Nr 195 Zweites Blatt. Mittwoch den 22 August l«K>O
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Das weitere Programm?
Wie ein drohendes Gewitter hängt es über dem von dem Sohne des Himmels geräumten Peking. Die Gesandten sind befreit. Aber die rechte Freude über diesen unerwartet raschen Erfolg will sich nicht einstellen. Vielleicht ist daS daraus zurückzufüyren, baß die londoner Skandalblätter in den beiden letzten Monaten allzureichlich von dem durch Schiller den Müttern zugewiesenen Vorrechte des „Irrens" Gebrauch gemacht haben. Wenn täglich 24 Stunden hindurch in London und Shanghai gelogen worden ist, daß sich die Balken bogen und die Käbeldrähte krümmten, so kann man wirklich die Lust an solchen Ereignissen verlieren.
Es ist ja gewiß mit großer Freude zu begrüßen, daß sich dieser Gesandtenmord als eitel Sensationsmache erwiesen hat, und daß sich die Vertreter Europas wacker so lange gegen den Ansturm der mongolischen Horden verteidigt haben. Aber ein gewisses Gefühl der Beklommenheil kann man doch nicht unterdrücken, wenn man an die kreisenden Berge des biederen Hofpoeten Horaz und an das dabei zu Tage geförderte Mäuslein denkt. Was fangen wir jetzt mit alle den vielen Programmen für den Ehina- krieg an? In Peking stehen wir, aber wie soll man dort den Frieden diktieren? Denn daß die Mitglieder des famosen Tsungli-Yarnen nicht einmal mehr flüchtig den europäischen Heerführern zu Gesichte gekommen sein werden, ist ziemlich wahrscheinlich, sie werden wohl mit dem Kaiser zusammen ausgerissen sein.
Auch sonst ist vieles nicht programmmäßig verkaufen. Im letzten Augenblick, als alles, was den Zopf trägt, schon die Beine unter den Arm genommen hatte, sind durch den französischen General Frey die geringen Kontingente der deutschen, österreichischen und italienischen Marinemannschaften noch herbeigelotst worden, etwa wie ein Schauspieler, der sein Stichwort überhört hat, vom Regisseur aus den Coulissen geholt wird. So hat auch der Dreibund am Einzuge in Peking teilgenommen. In die Lage, darüber nachzudenken, ob Pardon gegeben werden soll und ob Gefangene gemacht werden sollen, sind unsere Truppen offenbar gar nicht gekommen. Und nicht einmal die „Kölnische Zeitung" hat mit ihrem „Pardon wird euch nicht gegeben" Recht behalten, auch die Chinesen haben sich auf ihrer Flucht keine Zeit zu solchen Gedanken genommen. Auch das hat sich also nicht programmmäßig abgewickelt.
Während nun die europäischen Gesandten das traditionelle Pferde- und Rattenfleisch von der Speisekarte absetzen, und die Truppen der Verbündeten sich die stinkenden Augiasställe chinesischer Wohnungen zu Quartieren Herrichten, wird man sich in Peking darüber klar werden, daß n u nmehrälleinTeutschlandeineSonder- ftellung ein nimmt, da nur der deutsche Gesandte ermordet worden ist. Die Aufgabe der anderen Mächte ist im wesentlichen gelöst. Es gilt nur die Wiederkehr solcher Ereignisse durch irgend welche Maßregeln dauernd unmöglich zu machen, dann können sie — nachdem man die nötigen photographischen Aufnahmen des Schauplatzes der Ereignisse gemacht hat — da offiziell kein Krieg mit China besteht, wieder heimkehren. Nur Deutschland steht mit seiner zu fordernden „blutigen Genugthuung" und dem proklamierten Rachekrieg allein da. Und die Frage drängt sich von neuem auf: Was wollen wir eigentlich in China? Wiewill man eine starkeRegierung in Peking ein setzen? Und vor allem: Worin soll die geforderte Genugthuung für den Mord unseres Gesandten bestehen? Und schließlich, wie weit können toir lauf dieIibrigen Mächte heute noch rechnen? Das sind ernste Fragen, die uns bewegen, wenn heute Graf Waldersee als Höchstkommandierender post festum, nachdem er in zwei Wochen die dringend notwendigen Abschiede und Empfänge erledigt und die noch dringender notwenwendigen Reden gehalten, die Ausreise nach China antritt. Unsere besten Wünsche begleiten ihn auf dieser Fahrt, und sie sind um so herzlicher, je ernster wir die Lage auffassen.
Die Wirren in China.
Im Lichte der neuesten Nachricküen sehen sich die Dinge in Peking doch etwas anders an, als sie nach dem verhältnismäßig glatt verlaufenen Vormarsch der Verbündeten und nach den ersten Meldungen über die Einnahme der Stadt erscheinen mußten. In Erweiterung des bereits mitgeteilten Telegramms der „Agenzia Stefant" berichtet jetzt auch der britische Admiral Bruce aus Tschifu vom 19. August - „Ich höre aus japanischer Quelle, daß ein Teil von Peking in Flammen steht, der Kampf in den Straßen dauert fort, Yunglu verhinderte dieKaiserin, Peking zu verlassen, die Verbündeten um- Mgeln und beschießen die innere Stadt, wo mau ihnen den letzten Widerstand entgegenstellt". Nachdem bereits bte erste Meldung, Peking fei gefallen, ohne Widerstand zu leisten, dahin berichtigt worden war, daß die Thore
gesprengt werden mußten, die Chinesen auf den Wällen tapfer standhielten, und die Japaner 100 Leute verloren, wird nunmehr mitgeteilt, daß der Kampf in den Straßen fortdauere und ein Teil der Stadt in Flammen stehe. Ten letzten Widerstand leisten die Chinesen in der „inneren Stadt", die bei Abgang des Telegramms aus Peking — die Angabe, wann es dort aufgeaeben wurde, fehlt — von den Verbündeten umzingelt uno beschossen wurde. Es ist nicht ganz klar, was mit dieser „inncrn" Stadt gemeint ist, deren Einnahme das eigentliche Ziel sein muß, nicht nur, weil ihre Besetzung auch erst den Besitz von Peking bedeutet, sondern auch weil die Kaiserin-Regentin, wie die neuesten Nachrichten behaupten, sich noch im Palast aufhält. Ist das richtig, so bleibt es dock) immer noch zweifelhaft, ob diese energische Frau, deren Ruhe nun die „fremden Teufel" trotz.brr Eingabe der Vizekönige mit ihren Kanonen zu stören gewagt haben, lebend in ihre Gewalt fallen wird; jedenfalls aber würde es die Abwickelung der Dinge beträchtli chikr leichtern, wenn es ben, Verbündeten! gelänge, die Hand auf die Kaiserin und ihre Ratgeber zu legen. Freilich wird ben Prinzen Tuan unb seine Genossen wahrscheinlich ihr böses Gewissen zur Flucht getrieben haben, und die, wie ihr Neffe Yunalu, noch bei ihr ausharren, dürfte die geringste Schuld treffen. Jedenfalls aber beweisen die Meldungen von Kämpfen um die „innere Stadt", daß die verbündeten Truppen sich nicht an der Befreiung der Gesandten genügen lassen, sondern die Eroberung der Hauptstadt vollenden wollen. Damit wächst auch die Wahrscheinlichkeit, daß die deutschen Marinetruppen unter Kapitän Pohl, die dem Entsatz- korps nachgeeilt sind, und am 15. ds. in Matou standen, noch früh genug ein getroffen find, um an der Eroberung des Kaiserpalastes teilzunehmen.
Der moralische Eindruck der Einnahme der Hauptstadt macht sich bereits in ben Provinzen in Kunbgebungen der Gefügigkeit und Versicherungen der verantwortlichen Beamten, sie würden Ruhe und Frieden halten, bemerklich. So wird der „Times" aus Hongkong vom 19. ds. gemeldet. Die Mandarinen in den K wa n g - Provinzen sind ängstlich darauf bedacht, für die Ausländer zu sorgen. In Kundmachungen weisen sie darauf hin, daß Ruhestörungen im Norden sich verschlimmert hätten durch das Verhalten mehrerer der höhern Staatsmänner, die mit den Boxern verbündet gewesen seien. Die Einnahme von Peking müsse als eine gerechte Strafe angesehen werden. Die Mandarinen erklären weiter, Sache der Verbündeten fei es, ben Frieben wiedierherzustellen.
Der Zar hat, wie ber „Russische Regierungsbote" melbet, bem Generalleutnant Lene witsch nachstehende Depesche zugehen lassen: „General Lenewitfchf-Tschifu. Ich begrüße Sie innig zu ber schnellen Einnahme von Peking. Für die erfochtenen Siege verleihe ich Ihnen den St. Georgs-Orden 3. Klasse. Den heldenmütigen sibirischen Truppen meinen wärmsten Dank! Stellen Sie dem Admiral Alexejew diejenigen vor, die sich ausgezeichnet haben. Nikolaus".
Wie der zweite Admiral des deutschen Kreuzergeschwaders meldet, ist ber Generalmajor Höpsner mit ben Seebataillonen am 15. August um 5 Uhr nachmittags in Taku eingetroffen. Das Wetter fei für bie Ausschiffung ungünstig, bis zum 16. abends werbe die Ausschiffung aber beendet fein. Die Marinebrigade ist noch am 16. in Tientsin eingetroffen, wie bereits mitgeteilt worden ist. Kapitän Pohl (Kommandant der Hansa), so meldet der deutsche Admiral weiter, hat am 14. vormittags Hohsiwu erreicht, am 15, um 9 Uhr vormittags, war er in Matou und be- ab ichtiate, dort zu bleiben, bis bie Verbindung mit Kapitänleutnant Hecht (S. M. S. Hertha) hergestellt ist, da für weiteres Vorgehen Proviant unbedingt erforderlich ist. Hecht hat Yangtsun am 15. mittags verlafsen. Die Gesundheit der Mannschaften ist trotz großer Anstrengungen aut Somit sind die deutschen Seesoldaten, bie auf Veranlassung dies französischen Generals Frey dem Entsatzkorps nachgerückt waren, nicht mehr früh genug eingetroffen um an dem Angriff auf Peking teilzunehmen. Der unerquickliche Zwist darüber, wer Shanghai und den Yangtse schützen soll, scheint glückliche beigelegt zu fein. Laut etnep Reutermeldung aus Washington vom 18. haben die Mächte ein Uebereintommen getroffen, wonach die Admirale der in Shanghai vertretenen Mächte bei der lieber- wachung der chinesischen Yangtseflotte gemeinsam handeln, statt daß der britische Admiral die Aufgaben allein ausführt. Dementsprechend werden denn auch, wie Reuter aus Shanghai vom 18. mitteilt, von französischer Seite Vorkehrungen getroffen, um 150 Matrosen in der französischen Niederlassung Shanghais an Land zu setzen, da an diesem Tage dort britische Truppen gelandet wurden.
Die „Agenzia Stefani" meldet aus Taku über Tschifu von gestern: „Nach Meldungen aus Peking soll der Kampf in den Straßen der Stadt noch fortdauern. Die verbündeten Truppen beschossen die Punkte, an denen noch Widerstand geleistet wird. Prinz Yung habe die Kaiserin- Witwe an ber Abreise gehindert. Ein Bataillon italienischer
Marinesoldaten ist hier gelandet unb marschiert schleunigst nach Peking. Fortdauernb treffen hier russische Truppen ein." —
Aus Shanghai wirb gemeldet: Nach Mitteilungen aus amtlicher chinesischer Quelle ist L i p i n g h e n g, ber berüchtigte Fremdenhasser, der in dem Kampfe vom 10. August verwundet wurde, am 12. August gestorben. — Die Ausschiffung ber englischen Truppen ruft keinerlei Erregung unter ben Eingeborenen hervor; etwa 100 Mann französische Truppen würben gelandet Wie es heißt, wird der Kreuzer der Zollbehörde nach Tientsin gehen, um bie in Peking Befreiten an Bord zu nehmen.
Aus Berlin wirb gemelbet: Generalmajor von H0psner telegraphiert: Die Drahtverbinbung mit dem russischen Führer ist aufgenommen; habe Abjutanten zu ihm geschickt. Das Detachement ist vorausfickstlich am 17. abends in Tientsin versammelt, bann erfolgt ber Eilmarsch nach Peking.
Rußland uud die Mandschurei.
Nach Telegrammen bes Generals Grodekow an den Kriegsminister in Petersburg aus Chabarowsk vom 17. d. M. melbet General Rennenkampf vom 17. b. M. vom Paffe über den Chin gan: Der Paß ist nach blutigem Kampfe eingenommen. Der Feind erlitt burch meine bei Nacht ausgeführte Umgebung feiner Flanken unb feines Rückens einen starken Schlag. Unsere Verluste sind noch unbekannt. Drei Offiziere finb gefallen. Unter ben Trophäen befinben sich vier Kruppsche 67 Millimeter-Geschütze. Einzelheiten folgen später. Ich gehe mit ber Kavallerie zur entscheibenben Verfolgung über. Es ivetben noch mehr Geschütze eingebracht, bie alle gut erhalten finb Die Infanterie wirb bie Nacht in Sintschon zubringen. Eine große Menge Munition ist erbeutet. Der Sotnyk Arseniew ist gefallen.
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Telegramme de- Gießener Anzeigers.
Berlin, 21. August. Wie au« Rom depeschiert wirb, bespricht die gesamte italienische Presse mit Enthusiasmus bie Mission des Grafen Waldersee und seinen Besuch am römischen Hof. Die Ankunft WalderseeS findet heute abend 8 Uhr, die Audienz beim König Viktor am Mittwoch statt. Auf den folgenden Tag ist die Abreise festgesetzt. Die königliche Familie suspendierte den bereits angefetzten Aufenthalt in Capo di Ponte bis auf weiteres.
London, 21. August. Amtlichen chinesischen Mitteilungen auS Shanghai zufolge sind weitere drei hohe Beamte geköpft worden. ES sind dies Hsu Tung, Mitglied des kaiserlichen Sekretariats, Ordner der privaten An gelegenheiten, Yi-Liu Yan und Li Cham, letzteres Mitglied des Ministeriums des kaiserlichen Hauses, die ersten beiden sremdenfeindlich, letzterer fremdenfreundlich gesinnt. Der Kaiser und die Kaiserin befinden sich in den Händen deS Prinzen Tuan, 60 Meilen westlich von Peking. Lihung Tschang ist nach dem Norden abgereist.
London, 21. August. „Daily Mail" meldet aus Rom: Der Befehlshaber des italiemschen Kriegsschiffes „Sir Mosta" in Taku hat ein Telegramm erhalten, worin mitgeteilt wird, daß am Samstag blutige Kämpfe in Peking stattgefunden haben. In dem Telegramm wird dringend um Verstärkung ersucht. Der italienische Kommandant hat infolgcdeffen einer MatrosewAbteüung von 400 Mann Befehl gegeben, in Eilmärschen nach Peking zu gehen.
London, 21. August. Ein Telegramm aus Yokohama an die »Daily Mail" berichtet, daß Japan gegenüber Deutschland dasselbe Mißtrauen und dieselbe Feindschaft an den Tag legt, wie gegenüber Rußland. Die allgemeine Ansicht Japans sei, daß Japan infolge seiner Mitwilkung an der Regelung der chinesischen Wirren auch eine dementsprechende Rolle neben den europäischen Großmächten bei der enbgiltigen Regelung spiele. Das Telegramm meldet weiter, die japanische Regierung treffe Anstalten, um eine Anleihe von einer halben Milliarde zu machen. Die Regierung hat durch andere Maßregeln eine außerordentliche Thatigkeit in Voraussicht möglicher Eventualitäten an den Tag gelegt.
London, 21. August. „Daily News" meldet au« Washington, die Entsendung von weiteren TruppenVer- stärkungen nach China sei an maßgebenden Stellen al« wahrscheinlich betrachtet worden.
London, 21. August. Daily Expreß meldet aus Petersburg: Eine Verständigung mit England über die in China zu befolgende Politik fei erzielt worden. Die Ruffen be- fetzen im Ganzen 13 befestigte Plätze


