Ausgabe 
22.8.1900 Erstes Blatt
 
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Mittwoch de» 22. August

1900

Erstes Blatt

Amts« und Anzeigeblatt für den Kreis Gieren.

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GrMsbeüagr«: Gießener Familienblätter, Der hrWche Landwirt, Kälter für ßeMche DMÄwnde.______________

AMicher Teil.

Bekanntmachung.

DaS Proviantamt in Hanau kauft gesunden, trockenen And gut gereinigten Roggen und Hafer, sowie gutes, ge­sundes Heu und Roggenstroh.

Zur schnellen Abfertigung wird es wesentlich beitragen, wenn daS Getreide zu einem gleichmäßigen Gewicht einge­sackt wird.

Die Adresse für Bahnsendungen ist:Proviant-Amt in HanauNordbahnhof. Fracht- und Absuhrkosten von der Bahn trägt Verkäufer. Die Absuhrkosten betragen für Roggen und Hafer 6 Pfg. für Heu und Stroh 15 Pfg. pro Gentner.

Alles Nähere ist bei dem genannten Proviant-Amt zu erfragen.

Die etet*er

Werben dem Anzeiger te «MM* .H-ö **e*r m. JBUtVx O* H Mlfunbr1

mit einem Jubel ausgenommen, der selbst für Italien ganz ungewöhnlich genannt werden muß. Nicht nur daß jeher Latz mit langem Beifall begleitet wurde, in dem der König seines Vaters, seiner Mutter und Gattin, der Dynastie und des Heeres gedachte, gerade in dem Teil der Rede, der noch am ehesten programmatisch genannt werden kann, wurden die stürmischsten Ovationen laut. Als er erklärte, er besteige den Thron furchtlos und ziel- bewußt, er kenne seine Königspflichten, aber auch seine Recl)te, er wolle für Italien den inneren Frieden wie den äußeren und rechne aus die loyale Mitwirkung aller Vater­landsfreunde, da erzitterte der alte Sitzungssaal des Palazzo Madama, so orkanartig durchbrauste der Jubel die Luft, der Jubel derselben aber, gegen die sich so eigentlich der Wunsch des Volkes nach stärkerer Kron- initiative richtet.' Auch, sie riß der Augenblick und ihr monarchisches Gefühl unwiderstehlich fort.

Natürlich wäre ein zu großes Vertrauen schon letzt verfrüht und einfacher Optimismus. Nicht mit Worten kuriert man Italiens schwere Leiden, nicht mit Applaus schließt man die Wunden, aus denen die Nation blutet. Nur ist es andererseits auch nickst rickstig, wenn man an der Rede des Königs bemängelt, daß sie nur im Allge­meinen von Msichten spricht, ohne anzugeben, wie fte in die That umgesetzt werden sollen. Man darf nicht vergessen, daß der Rede vom 11. August ein ganz be­stimmter Charakter von vornherein zugewiesen war. Es war und ist offiziell beschlossen worden, im Laufe des Sommers die Session der Kammern zu schließen und die neue Session im November mit einer Thronrede des Königs zu eröffnen. Dieser erst wird die Aufgabe zufallen, speziell einzugehen auf die Pläne und Gedanken, durch die die neue Aera sich von der alten zu unterscheiden gedenkt, während sich der König jetzt nur im allgemeinen einführen wollte. Auch für den Herbst wird man aber gut thun, zu erwägen, daß Viktor Emanuel III. nicht anders konnte, als zunächst das Ministerium im Amte zu lassen, das er vorfand. Es darf daher nicht Wunder nehmen, wenn auch» die Thronrede im November nicht gleich eine radikale Umwälzung in den Anschauungen bringt, ganz abgesehen davon, daß Zwangskuren dem Lande nicht von Nutzen wären Da der König Initiative und energische Aktion der Krone ausdrücklich angekündigt hat, so kann man nicht daran zweifeln, daß diesen Worten ganz bestimmte Hand­lungen folgen werden.

Inzwischen ist über d.ie neue Aera auf einem Gebiete schon eine Diskussion eröffnet worden und zwar von keinem Geringeren als Francesco Crispi, Italiens be­deutendstem Staatsmann selbst. Wohl angeregt durch die Nachricht, daß der neue Monarch sich stets eifrig als Freund einer sozialen Reformgesetzgebung bezeichnet habe und sich in diesem Punkt einen Bewunderer Deutschlands nennt, tritt Crispi in einem Artikel derTribuna" auch seiner­seits für ein Programm ein, das positive soziale Reform mit strenger Unterdrückung des Umsturzes vereinigt. In seiner geistvollen Art führt Crispi aus, wie sehr Italien darunter leide, daß die Funktionen der einzelnen sozialen Klassen nicht in innerer Übereinstimmung stehen und daß eine soziale Reform großen Stils in Italien nur die Ver­söhnung von Kapital und Arbeit erstreben dürfe. Ver­werflich wäre daher jede Gesetzgebung, die einseitig nur das Kapital oder nur die Arbeit schützt; letzteres besonders, weil in Italien der kleine Besitzer und Handwerker die­selben sozialen Erfordernisse habe, wie die Lohnarbeiter. Deshalb müsse man rasch gute, soziale Reformgesetze be­schließen. Anscheinend und theoretisch hat der greise Staats­mann mit Allem Recht, nur in der italienischen Praxis erhebt sich ein Widerspruch. Wir haben hunderte von Fällen die beweisen, daß es in Italien nicht genügt, ein Gesetz ru machen, man muß auch daran festhalten, day es ausgeführt wird. Um nur ein Beispiel der jetzigen Praxis gerade <iu§ der sozialen Legislation zu nehmen: Im Jahre 1895, als Crispi am Ruder war, wurde ein gutes Gesetz angenommen, das bestimmt war, entsetzlichen Zuständen ein Ende zu machen, indem es die Arbeits­verhältnisse Minderjähriger bei der Be­schäftigung in den sizilianischen Schwefel­gruben energisch regelte. Was geschah aber? Die Grubenbesitzer drohten im Falle skrupulöser Durchführung des Gesetzes einfach die Gruben zu schließen, und obwohl sie sich das noch sehr überlegt hätten, wenn die Regierung Ernst zeigte, siegten sie. Der Nachfolger Crispis, Rudmi, selbst ein sizilianischer Großgrundbesitzer, ließ die Aus­führung- des Gesetzes stillschweigend einschlafen und es blieb Alles wie vorher. An diesem Beispiel kaann man aber mehr lernen, als nur die Thatsache, daß in -ötalien dieFabrikation" guter Gesetze noch nicht genügt. Gerade dieses Beispiel enthüllt die Kette egoistischer Interessen, die schließlich das ganze Land gefesselt hält unb diese Kette sehen, heißt sie zerreißen fernen. Der Gruben­besitzer, der Unternehmer, der Interessent an all diesen D- Jen ist in Italien entweder selbst Abgeordneter ober

Die neue Aera in Italien.

König Umberto, den sein Volk trauernd den Guten nennt, ruht im Pantheon an der Seite seines Vaters. Der tiefe ehrliche Schmerz der Nation hat sich gemildert, aller Augen wenden sich dem neuen Herrscher zu, König Viktor Einanuel III. Es ist an dieser Stelle schon gleich nach dem Morde von Monza betont worden, daß man wenig aus dem Leben des jungen Königs weiß, was Schlüsse auf feine Herrscheranfichten gestatten würde. Andererseits aber lastete auf Allen das Gefühl, daß Diel, wenn nicht Mies, für das Land von diesen Ägenschaften abhinge. Zu Umbertus Lebzeiten hatte man, zurückge­halten durch die Liebe für den gütigen Herrscher, über seine zu große Milde geseufzt, mit Besorgnis hatte man das Anwachsen des parlamentarischen Einflusses gesehen und beobachten müssen, wie wenig er den wahren In­teressen des Landes diente. Man wußte nun einmal, daß es Umberto nicht gegeben sei, der Krone starke Initiativen zu leihen und man trug das Unabänderliche mit stummer Resignation. Nun er dahingegangen ist, hat man das Bewußtsein, daß der Moment von höchster Bedeutung ist, weil Viktor Emanuel III. die Karten in der Hand hält, die Alles zum Besseren wenden können.

Man kann sich daher leicht die Spannung Dorftellen, mit der man den ernsten authentischen Kundgebungen des neuen Königs entgegen sah. Wer die Italiener in diesen Tagen zu beobachten Gelegenheit hatte, konnte in dem sonst so antiautokratischen Volke einen wahren Durst nach Energie und Initiative Don oben her wahrnehmen. Die Zeichen können trügen, aber es scheint doch fast, als ob der Wunsch der Italiener erhört würde. Die Proklamation Viktor Emanuels fiel bereits durch kernige Frische des Tones auf. Die Rede, die er am 11. August nach seiner Tidesleistung vor den Kammern hielt, war von einer bei Umberto nie vorhanden gewesenen Energie und wurde

Mr. 195

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Gießener Anzeiger

General-Anzeiger

Bekanntmachung.

Betr.: Feldbereinigung in der Gemarkung Staufenberg.

In der Zeit vom Samstag, 25. August 1. IS., bis einschließlich Freitag, 31. August l. IS., liegen auf dem Amtszimmer der Großherzoglichen Bürgermeisterei Staufen» berg folgende Akten zur Einsicht der Beteiligten offen, «ämlich:

1. Die Rechnung über die Einnahmen und Ausgaben rubr. Feldbereinigung nebst den dazu gehörigen Urkunden;

2. der Ausschlag der ungedeckten BereinigungSkoften;

3. der Beschluß der Vollzugskommission und des Gemeinderats vom 23. Mai l. Js. über die Er­hebung dieses Ausschlages.

Einwendungen hiergegen sind bei Meiduug des Aus- Schluffes innerhalb der oben angegebenen Offenlegungsfrist bei Großherzoglicher Bürgermeisterei Staufenberg schriftlich «inzureichen.

Friedberg, 15. August 1900.

Der Großherzogliche BereinigungSkommiffär:

Süss er t, RegierungSrat._______________

" Bekanntmachung.

Wir bringen hiermit zur öffentlichen Kenntnisnahme, baß zwecks Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung bis auf weiteres die Lahnstraße nur in der Richtung vom Neustädter Thor nach der Neumühle hin und der von dorten nach der Hammstraße führende Weg nur in der an­gegebenen Richtung mit Fuhrwerken befahren werden darf.

Gießen, den 20. August 1900.

Großherzogliches Polizeiamt Gießen.

Hechler.

doch Großwähler. Vom Wohlwollen des GroßwählerL hängt der Abgeordnete ab, vom Wohlwollen des Abge­ordneten im parlamentarischen Regime der Bestand deS Ministeriums und vom Willen der Minister hie Exekution der Gesetzgebung und Staatsregierung. Je grünblidjer man also den Bestand des Ministeriums unabhängig macht von den Launen der Abgeordneten, desto sicherer zerreißt man diese unwürdige Kette. Unabhängig kann aber eine Regierung nur werden durch den Rückhalt, den sie an der Krone findet und den die italienische Regierung in 22 langen Jahren an Umberto dem Guten nie gefunden hat. Damit sehen wir, wie gut sich eine Kritik der Crispi- chen Ausführungen dem Kernpunkt der ganzen Situation anpaßt. Was Italiens erster Staatsmann rät und empfiehlt, ist alles nur möglich und wirksam, wenn wieder ein energischer Monarch vorhanden ist. Das hat Crispi nicht ausgesprochen, aber, daß gerade er es empfindet, unterliegt keinem Zweifel. Und wenn es allen anderen Faktoren auch so geht, w e n n B i k t o r E m a n u e 1 s A n- sänge nicht trügen, dann braucht man für Italiens Zukunft noch nicht zu fürchten

China 18951>ia zum Juni 1900.

III.

Die Jnteressenzonen der einzelnen Mächte werden üou der bis dahin amtlichen chinesischen Regierung natürlich' nicht anerkannt, denn hierdurch würde letztere die Ansprüche- und Anrechte auf große Gebiete gut heißen. Schon die BezeichnungJnteressenzone" (deutsch: Einflußgebiet), eines der heute am häufigsten gebrauchten Schlamvörter, ist leichter gesprochen als bündig erklärt. Die Begriffe der verschiedenen Einflußgebiete, welche gewissermaßen von den Mächten mit einem kühnen Strich, auf der Landkarte gezogen sind, haben vorläufig eher die Bedeutung von Fingerzeigen als diejenigen einer feststehenden Abgrenzung. Sie geben an, daß die betreffende, an dem bezüglichen Gebieteinteressierte" Macht Eingriffe einer anderen m das von ihr bezeichnete Gebiet unangenehm vermerken werde. Wenn es vielleicht verfrüht sein dürfte, schon jetzt die Umgrenzung dieser Einflußgebiete näher zu bestimmen, da die Anschauungen der Mächte teils weit auseinander gehen, teils nicht klar ausgesprochen sind, so ist der Be­ginn der jetzigen Wirren doch ein Zeitpunkt, in welchem die ungefähre Lage der genannten Gebiete in Erwägung ge­zogen werden'muß. r r u

1 Wir gehen davon aus, was die Machte auf dem chi­nesischen Festlande selbst unbeschränkt besitzen. Es sind vorerst nur kleine Stücke, nämlich:

Rußland: Port Arthur und Talienwan, Deutschland: Kiautschou,

England: Wei-hei-wei, Hongkong mit Kaulung, Frankreich: Tongking.

Die anderen an das Meer angrenzenden Landmassen gehören zu den Einflußgebieten der Mächte mit Ausnahme der Provinz Tschili, in welcher Peking und Tientsin liegen. Hier, am Mittelpunkt der chinesischen Zentralregierung und zugleich am Ausgangs- und Brennpunkt des Aufstandes gegen die Fremden, berühren sich die Interessen aller Mächte, wodurch das einheitliche Eingreifen m beruhi­gender Weise gefördert wird.

Rußland, die Hauptmacht in Nordasien, hat bereits dre Hand auf die ganze Mandschurei gelegt und dieses Land mit Item Netz seiner Bahnbauten, zu welchem ständige Truppenkommandos gehören, durchzogen. Ter Golf von Liau-tung wird von Rußland beherrscht: im Osten besitzt e* Port Arthur, im Westen reicht fein Einfluß bis Schan- hai-kwari, dem Endpunkt der jetzt so viel genannten und heiß ti mftrittenen Eisenbahn nach Taku-TientsimPeking. Korea, seit 1897 unabhängiges Kaiserreich, kann, obgleich es nicht direkt die chinesische Frage berührt, bei Abwägung der letzteren unmöglich außer Betracht bleiben. Durch Ver­trag von 1896 hat Japan auf jeden Einfluß in Korea ver­zichten müssen und hiermit die bittere Erkenntnis empfuw den, daß sein siegreicher Krieg ihm nicht die so sehnlichst erhofften Früchte gebracht hat. Aeußerlich hat Rußland nicht mehr Rechte in Korea als Japan; beide Staaten dürfen eine gemeinsame Kontrolle der koreanischen Finanz- wirtschaft ausüben, sowie zum Schutze ihrer Telegraphen­linien und Niederlassungen kleine Gendarmeriekommanvos halten. In Wahrheit nimmt aber Rußland die bevorzugte Stellung in Korea ein, denn es hat die dortigen einge borenen Truppen durch seine Instrukteure ausgebildet luw umschließt das Land von allen Seiten territorial So hat es auch vor wenigen Monaten den Hafen von Masampo (an der Südspitze von Korea, nicht weit roeftlid) der Stavt Fnsan) erworben und dort die ersten Anlagen zu dem längst begehrten, eisfreien Kriegshafen im Stillen Ozean zetrvssen Japan hat nachgegeben, weil es wegen der militärisch angeblich wenig hervortretenden Bedeutung °°n Masampo keine ernsten Berwickelungen wollte, ig einerseits durch die inneren politischen -^'^^ketten, andererseits aber durch »je drohend herauM-henden cht-