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22.7.1900 Erstes Blatt
 
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M, 16S Erstes Blatt. Sonntag den 22 Juli

1900

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger

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Die Sij<tz«ner

»erden dem Anzeiger he Gechfsl mitHeff. A«dlvirt^ ä. ^Blätter Mr H«S. Volkskunde- »6*tL4*ri deigelegt.

Amts- und Anzeigrblutt ffir den Atreis Gieren.

WrtiWr, Expedition und Drucker«:

Fch«tstr«ße Nr. 7.

Graüsbeilagr«: Gießener Familienblätter, Der heWhe Landwirt, Klätter für heffische Volkskunde.

Adreffe für Depefchen: Anzel-tt

Fernfprecher Nr. 5L

Amtlicher Wl.

Gefunden: 1 Portemonnaie mit Inhalt, 1 goldene Brosche, 1 Album, 1 Damengürtel, 1 gehäkeltes Netz mit Badezeug, 1 Kinderftrohhut, 2 weiße Käppchen, 1 Kinder­spielwagen und 1 Peitsche.

Verloren: 1 goldenes Medaillon und 1 Fahrrad, latente.

Gießen, den 21. Juli 1900.

Großherzogliches Polizeiamt Gießen.

Hechler.

Politische Tagesschau.

In einem Artikel derHcrnv. Nachx." wird neuerdings, die Frage der Verjüngung unseres Offizier- ko r p s jangeschMten und an Hand der Thatsache, daß das frühere Durchschnittsalter der zur Pensionierung ge­langenden Kategorie der 5)auptleute und Stabsoffiziers mit 41 bezw. 48 Jahren wohl kaum mehr erreicht wird, die Frage aufgeworfen, ob es angesichts dieser Erscheinung zweckmäßig sei, das strenge Anciennetätssystem weiterhin gelten zu lassen, das den beim Avancement übergangenen Offizieren die Pflicht auferlegt, um ihre PensiouierunA einzukommen, i

Die heutigen Existenzbedingungen für die gesellschaft­lichen Schichten, aus denen die Offiziere hervorgehen, sind", so schreibt der Verfasser,gegen früher infolge des all­gemeinen wirtschaftlichen Aufschwungs so gesteigert, daß der Offizier ohne Privatzuschuß in den unteren Charge« nicht auskommen kann, im Pensionsverhältnis aber darben muß, jund oft, wie wir an zahlreichen in die Oeffentlichkeit dringenden Beispielen sehen, namentlich in jüngeren Jahren zur Ergreifung einer nichts weniger als einwands­freien Erwerbsthätigkeit veranlaßt wird, die dem Ansehen des Offiziepstandes nicht entspricht, und dasselbe nur in der Oeffentlichkeit herabzusetzen geeignet ist. Diese unlieb­same Erscheinung bildet, wie gesagt, eine der KonsequenzM der notorischen Notlage, in der sich viele, vielleicht die meisten der pensionierten Offiziere der unteren und mitt­leren Chargen befinden, und diese Notlage ist nur zu beseitigen, wenn die Pensionierung der Offiziere nach ge­setzlich sestgelegteu Normen und namentlich auf Grund-Be­stimmungen und höherer Altersgrenzen erfolgt, wie sie be­reits in verschiedenen Armeen, z. B. in der französischen, italienischen und rumänischen, de jure und selbst in der russischen de facto innegehalten werden.. Dafür trat un- längft sogar ein Autor imMilitär-Wochenblatt" ein, und eine BroschüreDie Offizierspensionierungen im deutschen Heere" führte den überzeugenden Nachweis ihrer Notwen­digkeit. Wenn aber für das deutsche Offizierkorps gesetzlich! normierte Altersgrenzen von selbst 12 Jahren geringerer Höhe, als die unlängst für das französische Offizierkorps festgesetzten leingeführt werden, so würde ihm damit in Anbetracht seiner unbestrittenen Ueberlegenheit über die Offizierkorps anderer Militärmächte diese Ueberlegenheit auch ferner gewahrt bleiben. Eine Erhöhung der Ge­hälter der aktiven Offiziere der mittleren und unteren! Chargen würde dem Lande neue bedeutende Opfer für die Wehrmacht auferlegen, während die Erhöhung gesetz­licher Altersgrenzen, die selbst 1 bis 2 Jahre niedriger als die der anderen großen Armeen sein und daher amfy ferner einen Vorsprung vor denselben bieten könnten, den Pensionsfond entlasten würde. Ebenso aber würde ein Belassen der Offiziere in der Stellung, welche sie voll­ständig pusfüllsn, auch wenn sie sich nicht zur höheren Stellung eignen, da ihr Uebergangenwerden durch, die -Offiziere des Generalstabes, des Kriegsministeriums und der Adjutantur de facta doch die Regel ist, ihnen sowohl wie hem Lande materiell zu gute kommen, ohne daß dabei die Kriegstüchtigkeit des Heeres irgendwie litte. Besonders begabte Elemente aber rechtzeitig in die höheren Führer­stellen tzu bringen, dazu bietet das Avancement außer der Tour Mittel und Wege genug".

Die ganz außerordentliche Steigerung, die der Militär- Pensionsetat i<n dem letzten Jahrzehnt erfahren hat, ließ schon öfter derartige Vorschläge laut werden, denen wir uns anschließen. Es ist in der That nicht zu verstehen, warum ein Offizier, der in seiner Charge vollkommen tüchtig ist, und dieselbe nach jeder Richtung hin ausfüllt, zum Abschied genötigt wird, sobald ein Hintermann ihn im Avancement übergeht. Dem Heere wird auf diese Weise manche im Ausbildungs- und Jnstruktionsdienst vorzüg­liche Kraft vorzeitig entzogen, die dann, um existenzfähig zu bleiben, genötigt ist, in den bürgerlichen Berufen Unter­kunft zu suchen, und hier natürlich sehr häufig in fühl­baren Wettbewerb zu den eigentlichen Hörigen dieser Be­rufe tritt. Die Einführung einer gewissen Altersgrenze erscheint deshalb auch uns sehr empfehlenswert.

Ans Stadt und Land.

Gieße«, den 20. Juli 1900.

* Kavallerie-Konzert und humoristische Vorträge werden heute abend, wie das Inserat besagt, inSteins Garten" ab wechseln. Nach dem ersten Teil des Konzerts der Diedenhosener Dragoner wird Herr Carlschulz den ersten Teil seines humorreichen Programms vortragen, dann wieder die Kavallerie-Kapelle den zweiten Teil ihres Programms und zum Schluß wieder Herr Carlschulz.

* Vokal - Konzert. Wie wir hören, beabsichtigt der GesangvereinLiederkranz" amSonntag den 5. August, nachmittags in Bad-Salzhausen ein Vokal-Konzert zu veranstalten.

* * Orpheum Eusemble. Allabendlich finden in denBier Jahreszeiten" die Vorstellungen des Orpheum-Ensembles, wie man uns schreibt, vor zahlreichem Publikum statt. Die Darbietungen des Ensembles sollen wirklich ganz vorzüglich sein, und es soll zu den elegantesten und vielseitigsten Ensembles der Jetztzeit gehören. Besonders sollen die Duette der Geschwister Camentia, sowie das Viktoria-Trio, Terzett, par excellence allgemeinen Beisall finden.

* Die Hamburger zoologische und naturwistenschaftliche Ausstellung, woraus wir bereits ausmerksam gemacht haben, ist heute, morgen, Montag und Dienstag bis abends 11 Uhr geöffnet. Die Schulen seien ganz besonders darauf auf­merksam gemacht, da die Ausstellung zu Unterrichtszwecken sehr geeignet ist. Alles nähere besagen die Anzeigen.

* * Handlungsgehilfen Versammlung. Ueber die gestern von der Ortsgruppe Gießen des Deutsch-Nationalen Hand- lungsgehilsen-Verbandes nach dem Casö Ebel einberufene Oeffentliche Versammlung schreibt man uns: Die Versamm­lung hatte sich eines zahlreichen Besuches zu erfreuen. Nachdem der Vorsitzende ein Hoch auf den Kaiser und den Großherzog ausgebracht hatte, ergriff der Referent, Herr P. Elberding aus Elberfeld, das Wort, um in einem längeren Vortrage die sozialen Mißstände im Handelsge­werbe zu beleuchten. Der Redner führte vor Augen, welche Zustände hinsichtlich der Arbeitszeiten und deS Lehr- lingswesens, oder besser gesagt, Lehrlingsunwesens noch heute im KausmannSstande herrschen. Er unterzog ferner die Fragen betr. Einrichtung kaufmännischer Schieds­gerichte und Einsührung eines zwangsweisen Fort­bildungsschulunterrichts einer eingehenden Betrach­tung, und reicher Beisall wurde ihm am Schluffe zu teil.

** In Amerika gestorbene Hessen. New York: Dr. Louis Arcularius, 62 Jahre alt, aus Schotten; Indianapolis, Jnd.: Kaspar Hoffmann, 48 Jahre alt, aus Angenrod; Bath, Pa.: Pfarrer Robert Lisberger, 70 Jahre alt, aus Lich.

0 Bergheim, 20. Juli. Heute fuhr ein mit Heu be­ladener Wagen eines Bleichenbacher Landwirts von Wenings heimwärts. Am Ausgang des zwischen Bergheim und Geln­haar gelegenen Waldes fällt die Vicinalfiraße an der sogen. Schießenburg ungemein jäh ab. Der schwer beladene Wagen wurde jedenfalls nicht genügend gebremst und geriet derart ins Rollen, daß der Fuhrmann die Direktion über Wagen und Bespannung verlor. Der Wagen jagte die viele Meter hohe Böschung herab, überschlug sich und begrub den Vater, fast 80 Jahre alt, und die Frau des Fuhrmanns. Nach vieler Anstrengung brachte der Fuhrmann die beiden Schwer­verletzten, aus vielen Wunden blutenden unter der Last des Wagens hervor. Zufällig kam ein leeres Fuhrwerk des Wegs, das die Verunglückten nach Hause brachte.

O Gedern, 20. Juli. Gestern half ein Mann einen schwer beladenen Heuwagen in die Scheune schieben und faßte dabei wie üblich in die Speichen. Hierbei rutschte er jedoch aus, geriet in das Rad und brach den rechten Arm. Der Unfall ist um so mehr zu bedauern, als der Verletzte, ein fleißiger Arbeiter auf dem Hirzenhainer Hüttenwerk, nun wochenlang erwerbsunfähig ist.

§§ Grebenhain, 19. Juli. Der ledige, anfangs der 30er Jahre stehende Karl Merz hatte bei der tropischen Hitze angestrengt im Heu gearbeitet. Erhitzt, wie er war, trank er mehrere Glas eiskalten Wassers, woraus er zusammensank und tot liegen blieb. Zur Zeit, als dieses geschah, sand gerade die Beerdigung der Frau Balthasar Herchenröder statt, die vorgestern plötzlich an einem Hitzschlag starb. Endlich ist von Seiten der Post- Verwaltung einem vom Publikum lang ersehnten Bedürfnis abgeholfen, daß eine Telegraphen-Verbindung zwischen hier und Gedern genehmigt ist und noch dieses Jahr erbaut werden wird. Dem Vernehmen nach soll auch eine Fern­sprechverbindung eingerichtet werden.

-tz. Ulfa, 18. Juli. In dem Garten hinter seiner Hof- raite fand man gestern nachmittag den Maurer Heinrichs Konrad Ludwig II. von hier art einem Birnbaum; hängend. Der Selbstmörder war schpn längere Zeit sehr krank; dies soll ihn bewogen haben, seinem Leben ein Ende zu machen. Er stand im 57. Lebensjahre.

O Aus dem obere» Vogelsberg, 19. Juli. Daß unsere zahmen Hauskatzen doch noch einen Teil ihrer Wildheit besitzen, zeigt uns folgende Begebenheit: Eine Katze war im Zimmer, worin sich die Leiche einer Frau befand, un­bemerkt geblieben. Als nach einiger Zeit nachgesehen wurde, hatte die Katze die Leiche ihrer Herrin angefallen und Fleisch­teile des Gesichts und der Hände abgesreffen.

Vermischtes.

* Unter der Spitzmarke: Uuglucksfälle und Verbreche« (!) lesen wir in der in Halle erscheinendenSaalezeitung": Der Admiral desGroßen Kurfürsten"", das Schauspiel, an dem Joses Lauf zurzeit noch arbeitet, und das den Uebergang desGroßen Kurfürsten" über das Kurische Haff zum Inhalt hat, spielt zuerst in Riga, wo Treffenseld und Schöning, die beiden kurfürstlichen Generale, die Schweden verfolgten. Dann wird die Epoche der Ent- täuschuugen, die Friedrich Wilhelm durch den Abfall seiner Verbündeten, die mit Ludwig XIV. Frieden abgeschlossen hatten, geschildert. Der Schluß des Schauspiels spielt um 1679 in St. Germain, wo Friedrich Wilhelm aus Stettin und Vorpommern Verzicht leisten mußte und dafür nur die Landstriche, die chm 1653 bei dem Stettiner Vertrage noch abgenommen waren, zurückgegeben wurden. Die Erst­aufführung soll im Winter im königlichen Schauspielhause in Berlin erfolgen.

Dresden, 20. Juli. Heute vormittag wurde von dem Reichenbacher Personenzuge 1001 die Ehefrau eines Ziegel- arbeitens und ihre zwei Kinder, sowie der mitgeführte Kinderwagen überfahren und hierbei die Frau und das jüngere Kind getötet, das andere Kind von drei Jahrcn schwer verletzt. Der den Uebergang bedienende Schlagzieher hatte, so viel bis jetzt sestgestellt werden konnte, die Weg­schranken nach Durchfahrt des aus der Dresdener Richtung kommenden Personenzuges 1006 geöffnet und hierbei das gleichzeitige Herannahen des anderen Zuges aus entgegen­gesetzter Richtung nicht beachtet. Aus Verzweiflung über das hervorgerufene Unglück verübte der Schlagzieher einen Selbstmordversuch und brachte sich schwere Ver­letzungen an der Kehle bei. Er und das schwer verletzte Kind wurden nach Anlegung von Notverbänden durch schleu­nigst herbeigerusene Aerzte in den nächsten Personenzug nach Dresden ausgenommen und hieraus ins städtische Kranken­haus übergesührt.

Kopenhagen, 20. Juli. Pros. Dr. Johann Kjel- d a h l, der Leiter des berühmten chemischen und physiologischen Laboratoriums der Brauerei Alt-KarlSberg, hat bei Hilleröd den Tod gesunden. Er wurde bei dem Versuch, einen badenden Knaben, der in Lebensgefahr geriet, zu retten, von einem Krampfanfall betroffen und ertrank. Der Knabe konnte von einem Dienstmädchen gerettet werden. Pros. Kjeld > hl, der jetzt 50 Jahre alt ist, stand schon 25 Jahre an der Spitze der chemischen Abteilung des Laboratoriums der Karlsberg-Brauerei und hat hier eine Reihe für die Brautechnik epochemachender Erfindungen gemacht. Am meisten bekannt ist seine Methode zur Stickstoffbestimmung, die sogen. Kjeldahl-Methode, die von größter Bedeutung für die ganze chemische Wissenschaft geworden ist. Außerdem sind ihm noch andere wichtige wissenschaftliche Methoden zu danken, z. B. zur quantitativen Bestimmung der Zuckerarten und zur Bestimmung des elementaren Kohlenstoffs. Für das Laboratorium der Karlsberger Brauerei, das einzig in der Welt dasteht und unter Kjeldahls Leitung weltberühmt wurde, bedeutet der Heimgang dieses Forschers einen großen Verlust.

Londoner Repräsentation. In der Berliner Stadt­verordnetenversammlung hatte seinerzeit der Magistrats­antrag über die Bewilligung von 50000 Mk. zur Deko­rierung der Straßen beim Besuch Kaiser Franz Josefs eine heftige Opposition von Seiten einiger Abgeordneten er­fahren. Da dürfte es nicht uninteressant fein, dieser Summe die Zahlen gegenüberzustellen, die aus dem Empfangs- budget der Londoner City stehen. Am bedeutendsten waren die Kosten der Feierlichkeiten, die im Jahre 1876 zu Ehren des von seiner Reise nach Indien zurückkehrenden Prinzen von Wales vom Lordmayor und der City Korpo­ration veranstaltet wurden. Nicht weniger als 550000 Mk. wurden hier im wahrsten Sinne des Wortsverjubelt".