Ausgabe 
21.6.1900 Zweites Blatt
 
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Nr. 142 Zweites Blatt Donnerstag dm 21. Juni

1900

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Deutsche Interessen am oberen Aangtse.

Aus Shanghai, 8. Mai, wird derWelt-Korr." geschrieben:

&)T einigen Moschen ist die deutsche Schiffahrt auf dem Yangtse eröffnet worden. Zunächst laufen die Dampfer der Rickmer'schen Yangtselinie regelmäßig fischen Shanghai und Japan, und einer anderen, der Firma Melchers u. Co., gehörigen Linie, zwischen Swaton und Hankon. In der vergangenen Woche ist der erste von brei weiteren Dampfern vom Stapel gelaufen, die, wie die Mmer'schen. zwischen Shanghai und Hankon verkehren solleut. Weitere Schiffe für die Fahrt flußaufwärts von hankon nach Jchang und Chanking sind im Bau. Die, Leit ist nicht mehr fern, wo die deutsche Flagge dauernd oui dem gewaltigsten der Ströme des chinesischen Reiches Mhe-n wird, soweit dieser überhaupt fahrbar ist.

«Es ist wiederholt von den verschiedensten «Seiten darauf Mnnerksam gemacht worden, daß es dringend geboten ist. Las! die deutsche Kriegsflotte auch auf diesen Sra ßen der Handelsflotte folgt. Vorläufig fehlt es an den Lazu geeigneten Fahrzeugen allerdings vollständig. Die modernen deutschen Kanonenboote vom Iltis-Typ, so trefs- M sie sind, so gut sie sich bisher bewährt haben, können jur r>en Dienst auf dem Yangtse nur bis Hankon in Frage Rammen. Von da ab flußaufwärts versagen sie voll- jiandia. Vor allem gehen sie viel zu tief; es sind Schiffe Mäg die einen ausnahmsweise geringen Tiefgang haben md dabei über ungewöhnlich starke Maschinen verfügen, gl ntn stände sind, über die Stromschnellen des Flusses mrtzukommen, oder auch in die Nebenflüsse einzulaufen. Matti) ist eben jetzt beschäftigt, Kanonenboote, die diesen Anforderungen entsprechen, in größerer Anzahl zu bauen. C besitzt deren bereits mehrere ,

Derartige Schiffe braucht die deutsche Marine hier brau Ben bitter nötig. Die Begehrlichkeit der Fluß­piraten, die seit Jahr und Tag schon so viel Unheil un- rmttdbar unter den Mauern Cantons anrichtet, wird nut bti Zunahme des Handels- und Schiffsverkehrs auf dem ffih-en Äanatse sich aucli dort bemerkbar machen, und vor- m'sichtlich in einer weit gefährlicheren Weise, als auf dem Oktana der immerhin noch von größeren Fahrzeugen Waren werden kann. Die Versuche des Jltts", den Mlsluß hinaufzufahren, waren im letzten Herbst vergeb- i Das Schiff lief wiederholt aus, sein Führer mußte Meßlich umkehren, ohne das gewünschte Ziel erreM i Naben wollte anders er nicht da» «Schrsf in ernshe Äesahr bringen; aber bis Canton kann wenigstens zu jeber tot ein deutsches Kriegsschiff gelangen. Ganz anders EN die Dinge aus dem Yangtse oberhalb Hankons. Dort nurf), jede Möglichkeit, den deutschen Handel in ange- «?>>ner Weise zu schützen. 'Wir werden ausschließlich auf toi Schantz und den guten Willen Englands angewiesen sem, Maineinem unserer Handelsdampfer dort etwas zustoßt. L" i7ganz- Eiitwickclung des deutschen Handels und der Tsch-N Schissahrt in den weiten, rerchen Gebieten der Q-v.^;eu Hupeh, Szcchnan und Yunnan, die heute noch " E-7 verlassen

d-"r i^ein Absatz g c°b i°e t werden'können, «on dessen Niitung man sich daheim auch kem annähernd richtiges Kih Die Erzeugitisse der deutschen Industrie be-

L7Nn Ltzt Lrt Fngang zu finden. Noch, ist atter. L'und fh^n kindlichen Leiste -nts^eLnd -Nit Vor- M auf mehr nutzlose Ding-, nne z. B. Spielsachen, als

auf nützliche Gegenstände gerichtet, das hindert aber keines­wegs, daß man auch in den entlegensten Städten Szechnans (es sei hier nur des fast ganz von Tibetanern bewohnten Ta-chien-la gedacht) Waren mit der AuffchriftMade in Germany" findet. Die deutsche Kaufmannschaft Chinas schickt sich an, in diesem weiten und großen Gebiete festen Fuß zu fassen. Mit welcber Aussicht auf Erfolg das ge­schieht, ist aus der Thatsache zu erkennen, daß in dem heutigen Ausfallsthor dieses Gebietes, in Hankon, be­reits der deutsche Kaufmann derausschlag- gebende ist. Dort Hai er den Engländer weit über-, slügelt; es ist fraglich-, ob es diesem gelingen wird, die einstige Position wieder zurückzugewinnen und Hankon wieder zu einem Platze mit vorwiegend englischen Inter­essen zu machen. Es scheint, als hätten die Engländer das selbst bereits als unwahrscheinlich erkannt. Sie sind deshalb weiter stromaufwärts gegangen. Sie rüsten sich, in Jchang und Chunking festen Fuß zu fassen in letzterem Orte namentlich auch ian Wettbewerb mit den von Süden vordringenden Franzosen. «Sdjoii bestehen dort englische Niederlassungen und englische Konsulate. Deutschland ist heute amtlich« nock) nicht vertreten. Die Errichtung deutscher Konsulate aus diesen vorgeschobenen Wachtposten sollte sofort erfolgen. Nicht juristisch hervorragende Beamte sind hier von Nöten, sondern praktische Männer, die mit der Sprache und den Gewohnheiten des Landes ebenso vertraut sind, wie mit den Bedürfnissen von Handel und «Schiffahrt. An solchen fehlt es leider heute im Konsulardienst noch sehr. Wir haben in den älteren chinesischen Hafenplätzen ein Konsularkorps, das den Anforderungen durchaus ge­recht wird; aber daß seine Zahl so gering ist, daß es an abkömmlichen jüngeren Leuten fehlt, die auf die Grenz­posten vorgeschoben werden könnten, wird beklagt. Das Bedürfnis nach solchen Beamten ist in den letzten Jahren ungemein gewachsen zum nicht Mindesten auch durch die Besetzung Kiautschons und die rasche Entwickelung dieser unserer Kolonie. Abhilfe muß aber hier geschaffen werden. Wir brauchen mehr Beamte im Konsutatsdienst in China; die Errichtung von Berufskonsulaten in Shahi, Jchang, Chunking darf nicht auf die lange Bank geschoben werden, von den in anderen weiter flußabwärts gelegenen Plätzen (Mnkiang, Wuhn, Chinkiang usw.) nicht zu reden.

Endlich aber sollte das Reich auch rechtzeitig an allen diesen Platzen GrundundBodenfüreine deutsche Niederlassung erwerben. In Hankon ist (wie in Tientsin) vor einigen Jahren damit der Anfang gemacht worden; leider ist der Erwerbung jener die weiterer sog. Niederlassungen(concessions) nicht gefolgt. Die Engländer und neuerdings die Japaner gehen in dieser Beziehung viel zielbewußter vor. Der Erwerb von Grund und Boden an diesen neuen Plätzen würde für das Reich eine in jeder Hinsicht lohnende Anlage bedeuten. Heute ist noch nicht alles fortgegeben; heute kann neben der englischen und japanischen Niederlassung noch ein Gebiet erworben wer­den, das Aussicht hat, einst der Mittelpunkt der Handels­stadt zu werden. Man hüte sich', auch hier wieder, wie schon so oft, die Gelegenheit unbenutzt vorübergehen zu lassen. Nachzuholen ist später nicht, was heute versäumt ist. Im Interesse des deutschen Handels und der deutschen Schiff­fahrt brauchen wir solche Stützpunkte, an denen wir nicht vom guten Willen anderer abhängen, unbedingt. Der Unternehmungsgeist deutscher Kaufleute hat auch hier das Samenkorn gelegt; möge das Reich dafür sorgen, daß die Früchte nicht anderen zufallen.

Die Deiskhilog des Srohtzkrzozs non Wrnburg.

Der Großherzog Peter von Oldenburg wurde am Dienstag feierlich zu Grabe getragen. Im Schlosse, wo die Leiche im Audienzzimmer aufgebahrt war, fand um 10 Uhr vormittags eine kurze Andacht statt. Die zahlreich zur Beteiligung an der Beisetzung eingetroffenen Fürstlichkeiten wohnten dieser Feier bei. Die Stadt ist nach dem Willen des verstorbenen Großherzogs einfach geschmückt. Auf dem Wege vom Schloß bis zum Kirchhof, wo sich das großher- zogliche Mausoleum befindet, bildete daS Militär, die Schulen, Kriegervereine und andere Bereinigungen, sowie die In­nungen Spalier.

Der Trauerzug verließ unter dem Geläute aller Glocken das Schloß. Boran ritten Gendarmen, ihnen folgten die Truppen, welche die militärische Trauerparade bildeten, die Dienerschaft, Hofkavaliere, und Flügeladjutanten mit Or- denSkifien, alle mit langen Trauerfloren. An diese schloß sich die evangelische Geistlichkeit. Darnach kam der mit acht Pferden bespannte Leichenwagen, an dessen Seiten der Ober­stallmeister und ein Adjutant ritten. Die Zipfel des Bahr- tuches wurden von den Mitgliedern des Staatsministeriums gehalten. Den im übrigen einfach gehaltenen Sarg zierte eine Krone. Hinter dem baldachinartigen Wagen wurde das Leibpferd des verstorbenen Großherzogs geführt.

Nun folgten die Fürstlichkeiten: au ihrer Spitze der

Kaiser in der Uniform des 1. Garde-Dragoner-Regiments, ihm zur Linken der Großherzog Friedrich August und der Herzog Alexander von Oldenburg als Vertreter des Kaisers von Rußland, ferner Prinz Heinrich von Preußen, Prinz AlfonS von Bayern, Prinz Johann Georg von Sachsen, der Erbgroßherzog von Baden, Herzog - Regent Johann Albrecht von Mecklenburg, Prinz Bernhard Heinrich von Sachsen-Weimar, die Herzöge Adolf und Heinrich zu Mecklen­burg, Prinz Heinrich XVIII. Reuß, der Fürst von Waldeck. Herzog Ernst Günther von Schleswig-Holstein, der Erb- prinz von Anhalt, Prinz Ernst zu Sachsen-Meiningen, Fürst Georg von Schaumburg-Lippe, Prinz Friedrich Leo- pold von Preußen, die Prinzen des oldenburgischen Hauses und andere. Nunmehr folgten: die Mitglieder des diplo­matischen Korps, das Gefolge des Kaisers, die Minister und Generale, die Mitglieder deS Landtags, daS Offizier- korps, die Beamten, die Geistlichen der anderen Konfessionen, die Mitglieder des Magistrats der Stadt Oldenburg und zahlreiche Deputationen. Militär schloß den Zug.

Der Leicheuzug traf gegen 11 Uhr vormittags im Mausoleum ein, wo bereits vorher die Großherzogin und die Herzogin Charlotte zu Wagen angelangt waren. Unter Gesang des Kirchenchores wurde der Sarg ins Mausoleum getragen. Oberhofprediger Hansen hielt die Trauerrede über das Bibelwort:Der Herr, Dein Gott, hat Dich gesegnet in allen Werken Deiner Hände". Sodann wurde der Sarg unter Gesang in die Gruft gesenkt, während die Trauerparade Salven abgab. Der Kaiser kehrte zu Wagen ins Schloß zurück und reiste nach Verabschiedung von dem Großherzog unv der Großherzogin gegen 12 Uhr nach Wilhelmshaven ab.

Politische Tagesschau.

DieDeutsche Juristenzeitung" hatte in den letzten Nummern zwei eingehendere Aufsätze über die Frage ver­öffentlicht, ob das Rechtsstudium den Realgym- nastasten zugänglich gemacht werden soll. Die Frage war vom Oberbürgermeister Dr. Adickes-Frank­furt a. M. bejaht, vom Prof. Dr. Gierke-Berlin verneint worden. In der jüngsten Nummer veröffentlicht dasselbe Blatt eine Anzahl kurzer Gutachten hervorragender deut­scher Juristen. Viele der Herren sprechen sich für die Verneinung und für die Gierke'schen Ausführungen aus. Einen vermittelnden Standpunkt nimmt der Senatspräsi­dent beim Reichsgericht Dr. Bolze ein, der eine klassische Vorbildung fordert, die zugleich der antiken und der modernen geistigen Bildung, dem Idea­lismus und Realismus Genüge leistet, der; erforderlichenfalls auf das Griechische verzich­ten will, aber umsomehr Gewicht darauf legt, daß der Abiturient versteht, sich schriftlich und mündlich in der deutschen Sprache so auszu­drücken, wie es dem Bedürfnisse eines gebildeten Hörers pder Lesers und dem Gegenstände der Darstellung entspricht. Der württembergische Bundesratsbevollmäch-i tigte in Berlin, Präsident v. Schicker, spricht sich für die Zulassung der Realgymnasialabitu- r i e n t e n aus, sofern d!er Unterricht im Lateinischen an allen Realgymnasien denselben das Verständnis des römi­schen Rechts zu verschaffen vermag. Schließlich betont der Senatspräsident des Oberverwaltungsgerichts Fui-i sting in Berlin, daß er das Griechische für die Vor­bildung unserer Juristen und Verwaltungsbeamten nicht für unbedingt erforderlich, aber gründliche über die Leistungsfähigkeit des heutigen Gymnasiums hinaus-, gehende Kenntnisse auf den Gebieten der neuen Spra­chen und der exakten Wissenschaften für die volle Ausfüllung ihres künftigen Berufes für geradezu unent­behrlich erachtet. Vor allem sei aber die Einheitlichkeit der wissenschaftlichen Vorbildung zur juristischen Laufbahrt ein Gebot der Notwendigkeit.

DieDeutsche Zeitschrift für ausländisches Unterrichts­wesen" bringt Mitteilungen über die Vorberatungen zu einer französischen Schulreform. Darnach hat die Deputiertenkammer ihre Unterrichtskommission beauf­tragt, eine umfassende Enquete über das höhere Unter­richtswesen zu veranstalten. Die Kommission hat zunächst von bedeutenden Männern Gutachten eingefordert; es sind im ganzen 196 derartige Denkschriften eingegangen, bie; dann in zwei starken Bänden veröffentlicht worden sind. Sodann hat die Kommission den Unterrichtsminister ersucht/ durch die Akademie-Inspektoren eine umfassende Statistik der gesamten höheren Schulen von Frankreich vornehmen zu lassen; diese Statistik ist ebenfalls gedruckt worden und es sind ihr sehr lehrreiche Bemerkungen der Akademie-In­spektoren über die Schwankungen der Schulbevölkerung in den letzten 20 Jahren hinzugefügt worden. Ferner sind in einem besonderen Band die Meinungsäußerungen der-