von einem Badeaufenthalt in Nauheim nach Ber- in cm das Krankenlager ihres Gatten gerufen siel sie r den Folgen der unterbrochenen Kur in ein Gicht- und Ämgenleiden zurück und starb am 2a. August. Auf dem Amsalemer Kirchhof in Berlin wurde sie in die Erde ^Das Ist der äußere Lebensgang der braven Birch- girffferin Ihr Name erinnert uns heute an die gute M Posttutschenzeit. An ihr Wirken als Bühnen^nstlerm dlik t heute niemand mehr, in ihrer Thatigkeit als drama- EL Schriftstellerin wird sie uns immer wieder noch von a&Hatm Theaterdirektoren, die ihr Publikum kennen, Sraefübrt Daß an ihren wurmsttchigen Stucken, ihren Rübrseliakeiten auch nur em einziger Sticher Theate^direktor^ heute seine Privatliebhaberei hat, Ä u ndenN>ar. Das wäre selbst einem leibhaftigen Striese mZutrauen Aber sogar ein Großstadtpublikum folgt Ehe noch einer Aufführung der ländlich-sittlichen „Grille" S mÄC^UUnaSne, « und «ernt mU der
den
Thorheiten des gutherzigen Trottels Didier und fühlt tiefes Mitleid für die vergrämte Mutter Fadet. Seit mehr denn vierzig Jahren, seit Friederike Großmann, der Naivesten der Naiven, machen die bedeutendsten Künstlerinnen des Naiven auf unseren Bühnen namentlich gern bei Gastspielen ihre Aufwartung immer wieder mit diesem^ von der Birch auf die gröbsten Kulissenefsekte berechneten Stück, in dem künstlerisch kaum mehr eine Spur zu entdecken ist von der reizenden Dorsnovelle „La petite Fadette", die eine wahrhafte Dichterin, George Sand, ersonnen hat. Wie viele Darstellerinnen des Naiven, die einst vielleicht, wie die Charlotte Pfeiffer, als halbe Kinder mit kaum erschlossenen Mädchenherzen und einem mehr oder weniger echten Schauspielernaturell ihre Bühnenlaufbahn begannen, sich auf städtischen und ländlichen Bühnen auch schon zu Tode gezirpt haben, „die Grille" der Birch stirbt nicht, sie hat die Grille, ihr ahasverisches Dasein auf den Brettern fortzuführen, zum Leidwesen aller Theaterrezensenten von Memel bis Temesvar, denen die Bitterkeit des Anhörens der Birchschen Sentimentalitäten durch das Bewußtsein treuer Pflichterfüllung kaum versüßt wird.
Durch Bühnenkniffe und dick aufgetragene Philistermoral gewinnen die Birchschen Stücke das Publikum. Die volle lebendige dramatische Kraft, die nachhaltig auf die Seele des Zuschauers wirkt, hat man bisher noch keiner Frau nachrühmen können, auch der Ebner-Eschenbach nicht. Diese vortreffliche Frau ist gleichwohl auch eine vortrefs- lick)e Künstlerin. Die Birch dagegen hat mit Kunst so viel wie nichts zu schaffen. Da sie mit Vorliebe fremde Eier nahm, um sie in ihrem eigenen Neste auszubrüten, so fehlt ihren Bühnengeschöpsen jeder echte Tropfen individuellen Blutes. Und da die Reihe ihrer Gläubiger sehr groß war, so gelangte sie zu einer Mannigfaltigkeit des Tones ohne jedes eigene Gepräge. Ihre Sprache ist stets unwahr und dabei nüjdjtern, ihr theatralischer Realismus hat mit dem poetischen Realismus, durch den auch z. B. die a. a. O. ganz, "und gar vergessene, etwa zu derselben Zeit wie die Bivchpfeifferaden entstandene meisterhafte Lokalposse „Datterich" von dem verbummelten Genie Niebergall aus Darmstadt sich auszeichnet, nichts gemeinsam, wenn beide Arten Realismus auch, tausendmal mit einander verwechselt werden. Die Birch geht stets nur auf ganz äußerliche Anreizungen der Phantasie, auf platteste, flachste Rührung > aus. Aber was an ihren dramatischen Arbeiten respektabel I ist und bleibt und um das sie von manchem wahren Poeten
ernsthaft und schmerzlich beneidet wird, das ist ihre außerordentlich, geschickte Bühnenmache. Einzelne ihrer Stücke enthalten Rollen, die zu klassischen Etüoen aller Theaterschulen geworden sind.
Charlotte Birch verstand es nicht nur, einen Stoss, der im zweiten Akt vielleicht schon zu Ende ist, wie in „Rose und Röschen", auf vier bis fünf Akte auszudehnen, ohne einen unlitterarischen Zuschauer merklich zu' ermüden. Sie verstand es vor allem, dankbare schauspielerische Aufgaben zu stellen, Aufgaben, die heute nock) von Fachleuten als sehr geeignete Prüfsteine für die Bühnenveranlagung von Anfängern geschätzt sind, und die erst« Bühnenkünstler in die Lage versetzen, das ganze Register ihrer Empfindungen spielen zu lassen. Was dichterisch übelste Unkunst ist, kann darstellerisch zur höchsten Kunst anregen. So kann z. B. ein Darsteller des Lord Rochester in der „W a i f e von Lowoo d", einem Stück, das, nach dem längst veralteten Roman der Currer Bell bearbeitet, früher alle Zuschauer zu Thränen rührte, uns Heutigen aber höchstens ein träumerisches Lächeln entlockt, bald in den zartesten, weichsten, wärmsten Farben malen, bald kann, er das Wilde, Finstere, Unheimliche betonen, ja zum Raubtier ausarten. Die Darstellerin der „Grille" hat sich im> Handumdrehen aus einem Kobold in ein Engelchen zu verwandeln. Ein noch gefügigeres Instrument, das alle Töne weiblichen Empfindens von sich zu geben vermag, ist die mit größtem bühnentechnischem Raffinement angelegte Figur des Lorle aus dem unverwüstlichen Schauspiel „Dorfund Stadt". Was läßt sich da nicht allerliebst schwäbeln und schnäbeln, juchzen und schluchzen und fingen sogar aus einem noch vorn wehesten Schmerz zerschnittenen Herzen. Noch jüngst passierte es mir, daß ick so etwas wie Lindenblütenduft an warmem Sommerabeno empfand, als dieses Lorle in Gestalt einer Darstelleriir von Rus und Schönheit, scheinbar gebadet in dem frischen Tau des Schwarzwaldes, mit zierlichem Bachstelzenschrittl „all in seiner Munterkeit" daherkam und so entzückens plauderte, daß ich beinahe aus Versehen der alten Birch von Herzen gut geworden wäre. Aber da fiel es mir noch rechtzeitig ein, daß die gute Birch an dieser Wirkung keinen Teil hattk, sondern außer der reizenden Bühnenkünstlerin nur noch Ludwig Auerbach. Der Birch Haupttrick war nichts anderes, als die bühnenwirksame Schärfung der Kontraste. Alle Nähte der fremden Original* dichtung zertrennte sie und den Rohstoff schnitt sie, ohu^


