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22.7.1900 Zweites Blatt
 
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M-. 169 Zweites Blatt

Somitag den 22. Juli

Kießener Anzeiger

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Die Wirren in China.

AuS Peking.

Dem chinesischen Gesandte« Wutingsang in Washington ist eine chiffrierte Depesche Congers, des ameri­kanischen Gesandten in Peking zugegangen. Diese lautet:

J'ch befinde mich in der englischen Ge­sandtschaft unter ununterbrochenem Gewehr- und Geschützfeuer der chinesischen Truppen. Schnelle Hilfe kann allein ein allgemeines Blutbad verhindern."

Die Depesche ist ohne Datum.

Wutingsang war bekanntlich vor einigen Tagen von der amerikanischen Regierung ersucht worden, ein Telegramm an Herrn Conger nach Peking zu übermitteln. Wenn jene chiffrierte Depesche die Antwort darauf ist, so ist der Be­weis erbracht, daß den chinesischen Gesandten der Verkehr mit Peking und zwar ein recht schneller Ver­kehr noch möglich ist. Die Geheimschrift der Depesche ist offenbar die Chiffre, die die amerikanische Regierung mit ihrem Vertreter verabredet hat, also wird auch nur die Regierung in Washington in der Lage sein, sestzustellen, ob es sich um eine echte Depesche Congers oder um eine Fälschung handelt.

Das Staatsdepartement zu Washington veröffentlicht ferner folgende BefgWtmachung: ..Der Staatssekretär empfing heute früh folgende Depesche des amerikanischen Konsuls in Tschifu, vom 19. Juli, nachts 12 Uhr datiert: Ein Blatt aus Shanghai behauptete, am 16. Juli seien alle Ausländer in Peking getötet worden. Ich habe deswegen an den Gouverneur telegraphiert und ge­fragt, ob diese Meldung wahr sei. Der Gouverneur ant­wortete, sein Kourier habe Peking am 11. Juli verlassen, und an diesem Tage seien Alle wohlbehalten gewesen- Der östliche Teil der Stadt Peking sei an diesem Tage von den Aufständischen genommen worden, in der Absicht, die Ausländer zu töten.

Der belgische Konsul in Shanghai meldet vom 19. Juli: Sheng habe ihm mitgeteilt, die Fremden in Peking seien am 18. ds. Mts. wohlbehalten gewesen. Ein kaiserliches E ikt vom 16. Juli habe den Vizekönig von Tientsin angewiesen, die durch die Unruhen angerichteten Schäden abzuschätzen, und den lokalen Milizen den Befehl erteilt, den Ausstand zu unterdrücken. Scheng bestreitet, daß er vom Gouverneur in Shangtung ein Telegramm über die Ermordung aller Fremden in Peking erhielt; doch finden die Angaben Sheng's wenig Glauben.

Der chinesische Gesandte in Paris überreichte am 20. ds. Mts. dem Minister des Aeußern, Delcasse, eine durch den Gouverneur von Shangtung am 19. ds. über­mittelte Depesche des Kaisers von China, in der dieser um die Vermittlung Frankreichs nachsucht. Der fremden Gesandten geschieht in diesem Telegramm keine Erwähnung. Der chinesische Gesandte ersuchte Delcaffe, das Telegramm dem Präsidenten Loubet mitzuteilen. Delcasse erwiderte, der Präsident der Republik werde die Antwort durch den französischen Gesandten in Peking geben, er will jedoch zuvor die Versicherung, daß dieser noch am Leben ist.

Der Shanghaier Vertreter des Daily Expreß meldet: Em chinesischer Kaufmann habe ihm die Einzelheiten der Szenen in Peking mitgeteilt, deren Augenzeuge er während der jüngsten Metzeleien gewesen sei. Danach wurden die europäischen Frauen von den Boxern auf die Straße geschleppt, entkleidet und in Stücke zerhackt. Die einzelnen Glieder wurden unter die Menge geworfen. Einige der Frauen waren bereits tot, weil sie von ihren Angehörigen erschossen worden waren.

Wie der Agenzia Stesani aus Hongkong vom 17. Juli berichtet wird, hat der dortige italienische Konsul, wohl um die Glaubwürdigkeit der Behauptung Lihungtschangs, daß die Gesandten in Peking noch lebten, auf die Probe zu stellen, den bekanntlich aus dem Wege nach Peking be­griffenen Vizekönig gebeten, dem italienischen Ge­sandten in Peking, Salvago-Raggi, einen Brief von ihm zu übersenden, worauf Lihungtschang er­klärte, daß ihm dazu die Mittel und die Wege fehlten!! Die Antwort ist bezeichnend. Wäre Li von der Wahrheit der Nachricht, daß die Gesandten noch lebten, so durchdrungen, wie er sich den Anschein gibt, so wäre es doch mindestens unhöflich und das ist der Chinese nie, wenn er sich geweigert hätte, den Brief in Peking an seine Adresse zu befördern.

Einer Meldung der New-Uork World zufolge verlautet in Tschifu, die Chinesen hätten vor ihrer Flucht aus der Chinesenstadt von Tientsin ihre Frauen getötet, damit sie nicht in die Hände der Fremden fielen.

Die Meldung, daß hunderttausend modern be­waffnete Chinesen gegen Shanghai vorrücken, wird jetzt von verschiedenen Seilen wiederholt. Zum Schutze von Shanghai sind bisher an Landlruppen nur etwa tausend Freiwillige und 400 Mann französische und englische Polizei verfügbar.

*

Bou der chinesischen Zollverwaltung.

DieAgenzia Stefani" in Rom macht die außerordent­lich wichtige Mitteilung, Li-Hung-Tschang habe angeordnet, daß die Zolldirektoren seiner Provinzen in Zukunft nicht mehr von Peking, sondern von Kanton abhängen sollen. Der Vizekönig von Nanking habe für die Zollverwaltung von Shanghai ähnliche Be­fehle erlassen. Man darf wohl annehmen, daß diese Aen- derung in der Verwaltung der Seezölle, denn um diese handelt es sich, nur solange in Kraft bleiben soll, wie der Negierungsapparat in Peking stillsteht. Andernfalls wäre sie eine Verletzung der Verträge, die für die Einnahmen aus'dieser einzigen sichern Ertragsquelle des Reiches, mit der überdies jetzt die im Auslande aufgenommenen An­leihen verbürgt sind, die verhängnisvollsten Folgen haben könnte. Eine solche Aenderung wäre fast eine Rückkehr zu den Berwaltungszuständen vor der Zeit des Taiping-Auf- standes. Damals flössen die Erträge der Seezölle in die Taschen der Provinzgouverneure, sie waren für das Reich verloren und würden schwerlich! als eine ausreichende Ga­rantie für eine Anleihe angenommen worden sein. Erst als infolge der Verträge mit den Mächten (der mit Preußen und dem Zollverein stammt aus dem Jahre 1861'i eine ein­heitliche Verwaltung unter einem ei./apäischen Leiter und mit einem aus Ausländern und Chinesen gemischten Be­amtenstande eingeführtMorden war, hob sich die chinesische Seezollverwaltung zu der mustergiltigen Höhe, auf der sie heute steht. Sie wurde dadurch erzielt, daß der Leiter der Seezölle seit 1861 bekanntlich Sir Robert Hart jedwedem Einfluß der Provinzbeamten entzogen wurde und unmittelbar nur dem Tsungliyamen in Peking ver­antwortlich .tvar. Dieses System hat sich so bewährt, daß es unter allen Umständen aufrecht erhalten werden muß, während es «der erste Schritt zur Aufteilung Chinas wäre, die alle Mächte vermeiden wollen, wenn man die jetzt angeblich von Li-Hung-Tschang und Liukunyi eingeführten Maßregeln zur dauernden Einrichtung er­heben wollte.

In der Mandschurei.

Die mandschurische Eisenbahn soll von Stretensk, dem gegenwärtigen Endpunkt der sibirischen Bahn am Schilka, dem nördlichen oberen Arm des Amur, in südöstlicher Rich^ tung ausgehen und zunächst den Argun,- den südlichen oberen Arm des Amur, der die Grenze zwischen Trans­baikalien und der Mandschurei bildet, jenseits Stary Surut- schaitu überschreiten, dann auf mandschurischem Gebiet Khailar, einen am gleichnamigen Quellfluß des Argun belegenen Ort, berühren und in gewundener Linie bis nach Kharbin geführt werden. Letzterer Ort liegt am Sun- gari, einem südlichen Nebenfluß des Amur, und ist erst vor zwei Jahren dank der Thätigkeit amerikanischer In­genieure entstanden. Kharbin ist der Knotenpunkt der Strecken, deren eine weiter nach Südosten bis zum Hafen­platz Wladiwostok, die andere südsüdwestlich nach Mulden führen soll, von wo die Bahn nach Niutschwang und Port- Arthur bereits im Betriebe ist. Bei Niutschwang zweigt sich von letzterer Strecke die ebenfalls fertige Bahn ab, die an der Westküste des Golfs von Liaotung über Tschinwang- tau und an der Küste des Golfs von Petschili bis Tongku am nördlichen Ufer des Peiho gegenüber Taku führt und mit der Bahn nach Tientsin und Peking zusammenhängt. Endlich geht von Nikolskoje, kurz von Wladiwostok, an der Strecke Kharbin-Wladiwostok eine bereits fertige Strecke nach Norden, teilweise den Ussuri-Fluß entlang, bis nach Khabarowsk an der Mündung des Ussuri in den Amur. Es sind auf der mandschurischen Bahn folgende Teilstrecken fertiggestellt: etwa 150 Kilometer westlich von Kharbin in der Richtung nach! Khailar-Stretensk, etwa 200 Kilo­meter von Kharbin in der Richtung nach Wladiwostok, und in derselben Richtung etwa 120 Kilometer vor Nikols­koje; endlich etwa 150 Kilometer südwärts von Kharbin in der Richtung nach! Mukden. Nach! amtlichen Nachrichten wird Kharbin von mehreren Seiten durch die chinesischen Horden bedrängt, ebenso die einzelnen, in dem amtlichen russischen Telegramm genannten Stationen, deren Namen wohl zum ersten Male in der Oeffentlichkeit erschei­nen, wie auch Kharbin selbst auf den neuesten Karten noch nicht verzeichnet ist. Einzelne Baustrecken, wie die süd- iche (nach Mukden), mußten von den Arbeitern aufgegebejm werden. In Kharbin führt General Gerngroß den

Befehl über eine jedenfalls nicht sehr starke Schutzmann­schaft; ein Ingenieur steht ihm bei der Verteidigung des Platzes W; die Besatzung wirft Schanzgräben auf und sucht sich zu halten, bis die von Stary Surutschaitu einer­seits Uno von Nikolskoje anderseits abgesandten Verstärk­ungen eintrefsen. Es handelt sich um ziemlich große Ent­fernungen, etwa 800 Kilometer von Stary-Surutschaitu und etwa 600 Kilometer von Nikolskoje, allein da die Ver­bindungen nach letzterem Ort nicht ubgeschnitten sind und die Eisenbahn wohl zum größten Teil benutzt werden kann, wird der Entsatz von Südosten her wohl bald möglich sein. General Gcibowski begiebt sich nach Kharbin, um dort den Oberbefehl HU übernehmen.

Ueber pie Vorgänge bei der russischen Stadt B l a a o - wieschtschensk wird aus London telegraphiert: Emer Petersburger Depesche desDaily Telegraph" zufolge scheinen die Russen die Chinesen bei Blagowiesftst- schensk geschlagen und die Stadt mit ihrer ganzen! Streitkraft besetzt zu haben. General Grodekow meldet über BlagowieschtschMsk vom 16. d. Mts.: Die Beschie­ßung wrrd seit heute früh fortgesetzt. Tie russische Artillerie antwortet nur selten. Der obere Teil des Dorfes Sachalin, der der Stadt gegenüberliegt, ist von der russi­schen Artillerie in Brand geschossen worden. Der Gou­verneur ist voll von Lob über die Haltung der Einwohner^ die sich in den Trancheen befanden, die nur unbedeuteno be­schädigt sind. Ein Truppendetachement, das die Aufgabe hat, Blagowieschltsch^nsk zu verstärken und die freie Schiff­fahrt jaus dem Amur zu erhalten, ist in Srjetensk marsch­fertig, Reisende, die mit dem DampferAlexei" aus Charin am 10. dbs. eingetroffen sind, erzählen, daß die Eisenbahnzüge bis zu der zweiten Station Aschiho gehen. Hauptmann Gregoriew ist, sich, aus den: Süden zurück­ziehend, mit Lastfuhren in Kuang-tsching-Su eingetroffen. Die Bewohner des Bezirks von C h a r b i n sind ruhig. Der chinesische General Pau, der 2000 Mann kommandiert, ist in Charbin. Die russische Bevölkerung in den Gebieten Giltschins? jund Zavitinsk hat 480 Mann in zwei Gruppenj zur Unterstützung der Kosakenposten am Amur gebildet. Die Beschießung der Stadt hörte um 8 Uhr abends auf. Ein Haus wurde durch Granaten in Brand geschossen, doch wurde das Feuer bald gelöscht. Das Haus des Wohl- thätigkeitsvereins wurde beschädigt. 9 Soldaten und ein Knabe ^wurden verwundet. Die Chinesen werfet die Toten in den Amur. Am 17. sah man vierzig Leichen auf dem Flusse treiben. Die Chinesen versuchten, über den Fluß zu dringen, um den Zansejksschen Bezirk anzugreisen, wurden aber von den Kosaken zurückge­schlagen. Es wurden Truppen abgesandt, um jeden Ueber- gang über den Fluß unmöglich zu machen und den Ueber- gang über den Zeja-Fluß und die Dampferstation an dessen Mündung tzu schützen. Aus Tschifu wird demExpreß" vom J.9. d. M. gemeldet, daß die Russen, nachdem sie von den Boxern mit beträchtlichen Vertu st en zur Räumung von Tientschwangtai und Ta - schitschwan igezwungen seien, in Niutschwang sich konzentrieren. Bei den Kämpfen sollen von den Boxern 700 gefallen sein.

Die russischen Blätter verlangen strenge Bestrafung der chinesischen Ausrührer, die es wagten, Blagowieschtschensk zu bombadieren, auf die Amurdampfer Flintenschüsse abzu­geben und einen russischen Offizier gefangen wegzuführen. Wie Depeschen melden, haben die Aufrührer nach An­deutungen auch chinesische Truppen die ganze Strecke von Saghalin nach Aigun, also etwa 30 km am Süduser des Amur unterhalb Blagowieschtschensk besetzt. Es handelt sich dabei nicht um die Strecke von Aigun nach Sachalin, der Insel gegenüber der Küstenprovinz, wie man nach ver­stümmelten Depeschen annehmen mußte, sondern um den Ort Saghalin, der Blagowieschtschensk gegenüber liegt. Immerhin ist es bedenklich genug, daß die Chinesen und Mandschus vor Blagowieschtschensk so zahlreich erschienen sind. Sie wußten, daß die Stadt im Gegensatz zu den andern Hauptverkehrspunkten der Amur- und Küstenprovinz gewöhnlich fast keine Besatzung hat. Bei ihrem Vorgehen gegen Blagowieschtschensk wollen sie die Schiffahrt, in den Angriffen auf Kharbin die Eisenbahn treffen. Hierin zeigt sich wieder der Charakter des Aufstandes, die Feindseligkeit gegen die modernen Verkehrsmittel. Die teilweise Zerstörung der mandschurischen Eisenbahn, oder doch eine Stockung in den Arbeiten wäre um so bedauerlicher, als selbst unter normalen Umständen nicht vor 1904 aus eine Vollendung zu rechnen gewesen wäre. China hat die Besitzergreifung der beiden Provinzen am Amur durch Rußland nie verschmerzt, da letzteres sie seit 1869 als chinesischen Besitz anerkannt hatte. 1854 und 1856 setzte Rußland sich durch General MurawiewS energisches Vorgehen dort fest, und 1860 mußte China sich vor der vollendeten Thatsache beugen. Es ist endlich die strategische Ueberlegung nicht außer acht zu lassen, welche