1900
M. 168 Zweites Blatt. Samstag den 21 Juli
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Die Wirre« in China.
Von dem Chef des Kreuzergeschwaders ist nachstehende Meldung über den Sieg bei Tientsin eingegangen:
Ab Taku, 16. Juli. Kapitän z. S. v. Usedom (Kommandant der .„Hertha") meldet: Infolge der Angriffe am 13. wurde am 14. früh dem Sturm der umwallten Chtnesenstadt durch Japaner, Engländer, Amerikaner, Russen noch widerstanden. Die Stadt ist jetzt in den Händen der Verbündeten. Auf der Ostseite fand am 14. nachmittags noch ein Kampf der Russen um den Besitz des chinesischen Lagers statt. Am 15. früh wehten aus der Zitadelle und dem chinesischen Lager russische Fahnen, damit ist die Eroberung der Stadt beendet. Usedom meldet über das Gefecht am 18. früh, er sei im Hauptquartier von Alexejew gewesen, beteiligt gewesen seien die Kompagnien Wedding von S. M. S. „Gefion" und Irene und Kopp von S. M. S. „Kaiserin Augusta" unter dem Oberbefehl von Kapitänleutnant Weniger. Eine Stunde nach dem Beginn der Angriffe sand 600 Mtr. von deutscher und russischer Infanterie eine ungeheuere Explosion statt, sodaß viele Leute umfielen und die Maulttere der französischen Gebirgsartillerie durchgingen. Der russische General Stössel war der einzige Leichtverwundete dabei, konnte aber nach einer Stunde weiterfahren. Er äußerte, er habe nie bessere Soldaten als unsere Matrosen gesehen. General Stössel hat bei allen Kämpfen um Tientsin Russen und Deutsche hervorragend geführt. Daß die Deutschen an diesem Tage so wenig Verlusts erlitten, liegt an hem sehr schnellen, sprungweisen Vorgehen. Um 7 Uhr abends wurde in Gemeinschaft mit den Russen die chinesische Stellung mit 12 Geschützen genommen. Unsere Leute machten um 9 Uhr einen frischen Eindruck trotz zehnstündigen Marsches, sie wurden in diesen Stellungen bis 11 Uhr Ävn der Zitadelle mit Geschützen beschossen, ohne Verluste; nur erhielt v. Wolf beim Abmarschieren nach Ablösung durch frische Russen eine Kugel ins Knie. Die ermüdeten Kompagnien rückten gegen 1 Uhr wieder in die Quartiere. Am 14. früh war Usedom mit den zwei Reservekompagnien, die aber nicht gebraucht wurden, für kurze Zeit in bet Ehinesenstadt, die bereits in Brand gesteckt und verwüstet war. Der größte Anteil an deren Eroberung fällt den Japanern zu. Inder letzten Zeit hatte die immer zahlreiche chinesische Artillerie immer heftiger geschossen, selbst das verhältnismäßig gut geschützte deutsche Konsulat, die Bank und das Klubhaus, worin unsere Verwundeten waren, wurden fast täglich getroffen. Dies hinderte das Ausruhen zwischen den großen Marschstrapazen. Der Erlaß von Seiner Majestät, betreffend Belohnung für die Befreiung der in Peking Ein- gcschloffenen findet bei allen Nationen hier dankbare Aufnahme. Der Erlaß ist verbreitet. Der japanische Konsul in Tientsin hofft, Boten für Peking finden zu können. — Am 15. und 16. trafen <m Taku) ein: etwa 1000 Japaner als erster Teil der in Aussicht gestellten Division, am 16. der erste Dampfer mit indischen Truppen-
Ferner meldet die Temps aus Shanghai vom 19. Juli, 11 Uhr 30 Min. morgens: Der Kamps bei Tientsin dauerte 16 Stunden. Den Chinesen wurden 62 Geschütze abgenommen. Die Franzosen haben 40 Mann verloren. Der Militärattache Major Vidal ist verwundet. Li-Hung-Tschang wird morgen in Shanghai erwartet. In der Mandschurei ist die Lage noch immer gespannt. Von Peking nichts Amtliches.
Aus diesen Berichten erhellt, daß der Kampf um Tientsin eine heiße Arbeit war, an der unsere deutschen Matrosen und Seesoldaten wiederum reichen Anteil hatten. Aber der Sturm auf die Stadt, dem die Chinesen auch am 14. srüh in Widerspruch zu der britischen Meldung noch Widerstand entgegenstellten, war eine bittere Notwendigkeit geworden. Die Beschießung der Fremdenstadt durch die zahlreichen chinesischen Geschütze wurde immer heftiger, sodaß die dort im Quartier liegenden fremden Truppen und die Verwundeten weder Rast noch Ruh fanden. Die Deutschen scheinen in dem etwa in der Mitte der Settlements in einem großen Garten liegenden deutschen Konsulat, im Gebäude der Deutsch-Asiatischen Bank und in dem Klub Concordia Quartier genommen zu haben. Schließlich wurde offenbar das Feuer der Chinesen so unerträglich, daß die Fremden vor der Wahl standen, entweder Tientsin zu räumen oder den Sturm aus die große und ausgedehnte Ehinesenstadt zu wagen. Tientsin hatte nach der neuesten Schätzung eine Million Bewohner. Dank dem aufopfernden Mut und der Tapferkeit der verbündeten Truppen ist das Wagnis geglückt; wäre es sehlgeschlagen, so wäre die Ausbreitung des sremdenfeindlichen Brandes über ganz China fast sicher gewesen. Als Kapitän zur See v. Usedom am 14. srüh für kurze Zett mit zwei Kompagnieen in der Chinesenstadt war, war die Stadt bereits in Brand gesteckt und verwüstet. Darob werden vermutlich unsere Chinesenfreunde — denn es gibt selbst nach den Pekinger Greueln in der deutschen Presse noch Leute, die sich zu Anwälten der bezopften Mordbubeu auswerfen — wieder Ach und Wehe schreien; wir begrüßen die Zerstörung von Tientsin, der Residenz des Vizekönigs von Tschili, als die willkommene Kunde, daß nunmehr im Reiche der Mitte die einzige dem Chinesen verständliche Sprache geredet wird; sie wird ihm rine Lehre sein, daß diesmal die Abrechnung endgiltig und gründlich ist. Die Citadelle, die im Süden der Stadt an deren äußerstem Rande liegt, scheint das einzige zu sein, was heute von der riesigen Verkehrsstadt am Peiho noch fteht; über ihr weht die russische Flagge.
Li-Hung-Tschaug, der die Absicht haben soll, über
Taku und Tientsin nach Peking zu reisen, wird eß seltsam ums Herz werden, wenn er die Stadt, wo er so lange als Vizekönig von Tschili in seinem von grimmig dreinschauenden Holzlöwen gehüteten Damen gehaust hat, in Trümmern sieht. Man thäte vielleicht besser, dem alten Li, der bekanntlich jetzt abermals zum Generalgouverneur von Tschili ernannt ist und damit seinen Herzenswunsch erfüllt sieht, nicht den Weg nach Peking nehmen zu lasten, sondern ihn zu zwingen, nunmehr von der Tientstner Citadelle aus unter der Kontrolle der Mächte das VersöhnungS- und Friedenswerk, mit dem er sich brüstet, zu beginnen. Vorderhand ist der abenteuerlichen Erzählung des Daily Expreß über den von Li- Hung-Tschang und Scheng ausgeheckten Vorschlag eines japanisch-chinesischen Bündnisses zur Ausrottung aller Fremden in Ostasien nicht das geringste Gewicht beizumessen, aber all die Dinge, die jetzt dem alten Li angehängt werden, zeigen, daß man ihm auch in China nicht über den Weg traut. Wer weiß, welche Saiten er auszieht, wenn er erst in Peking unter dem Zwange Tuans ist.
Dem Londoner „Globe" wird übrigens aus Shanghai gemeldet: Rußland hat mit Li-Hung-Tschangs Beihilfe geheime Unterhandlungen mit Prinz Tuans Regierung geführt. Der Vizekönig Liukunyi erfuhr näheres darüber von Prinz Tuan, unterließ es aber, den Mächten darüber Mitteilung zu machen. Gewisse hohe Beamte in den Jangtse-Provinzen sind für eine geheime Allianz mit Rußland, Changchitung ist jedoch dagegen.
Li-Hung-Tschang soll dem Gouverneur in Hongkong erklärt haben, er habe bestimmte Nachrichten erhalten, daß die fremden Gesandten mit Ausnahme Kette ler'S am 8. Juli wohlbehalten waren. Das Edikt, das ihn nach Peking berief, sei von der Kaiserin-Wittwe, nicht von Tuan unterzeichnet. Li-Hung-Tschang verließ Kanton endgiltig und übergab das Siegel des Vizekönigs dem Gouverneur der Stadt Kanton, Takohu, und beauftragte den letzteren, die Ordnung aufrecht zu erhalten. Der Gouverneur bot alles aus, um Li-Hung-Tschang zu überreden, in Kanton zu bleiben. Li-Hung-Tschang erklärte aber, es sei unmöglich, dem Edikt nicht zu gehorchen, indem er hinzufügte, er hoffe, die Angelegenheit mit den Mächten zu ordnen und einen Krieg zu vermeiden. Li-Hung- Tschang ist nach Shanghai abgereist, um sich von dort nach Peking zu begeben. Bevor er Kanton verließ, stationierte er 5000 Maun in den Forts.
Die Erzählung von dem Gesandten ist offenbar ein Schwindel des alten Fuchses. Ebensowenig glauben wir der Depesche, die der französische Minister des Aeußeren, Delcasss aus Shanghai am 18. ds. erhielt, die besagt: Nach einer Mitteilung des Gouverneurs von Schantung sind die Gesandten in Peking und ihre Familien unversehrt; die Gefahr ist aber noch immer sehr groß.
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Die „Nordd. Allg. Ztg." meldet: Laut Mitteilung des Chefs deSKreuzergeschaders find von den bei den Kämpfen des Expeditionskorps und in Tientsin noch jetzt als schwer verwundet anzusehen: Von der „Hertha" der Matrose Gutschmidt (Schuß durch den rechten Ober« arm), Matrose Borrmann (Schuß durch den Bauch und den dicken Oberschenkelhals); von der „Hansa": Ober- SanitätSmaat Burmann (Schuß durch den Hals und die rechte Schulter), Oberbootsmannsmaat Nhlmann (Schuß durch das linke Kniegelenk, Vereiterung des letzteren), Feuerwerksmaat Hellwig (Schuß durch die Leber); von der „Kaiserin Augusta": Bootsmannsmaat Eckert (Schußbruch jdes rechten Oberarmes), Matrose Fröhlich (Zersplitterung des rechten Unterarmes, letzterer ist amputiert); von der „Gefion": Obermatrose Zimmermann (zwei Schußwunden im Kopf, Verlust des rechten Auges); Matrose Janffen (Schuß ins linke Auge); Heizer Otto (Schuß in den Unterleib; vom Seebataillon Seesoldat Kopser (Unterkiefer zerschmettert; Seesoldat Jost (Schuß in die linke Wange, Verlust des Gehörs links) und Seesoldat Richter (zwei Schußbrüche des linken Unterarmes).
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In einem in der „Polit. Korresp." veröffentlichten Berichte über die Teilnahme der Japaner an dem seinerzeit stattgehabten Versuche Seymours zum Entsätze Pekings heißt es, daß die den Boxers abgenommene Standarte die Inschrift trug: „Aus kaiserlichen Befehl."
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Dem „Daily Expreß" zufolge läßt die Aufregung unter den Eingeborenen in Schanghai nach, seit sie die Ueberzeugung gewonnen haben, daß die Europäer in
Tientsin es nicht auf eine Massenabschlachtung aller Chinesen abgesehen haben. Dagegen schürt die wachsende chinesiche Truppenmacht in den mittleren Provinzen die Fremdenfeindlichkeit auch im Süden zusehends. — Ein Telegramm des „Standard" aus Schanghai meldet, daß alle englischen Missionshäuser in der Provinz Hunan demoliert worden sind, und daß die Gouverneure von Hunan und Hupeh mit Truppen gegen Peking mar- schieren. — Eine Depesche aus London besagt, daß nach Meldungen aus Kiautschou vom 12. Juli der Versuch, 30 deutsche Missionare zu retten, gescheitert sei. Die Expedition habe sie verfehlt. Die Missionare seien in großer Gefahr. Das Eigentum aller Ausländer in Schantung sei zerstört.
Nach Mitteilung des Gouverneurs aus Tsingtau setzt sich das Seesodatendetachement in Peking, an dessen Vernichtung nach Verteivigung der unter seinem Schutz stehenden Neichsangehörigen nicht zu zweifeln ist, aus dem Oberleutnant Grafen Soden und 50 Unteroffizieren und Mannschaften zusammen.
Einer Blättermeldung zufolge hatten die Großmächte der englischen Regierung die Mitteilung zugehen lassen, daß sie mit der Ernennung Lord Wolffeleys zum Ober st kommandierenden der internationalen Truppen in China einverstanden sein würden.
Wie man vernimmt, dürfte den auf Peking mar- schiierenden Truppen die Parole: „Der Kais erpalastz darf nicht zerstört werden" mit aus den Weg gegeben werden. Die Deutschen nehmen diese Parole mit zugleich mit dem Auftrage, auch! in dieser Frage eine Ueber- einstimmüng mit den Verbündeten herbeizuft'chren.
In einigen Blättern wird die Befürchtung ausgesprochen, die Transport-Dampfer, welche die beiden deutschen Infanterie-Bataillone nach Taku bringen, könttten, wenn sie ohne Bedeckung die chinesischen Gewässer passieren, von chinesischen Kreuzern angegriffen werden. Wie die „Post" meldet, teilt man diese Besorgnis an unterrichteter Stelle nicht. Die chinesischen Kreuzer liegen zur Zeit auf dem Dangtsekiang und werden von mehreren Kriegsschiffen der verbündeten Nationen scharf bewacht, sodaß ihrer Bewegungs-Freiheit enge Grenzen gezogen sind. Man nimmt als sicher an, daß die europäischen Ingenieure und Instrukteure, die sich an Bord der chinesischen Kreuzer befinden, bei Ausbruch der Feindseligkeiten gegen die Fremden sofort den Dienst quittiert haben. Sollte aber vielleicht infolge unvorhergesehener Zwischenfälle den deutschen Transport-Dampfern bei ihrer Fahrt Schutz gewährt werden müssen, so würden die nötigen Maßnahmen von deutscher Seite sofort getroffen werden.
Die Einkleidung der Mitglieder des ostasiatischen Reiter-Regiments ist nunmehr in der Kaserne des ersten Garde-Ulanen-Regiments in Potsdam vollendet worden. Jetzt wird mit den Felddienstübungen auf dem Bornstedter Felde begonnen, nach deren Erledigung die Mannschaften nach Döberitz zu Schießübungen gehen. Das Regiment besteht aus drei Eskadronen zu je 200 Mann.
In Spandau ist zu Ehren des Personals der für China bestimmten Lazarett- und Proviant-Kolonne von Seiten der Stadt eine besondere Abschiiedsfeier geplant. Die Mitglieder der städtischen Körperschaften werden der Feier beiwohnen, und die Stadt wird am Tage der Abreise Flaggenschmuck anlegen.
Der Staatssekretär des Auswärtigen Graf Bülow empfing gestern in längerer Audienz den Gesandten Mumm von Schwarzenstein.
Auf die Bekanntgabe des Staatssekretärs Grafen Bülow an den Berliner chinesischenGesandten bezüglich der Telegrammzensur hat derselbe, wie wir zuverlässig erfahren, bisher keine Antwort gegeben. Er wird, so meint man, wie aus Berlin geschrieben wird, voraussichtlich die Sache auf sich beruhen lassen.
Der neu ernannte diplomatische Vertreter Deutschlands in China, Dr. Mumm v. Schwarzenstein, reifte bereits am Donnerstag abend nach Genua ab. Dort wird er sich am 24. d. Mts. auf dem deutschen Postdampfer „Preußen" einschiffen, um sich! direkt nach Shanghai zu. begeben, wo er einige Wochen zu verweilen gedenkt.
Das deutsche ost asiatische Expeditionskorps wird, wie jetzt bestimmt ist, in der Zeit vom 27. Juli bis zum 3. August von Bremerhaven auf zehn Dampfern des Norddeutschen Lloyd und der Hamburg-Amerikanischen Paketfahrtgesellschaft abfahren. In Bremen hat M ent Komitee gebildet, das eine Bewirtung der Mannschaften mit Butterbrot, Bier und Zigarren vorbereitet.
Für die deutschen Truppen in China ist in Tempelhos eine Feldbä tf er ei zusammengestellt worden. Die Abteilung zählt 190 Feldbäcker.
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