Gießener Anzeiger
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Mißachtung der Volksvertretung nannte? Glaubt die Regierung wirklich nicht Indemnität nachsuchen zu müssen? Auch in diesem Punkte suchte Gras Bülow den erwarteten Angriffen zuvorzukommen, indem er sich bereit erklärte, auf Wunsch einer Benderung des Gesetzentwurfs dahin zuzustimmen, daß ausdrücklich „Indemnität" erteilt werde. Mit diesem Zugeständnis hat der Reichskanzler der Opposition ziemlich viel Wind aus den Segeln genommen. Wenn aber noch genug Anlaß zu recht ernsten Betrachtungen übrig bleibt — und es fehlte daran weder in der Rede des Herrn Lieber noch in der des Herrn Bebel — so ist doch die Empfindung allgemein, daß die Kritik sich weniger gegen den verantwortlichen Staatsmann als gegen Stellen richtet, die einer staatsrechtlichen Verantwortung nicht unterliegen.
Daß die ruhigen, sachlichen Ausführungen des Grafen Bülow sich nicht leicht mit allen Kundgebungen, die im Reichstage erörtert wurden, vereinbaren lassen, wer wollte es leugnen? Allein der Reichskanzler selbst kennzeichnet seine Politik mit solcher Klarheit, wies aufgetauchte Be- sorgnisie mit solchem Nachdruck zurück, daß sich gegen die meisten seiner Ausführungen begründete Einwendungen nicht erheben laffen. Graf Bülow denkt nicht daran, sich überall in Welthändel zu mischen, überall die Vorsehung zu spielen. Er sprach von den Gefahren, die die Rolle des Schiedst richters, des Friedensstifters mit sich bringt; erwies ebenso auf die Erfahrungen hin, die Napoleon III. gemacht hat, und betonte, daß die Hohenzollern keine Bonapartes seien. Er hob kräftig und treffend hervor, daß der Schwerpunkt unserer Jnteresien nicht jenseitts des Ozeans, sondern in Europa liegt. Er will keine Eroberung, er nimmt an überseeischen Unternehmungen nur Teil, soweit es die Ehre des Vaterlandes, die unbedingte Notwendigkeit gebietet. Er gab darum, wie der Befriedigung über oaS Abkommen mit England, auch der Ueberzeugung Ausdruck, daß zwischen einer gut geleiteten deutschen und einer gut geleiteten russischen Politik kein dauernder Gegensatz möglich sei.
Was läßt sich gegen alle diese Erklärungen deS Grafen Bülow sagen? Immer wird in der Erwiderung vorzugsweise auf Vorgänge hingewiescn, deren Urheber nicht Graf Bülow ist, auch wenn er genötigt ist, sie mit seiner Verantwortlichkeit zu decken. Diese Lage ist für ihn nicht gerade angenehm. Aber in seiner Ruhe und Bedächtigkeit
war der Reichskanzler glücklicher als der Kriegsminister v. Go ßler in seiner Schneidigkeit. WaS mag der Minister mit dem Satz gemeint haben: „Was unsere Truppen m China jetzt thun, ist nur die Vergeltung für das, was die Hunnen bei uns jahrhundertelang gethan haben"? Diese «eußerung des Generals v. Goßler erregt nicht nur bei den Parteien Verwunderung, deren Redner an der Kriegführung in China Anstoß genommen hatten. Im Jnlande wie im Auslande wird die Rede des Grafen Bülow jedenfalls einen besseren Eindruck machen als die des Kriegsministers. Und der Reichskanzler mag auf der Hut sein, daß seine Kreise nicht durch das Ungestüm seiner Gehilfe« gestört werden.
Adresse für Depeschen: Anzeiger Hietz«» Fernsprecher Nr. 51.
Die China-Debatte im Reichstage ist am Montag angefangen und in diesen Tagen fortgesetzt worden. Wir haben die Reden des Reichskanzlers, des Zentrum- und des sozialdemokratischen Führers ausführlich vtriöffentlicht und fahren heute mit der Veröffentlichung der weiteren Reden mit derselben Ausführlichkeit fort.
Der wesentlichste Gegenstand des Streites ist eigentlich durch die einleitende Rede deS neuen Reichskanzlers besritigt worden. Weshalb ist der Reichstag nicht ein» berufen worden? Indem er es weise verschwieg, zeigte sich -ruf Bülow als Meister des Stils. Wozu soll er ohne Nolt zu verteidigen suchen, was er nicht verteidigen kann? äib Ende will er es auch gar nicht verteidigen, da er selbst für die Einberufung des Reichstages im Sommer war. Nun freilich hat Graf Bülow in der Thronrede gesagt, es sei damals nicht möglich gewesen, die Kosten des Feldzuges auch nur annähernd zu schätzen. Aber ist das ein Grund, die Unterlassung der Einberufung zu rechtfertigen? Mit Recht erinnerte Dr. Lieber daran, daß man 1870 bei Ausbruch des Krieges mit Frankreich ebenso «mig die BedÜrfniffe mit einiger Sicherheit veranschlagen körnte und doch den Reichstag berief, um 120 Millionen bewilligen zu laffen, und daß auch spätere Nachbewilligungen rechtzeitig beantragt wurden. „Fadenscheinig" nannte daher der Zentrumsführer die jetzige Entschuldigung, und der Reichskanzler erhob nicht ernstlich Widerspruch. Er hatte betont, daß sein Amtsvorgänger sicherlich nicht die Absicht gehabt habe, bad gute Recht des Reichstags zu verkümmern; gegen einen solchen Verdacht schütze den Fürsten Hohenlohe feine ganze verdienstvolle Vergangenheit. Und doch, diese Erklärung, so ritterlich sie ist, läßt doch erkennen, daß Graf Alow die Haltung des früheren Reichskanzlers nur ent» schuldigt, nicht billigt. Er selbst erkennt das Recht des NeiichStagS unumwunden an und versichert, daß er es, so large er im Amt ist, unbedingt achten werde. Damit hat et her Besorgnis vorgebeugt, es könnte, was gestern geschehen ist, sich morgen wiederholen.
Aber wenn der Reichskanzler vor dem Reichstage seine Verbeugung macht'und die Hand zum Frieden bietet, wie iß ein Verfahren zu sühnen, das Dr. Lieber, bei allem Sn,gegenkommen, eine Verfössungsverletzung, eine schwere
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274 Drittes Blatt. Donnerstag den 22. November 150. Jahrgang 1000
Aus Stadt mck Sand.
Gießen, 21. November.
*• Handwerker AusbildungSkurse. Die Zentralstelle für die Gewerbe beabsichtigt Anfangs Januar 1901 zu Darmstadt folgende Fachkurse von 12tägiger Dauer für Meister und ältere Gesellen abzuhalten: 1. für Maler in Holz- und Marmormalen nach der Natur. Zu dem Kursus habe» die Teilnehmer mitzubringen: ein Holzfarbengeschirr, eine» Oelfarbenvertreiber, eine Staffelei, sowie ein Reißbrett vo» 0,50x0,90 Zentimeter. Gegen Vergütung werden, außer sämtlichem Material, die mit Oelfarbe angestrichenen, dicken Papierbogen geliefert. 2. für Schuhmacher. Der Unterricht erstreckt sich auf Anatomie des Fußes, Modellmachen, Leisten-Herrichten, Fellauszeichnen und Ausfellen, Zusammenstellen der Schäfte, Fertigmachen und Kalkulation des Leders; außerdem soll eine im Betriebe befindliche Maß-Zuschneiderei vorgeführt werden. Zu diesem Kurs können nur 5 Teilnehmer zugelaffen werden. 3. für Schneider. Der Unterricht umfaßt: Maßnehmen, Zuschneiden, Stoffeinteilung und Abänderung schlecht sitzender Kleidungsstücke. Bei den Kursen 1 und 3 soll die Teilnehmerzahl 12 nicht übersteigen. Die Kurse beginnen am 6. Januar; Anmeldungen werden von der genannten Centralstelle bis zum 1. Januar entgegen* genommen. Das Unterrichtsgeld beträgt für jeden dieser Kurse fünf Mark. Dasselbe kann unbemittelten Teilnehmern auf Vorlage entsprechender Zeugnisse erlaffen werden; in gleicher Weise kann auswärtigen wenig
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Die Gießener >emtfie«6f4tt<r earktn dem Anzeiger 'n Wechsel mit „Hess. Ü-mdwirt" u. „Blätter fit heff. Volkskunde" rbchtl. 4 mal beigelegt.
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Knaben die fördernde Hand zu reichen. Im Gedenken an jene mir unvergeßlichen Abende lege ich nun dies kleine Buch, dessen Widmung Sie angenommen, als ein geringes Zeichen meiner Zuneigung, meiner Verehrung und meiner Dankbarkeit in die Hände dessen, den ich mit Stolz meinen ersten Lehrer nenne". Unter so freundlicher und ernster Förderung konnte sich das dichterische Talent Ernst Ecksteins frühzeitig entwickeln, zumal ihm auch im elterlichen Hause nichts in den Weg! gelegt swur de, sich frei auszuleben, seitdem er schon auf der Schul-, bank Beweise seines Talentes und einer geiftigen Selbstständigkeit und Reife gegeben hatte.
Ecksteins „Besuch im Karzer" war em Lchlager. Das Büchlein hat seine Zugkraft bis heute noch nicht verloren Ecksteins Schulhumoresken sind vorbildlich geworden. Es erwuchs eine ganze Litteraturgattung der Schulhumo- reske Für Eckstein selbst war der erste Erfolg auf diesem Gebiete ein Ansporn zur weiteren Pflege dieser Art des Humors. Von Pädagogen sind gegen die von Eckstein begründete Richtung Bedenken geltend gemacht worden. Man hat ihm vorgehalten, daß er durch Karrikieren der Lehrer deren Autorität beim Schüler beeinträchtige. Darin liegt ein Körnchen Wahrheit. Aber man suche erst eine schule an der der eine oder der andere der Lehrer, zumal wenn er etwas ihn Kennzeichnendes an sich hat, nicht von den Schülern mit einem Scherznamen belegt wird und wo nicht die Mär von einzelnen Absonderlichkeilen der Lehrer sich, von einem Schulergeschlecht auf das andere fortpflanzt. In.diesen^humoristischen Ueber- lieferunqen ist ein Stück Schulgeschichte enthalten. Mit glücklicher Hand hat Eckstein das Allgemeine aus dieser Seite des Schullebens herausgegriffen und mit Geschick zu einem anschaulichen Bilde gestattet. Dazu kommen Ecksteins humoristische Gedichte, das „Jnitium fidelitatis , das „Exercitium Salamandri", die Jucunda fnventus , die manchen lyrischen Treffer enthalten. Auch auf dem Gebiete der politischen Dichtung versuchte sich Eckstein mit Erfolg. Sein groteskes Nachtstück „Die Gespenster von Varzin" spiegelt die Meinungen über Bismarck m der Zeit, wo dieser vor einer folgenschweren Entscheidung stand, hell wieder. Ten breitesten Raum in dem literarischen Schaffen Ecksteins nehmen feine erzählenden Dichtungen ein. Sie verteilen sich, «uf die ganze Zeit ferner
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poetischen Hervorbringung. Mit Ernst Eckstein ist eine allgemein geachtete litterarische Persönlichkeit uns verloren gegangen, deren Andenken die 'Litteraturgeschichte in Ehren halten wird.
Kunst und Wissenschaft.
Darmstadt, 19. November. Die gestrige Matin« zum Beste« der Pensionsanstalt deutscher Journalisten und Schriftsteller nahm eine« guten Verlauf, obgleich die plötzliche Absage des Frl. Irene Triesch, die an das Krankenbett ihres Vaters berufen worden, in letzter Stunde eine Aenderung des Programms nötig machte. Als Ersatz war Fra« Jenny Eister Eichenberg aus Frankfurt a. M. gewonnen worden. Ihre Rezitation von Dichtungen Freiligrath's, Baumbach's, Fulda's und anderer Autoren wurde beifällig ausgenommen. Gleicher Anerkennung durften sich der Violinist Adolf Rebner und der Konzertsänger Dr. Weilhammer aus Frankfurt a. M. erfreuen.
— Aus Frankfurt a. M. schreibt man uns: Die soeben er. öffnete Weihnachts-Ausstellung im Kunstsalon Hermes weist Sonder- Ausstellungen neuester Werke auf von dem Brüsseler Akademieprofeffor Paul M a t t h i e u , von dem Baseler Herm. R ü d i s ü h l i, von Anto« Burger- Cronberg und Victor G i l s o u l. Brüstel. Vertreten sind in der besonders reichhaltigen Ausstellung außerdem mit neuen Werke« Hans Thoma, Jos. Wopfner, G. Schönleber, F. vo» L e n b a ch , Franz Stuck, Walter F i r l e, Gabriel v. M a x u«d eine große Anzahl anderer bedeutender Künstler. Zu erwähnen ist ferner der Berliner Bildhauer A. Gr aul mit 10 Bronzen. -o
— O. E. Hartleben hat, wie er selber öffentlich erklärt, 6et seinem neueste« Drama „Rosenmontag" (Verlag von S. Fischer in Berlin) als „geheimen Mitarbeiter" seinen Bruder gehabt, der zehn Jahre lang aktiver preußischer Offizier gewesen ist.
— Sudermanns Schauspiel „Die Heimat", das einzige seiner Stücke, das ins Englische übersetzt ist, batte neulich bei seiner Aufführung im „Deutschen Theater" in St. George's Hall in London sehr großen Erfolg. Und e8 ist erfreulich, daß neben den bisherigen Darstellerinnen der „Magda", Sarah Bernhardt und Eleonore Düse, jetzt auch eine deutsche Darstellerin der „Magda", Fräulein Mara Feldern- Förster, mit dieser Rolle dort einen lebhaften Erfolg errungen hat.
— Ein Wort von Goethe teilte Prof. Litzmann aus Bonn dieser Tage in einem Vortrag mit, den er in Frankfurt a. M. über bat deutschen Roman hielt. Rach dem verstorbenen Prof. Stickel (Jena), der mehrfach bei Goethe verkehrt hat, berichtete Prof. Litzmann: vm junger Gelehrter fragte Goethe, wie „Exzellenz zu dem schönen Stil gekommen" sei? „Sehr einfach", erwiderte Goethe, „ich ließ die Gegen, stände ruhig auf mich einwirken und suchte dann den bezeichnendsten Ausdruck dafür!"
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Gratisbeilagen: Gießener Familienbiälter, Zer hessische Kandwirt, Mütter für hessische Volkskunde.
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Feuilleton.
tzrnst Eckstein, dessen Tod wir vorgestern melden Nutzten, war bekanntlich ein geborener Gieß e n e r. Sem kiier war der Hofgerichtsadvokat Dr. Franz Eckstein, der im Hause Neuenbäue 21 wohnte, jetzt dem Zig.arrenfabri- Imten Nattmann, damals einem Herrn Baltin gehörig. 6r war ein sehr beliebter und bekannter Anwalt u a. mch Rechtsvertreter der hiesigen kirchlichen Bchördem teuft Eckstein besuchte mit seinem jüngeren Bruder, dem Begründer von Richard Ecksteins Verlag Berlin, das kiesige Gymnasium, das ihm, wie uns em alter Gießener nn9> älterer Schulkamerad des verstorbenen Poeten er- Mt, den Stoff geliefert hat zu seinen bekannten Schul- hnmoresken. Wer aus den Schülergeschlechtern des letzten kZi»erteljahrhunderts hat sie nicht mit vielem Behagen ge-
"Schon in seiner frühesten Jugend hatte sich die dichterische Begabung Ecksteins entwickelt. Das verrät er feÜbft einmal in einigen Widmungszeilen, die er seinem i 1880 erschienenen „Liede von Guadalquivir „Murillo" vor- oiischickt und die an den Geh. Justizrat Dr. Karl von 11 cd) t e n zu Paris „in dankbarer Freundschaft" gerichtet sind Erinnern Sie sich, mein teurer Freund", so heißt > ka" jener stillen, traulichen Winterabende, die den I nen Gnmd unserer nachmaligen Beziehungen legten? U war in Gießen zu Anfang der sechziger Va br c Durch Nebel und Schnecgeiwber schritt, wenn d,° Tages Arbeit vorüber war. ein lustiger Sekundaner
Ehren. Ter junge Gelehrte teurer Meun^ waren Sü.WffS FtfcSS&SB
iieefer Unvollkommenheit öie Keime em es Talente 3 erMicken, das freundlich gepflegt, einigermaßen ent Mitteln könne. So übernahmen Sie denn die Mühe, dem füll seine übrigen Mitbürger so höchst uninteressanten
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