M. t8
Erstes Blatt
Dienstag den 23. Januar
Gießener Anzeiger
Heneral-Unzeiger
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Amtlicher Heil.
Gießen, den 19. Januar 1900.
Betr.: DaS Ersatzgeschäft pro 1900.
Der Civilvorsitzende der Großh. Ersatz-Kommission Gießen an die Großh. Bürgermeistereien deS Kreises.
Mit Rücksicht auf den frühen Beginn des diesjährigen Ersatzgeschäftes wollen Sie alsbald mit Aufstellung der neuen Stammrollen beginnen und solche mit denjenigen pro 1898 und 1899 sofort einsenden.
Boeckmann.
Deutscher Reichstag.
181. Sitzung vom 20. Januar. 1 Uhr.
Tages-Ordnung: Fortsetzung der Etatsberatung. Etat des Reichskanzlers.
Abg. Dr. Hahn (Bd. d. L.- erklärt gegenüber den gestrigen Ausführungen des Reichskanzlers, seine Freunde hätten sachlich nichts gegen die Aufhebung des Verbindungsverbots. Aber der Zeitpunkt dafür sei angesichts der allgemeinen Situation nicht der richtige gewesen. Was die auswärtige Politik anlange, so habe die gestrige Rede des Abg. v. Liebermann lebhaften Anklang gefunden, der Reichstag habe -auch Unrecht daran gethan, die Besprechung der Interpellation gestern abzulehnen. Redner bemängelt weiter unsere auswärtige Politik im allgemeinen, und auf dem wirtschaftlichen Gebiet im besonderen, vornehmlich gegenüber Nordamerika, und berührt alsdann die Frage der Transitläger und des Quebrachozolles. Die Regierung könne sich nicht wundern, wenn die Klagen der Landwirtschaft und des Mittelstandes fortgesetzt ungehört bei ihr verhallen, daß dann im Lande das Vertrauen zu ihr schwinde. So lange der Bund der Landwirte die Bewegung in der Hand halte, werde aber diese jedenfalls patriotisch und monarchisch bis in die Knochen sein.
Reichskanzler Fürst Hohenlohe stellt aus Anlaß einer Bemerkung des Vorredners fest, er habe gestern von einer hannöverschen Versammlung nur gesprochen, um eine Resolution zur Kenntnis des Hauses zu bringen, in der ihm nachgesagt werde, er wolle Deutschland zum Jndustrie- staate machen. ~ .
Abg. Bebel (Soz.) konstatiert, seine Fraktion habe die Unterschrift unter die Beschlagnahme-Interpellation keineswegs abgelehnt, auch nicht ablehnen können, weil sie darüber gar Nicht befragt worden sei. Redner wendet sich dann gegen v. Kardorffs gestrige Aeußerungen betreffend Wiederaufnahme der Bismarü'schen Politik gegen die Sozialdemokraten. Der Herr Reichskanzler habe gestern die Aeußerung des Kaisers zu der seinigen gemacht, die Sozialdemokratie sei eine vorübergehende Erscheinung, man müsse sie austoben lassen. Wer die Sozialdemokratie eine vorübergehende Erscheinung nenne, der kenne die elementaren Ursachen des Entstehens der Sozialdemokratie nicht (Präs. Graf Ballestrem unterbricht den Redner und fordert ihn auf, wenn er den Kaiser als Urheber der Worte anführen wolle, dies zu unterlassen, denn die Worte hätten nicht im „Reichsanzeiger gestanden. Große Heiterkeit.) — Abg. Bebel (Soz.) fortfahrend, meint, dann werde er also künftig auf den Reichsanzeiger abonnieren müssen (stürm. Leiter!.) Die soziale und politische Gleichberechtigung der Arbeiter, das sei das Ziel, nach welchem die Sozialdemokratie strebe. Nachdem Redner noch die agrarischen Bestrebungen einer höchst abfälligen Kritik unterzogen, und dem Abg. v. Kardorsf feine Teilnahme an Gründungen vorgeworfen, bemerkt
Abg. v. K r ö ch e r (kons.), wenn der Herr Reichskanzler glaube, das Verbindungsverbot aufheben zu müssen, so hätte er es gleich thun müssen und nicht drei Jahre warten, um es dann, der Not gehorchend, zu thun.
Abg. Fürst Bismarck (b. k. F.) verteidigt kurz die Cozialistengesetzpolitik seines verstorbenen Vaters gegen Len Abg. Bebel. Mit der Schutzzollpolitik habe der erste Reichskanzler nicht blos Geld für das Heer schaffen wollen, sondern er habe sich leiten lassen von der patriotischen Rücksicht auf den Wohlstand des Landes. Fürst Hohenlohe habe gestern den Konservativen nachgesagt, sich mit Entwürfen zu tragen, welche die Zustimmung des Reichstages niemals finden würden. Ihm selbst sei von solchen Entwürfen nichts bekannt, wohl aber wisse er, daß Fürst Hohenlohe selber drei Vorlagen gemacht habe, die vom Reichstage abgelehnt worden seien. Graf Posadowsky habe gestern gesagt, der Erfolg des ersten Reichskanzlers sei doch mitbedingt gewesen durch ein Zusammentreffen großer geschichtlicher Ereignisse. Das sei doch nicht ganz richtig. Bei dem, woran Graf Posadowsky wohl selbst gedacht habe, seien doch die Ereignisse auch herbeigeführt, geschaffen
* Vom Kriegsschauplatz.
Die Spannung ist aufs höchste gestiegen und noch immer läßt der Telegraph mit einer entscheidenden Meldung auf sich warten. Was bis zur Stunde an Depeschen eingelaufen ist, das ist nur Arabeskenwerk zu einer schon bekannten Thatsache, daß die Engländer in der Thal den Tugela überschritten haben. Was nachher passiert ist, darüber steht amtlich nichts fest, wohl aber schwirren Gerüchte, daß die Buren die Division Warren zwischen ihr Kreuzfeuer genommen haben, und daß auch sonst die Lage BullerS nicht beneidenswert ist. Diese für die Briten pessimistischen Meinungen werden ausgewogen durch ein Telegramm deS „Daily Telegraph", dessen Korrespondent vom 19. dS. Mts. meldet, daß die von Dundonald besetzte Stellung bei Actonhome einen leichten Zugang nach Lady-
worden. Redner wendet sich noch zu den gestrigen Ausführungen des Grafen Bülow und schließt: Ich wünschte nur, daß auch der Hohe Chef des Grafen Bülow dasselbe, wie dieser, von sich sagen könnte: daß nämlich auch er an den alten Geleisen der Politik des ersten Reichskanzlers festhalte.
Abg. Lieber (Zentr.) kann eine Rückkehr zu der inneren Politik des alten Fürsten Bismarck nicht für wünschenswert halten. Er, Redner, sei gegen jedes Ausnahmegesetz, und er wolle Hauptsächlich erklären, daß ihm alle sonstigen, noch so heftigen Angriffe auf die Regierung nicht entfernt so gefährlich erschienen, als gerade die gegenwärtigen konservativen Angriffe auf die Regierung. Dem Fürsten Hohenlohe könne man nur Dank wissen, daß er mit der parlamentarischen Mehrheit rechne und die Frage aufwerfe, ob bei einer etwaigen Auflösung nicht etwa dieselbe Mehrheit wieder komme. Das sei die Folge des allgemeinen Wahlrechts. Und wer habe denn das allgemeine Wahlrecht eingeführt? Derselbe starke Mann, nach dem immer geschrieen werde. Im Namen der Zentrumspartei erkläre er, Redner, ausdrücklich, daß dieselbe diejenige Politik, die von rechts empfohlen werde, nicht mitmache. Das Zentrum danke der Regierung dafür, daß sie bei der gegenwärtigen schwierigen Weltlage sicb nicht noch in einen inneren Konflikt hineintreibe, so lange es noch möglich sei, einen solchen Konflikt zu vermeiden. Gerade als staatserhaltende Partei werde das Zentrum die Regierung stützen, sowohl in ihrer auswärtigen und in ihrer inneren Politik. (Beifall.)
Abg. S t e i n h a u e r (srs. Vp.) tritt den Ausführungen des Abg. Hahn entgegen; es gehe dem Bauer gar nicht so schlecht. Redner bekämpft weiter das agitatorische Auftreten des Bundes der Landwirte.
Abg. Arendt (Rp.) sucht die Vorwürfe, die Abg. v. Kardorsf gegen die Regierung erhoben, nam"ntlich hinsichtlich ungenügender Wahrung der Interessen der Landwirtschaft, als begründet zu erweisen, ebenso hinsichtlich Aufhebung des Verbindungsverbots und Fallenlassens der Zuchthausvorlage. Die Sozialdemokratie sei nicht eine vorübergehende, sondern eine dauernde Erscheinung, und darin gerade liege die Gefahr. Vom internationalen Bimetal- lismus möge man behaupten, daß er nicht durchführbar sei; aber mau könne nicht behaupten, daß er schwerere internationale Kalamitäten im Gefolge haben werde, wie man sie erst kürzlich bei der Goldwährung erlebt habe. (Sehr richtig!) Wenn man auch die Regierung gegen Agrarier und Konservative scharf mache, so würde seine, Redners, Partei die Regierung doch überall unterstützen, wo es sich n>m die Erfüllung wichtiger patriotischer Pflichten wie bei der Flottenvorlage handele (Bravo! rechts).
Abg. Stöcker (b. k. F.) bespricht die Beschlagnahme deutscher Schiffe durch England und bezeichnet dieselbe als eine unhöfliche Antwort auf die Besuche des Kaisers und v. Bülows in England. Alsdann geht Redner auf die Bebelschen Ausführungen ein und sagt schließlich, die Ursachen der Sozialdemokratie seien die Irreligiosität und der Gründungsschwindel der ersten siebziger Jahre. England sei uns insofern voraus, als dort Tausende sich mit warmen Herzen der Not der Aermeren annehmen. Unter dem jüdischen Mammonismus leide die körperliche und die geistige Arbeit gleichmäßige Gegen diesen Mammonismus müßten alle Lebenskräfte des deutschen Volkes mobil gemacht werden.
Abg. v. Kardorsf (Rp.) bemerkt gegen die Ausführungen Bebels, daß er mit Bleichröder bekannt und befreundet gewesen sei und das Andenken dieses Mannes auch heute noch hochschätze.
Abg. Frhr. v. Wan gen heim (kons.) dankt dem Abg. Rickert für dessen Reklame für den Bund der Landwirte.
Abg. Schrempf (kons.) schildert die Lage des mittleren und kleineren Grundbesitzes in Süddeutschland.
Tie Debatte wird geschlossen.
Der Titel „Reichskanzlei" wird bewilligt, desgleichen eine Reihe weiterer Titel.
Montag 1 Uhr: Erste Lesung der Unsalkversicherungs- novelle. Schluß 6 Uhr.
smyth beherrsche, und die Verbindung des Feindes mit dem Freistaat (?) unterbreche. Warren dringe stetig nach Ladysmith vor. „Daily Mail" glaubt zu wissen, LyttletonS Brigade werde demnächst nach einer heftigen Beschießung die Burenfront angreifen, und Warren werde inzwischen versuchen, die rechte Flanke der Buren zu umgehen. Die Besatzung von Ladysmith werde einen entschlossenen Angriff nach Westen machen und BartonS Brigade die Stellungen der Buren bei Colenso angreifen.
Aber das ist auch nur Zeitungsstrategie. Aus der Karte im Bureau läßt sich ein Sieg eher erringen, als unter dem Feuer der Mausergewehre. Von einiger Bedeutung ist die Nachricht vom Freitag, daß Schiffsgeschütze in Zwischenräumen die Laufgräben des Feindes beschossen, aber wenig Buren auf den Höhen gesehen wurden, die Mount Alice gegenüber liegen, und folgendes Telegramm:
Loudon, 20. Januar. Der „Standard" meldet vom 18. ds. aus SpearmanS Farm: Es wirb berichtet, daß die Buren gegenüber Colenso am Montag, als sie sahen, daß General Bull» sie aus ihrer Stellung herauSmanöonert hatte, den Tugela nach ©üb.'n überschritten unb alle Häuser im Ort in Branb setzten. Da bte Truppe von Chteveley aus vorrückte, zogen die Buren sich nach ben Verschanzungen auf den mit Colenso in einer Linie liegende» Hügel zurück Die b:titsche Infanterie ging unter Plänkelfeuer zum Angriff vor; im zweiten Treffen folgten bte Reserven, während tue britische Kavallerie an der rechten Flanke dicht am Flusse rekognosziere. Die Streitkräfte der Buren bck Colenso müssen bedeutend geschwächt gewesen fein durch Entsendung starker Abteilungen nach Westen, um dem Vormarsche BullerS entgegenzutreten; sie räumten eilig die Verschanzungen am Fluß und die gegenüber Colenso gelegenen Kopjes und wurden durch unser Shrapnelfeuer zersprengt. Abends war kein Fcknd innerhalb Büchsenschußweite bei Colenso geblicben; die britische Streitmacht zog sich nach Chieoeley zurück.
Diese Depesche beweist zweierlei, erstens, daß nicht nur die Buren, sondern auch die Engländer sehr schwach bei Colenso stehen, denn sonst hätten sie sich doch nicht um die Früchte ihres Sieges bringen lassen, hätten die Buren verfolgt und ihnen eine Niederlage beigebracht. Statt dessen haben sich auch, trotzdem die Buren angeblich die Verschanzungen räumten, die Engländer nach bewährter Methode wieder zurückgezogen. A so die Engländer sind schwach bei Colenso und die Buren wissen das, deshalb haben sie ihre verfügbaren Streitkräfte nach ihrem rechten Flügel geworfen, um Bullers Vormarsch unb Whites Ausbruch zu verhindern.
* • *
London, 21. Januar.. Meldungen aus Spearmans Lager vom 19. Januar berichten • General Warren setzte seinen Vormarsch nach Acton Howes fort. Die Buren haben fast ihre gesamten Streitkräfte nördlich von Natal, etwa 48,000 Mann, zwischen General Bullers Truppen und Ladysmith geworfen. Es verlautet, daß fast die ganze Artillerie der Generale Warren und Kitchener sowie die Munitions-Kolonne und die meisten schweren Geschütze noch am Südufer des Tugela-Fluffes seien.
Brüssel, 21. Januar. Es steht fest, daß General Joubert seit Wochen den Umgehungsplan des Generals Buller kannte und seine Maßnahmen danach traf. General Joubert errichtete zwischen dem Tugelafluffe und Ladysmith eine Reihe befestigter Stellungen, welche die Engländer mit dem Bajonnet nehmen müssen, bevor sie sichLady- smith nähern können. In Transvaalkreisen sieht man den nächsten Wochen mit voller Siegesgewißheit entgegen.
London, 21. Januar. Aus Kapstadt wird gemeldet, daß im Burenlager vor LadysuAH während des ganzen Tages Wagen mit Munition und Proviant eintreffen. Ringsum sieht man nur Buren. Jede englische Patrouille wird angegriffen.
London, 21. Januar. General Buller telegraphierte aus Spearmans Camp: General Clery mit einem Teil der Streitkräfte des Generals Warren ist gestern in Aktion gewesen. Durch kluge Benutzung der Artillerie hat er sich seinen Weg erfochten. Er besetzte einen Hügel, wo die Truppen jetzt biwakieren. Er hat einen Vorteil errungen, aber die Hauptstellung ist doch in seiner Front. Er hatte 100 Verwundete, die Zahl der Toten ist noch nicht festgestellt. (Also wahrscheinlich wieder eine verheimlichte Niederlage.)
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Telegramme des „Gieheuer Anzeiger".
London, 22. Januar. Gestern wurde folgende ofstztelle Depesche bekannt gegeben: Buller telegraphierte abends, daß Warren heute den Tag über auf seiner linken Flanke engagiert war und 2 Meilen weiter nordwärts kam. Der Weg führe bergan, das Terrain fei schwierig, aber er, Buller


