Nr. S47 Zweites Blatt. Sonntag den Ll Oktober 150. Jahrgang 190«
Gießener Anzeiger
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Der neue Reichskanzler.
Die Ernennung des Grafen von Bülow zum Reichs- tkanzler ist nicht gerade unerwartet gekommen, aber überraschend durch ihre „Plötzlichkeit". Der Mangel eines jeglichen „UebergangsftadiumS" von größerer oder kürzerer Dauer hat gewisse Politiker unangenehm berührt; eS gab nicht den geringsten Raum für Treibereien und persönliche Machinationen. Während die Artikler noch darüber grübelten, wie weit sie die Hohenlohe'sche Kanzlerschaft limitieren sollten, hatte der Telegraph schon den Rücktritt des Fürsten und die Ernennung von Bülows gebracht. DaS paßte nicht so recht ins Programm; man hatte doch eine ganze Kollektion von zukünftigen Kanzlern auf dem Lager und wie schön wäre eS gewesen, wenn man diese ganze Gallerie der „Setzlinge" in den anmutigen Farbentönen der Berliner Sensationspresse hätte porträtieren dürfen!
ES ist richtig, daß Graf v. Bülow von vielen Seiten als der „kommende Mann" betrachtet wurde; allein man wußte auch, daß eine lange Reihe von Anwärtern aus dem hochfeudaleu Lager vorhanden war, die durch ihr soziales Schwergewicht auch politisch in Betracht kommen. Der Kaiser hat sich aber hieran nicht gekehrt und den Mann gewählt, der thatsächlich unter allen politischen Größen der letzten zwei Jahre den meisten öffentlich-politischen Kredit besaß. So finden fich denn auch die Parteien Mit dem Neuernannten im ganzen gut ab. Nur auf den äußersten Flügeln unseres politischen Parteilebens, bei Sozialdemokraten und Extrem-Konservativen, wird dem „neuen Mann" ein Empfang zuteil, in den keinerlei Zärtlichkeit gemischt ist.
Das Centrum kommt dem neuen Kanzler „neutral" entgegen. Gras v. Bülow hat eine katholische Italienerin zur Frau, das verschafft ihm in den Augen der CentrumS- partei jedenfalls kein ungünstiges Vorurteil, und da der Gras sich bis jetzt überhaupt nicht kulturkämpferisch irgendwie engagiert hat, so hat das Zentrum um so mehr Ursache, eine „wohlwollende Haltung des Abwartens" zu beobachten.
Wenn es für den neuen Reichskanzler eine Schwierigkeit geben wird, so kann sie nur aus den innerpolitischen Verhältniffen Herkommen. Graf von Bülow ist bekanntlich gleichzeitig preußischer Ministerpräsident geworden und als solcher Vorgesetzter des Herrn von Miquel. Unter Hohenlohe ging dieser seine eigenen Wege, d. h. Miquel war der eigentliche preußische Ministerpräsident. Das wird
unter dem Grafen von Bülow sicherlich anders werden, wenn auch nicht plötzlich, so doch mit der Zeit. Hier wird 28 sich darum handeln — wir haben die Frage schon in unserem gestrigen Artikel aufgeworfen — in wie weit Herr von Bülow in dem großen Komplex der innerpolitischen, der wirtschaftlichen und sozialen Fragen zu Hause ist. Von dem Maße dieses Verständnisses wird das Maß des Ein- fluffes Miquels abhängen.
Eugen Richter in seiner „Freis. Ztg." behandelt diese Seite der Angelegenheit ziemlich eingehend und er kommt dabei zu solgenden Auslaffungen:
Er wird daher voraussichtlich auch als Reichskanzler die Dinge »e-!S gehen lassen, wie sie Graf Posadowsky nahezu selbständig im mu S bel3nnetn nach den Inspirationen des Herrn v. Miquel aus- SJ K' x » ?ugen werden dem Grafen v. Bülow sich erst öffnen, biefet Handelspolitik in eine Aera der Zollkriegs i KÄr fljh'«iS®““ ist es zu spät. Gras v. Bülow und Herr sind, nicht gerade die dicksten Freunde. Graf v. Bülow würde Sftpn ff1! ?me Thräne nachweinen, wenn er dem Bei- Hohenlohe folgen wollte. Die beiden Herren sind schon bisher mehr nebeneinander als miteinander aeaanaen Aber bei der Geschmeidigkeit und Akkomodationsfähigkeit, welchebeide Herren aus« zeichnet, ist die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, das sie auchf XTto wenn akute Fragen nicht besonders scharf in den Vordergrund treten noch so lange nebeneinander hergehen, bis auch Herr v Miouel bk Bürde des Alters stärker empfindet. Auch braucht Graf v. Bülow Zeit um sich tiefer in die preußischen Angelegenheiten einzuarbeiten. Aber es giebt doch Fragen, wie diejenige des Mittellandkanals, bei denen die Rolle des preußischen Ministerpräsidenten dem Grasen Bülow die Pflicht auferlegt, klarer Stellung zu nehmen, als beispielsweise Herr v. Miquel.
Die Schwierigkeiten auf innerpolitischem Gebiete sind in der That keine geringen und es wird der ganzen, viel- gerühmten „Anpassungsfähigkeit" des Grafen bedürfen, wenn er sich in die Materien so rasch und tüchtig hineinarbeiten will, daß er nicht zum „Handlanger" anderer Instanzen wird.
Das Programm des Schutzes der nationalen Arbeit wird Herr von Bülow unbedingt adoptieren, denn es ist nicht einzusehen, wie wir ohne ein solches Programm ous dem Labyrinth der wirtschaftlichen Fragen und Jn- veresien herauskommen könnten. Es handelt sich aber auch mer um einen ausgleichend versöhnlichen Standpunkt, um sine Abwehr der Extremen von rechts und links.
Im Ausland hat der Kanzlerwechsel, wie schon gestern hervorgehoben, keine unangenehmen Wirkungen gezeitigt. Die englischen, französischen, österreichischen, italienischen, belgischen rc. Stimmen stellen übereinstimmend fest, daß der deutsche Kanzlerwechsel die internationale Politik nicht im mindesten tangiere, daß er die Fortsetzung der bisherigen Politik, die eine freundliche zu allen Mächten ist, bedeute.
So hat das Ereignis sowohl auf dem nationalen wie aus dem internationalen politischen Markt keinerlei „Eruption" zur Folge gehabt, ein Beweis für das allgemeine Vertrauen in die Stätigkeit der deutschen Politik.
Der Krieg itt China.
Aus Peking wird unter dem 17. telegraphiert: Feldmarschall Gras Waldersee ift.in P eking eingetroffen und mit allen militärischen Ehren empfangen worden. Eine internationale Begleitmannschaft geleitete den Feldmarschall nach dem Palast der Kaiserin-Witwe. Am Morgen seiner Ankunft besichtigte Feldmarschall Graf Waldersee alle Truppen, ausgenommen die durch anderweitigen Dienst behinderten, in den Straßen der Stadt. Die Truppen begleiteten sodann den Feldmarschall nach seinem Absteigquartier. Das Ganze bot ein glänzendes Schauspiel.
Ein Telegramm aus Tientsin vom 18. lautet: Der deutsche Gesandte v. Mumm trifft Vorbereitungen zu seiner Abreise nach Peking.
Die „Nordd. Allg. Ztg." macht folgende Mitteilungen über den Vormarsch auf Paotingfu: Die vom Oberkommando angeordnete Operation auf Paotingfu hat am 12. ds. begonnen. Der Vormarsch geschieht gleichzeitig von Peking und Tientsin aus in folgender Weise: Die Pekinger Kolonne, Führer der englische General Gaselee setzt fich zusammen aus 8 Bataillonen, 4 Schwadronen und mindestens 2 Batterien. Die verschiedenen Nationen sind hieran wie folgt beteiligt: Die Deutschen unter Generalmajor v.Höpfner bilden mit den beiden Seebataillonen und ihrer Batterie die Avantgarde, welcher voraussichtlich Kavallerie vom 16. indischen Lancer-Regiment zugeteilt ist. Im Gros marschieren das französische 17. Marine-Jnfanterie-Regi- ment, die indischen 1. Sikhs, das 26. Bombay Regiment und ein italienisches Infanterie-Bataillon. Die aus Tientsin abmarschierte Kolonne steht unter dem Befehl des französischen Brigadegenerals Bailloud und marschierte mit ihren Hauptkräften, 6 Bataillonen mit Kavallerie und Artillerie, wahrscheinlich über Aangtsun, mit einer linken Seitenkolonne: 4 Bataillone, 4 Schwadronen und eine reitende Batterie, südlich der im Westen von Tientsin liegenden Seenkette. Die Zusammensetzung dieser Kolonnen gestaltet sich folgendermaßen: Hauptkolonne, Avantgarde: 2 deutsche Bataillone vom 3. ostasiatischen Infanterie-Regiment unter Oberst Frhrn. v. Ledebur mit entsprechender Kavallerie und Artillerie; GroS: französisches 16. Marine-Infanterie-Regiment, 1 Bataillon italienische Bersaglieri. Heber die Zuteilung von Kavallerie und Artillerie bei dieser Kolonne ist nichts bekannt. Linke Seitenkolonne: englischer Oberst Campbell, Hongkong-Regiment, 20. Punjab Regiment, 1. Madras-Regiment, australisches Bataillon, 3. Bombay- Kavallerie-Regiment, eine reitende Batterie. Den Schutz von Tientsin gegen Unternehmungen von Süden her hat der Oberkommandierende einem französischen Detachement übertragen. Der linken Seilenkolonne um einige Tagemärsche voraus war ein französisches Bataillon über Tuliutschoen nach Hsiunghsien marschiert, um dort eingeschlossene französische Priester zu befreien. Ob dieses Bataillon an dem Vormarsch auf Paotingfu teilnehmen wird, ist nicht bekannt. Bis zum 14. Oktober waren die Kolonnen von Tientsin auf keinen Widerstand gestoßen. Die Pekinger Kolonne hatte am 12. Oktober Lukukiao, den Uebergang über den Iunho, erreicht; am 16. war sie 10 Klm. südlich Tschorschou angelangt. Beide Kolonnen haben anscheinend Boxerschwärme- vor sich. Bei Paotingfu sollen auch stärkere reguläre Truppen in größerer Zahl stehen. Die Entfernung von Peking-Tientsin noch Paotingfu beträgt etwa 150 Kilometer, welche in zehn Tagen zurückgelegt werden kann. Am 20. oder 21. ds. müßten die Kämpfe vor Paotingfu beginnen, falls der Gegner dort standhält, oder, falls er ausweicht, das Marschziel erreicht werden.
Aus Peking wird vom 17. gemeldet: Die Boxe' r in der Umgegend von Tunischou entwickeln lebhafte Thätigkeit. An mehreren Plätzen sind Aufrufe an die Bevölkerung angeschlagen, die Waffen gegen die Fremden zu ergreifen. Darin wird zugleich behauptet, Li-Hung- Tschang sei nflch dem Norden zu dem besonderen Zlveck
gekommen, den Widerstand gegen die Europäer' zu organisieren. Unter seiner Führung sei Erfolg gesichert. Diese Beh'auptung hat offenbar nur den Zweck, die Unentschlossenen unter den Boxern zu veranlassen, von neuem für eine hoffnungsvolle Sache emzutreten; sie kann nicht begründet sein.
lieber die Bewegung in Südchina wird der „Times" aus Hongkong berichtet, die Aufständischen in Hu Lisch au am Ostflusse — wo sie also trotz aller Siegesmeldungen der kaiserlichen Truppen noch ihren Sitz, zu haben scheinen — hätten einen Aufruf veröffentlicht, worin sie bekannt gäben, ihr politisches Ziel sei die Beseitigung der Unterdrückung. Auch der Reformer Kangyu- wei soll jetzt in die Unruhen eingegriffen haben. DaS Land unmittelbar an der nördlichen Grenze des Kaulungebiets ist ruhig. Nach Meldungen Reuters aus Kanton, herrscht unter den dortigen Europäern große Entrüstung über die Entweihung der Gräber von Europäern durch chinesische Truppen. Der britische Konsul ist im Begriff, Schritte zur Bestrafung der Schuldigen zu thun. Die gegen die Christen gerichteten Unruhen, die einige Tage angehalten hatten, haben wieder aufgehört. Wie es heißt, sind die chinesischen Beamten zur Bezahlung einer Entschädigung für die Zerstörung christlicher Ka^- pellen bereit.
Nach einem Telegramm des Berichterstatters des „Daily Telegraph" in Shanghai tritt immer bestimmter hervor, daß nur dann auf die Vicekönige des ^angtsethales zu zählen sei, wenn ihnen der britische Schutz gewährleistet werde für den Fall, daß fie den Nachschub von Mannschaften, Geld, Kriegsvorräten und Lebensmitteln für den Hof einstellen. — Ein vom Hofe einge- trofsener hoher Beamter wird als Quelle des Gerüchtes bezeichnet, daß Prinz Tuans Sohn, der Thronerbe, tot sei. Das erkläre den Selbstmord seiner Gouverneure Hsütung und Herzog Tschungyis und lasse auch die Angabe glaubhaft erscheinen, hvß Tuan sich-des kaiserlichen Siegels bemächtigt habe. Nach derselben Quelle hält Tuan die Kaiserin in Furcht. — Die Chinesen verstärken schleunigst die Bewaffnung der Wusung- und Kiangyingforts. Nach dem Shanghaier Berichterstatter der „Morning Post" verspricht der Auf st and in Südchina den Taiping-Auf- stand noch an Bedeutung zu übertreffen. Der Befehlshaber der Schwarzflaggen habe Befehl erhalten, mit seinen. Truppen nach Kanton zurückzukehren.
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Telegramme des Gießener Anzeigers.
London, 20. Oktober. Aus Tientsin wird gemeldet: Die Zahl der Kranken unter den Truppen nimmt zu. Täglich sind 2 bis 3 Todesfälle an Fieber zu verzeichnen. Der Militär-Kirchhof von Tientsin mußte vergrößert werden.
London, 20. Oktober. Nach einer Meldung aus Shanghai hält eine aus 1000 Mann bestehende Kolonne französischer Truppen die Stadt T a l ch a n unweit oer nördlichen Grenze von Shanghai besetzt.
Berlin, 20. Oktober. Aus Shanghai wird gemeldet: Die Mächte ersuchten die Vizekönige des Yangtse- thales, die Geldsendungen nach Singanfu einzustellen.
London, 20. ^Oktober. „Daily Mail" meldet aus Shanghai: Kapitän Potts habe von einem chinesischen Soldaten für einige Heller die Abzeichen des Schwärzen» Adlerordens, der seinerzeit der Kaiserin von China durch Vermittelung des Prinzen Heinri ch überreicht worden ist, gekauft. — Der russische Gesandte ist in Shanghai e i n g e t r o f f e n.
Washington, 20. Oktober. In einem Briefe an Mac Kinley bittet der K a i s e r v o n C h i n a denselben, seinen Einfluß bei den Großmächten geltend zu machen, damit diese das Geschehene vergessen und die Friedensverhandlungen beginnen.
Südafrikanisches.
Ein amtliches Telegramm aus Mafeking vom 18. Oktober besagt: Lord Methuen und Oberst Douglas trafen in Zeeruit nach mehrtägigem Gefecht mit Delarey und Lemmer ein.
Aus Lvurenzo-Marques wird vom 19. gemeldet: Die hiesigen Eisenbahnbehörden erhielten die Anweisung, sämtliches niederländische rollende Material der britischen Militär-Eisenbahnverwaltung, sowie sie es wünscht, zur Verfügung zu stellen.
Ein Telegramm Lord Roberts aus Pretoria vom 18. ds. meldei: Einer Abteilung Buren gelang eS, in der Nacht zum 16. ds. in Jagersfontein einzudringen. Am nächsten Morgen entspann sich ein Kampf, wobei die Verluste der Engländer 9 Tote und zwei tötlich Verwundete betrugen. Die Buren verloren ihren Kommandanten und 20 Tote. — General Kelly-Kenny sandte gestern abend Truppen ab, die heute in Jagersfontein eintreffen sollen-


