Ausgabe 
21.8.1900 Zweites Blatt
 
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Dienstag den 21. August

Nr. 194 Zweites Blatt

1900

Eichener Anzeiger

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Ferufprecher Nr. 51.

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Das erste deutsche Ueberseekabel.

Die Machtstellung Englands im Völkerkonzert beruht zum guten Teil auf seinen weitreichenden internationales Berbnrdungen. Wer eine Kabelkarte zur Hand nimmt, wird alsbald entdecken, daß die englischen Kabel die ganze Erde umspannen. Von allen Ecken und Enden unseres Pla­neten! aufen die telegraphischen Nachrichten in das Lon­doner Foreign Office. Gut unterrichtet sein ist die erste Bedeutung der Weltpolitik. England hat das frühzeitig be­griffen. Sobald die Entdeckung des Kautschuks, das heute zu den gesuchtesten Produkten des Erdballs gehört, die Isolierung lang gestreckter Kupferdrähte ermöglichte, be­gannen von England aus die Versuche, eine telegraphische Verbindung mit Nordamerika durch den Atlantischen Ozean herzustellen. Diese ersten Versuche datieren zurück bis Lum Jastre 1857. Sie mißglückten völlig. Die Kabel, viel zu schwach, dem Druck einer Wassersäule von 20002700 Faden Tiefe, ein Druck von 500 Atmosphären oder von 20 Tonnen, das heißt 20 000 Kilogramm auf den Quadrat- zoll, Widerstand zu leisten, rissen. Versuche, sie wieder aufzufischen, wurden gar nicht erst gemacht. Die Technik der Kabelkonstruktion und Kabelverlegung stack noch in den Kinderschuhen.

Trotzdem glückte es bereits im Jahre 1858, ein Kabel von Valencia an der irischen Küste bis New-Pork zu führen. Schon am 5. August 1858 waren die beiden Kontinente telegraphisch verbunden und der Verkehr entwickelte sich derart, daß in vier Wochen 800 Telegramme, deren jedes 400 Mk. Gebühren gekostet hatte, vermittelt werden konnten. Damit aber hatte die Herrlichkeit ein Ende, Das Kabel war wiederum gerissen. Man sah jetzt, daß weder der gefürchtete Meeresgrund, noch die nicht minder ge­fürchteten .Haifische den Kabeln gefährlich würden, sondern daß allein die zu schwache Konstruktion der Kabel und die Fehler in der isolierenden Umhüllung zu fürchten waren. Entweder ertrugen die Kabel selbst den Wasserdruck nicht, oder kleinste, mikroskopisch nicht einmal bemerkbare Bläschen in der Kautschukhulle platzten unter der Gewalt der auflagcrnden Wassersäule, die Isolierung war hin, das Kabel unbrauchbar.

Etwa zehn Millionen Mark an Kapital halten diese ersten Versuche gekostet, und die Amerikaner, die wesentlich dazu beigesteuert, gaben die Sache nunmehr auf. Es blieb unter diesen Umständen nichts übrig, als in England selbst die erforderlichen Kapitalien aufzubringen. Zuvor aber mußte das Problem gründlich nach allen Seiten studiert werden. So hervorragende Gelehrte wie Samuel Caming und William Thompson, der heute als Lord Kelvin die allgemeine Anerkennung für seine Verdienste um die phy­sikalische und technische Wissenschaft genießt, nahmen sich der Sache an. Sie verbanden sich mit Cyrus Field, John Pender und Tames Anderson, und unter Mitwirkung all dieser Kräfte kam im Jahre 1864 die Telegraph Con- struction and Maintenance Company zustande. Das Fak­tum ist in diesem Rahmen um so bedeutungsvoller, als diese ganz hervorragende Gesellschaft noch heute existiert und das deutsche Reich keinen Augenblick gezögert hat, ihr durch die zum' Zwecke der Legung deutscher Ozeankabel begründete Deutsch-Atlantische Telegraphen- g c s e l l s ch a f t die Herstellung und Verlegung des ersten deutschen Unterseekabels anzuvertrauem

Aber trotz aller Sorgfalt in der Vorbereitung riß auch das am 23. Juli 1865 wiederum von der irischen Küste geführte Kabel, zu dessen Verlegung derGreat Castern" gechartert worden war, nachpem 1062 Seemeilen Kabel in den Schoß des Meeres gesenkt waren. DerGreat Eastern" kehrte unverrichteter Sache zurück, ging aber schon im folgenden Jabre mit einem neuen Kabel in See. Er sollte dies Kabel verlegen und das alte vom Vorjahre wieder auffischen. Diesmal gelang es nach unsäglichen Mühen. Am 27. Juli 1866 landete derGreat Eastern" Das neue Kabel in Hearts Content auf Newfoundland, kurz darauf fischte er das alte Kabel glücklich und landete es gleichfalls. Deutschland war damals mit dem Wieder­aufbau des Reiches beschäftigt, den die Schlacht auf den Feldern bei Königgrätz soeben eingeleitet hatte.

Je mehr sich das neue Reich zu einem machtvollen Gemeinwesen entwickelte, desto stärker machte sich das Be­dürfnis geltend, auch auf dem Gebiete der überseeischen Telegraphie hinter den anderen Kulturvölkern nicht zurück­zubleiben. Das Problem hat den kühnen Regenerator des deutschen Postwesens, hat Heinrich von Stephan jahrelang beschäftigt. Wie weit seine Vorarbeiten auf dem Gebiete zurückgehen, konnten wir nicht klarstellen, die offizielle Vorarbeit begann zu Anfang der neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts und nahm 1894 feste Formen an. Da das Reich die Ausführung nicht selbst übernehmen wollte, kam unter thätiger Mitwirkung des Reichspost­amtes die bereits genannte Deutsch-Atlantische Te­legraphengesellschaft in Köln a. Rh. zu stände. Die Gesellschaft wurde unter Führung der bekannten Welt- srrma Felten & Guilleaume in Mühlheim a. Rh. mit einem Kapital von 20 Mitt. Mark begründet. Es wurde ihr

die Verpflichtung auferlegt, die erforderlichen Landungs- rechte zu erwerben, das neue Kabel herzustellen und ver­legen zu lassen. Doch waren hohe Beamte des Reichspost­amtes bei allen diesen Akten mit thätig.

Das erste deutsche Kabel nimmt, wie die vorstehenden Bemerkungen ergeben, seinen Weg von Borkum, dem be­kannten Nordseebade, aus, Herr v. P 0 d b i e l s k i hat hier selbst das Seekabel an das Landkabel geknüpft, das von Borkum zur Station Emden läuft durch den Kanal nach der Azoreninsel F a y a l, in deren lieblicher Hauptstadt Horta sich die Kabel einer ganzen Reihe über­seeischer Kabelgesellschaften vereinigen. Von Horta läuft das Kabel in nahezu schnurgerader Rickstung durch den Ozean nach New Hork, wo es von Süden her in den Offizinen der Commercial Cable Company einmündet, die mit ihren weit über den amerikanischen Kontinent ver zweigten Linien die Weiterbeförderung der Telegramme über die Union und nach Südamerika übernommen hat. Das deutsche Kabel vermeidet danach völlig die Sandbänke bei Newfoundland, die schon so manchem Kabel gefährlich geworden sind. Das Kabel ist 4366 Knoten (1 Knoten gleich 1 englische Meile gleich eine Viertel deutsche Meile) lang, kostet mit Verlegung und Instandhaltung für dreißig Tage nach vollendeter Verlegung 19/7 Mill. Mark und wird wenigstens 25 Worte zu 5 Buchstaben, also 125 Buchstaben, in der Minute vermitteln. Der Dienst soll vertragsmäßig am 1. Oktober beginnen, thatsächlich hat er bereits be­gonnen, allerdings nur bis Horta auf Fayal auf dem neuen deutschen Kabel, von dort auf dem Kabel der nord­amerikanischen Commercial Telegraph Cable Company und hat sich das Kabel dabei vorzüglich bewährt. Statt auf 125 Buchstaben hat man es aus 170 Buchstaben gebracht, und da aus dem neuen deutschen Kabel nach seiner Voll­endung in beiden Richtungen telegraphiert werden kann, so steigert sich diese Leistung allein dadurch auf das Doppelte. Die Verlegung von Borkum bis zu den Azoren hat der Geheime Oberpostrat Bernhard geleitet, die von Manhattan-Beach bis zu den Azoren leitet der Postrat Köhler. Die Ausführung besorgt der Cl)efingenieur der Londoner Telegraph Construktion and Maintenance Com- pann, ein äußerst gewandter Techniker aus dem Gebiete.

Es ist interessant, zu bemerken, daß sich der Verkehr auf dem Jnterimskabel, das Wort kostet bis nach den Oststaaten derUnion" 1,04 Mark, in den vierzehn Tagen seines Bestandes bereits außerordentlich entwickelt hat. Die deutsche Geschüftswelt wie die amerikanische hat sich des neuen Verkehrsmittels sofort bemächtigt. Nach den Mit­teilungen, die uns von der Direktion geworden, ist heute bereits vorauszusehen, daß das Kabel "trotz seiner großen Leistungsfähigkeit alsbald überlastet sein wird, so daß man bereits im nächsten Sommer ein zweites Kabel wird ver­legen müssen. Da das Kabel bei seiner Lage eine schnellere Vermittlung garantiert, als alle älteren Auslandkabel, ist das sehr begreiflich

Das Deutsche Reich ist, wie erwähnt, an dem Unter­nehmen hervorragend beteiligt. Es hat der Gesellschaft den Betrieb des Kabels für 40 Jahre übertragen und ihr das Landungsrecht an der deutschen Küste einaeräumt. Für die vorbehaltene Benutzung des Kabels zahlt das Reich jährlich eine feste Vergütung von 1,4 Millionen Mark. Das Reich bezieht seinerseits die Gebühreneinnahmen aus den Kabelwaten bis zum Betrage von 1,7 Millionen Mark. Uebersteigen die Einnahmen diesen Betrag, so erhält das Reich einen Gebührenanteil von 25 Centimes für das Wort.

Die Gesellschaft hat auch die Linie der Deutschen Seetelegraphengesellschaft, die seit 1896 ein Kabel von Emden-Borkum nach Vigo an der spanischen Westküste betreibt, übernommen. Dies Kabel brachte bei einem Anlagekapital von 3,56 Millionen Mark 1899 bereits 6 Proent Dividende. Es soll aber nicht bei diesen Kabeln bleiben. Zu düesem Zwecke hat die Gesellschaft im Verein mit der Firma Felten & Guilleaume in Nordenham bei Emden mit einem Kabel von 2 Millionen Mark die Norddeutschen Seekabelwerke" begründet, die die Fabri­kation und Verlegung von Seekabeln ausführen sollen, und bereits seit längerer Zeit im Betriebe sind. Auch einen besonderen Kabeldampfervon Podbielski" hat die Gesellschaft in Glasgow bauen lassen, der am 9. November 1899 vom Stapel gelaufen ist. Die englische Presse hat diesem Stapellaufe mehr Beachtung geschenkt als ine deutsche und dabei stark betont, daß Deutschland nunmehr auch auf diesem Gebiete sich vom Auslande unabhängig zu machen beginne.

Deutschland hat dabei kein anderes Interesse, als seinerseits dem Verkehr der Nationen ebenso wie andere Völker zu dienen. Der Erfola wird dem Unternehmen nicht fehlen, wenn es dieser Aufgabe stets eingedenk bleibt.

Die Wirren in China.

Die Einnahme von Peking ist nunmehr auch amtlich bestätigt. Der amerikanische Admiral Remey telegraphiert aus Taku vom 17. morgens 1 Uhr: Soeben habe ich aus Tientsin folgendes Telegramm vom 16. August,

10 Uhr abends, erhalten:Peking ist am 15. August ge­nommen worden. Die Mitglieder der Gesandt­schaften sind wohlbehalten. Einzelheiten folgen binnen kurzem." Ferner ist in der verflossenen Nacht in London, wie dieMorning Post" meldet, ein Telegramm des Zollkommissars in Tschisu vom 17. August eingegangen, demzufolge die in Peking Belagerten in der Nacht zunr 15. (soll wahrscheinlich heißen vom 15. zum 16.) entsetzt wurden. Ter deutsche Konsul in Tschisu telegraphiert: Ein japanisches Torpedoboot berichte, daß Peking ge nommen und die Gesandten sämtlich befreit seien, und schließlich meldet der amerikanische Konsul in Tschisu vom 17.:Der japanische Admiral teilt mit, daß die Verbündeten am 15. August Peking von Osten her angegriffen haben. Die Chinesen leisteten hartnäckig Widerstand. Am Albend dangen .die Japaner mit den übrigen Truppen in die Stadt ein und umringten sofort die Gesandtschaften, deren Insassen sämtlich wohlbehalten sind. Die Verluste der Japaner betrugen über 100 Mann, die der Chinesen 300 Mann." Somit waren die Gesandten und ihre Mitkämpfer am Abend des 15. in Freiheit. Von Einzelheiten des An- giffs errfahren wir bis jetzt nur, daß er von Osten l)er erfolgte, also auf das Tschihothor der Tatarenstadt und das Tungpienthor der Chinesenstadt angesetzt war, nach­dem die Tage vom 12. bis zum 15. August am 12. waren die Verbündeten bekanntlich in Tuiigtschon, 19 Kilo­meter vor Peking, eingetroffen offenbar dazu verwandt worden waren, die Artillerie gegen diese Thore in Stellung zu bringen. Entgegen den bisherigen Nachrichten meldet der japanische Admiral, die Chinesen hätten hartnäckigen Widerstand geleistet, und die Japaner hätten dabei 100 Mann verloren. Man muß also annehmen, daß die Thore nicht gutwillig geöffnet worden sind, sondern znfammen- geschofsen unb erstürmt werden mußten. Auf diesen Sturm dürsten hauptsächlich die Verluste der Japaner zurückzu- führen fein. Von den Thoren aus sind dann die ver­bündeten Truppen entweder durch die breiten Straßen der Stadt oder aber auf dem sicherem Wege über die Mauern nach dem Gesandtschaftsquartier geeilt und haben die Ge- saandtschasten schützend umringt. Es wäre nicht unmöglich, daß die Deutschen, Oesterreicher und Italiener, die infolge der freundlichen Aufforderung des französischen Generals Frey mit den Franzosen dem Entsatzkorps in Eilmärschen folgten, noch eben zur rechten Zeit eingetroffen sind, um an dem Angriff teilzunehmen. Daß Peking trotz seiner starken Mauern und trotz des hartnäckigen Widerstandes in einem Tage genommen wurde, erhöht das Verdienst des wackern Rettungskorps, dem alle Welt wegen seines mutigen, mit den größten Anstrengungen verknüpften Marsches auf Peking zu Dank verpflichtet ist, in ganz be­deutendem Maße. Alle Berichte stimmen besonders in dem Lobe bfrr japanischen Truppen überein und teilen mit, daß sie dank ihrer vortrefflichen Ausrüstung unb Aus- bilbung erheblich dazu beigetragen haben, der Zivilisation unb bem Völkerrecht zum Siege zu verhelfen. Die Ver- bünbeten scheinen noch gerade zur rechten Zeit eingetroffen zu fein, um von den in Peking Belagerten das Schlimmste abzuwenden, denn eine neuere, nicht datierte Botschaft des amerikanischen Gesandten (Songer, die nach Ansicht seiner Regierung zwischen dem 5. und 11. August aus Peking abgegangen ist, lautete:Seit dem 23. Juni voll­ständig belagert. Seit dem 17. Juli nur noch Gewehrfeuer, aber täglich und häufig begleitet von verzweifel­ten Angriffen. Einer noch in der letzten Nacht." Das also war derfreundschaftliche Verkehr", den die chine­sische Regierung mit den Belagerten unterhalten haben will ! Die Berichte der nunmehr Befreiten werden diesen Verkehr bald durch erbauliche Einzelheiten noch' weiter illustrieren. Uebrigens erhellt aus Privatberichten eng­lischer Blätter, daß die Chinesen alles aufgeboten hatten, um den Marsch der Verbündeten auf Peking unmöglich zu machen. So hatten sie bei Hohsiwu tiefe Gräben aus­gehoben, um das Wasser des Peiho auf das umliegende flache Land abzuleiten, es zu überschwemmen und den Flußweg für die Transportmittel der fremden Truppen unbrauchbar zu machen. Einen ganzen Monat lang müssen sie nach Schätzung der Berichterstatter an diesem Werk beschäftigt gewesen sein, so umfassend waren die Arbeiten, und der Vertreter derMorning Post" setzt hinzu:Ohne die Benutzung des Peiho würden die Schwierigkeiten, das Heer der Verbündeten bis Peking zu bringen, geradezu unüberwindlich gewesen sein". Als aber die Verbündeten ein trafen, waren die Arbeiten ihrer Vollendung nahe, noch ein paar Tage Verzug und die Expedition wäre vermutlich gescheitert gewesen.

Aus Tientsin wird vom 16 ds. abends 10 ein halb Uhr über Tschisu gemeldet: Folgendes Telegramm des japanischen Generals Aamagutschi, datiert Peking 15. August, ist heute früh hier eingegangen:Am 14. August griffen die Alliierten Peking von der Ostfeite an. Die Wälle hielt der Mnd hartnäckig. Der Angriff erfolgte durch 5)ie Japaner unb Russen auf der Nordseite des