Nr. 247 Viertes Blatt. Sonntag den 21 October 150. Jahrgang 1.000
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Volttische Tagesschau.
Der Ge-burtstag der Kaiserin am 22. Oktober soll, wie gemeldet, in diesem Jahre von den Stadtverordneten Berlins mit Stillschweigen übergangen werden. Während sonst die Stadtverordneten ebenso wie der Magistrat zu den Geburtstagen des Kaisers wie auch der Kaiserin ihre Glückwünsche darbrachten, will die Stadtverordnetenversammlung diesmal schweigen. Sie beruft sich in ihrem Vorhaben auf ein Antwortschreiben des Hofmarschalls Frhrm v. Mirbach auf die vorjährige Gratulation, worin der Versammlung mancherlei unangenehme Dinge gesagt worden waren. Einer solchen Antwort wollen die Stadtverordneten sich nicht wieder aussetzen. Gegenüber ^eser Thatsache hat eine große Anzahl von Berliner Bürgern beschlossen, der Kaiserin einen Glückwunsch zu ihrem Geburtstage direkt aus der Bürgerschaft darzubringen. Das Glückwunschschreiben, das von möglichst vielen Bürgern unterschrieben werden soll, hat folgenden Wortlaut:
Allerdurchlauchtigste, Großmächtigste Kaiserin!und Königin!
Allergnädigste Kaiserin, Königin und Frau!
Eure Kaiserliche und Königliche Majestät bitten die unterzeichneten Bürger Berlins, zu Allerhöchstihrem Meiundvierzigsten Geburtstage ihre unterthänigsten Glückwünsche huldreichst entgegenzunehmen. Durch enge Bande ist von jeher die Bürgerschaft der hiesigen König- , lichen Haupt- und Residenzstadt mit dem Herrscherhause verbunden gewesen. Weiß sie doch, daß für jedes Mitglied desselben die Wohlfahrt des Vaterlandes die Richtschnur des Handelns bildet, erinnert sie sich doch insbesondere der Fürsorge, die der Hauptstadt von dort zu allen Zeiten gewidmet ist. So ist es gekommen, daß sie an allen Ereignissen, die das Königliche Haus betreffen- stets innigen Anteil genommen hat, daß die Freudentage der Königlichen Familie auch für sie Festtage geworden sind. In Eurer Kaiserlichen und Königlichen Majestät, der Erlauchten Landesmutter, erblickt die Bürgerschaft die unermüdliche Fördererin des christlichen Lebens auf allen seinen Gebieten, namentlich auch auf demjenigen des Baues von Gotteshäusern und der Liebesthätigkeit für die Armen, Kranken und Bedrängten. Zugleich aber verehrt sie in Allerhöchst- derselben die treue Lebensgefährtin unseres Herrschers, die fürsorgliche Mutter ihrer Kinder, die, der preußischen Ueberlieferung entsprechend, zur strengsten Beobachtung der Pflichten gegen unser geliebtes Vaterland erzogen sind und erzogen werden. Daß Eurer Kaiserlichen und Königlichen Majestät es vergönnt sein möge, an der Seite des Erlauchten Gemahls Sich zu allen Zeiten eines ungetrübten Familienglückes zu erfreuen, das ist unser sehnlichster Wunsch. Indem wir den Gefühlen der Treue zu unserem angestammten Herrscher
Hause von neuem Ausdruck geben, rufen wir: Gott schütze, Gott segne unsere Kaiserin und Königin!
Aus Stadt und Land.
Gießen, 20. Oktober 1900.
** Konzert-Verein. Wie aus dem Inseratenteil ersichtlich, findet die öffentliche Verlosung der Sperrsitze am kommenden Montag im Klubgebäude statt. Dem Vorstand ist zahlreiche Beteiligung bei diesem Akt sehr erwünscht.
*• Vortrag. Am Dienstag wird auf Veranlassung des kaufmännischen und Ortsgewerbe - Vereins in „Steins Saalbau" ein Vortrag des Herrn Dr. Walter-Lund stattfinden über das Thema: Gewerbe, Handel und Weltverkehr aiT der Jahrhundertwende, erläutert durch etwa 100 Lichtbilder. Da der Redner auf mehrjährige theoretische wie praktische Studien zurückblickt, dürste sich der Abend ebenso interessant für den Fachmann, wie für den Laien, nicht zum mindesten auch für Damen gestalten. Die gleichzeitige Bezugnahme auf die Pariser Weltausstellung sowie die originelle Sammlung der zugehörigen Lichtbilder dürste die Aktuellität des Themas noch erhöhen.
§ Zur Gehalts-Frage der Pensionäre Hessens wird uns geschrieben: Unter den älteren Pensionären des Großherzogtums, die vor dem 1. April 1897 in Ruhestand traten, macht sich schon einige Zeit eine Erregung geltend, die zwar bis dahin öffentlich noch keinen Ausdruck fand, aber doch bei diesen alten, ruhigen Herrn bereits soweit gediehen ist, daß sie erwägen, ob sie den Weg in die Oeffentlichkeit nicht zu beschreiten gezwungen sind, um endlich Gehör zu finden. Diese Pensionäre nämlich haben schon in der vorigen Landtagssession Regierung und Kammern Eingaben überreicht, Dahingehend, daß die Pensionäre aus jener Zeit denen aus oer Zeit na ch dem 1. April 1897 im Ruhegehalt gleichgestellt werden möchten. Die Begründung hierfür geschah eingehend und die Berechtigung des Ansinnens ist wohl einem jeden klar, der schon das nur bedenkt, datz^ .die Preissteigerung aller Dinge die Einen wie die Andern gleichmäßig trifft, die Aufbesserung also, die den Einen als notwendig zuerkannt wurde, billigerweise auch den Andern hätte zuteil werden müssen. Diese ersten Eingaben blieben aber ohne allen Erfolg; sie wurden einfach totgeschwiegen. Waren hierdurch die bittstellenden Pensionäre bitter enttäuscht, so ist die Erregung, die sie dermalen beherrscht, wohl leicht begreiflich, nachdem eine zweite Eingabe wiederum von keiner Seite eine Beachtung zu finden scheint. Als das Beamtengesetz beraten wurde., pochite man auf den glänzenden
Adresse für Depeschen: Anzeiger Hieße«.
Fernsprecher Nr. 51.
Stand der hessischen Finanzen, jetzt hört man nur, daß Sparsamkeit geboten sei. Man hört aber nichts davon, daß bereits Erhebungen stattgefunden haben, um festzustellen, welche Summe die Erfüllung des Wunsches der Pensionäre erfordern würde, eine Summe, die durch Sterbefälle im Verlauf weniger Jahre ohnehin fich auf Null reduziert. Man hört auch nichts davon, daß aus den Kammern heraus der Regierung eine Anregung gegeben würde, dieser Sache endlich einmal näher zu treten, und so hat es allen Anschein, da ß§ie wiederum durch Totschweigen Erledigung finden soll. Wenn dem nicht so ist, so wird es erfreuen, hiervon Kenntnis zu erhalten.
** Bierbrauereiund Bierbesteuerung. Im Rechnungsjahre 1899 sind im Großherzogtum Hessen 142 Bierbrauereien im Betrieb gewesen, gegen 146 im Vorjahre, und zwar befanden sich 81 (1898 84) in der Provinz Starkenburg, 28 (30) in Oberhessen und 33 (32) in Rheinhessen. In diesen Brauereien wurden im Jahre 1899 1494 407 (im Vorjahre 1410 809) Hektoliter Bier gebraut, hiervon in der Provinz Starkenburg 451906 (im Vorjahre 415 504), in Oberhessen 235 506 (224 458) und in Rheinhessen 806995 (770 847) Hektoliter. Es er- giebt sich demnach gegen das vorhergehende Jahr im Großherzogtum eine Mehrproduktion von 83 598 Hektoliter, wovon 36 402 auf die Provinz Starkenburg, 11048 auf O b e r h e s s e n und 36 148 auf Rheinhessen entfallen. — «An steuerpflichtigen B r a u st o f f e n wurden im Berichtsjahre verwendet: Getreide 30 663987 Kgr., darunter geschrotetes Gerstenmalz 30662 867 Kgr., sonstiges Getreide 1120 Kgr.; Malzsurrogate, namentlich Reis, 154 264 Kgr. Gegen das Vorjahr kamen 1 495 795 Kgr. Getreide mehr, dagegen 124 916 Kgr. Malzsurrogate ive- niger zum Verbrauch. — Von den bei der Bierbereitung verarbeiteten Materialien hatte Gerste einen Preis von 15.50 bis 20 Mk., Gerstenmalz, das von einem großen Teil der Brauereien, wie in den vorderen Jahren, in fertigem Zustande augekauft wurde, einen Preis von 27 bis 32 Mk., einheimischer Hopfen, der nur in beschränktem tlmfang angebaut wird, von 120 bis 200 Mk., badischer und bayrischer Hopfen 250 bis 400 Mk., böhmischer 330 bis 500 Mk. für den Doppelzentner. Wie in den Vorjahren ist auch im Berichtsjahr fast nur untergähriges Bier (1494 096 Hektoliter untergähriges Bier in 139 Brauereien, 311 Hektoliter obergähriges Bier in 3 Brauereien) gebraut worden. Aus einem Doppelzentner Gerstenmalzschrot bezw. Reis wurden 3,7 bis 5,6, durchschnittlich 4,55 Hektoliter Bier hergestellt. Der Preis des Biers hat sich gegen die Vorjahre nicht wesentlich geändert. Für Jung- und Lagerbier (gewöhnliches Schankbier) wurde 15 bis 18 Mk., für Exportbier und andere bessere Biersorten 18 bis 24 Mk. bezahlt — beim Verkauf in Fässern seitens der Brauereien. — An Brausteuer sind im Jahr 1899 1232 509 Mk. eingegangen, 55 036 Mk. mehr als im Vorjahr. Tie drei
Kunst und Wissenschaft.
Ludwig v. Hoernigk, ein Nassauer Bruuueuarzt.
Archivrat W. R o t h veröffentlichte kürzlich im „Rhein. Cour." unter diesem Titel einen längeren Aufsatz, den unfern Lesern im Auszuge mitteilen:
Die Angaben der Gelehrten über Hoernigks Geburtsort gehen auseinander. Einige geben Darmstadt, andere Frankfurt a. M., einige wiederum Leipzig an. Hoernigk stuorerte rn Gießen unter dem Arzt und Professor Gregor Horst dem Aelteren. Der Tag der Einschreibung in die läßt sich nicht feststellen, das Jahr dürfte aber 1620 fern. Von Gießen scheint sich Hoernigk nach Italien ^gewendet zu haben und Schüler des berühmten Adrian Spiegel zu Padua geworden zu sein. Hoernigk ließ sich zu Frankfurt a. M. 1625 als Arzt nieder. Er scheint um diese Zeit zu Straßburg promoviert zu haben und die epistola i>e camphorae qualitatibus dürfte die Dissertation gewesen sein. Hoernigks erstes schriftstellerisches Erzeugnis gehört dem Jahr 1626 an und war des Peter Postinius Newer ausführlicher Traktat von den Franzosen, eine Uebersetzung aus dem Italienischen. 1628 soll Hoernigk kaiserlicher Pfalzgraf geworden sein, womit der Adel verbunden war. 1626 nennt er sich einfach Hoernigk, in seiner Schrift medieaster Apella 1631 aber bereits kaiserlicher Pfalzgraf. Tas Jahr 1631 brachte als Schrift Hoernigks den eben genannten Medieaster Apella oder Juden-Arzt. — Um diese Zeit wandte er sein Augenmerk auf die aufblühenden VerhtT-iisse Langenschwalbachs. Ein briefliches Gutachten Hoernigks über Schwalbach an den hessischen Leibarzt Helwich Dietericus zu Darmstadt ist vom 3. Mai 1631. Er schrieb 1632 eine Brunnenschrift über Schwalbach 1635 ward Hoernigk physicus ordinarius oder Stabsarzt zu Frankfurt. Er wandte sich um 1638 den. Rechten zu, ward in diesem Jahre zu Marburg "Doktor auf Grund seiner Dissertation: de regali pvstorum
jure. Zu unbestimmter Zeit war er auch Veldenz'sch^er Rat geworden. — Nach dem Tod seiner ersten Frau Helene heiratete er 1639 als Römischer kaiserlicher Mayestät und fürstlich Pfalz-Veldenz'scher Rat, Hofpfalzgraf, der Arznei und beider Rechte Doktor die Maria Elisabeth. 1637 schoß Hoernigk seine Schrift: Politia medica ab. Er geriet mit den Materialisten in Streit und griff in scharfer und schneidiger Sprache in einer Druckschrift: Ob die Komposition und Praeparation der Artzneyen dem Materialisten und Trochisten zu gestatten seh, die Materialisten an. Hierauf folgten Beschwerden bei dem Stadtrat, der dem Hoernigk die Aufsicht über die Theriakbereitunq entzog. Hoernigk kam deshalb um seine Entlassung als Stadtarzt ein, was ihm 1643 bewilligt ward. Auch sollte er wegen Unehrerbietigkeit gegen den Stadtrat verhaftet werden. Hoernigk hatte das nicht erwartet, that alsbald bei fürstlichen Personen und beim Kaiser Schritte, einer Verhaftung zu entgehen, und zwar mit Erfolg, so daß er sogar sein Amt wieder bekam. Er gab nun trotzdem gegen die Materialisten die „Gründliche Antwort auf folgende vier Fragen" heraus, ließ sich Thätlichkeiten zu Schulden kommen und ward seines Amtes entsetzt, blieb aber zu Frankfurt wohnen. Er war Leibarzt bei dem Landgrafen Philipp III- von Hessen-Butzbach geworden. Diese Stellung als Leibarzt war nicht mit einem ständigen Aufenthalt zu Butzbach verknüpft, denn 1644 scheint Hoernigk die Stellung eines gräflich S o l m s'schen Rates, Amtmannes und Arztes zu Rödelheim angenommen zu haben. Dort fing der unruhige Mann Händel mit der Kirchenbehörde an. Hoernigk verlor seine Rödelheimer Stellung, ging nach Mainz 1647 und dann nach Wien, wo er 1647 zur katholischen Kirchs übertrat und diesen Schrrtt in einer Druckschrift unter dem Titel: Zwantzig Ursachen, die ihn bewogen, die katholische Religion an- zuuehmen, (Wien 1648) rechtfertigte.
Tie Schrift: Nützliche und Curiöse Fragen des Hoernigk brachte nochmals die Frankfurter Materialisten-An- gelegenheit zur Sprache, zudem Hoernigk für eine Schrift
die Gutheißung der medizinischen Fakultäten zu Mainz und Marburg erwirkt hatte. Er ward 1656 Professor der Heilkunde an der Mainzer Universität, bekleidete seit dem 10. Dezember 1658 die Rektorwürde, nachdem er 1657 Dekan der Fakultät gewesen, ward auch Mainzer Hofrat und seit 1655 kaiserlicher Bücherkommissarius zu Frankfurt a. M. Er verheiratete sich, als seine zweite Frau starb, zum drittenmale mit Maria Elisabeth, die 1658 durch Einsturz eines Gebäudes zu Mainz ums Leben kam.
Seine Schrift: „De regali postorum jure" hatte beim Kaiser und den Reichspostmeistern von Thurn und Taxis vielen Anklang gefunden. 1654 und 1656 gab Hoernigk zu Mainz die „Stella notariorum" und den „Traetatus de eommissariis dt eommissionibus" heraus. Er starb, etwa 67 Jahre alt, am 2. August 1667, jedenfalls zu Mainz und ward in der Familiengruft der Emmeranskirche bei- gesetzt.
Hoernigk gehörte zu jener Kommission von Aerzten, die 1861 unter Landgraf Georg von Hessen-Darmstadt auf dessen Kosten Gutachten über die Sck)walbacher Quellen im Truck Herausgaben. Die hieran sich anschließende Schrift Hoernigks über Schwalbach hat den Titel: Schwal- bacher Sour-unndt Brodel Brunnen Beschreibung. Lu- doviei vonn Hoernigk Com. Pal. Caes. und Medici zu Franckfurt am Mahn 1632. Oetavo. Eine zweite Auflage erschien zu Frankfurt 1640, eine dritte zu Mainz 1658 in Duodez. Die Schrift über Wiesbaden hat den Titel: Wiesbad, .sampt seiner wunderlichen Eygenschafft, herrlichen Krafft und rechtem Gebrauch: Kürtzlicher und klär- licher als nodj eiemahlen, Männiglichen zum besten beschrieben vnd in 25. Hauptfragen begriffen, s. Frankfurt a. M. 1637. Gewidmet ist das nette Bändchen dem Kurfürsten Anselm Casimir von Mainz. Außerdem enthält das Buch ein deutsches Gedichr auf Wiesbaden von Hoernigks Schwiegersohn dem Polyhistor Dr. I. Joachim Beicher, Mainzer Hofrat und Leibmedicus, aus Speyer gebürtig. Hoernigk war Paracelsist und suchte den Gebrauch der Bäder durch Heilmittel zu verstärken. Als


