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21.3.1900 Erstes Blatt
 
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Rr. 67 Erstes Blatt» Mittwoch den 21. März

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Deutscher Reichstag.

171. Sitzung vom 19. März. 1 Uhr.

Da» Haus ist ungemein schwach besucht.

Tagesordnung: Fortsetzung der 2. Etatsberatung. Etat deS Stetchseisenbahnamts.

«bg. Pachnicke (frs. Vp.) beklagt lebhaft, daß für eine Personen, tarifreforrn gar keine Aussicht sei. Preußen sei das Haupthindernis, und zwar sowohl der Landtag, wie der Minister. In Preußen fürchte man den aus einer Tarifherabsetzung entstehenden Einnahmeausfall. DieseS Bedenken entbehre aber jeder Berechtigung, da erfahrungsgemäß billige Tarife den Verkehr erhöhten. Die Herabsetzung der Tarife sei sogar ein verfaffungsmäßiges Gebot. Und daS Reich, der Reichstag versäumten ihre Pflicht, wenn sie nicht auf dieses Ziel hinwirkten. Und rote stelle sich zu den Erklärungen des Ministers Thielen das Reichs- liscnbahnamt?

Direktor des Reichseisenbahnamts Schulz findet die Ungeduld bc6 Vorredners begreiflich. Er selbst sei von einer derartigen Empfin­dung nicht ganz frei. Es lägen aber erhebliche Schwierigkeiten in der Sache, da auf die Finanzen der Einzelstaaten gebührende Rücksicht ge­nommen werden müsse. Betrefls der letzteren Frage des Vorredners fei zu erwidern, daß vas Eisenbahnamt mit der Stellung der preußischen Ätgietung als mit einer gegebenen Thatsache zu rechnen habe. Die Nuzelstaaten seien in Bezug auf Tarifermäßiguugen unabhängig vom Rktche. Wenn man von dem besonderen Falle eines Notstandes, Artikel 46 der Verfassung, absehe, könne das Reich keinen Zwang ausüben.

Abg. Calw er (Soz.) beklagt sich über die Vergewaltigung der braunschweigischen Eisenbahnen durch die preußische Verwaltung durch Zug-Jnstradierungen, vermöge deren Braunschweig umgangen werde.

Direktor Schulz entgegnet, an ihn seien Beschwerden über Ber- gevaltigung der vom Vorredner bezeichneten Art nicht gelangt. Mit der Betriebssicherheit stehe es auf den braunschweigischen Bahnen ebenso gut wie sonst im Reiche. Uebrigens möge man sich mit speziellen Be­schwerden an die Einzellandtage wenden.

Abg. Müller-Sagan (frs. Bp.) meint, hier sähe man wieder, wie wenig sich die Erwartungen erfüllt hätten, die seinerzeit an das Rkichsetsenbahnamt geknüpft worden seien. Das Amt habe gar keine Macht, um die Staatsbahiwerwaltungen der Einzelstaaten zu zwingen, die Versprechungen einzulösen, welche sie vor der Verstaatlichung der Lahnen gegeben haben. Nur an die öffentliche Meinung könne man hier appellieren. Nur der gelinge es vielleicht schließlich, die Eisenbahnver- woltungen endlich zur Nachgiebigkeit gegen die Wünsche des Publikums zu zwingen. Redner wiederholt noch den schon neulich laut gewordenen Wunsch betr. Tarifherabsetzung für die Urlauber.

Präsident des Reichseisenbahnamts Schulz erwidert, es sei ab- zuwarten, wie sich der Bundesrat zu der bezüglichen Resolution stellen werde.

Abg. Stolle (Soz.) verbreitet sich über Ueberbürdung von Zug­beamten als Ursache von Bahnunfällen. Der Minister von Thielen habe an die Betriebsdirektionen eine Anweisung ergehen lassen, wonach eine Personalersparnis herbeigeführt werden könne, indem die Leute nach dem regemäßigen Dienst noch zum Weichenstellungsdienst herange- zogen werden könnten. Und seien dann die Leute wegen Ueberbürdung unfähig, im gegebenen Augenblick das nötige zu thun, so kommen sie inS Zuchthaus.

Präsident Schulz bestreitet eine Zunahme der Eisenbahnunfälle. Daiö Gegenteil sei vielmehr der Fall» Von 1880 bis 1897 habe die Zahl der Verunglückten pro 10 Millionen Zugkilometer abgenommen eon 47 auf 17Va im Durchschnitt.

Sächs. Bevolln:. Graf Hohenthal geht auf eine Aeußerung des Abg. Stolle ein, wonach das Koalitionsrecht der Eisenbahnbedien- peten erschwert werde, wobei er betont, daß die Erschwerung desselben gar nicht in Zusammenhang stehe mit den Angelegenheiten, die dem kisenbahnamt unterstellt seien. Abg. Stolle übersehe auch, daß auf die Kisenbahnarbeiter die Gewerbeordnung gar keine Anwendung finde. Ausgenommen seien in diesem Punkte allerdings die Werkstättenarbeiter. Hebner stellt alsdann noch entschieden in Abrede, daß zwischen der sächsi­schen und preußischen Staatslahnverwaltung durch Schuld der Letzteren fein gutes Verhältnis bestehe.

Abg. Br äs icke (frs. Vp.) erblickt in Herrn v. Miquel den haupthemmsLuh für Tarifresormen, und ruft demfelden zu: Qaousque tandem, Catilina, abutere patientia nostra? (Heiterkeit.)

Abg. Schrader (frs. Vg.) bedauert die geringe Kompetenz deS r.senbahnamts und die Ftskalttät der Staatsbahnen.

Präsident Schulz teilt mit, daß die Absicht bestehe, auf den dmtfchin Bahnen daS amerikanische Wagenkuppelungssystem ein- >us ühren.

Abg. Stolle (Soz) polemisiert nochmals gegen die sächsische ktaatsbahnverwaltung.

Präsident Schulz bemerkt, die sächsische Verwaltung zahle hren Arbeitern höhere Löhne, als irgend eine andere Staatsbahn- mwaltung.

Sächsischer Bevollmächtigter Graf Hohenthal bemerkt noch, daß die Verwaltung in einem fo verantwortungsvollen Betriebe un- DSgltch sozialdemokratische Agilatoren dulden könne.

Abg. Hoch (Soz.) spricht sich lebhaft im Sinne Stolle's aus.

Sachs. Bevollmächtigter Graf Hohenthal betont nochmals dir Disziplin und die Sicherheit deS Verkehrs.

Der Etat wird genehmigt.

Auch der Pensionsetat gelangt zur Annahme.

Morgen 1 Uhr: Fortsetzung der Etatsberatung.

Schluß 6 Uhr.

* Vom Kriegsschauplätze

liegen heute folgende Meldungen vor:

EinDaily Mail"-Telegramm aus Kimberley oo® 17. b. Mts. berichtet, daß eine starke Kavallerie-Ab- ttilung unter Oberst Pretyman auf dem Marsche nach Mafeking bei Warrenton, gegenüber von Fourteen Streams am Vaalfluß, vor einem starken Shrapnel- und Gewehr- srurr der auf dem Nordufer stehenden Buren unter Ver­lust m wieder zurückkehren mußte.

Central News" meldet aus Durban vom Sams­tag : Eine fliegende Kolonne unter Oberst Bethune wurde von Ladysmith durch den Greytown-Distrikt nordwärts ge­schickt, um die Stellung der Buren zu umgehen, und, wenn möglich, ihnen den Rückzug durch Zerstörung der Eisenbahnbrücke bei Waschbank abzuschneiden. Eine Abteilung Freiwilliger rückte auch mit Dynamitvorräten gegen die Brücke vor, aber starke Regengüsse verzögerten ihren Marsch, und als sie die Brücke erreichten, sahen sie, daß die Buren bereits mit allen ihrenGeschützen den Fluß überschritten hatten. Die Engländer zogen ihnen nach, und stießen bei Tomeroy auf die Buren, wo sie sich verschanzt halten. Es wurden nun vier Stun­den lang Schüsse gewechselt.

Der Afrikanderaufstand im nordwestlichen Kapland umfaßt das ganze Gebiet von Carnarvon bis hinüber nach Ramaqualand.

Lord Methuen ist am 16. März gerade zu rechter Zeit in Warrenton eingetroffen, um die völlige Zer­störung der dortigen Drehbrücke zu verhindern, und sich einer Uebergangsstelle über den Baalfluß zu bemächtigen.

DieDaily News" meldet aus Kapstadt vom 16. d. Mts. abends: Britische und deutsche Trup­pen sind nach der Walfischbai abgegangen, wo in Damaraland ansässige Buren eingefallen seien, um die jüngsten Niederlagen der Buren an den Engländern zu rächen. (??)

London, 19. März. DieTimes" veröffentlicht ein Telegramm aus Aliwal North vom 19. d. Mts., worin berichtet wird, daß der Burenkommandant Olivier den Rückzug in der Richtung auf Krvonstadt zu angetreten hat, nachdem er in der ganzen Umgegend alle aufzutreibenden Lebensmittel requiriert hatte.

London, 19. März. Die Mitglieder der Opposition werden die Regierung über die Frage der Annexion der beiden Burenrepubliken interpellieren. Die Regierung wird, wie halbamtlich verlautet, diese Gelegen­heit wahrnchmen, um mitzuteilen, daß die südafrikanischen Republiken einem ähnlichen militärischen Regime unterworfen werden sollen, wie dieses die Bereinigten Staaten nach dem Sezessionskriege mit den Südstaaten gemacht haben.

* *

*

Telegramme deSGießener Anzeiger".

London, 20. März. Ein Telegramm aus Peters- bürg berichtet, daß augenblicklich 400 Russen in der Buren-Armee kämpfen.

London, 20. März.Daily Mail" berichtet aus Lady­smith: Die Armee Bullers beziffert sich auf vier In­fanterie-Divisionen und eine Kavallerie-Division, im ganzen etwa 40 000 Mann. Dieselbe wird sich bereit halten, gegen Anfang April die Operationen wieder aufzunehmen. General Buller soll beauftragt sein, die Buren in Schach zu halten und die Natal-Grenze, die Pässe und die Eisenbahnübergänge zu besetzen, während Lord Roberts mit 50000 Mann und bedeutender Ar­tillerie gegen Prätoria vorgeht, wo er gegen Mitte Mai einzutreffen gedenkt. Die Verpflegung der englischen Truppen wird, wie man hofft, durch die mit Port Elisabeth und East London in Verbindung stehende Eisenbahn ohne Schwierigkeiten vor sich gehen.

Loudon, 20. März. DieTimes" veröffentlicht fol­gendes Telegramm aus Lorenzo Marquez vom 19. ds. In der vergangenen Nacht sandte die portugiesische Behörde mittelst Sonderzuges eine Abteilung Infanterie nach der Grenze, um die verschiedenen Posten zu verstärken. Der portugiesische Gouverneur begleitete die Truppen einen Teil des Weges.

London, 20. März. Oberst Schiel ist einem Tele­gramm aus Kapstadt zufolge wegen seines zänkischen Be­tragens (?) auf ein englisches Transportschiff gebracht worden. Ein anderes Telegramm meldet sogar, er sei bereits unterwegs nach St. Helena.

London, 20. März. Die heutigen Morgenblätter stellen fest, daß die englischen Truppen sich augenblicklich für spätere Anstrengungen erholen. Die allgemeine Ansicht geht dahin, daß Lord Roberts keine neue Bewegung ausführen wird, bevor ein militärisches Regime in Bloem­fontein organisiert ist, und vollständige Ruhe in dem be­setzten Gebiete herrscht.

Kapstadt, 20. März. Lord Roberts hat Befehl gegeben, daß zwei von ihm bestimmte Banken in Bloemfontein ihre Geschäfte unter gewissen Bedingungen wieder aufnehmen sollen. Es wird beiden Bankhäusern z. B. untersagt, irgend

Ausland.

Wien, 19. März. Wie dieNeue Freie Presse" er­fährt, äst eine Einigung in der Sprachen frage, soweit es sich um die autonomen Behörden in Böhmen handelt, zwischen den deutschen und czechischen Vertretern der Verständigungskonferenz bereits gesichert.

Paris, 19. März. Heute nachmittag fand unter dem Vorsitz des Präsidenten Loubet ein außergewöhn­lich e r M'i n i st e r r a t statt, dessen Resultat aufs strengste geheim gehalten wird. Es handelte sich, wie es heißt, um die Küstenverteidigungsfrage.

London, 19. März. Der Papst beglückwünschte die Königin telegraphisch zu ihrem Entschluß, Irland zu besuchen, und drückte die Hoffnung aus, daß durch den Besuch die Zwietracht zwischen beiden Völkern beseitigt werden dürfte.

London, 13. März. Nach Meldungen aus Pre­toria hat sich dort ein Amazonenkorps von 2000 weib­lichen Schützen gebildet. Weiter verlautet, Präsident Krüger habe den König von Italien telegraphisch um Friedensvermittelung gebeten.

Belgrad, 19. März. Offiziös wird die Meldung, daß da der russische Geschäftsträger Mansurow wegen der Nichterledigung der Amn estiefrage der Na­tionalfeier nicht beigewohnt hatte, die diplomatischen Be­ziehungen sistiert seien, als auf böswilliger Erfindung beruhend, bezeichnet. Mansurow sei wegen eines Unwohl­seins an der Teilnahme verhindert gewesen; dafür hätte . das Gesandtschaftspersonal der Feier und dem Galadmer bergewohntn, März. Ein französisches Konsortium übernahm den Bahnbau vom Piräus nach Lärm«.

welche Geschäfte abzuschließen mit einer Stadt Transvaals oder des Oranje-FreistaateS, welche noch vom Feinde besetzt ist.

Brüssel, 20. März. Dr. L e y d s ist hierher zurück­gekehrt. DemEtoile beige" zufolge galt sein Besuch der Hauptstadt der Niederlande, dem Haag. Der Vertreter Transvaals hatte mit den holländischen Staatsmännern wichtige Besprechungen. Dr. Leybs begiebt sich nun wieder auf einige Tage nach Paris.

Brüffel, 20. März. Die Meldungen über die Waffenstreckungen der Freistaatler finden auf der hiesigen Transvaal-Gesandtschaft keinen Glauben und man sagt, daß sämtliche diesbezüglichen Mel­dungen lediglich den Zweck hätten, die Buren- freunde in Europa einzuschüchtern und umzu­stimmen.

Paris, 20. März. DerGaulois" hat in London eine Umfrage angestellt über die Frage, ob England Frankreich den Krieg erklären werde. Das Blatt veröffentlicht bereits heute eine Anzahl Antworten von hervorragenden englischen politischen Persön­lichkeiten, welche die gestellte Frage amtlich ver­neinen. Unter denselben befinden sich solche von Kardinal Vaughan, Erzbischof von London, Lord Rosebery, Dilke und anderen.

Deutsches Reich-

Berlin, 19. März. Der Kaiser hatte heute vor­mittag um 9 Uhr im Auswärtigen Amte eine Besprechung mit dem Staatssekretär Grafen Bülow und empfing als­dann im Königlichen Schlosse den Chef des Zivilkabinetts, v. Lucanus, und später den Staatssekretär Tirpitz zum Vortrag.

Berlin, 19. März. DieNordd. Allg. Ztg." schreibt offiziös: Durch eine rheinische Zeitung ist neuerdings die Nachricht verbreitet worden, daß in Regierungskreisen die Absicht bestehe, die Steuerfreiheit des Brannt­weins aufzuheben, insoweit dieselbe xur Berei­tung des Speiseessigs dient. Wir sino ermächtigt, zu erklären, daß die Regierung eine derartige Absicht nicht gehegt hat, und bedauern, daß durch eine aus der Luft gegriffene Nachricht unnötige Beunruhigung in die betei­ligten Erwerbskreise hineingetragen worden ist.

Berlin, 19. März. Gegenüber der heutigen Mel­dung desKleinen Journal" über Friedensver­handlungen betreffs Südafrikas durch die deutsche und amerikanische Diplomatie, kann derBörsen- Cour." feststellen, daß diese Mitteilungen nicht nur jeder autoritativen Grundlage entbehren, sondern über­haupt aus der Luft gegriffen sind.

Berlin, 19. März. Die Kaiserin Friedrich trifft am 10. April zum Sommeraufenthalt auf Schloß Friedrichshof ein.

Dresden, 19. März. Die Regierung lehnte es heute im Landtage ab, für das Fleischschaugesetz in der Fassung der zweiten Lesung des Reichstages im Bundesrat einzutreten.