Zweites Blatt
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Gießener Anzeiger
General-Anzeiger
2ltnt§- und 2lnzeigeblutt füv den Ttveis Gleszen
Sonntag den 21 Januar
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Feuilleton
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Redaktion, Expedition und Druckerei:
Schnlssraße Z?r. 7.
Erwähnen wollen wir zum Schluß unseres Wochenbe- richts noch den Besuch, welchen der frühere belgische' Ministerpräsident Beernaert in der deutschen Reichshauptstadt macht, und die Audienz, welche dieser Staatsmann beim Kaiser hatte. Zwar stellt Herr Beernaert in Abrede, daß die Audienz Zwecken. der Friedensvermittelung gegolten habe, aber man darf doch wohl annehmen, daß sie einen politischen Charakter trug, dessen Bedeutung erst die Zeit klar legen wird.
s e n hatten, und zwei Irländer, die bei Belmont in unsere Hände fielen. Sie wurden insgesamt in einer Reihe aufgestellt, die Hände rückwärts an Pfähle gebunden, und eilte Kompagnie' Cornwalliser gab ihnen die letzte Pille. Man zwang die anderen Buren, zuzuschauen und ihre Gräber zu graben". Die Anschuldigung, daß auf Aerzte geschossen wird, kehrt in jedem Kriege öfter wieder; sie ist auch meist nicht unbegründet, da thatsächlich auf dem Schlachtfelde befindliche Aerzte nicht selten bei den weittragenden modernen Gewehren von Kugeln getroffen wer- den. Daß mit wenigen Ausnahmen auf die Aerzte nicht absichtlich geschossen wird, ist selbstverständlich. Vermutlich hat auch bei Belmont auf Seite einer Burenabteilung ein ebenso erklärlicher wie unglückseliger Irrtum stattgefunden und dieser ist von den rachsüchtigen und immer brutalen Engländern dazu benutzt worden, das Todesurteil an den gefangenen Buren zu vollstrecken.
Dinge jetzt, aber was — so fragt ein Berichterstatter — werden März, April und Mai, die heiße Jahreszeit in Indien, bringen? Bor Mitte Juni ist überhaupt nicht auf Regen zu rechnen, und was bis dahin werben soll, weiß kein Mensch. Die Bevölkerung leidet jetzt schon schwer. Bereits in diesem Stadium der Not, das man doch, so schlimm es auch ist, nur als den ersten Anfang bezeichnen darf, wiederholen sich die Szenen, die Hungersnöte immer zeitigen: Kinder werden verkauft oder getötet, an den Straßen und hinter Hecken findet man Leichen Verhungerter, und in Massen strömt das Volt zu den Korndepots, auch der Hungertyphus tritt sporadisch auf. Die Notleidenden werden mit allen möglichen Arbeiten, Eisenbahnbauten, Straßenanlagen re. beschäftigt, wesentlich deshalb, damit sie durch Unthätigkeit nicht gänzlich demoralisiert werden. Bis jetzt sind drei Millionen Menschen, Männer, Frauen und Kinder, bei diesen Notstandsarbeiten thätig, aber sie bilden nur einen geringen Teil derer, die der Unterstützung bedürfen. Man rechnet für die Ernährung einer Person nur 15 Pfg. pro Tag, trotzdem sind bis jetzt beinahe 30 Millionen Mark verbraucht worden.
Die Erschießung gefangener Buren durch die Engländer, wovon wir schon kürzlich eine Meldung brachten, wird jetzt bestätigt. Ein Polizeimann, Namens Sharp, der als Gemeiner beim ersten Shropshirer Regiment steht, welches die Campagne unter Lord Methuen mitmacht, hat, wie wir der „N. Fr. Pr." entnehmen, in einem Briefe an einen Londoner Freund Folgendes geschrieben: „In De Aar wurde ein Gemeiner des Gordon Highlander Regiments herausgenommen und, weil er in der Schlacht am Modderflusse Feigheit bekundet hatte, erschossen; desgleichen sieben Buren, welche auf Aerzte geschos-
schäft war die Stadt Gießen, die Heinrich den Grafen von Tübingen abkaufte. Damit war ein Keil in die ziegen- hainischen Besitzungen getrieben. Auch Mainz hatte sich eifrig um Gießen bemüht, war aber nun zu spät gekommen. 1266 trat eine gefährliche Koalition gegen Heinrich zusammen: Köln, Paderborn, Ziegenhain und Mainz. Ta hatte Heinrich das Glück, in der Schlacht bei Zülpich den Kölner und den Paderborner zu fangen, so daß er gegen Mainz im Süden freie Hand bekam. Sein einziger, von Anfang an treuer Freund, der Herzog von Braunschweig, machte im Eichsfeld Fortschritte. Auch wurde durch jene Koalition Otto von Waldeck in Heinrichs Lager getrieben: er heiratete dessen Tochter Sophie. 1271 erneuerten seine Feinde ihr Bündnis zu Bingen. Heinrichs Waffen aber waren glücklich. Er nahm u. a. die für uneinnehmbar geltende Feste des Mainzers Heiligenberg. Der Mutter Gottfrieds von Ziegenhain nötigte er einen Vertrag ab, der allerdings nicht von langer Dauer war. Jetzt griff der Mainzer zu einer neuen Waffe: er that Heinrich in den Bann und verhängte das Interdikt über sein Land. Und noch schlimmer wurde des Landgrafen Lage bei der Königswahl 1273. Werner von Eppstein erwirkte bei König Rudolf die Reichsacht gegen ihn. Das war der tiefste Punkt, auf den Heinrich sank. Zum Glück für ihn war aber Rudolf von Habsburg durchaus nicht das gefügige Werkzeug, das Werner in ihm zu finden gehofft hatte. Vielmehr zerfiel der Erzbischof selbst bald darauf mit dem Könige, und so war es Heinrich ein Leichtes, sich von der Acht zu lösen. Als princeps illustris wurde er damals angeredet. 1280 unternahm Werner nun einen erbitterten Rachezug nach Hessen. Gießen belagerte er freilich vergeblich. Er zog ins Busecker Thal und plünderte dort, dann setzte er sich in dem mainzischen Fritzlar fest und verheerte von dort aus das umliegende Land. Aber nicht lange sollte er sich seiner Rache freuen. Unter den Mauern Fritzlars bot ihm Heinrich die Schlacht an und schlug ihn. Damit war nun der erste und wichtigste bleibende Erfolg errungen. Bann und Interdikt wurden aufgehoben, die mainzische Gerichtsbarkeit auf das rein Geistliche beschränkt, ja die Städte sogar nach und nach völlig von ihr eximiert. Der Ziegenhainer trat dauernd zu Heinrich über. Zwar wollte sich Werner nicht in das Schicksal finden und rüstete von neuem: da. starb er 1284. 1288 bot Gebhard von Eppstein, sein Nach- folger, dem Landgrafen Frieden an, um gegen den Braunschweiger freie Hand zu haben, und 1290 kam es zu Wetter sogar ztt einem Schutz- und Trutzbündnis. Heinrichs Ziele waren somit alle erreicht. Gekrönt wurde sein Werk, als ihm Adolf von Nassau noch die Reichsfürstenwürde verlieh. Tas war nicht nur eine Bestätigung des eben erkämpften Zustandes, sondern bot zugleich anrf) die Grundlage für Heinrichs Anteil an der Reichspolitik» der er sich fortab zuwenden konnte. Diesen schönen Erfolgen gegenüber ist um so mehr der verderbliche Fehler zu beklagen, den er in seiner Familienpolitit machte. Er teilte sein Land unter seine drei Söhne: Heinrich, Johann und Ludwig. Damit schuf er die Möglichkeit jener schädlichen Bruderkriege, an die sich auch ber Mainzer wieber anhängen konnte. — Lebhafter Beifall lohnte ben Vortragenben für biese interessanten Blicke, bie er hier in bie Geschichte unseres
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II
Humoristisches.
* NeueS Von Serenissimus. Durchlaucht haben die Realschule besichtigt und sind höchst befriedigt. Wohlwollend fragen Serenissimus den Herrn Direktor: „Aeh — sagen Sie mal, lieber Professor, wieviel Stunden haben Sie denn?"
„25, Durchlaucht!"
„Hm — ja! — täglich?"
* „Aber, mein lieber Kindermann, äh, wie kommt es nur, das oct dem gestrigen Feuer, trotz unserer vorzüglichen Feuerwehr und der vielen Spritzen, äh, so viel niedergebrannt ist?"
„Hatten leider zu wenig Wasser, Durchlaucht."
„Wasser? äh, aber ich bitte Sie, zu was haben wir denn da äh — eine Dampf spritze?" („Münchener Jugend. >
t Daß man eine Sonnenfinsternis im 18. Jahrhundert für schädlich hielt, beweist folgende Stelle üner Dorfchronik aus dem Jahre 1724, „Den 22. Mai, nachmittags 6 Uhr, war allhier eine sichtbare Sonnenfinsternis, welche schädlich sein soll. Es hatte daher die Herrschaft in Hanau in ihrem ganzen Lande den Befehl erlassen, daß an diesem Tage vor Beginn der Finsternis alles Vieh von der Weide heimgetrieben werden solle, welchem Befehle nachgelebt wurde.
Die neuesten Berichte über die Hungersnot in Indien geben ein trübes Bild von dem Zustand der Notstandsgebiete. Zuerst fing das Vieh an, unter der Dürre zu leiden, und ging zu Tausenden an Hungev itnb Durst zu Grunde. Die Behörden glaubten nicht, daß sie imstande sein werden, auch nur 20 pCt. des Viehes zu retten, das bedeutet einen furchtbaren Verlust für ein lein ackerbauendes Volk, das so vollständig von ber Milch der Kühe unb ber Arbeit ber Stiere beim Pflügen unb besonders beim Wasserschöpfen abhängt. Die Wassernot "iit furchtbar. Das Laub ist so ausgebörrt unb trocken, wie man es sich nur vorstellen kann. Das ist ber Stand ber
* Politische Wochenschau.
Gießen, 20. Januar.
Die Signatur unserer innerbeutschen politischen Zu- ftänbe kann erfreulicherweise immer noch als eine recht friebfertige gelten; niemand hat das Recht, von hochgehen- ben Wogen zu sprechen, höchstens kann von einem sanften Dahinplätschern ber Wellen bie Rebe sein. So hatte man im preußischen Lanbtage bei ber Einbringung des Etats von Herrn von Miquel eine große Rebe erwartet, in ber er bas Programm ber Regierung entwickeln würbe, aber der Finanzminister kramte absolut keine Neuigkeiten aus, er sprach rein sachlich und verriet nichts von ben Absichten der Regierung. Etwas lebhafter wirb es erst werben, wenn bie Flottenvorlage, bie im Laufe ber verflossenen Woche bem Bunbesrat zugegangen ist, unb bort angeblich mit größter Beschleunigung burchberaten werben soll, im Reichstage zur Verhandlung steht, was recht balb zu erwarten ist. Wenn wir auch immer noch ber Ansicht sinb, daß ber Vorlage keine große Gefahr droht, so wird die Regierung sich doch auf scharfe Angriffe von den verschiedensten Seiten gefaßt machen müssen, und das Zentrum wird erst durch „Liebesgaben" zu gewinnen sein. Daß der deutsche Reichstag die Vergewaltigung unserer Handelsmarine seitens der Engländer als eine schwere Kränkung des deutschen Nationalgefühls ansieht, ging aus der am Freitag beratenen Interpellation hervor. Die englischen Behörden hatten freilich kurz zuvor den beschlagnahmten Postdampfer „Bundesrat" freigegeben, und sie werben es sich hoffentlich jetzt sehr überlegen, ehe sie wieder auf deutsches Eigentum ihre lüsternen Augen richten.
Wenn die vorn südafrikanischen Kriegsschauplätze eingegangenen Meldungen richtig sind, so hat ein großer Teil der englischen Truppen den Tugelafluß überschritten. Ob dies als ein Erfolg anzusehen ist, müssen die nächsten Ereignisse lehren. Sonst liegen besonders wichtige Nachrichten von Südafrika nicht vor, so daß man immer noch mit der Thatsache rechnen muß, daß die Buren fortgesetzt im Vorteile sich befinden. Zwar meldeten Londoner Blätter im Laufe der letzten Woche, die Freistaatburen wären des Krieges müde und wollten ihre Schritte heimwärts lenken, aber wir bezweifeln stark die Zuverlässigkeit dieser Nachricht. —
Die Demission des österreichischen Kabinets Wrtteck ift nunmehr erfolgt. Der Nachfolger stand schon auf dem Qni vive und dürfte in der Person des Herrn von Körber bereits gefunden sein. Wir wünschen ihm von Herzen alles Glück für sein dornenvolles Amt, wenn auch nach Lage der Sache an einem Erfolg gezweifelt werden muß. — Die Rebe bes Grafen Golttchowski über ben Dreibunb haben Wir ausführlich besprochen unb wollen hier nur registrie- icnb aus bieselbe Hinweisen.
lieber bie Folgen bes russischen Protestes gegen englische Anmaßungen hat bie letzte Woche nichts Neues gezeitigt, cuuch von bem angeblichen Vormarsche ber Russen nach ber asiatisch-englischen Grenze hin, ist es wieber still geworben. Vielleicht hatte man es bezüglich bieser letzteren Rachricht nur mit einem von ber englischen Presse ausge- ioorfenen Versuchs-Ballon zu thun.
Lokales und VrsvilyieUes.
(Anonyme Einsendungen, gleichviel welchen Inhaltes, werden grundsätzlich nicht ausgenommen.)
Gießen, 20. Januar 1900.
** Kirchliche Dienstnachrichten. Se. König!. Hoheit ber Großherzog haben Allergnädigst geruht, am 10. Januar dem Pfarrverwalter Ludwig Stotz zu Grebenau, Dekanat Alsfeld, die evangelische Pfarrstelle daselbst zu übertragen, und den von Seiner Erlaucht dem Grafen von Schlitz genannt von Görtz auf bie evangelische Pfarrstelle zu Hartershausen, Dekanat Lauterbach, präsentierten Pfarrverwalter Otto Schäfer baselbst für diese Stelle zu bestätigen.
*♦ Oberhessischer Geschichts-Verein. Am Donnerstag, bein 18., fanb im Kaffee Ebel bie 2. orbentl. Sitzung bes oberhess. Geschichtsvereins statt. Der Vor- sitzenbe Prof. Dr. Höhlbaum begrüßte bie Amvesenben unb leitete unter Hinweis auf bas Bürgerliche Gesetzbuch die Beratung über die neuen Statuten ein. Nachdem dieselben einstimmig angenommen waren, folgte ein Vortrag des Herrn Dr. I. Dieterich über „Heinrich das Kind und die Anfänge von Hessen". Der Besitz, von dem Landgraf Heinrich ausgehen konnte, war nicht groß, davon nur ein fünftel Allod. Die Gebiete von Waldeck unb Ziegenhain stauben Hessen an Größe kaum nach unb schnürten es stark ein. Die Ministerialen hatten sich emanzipiert unb überall drohten ihre Raubburgen. Die Städte bedeuteten noch zu wenig, als daß Heinrich an ihnen einen Rückhalt hätte finden können. Das Gefährlichste aber war die Feindschaft der Erzbischöfe von Mainz, namentlich des kraftvollen Eppsteiners. Ihre Besitzungen erstreckten sick) als gefährliche Stützpunkte in das hessische Gebiet hinein, und außerdem hatten sie eine starke Waffe in der Gerichtsbarkeit, die sie in Hessen ausübteu. Die letztere war anfangs rein geistlich gewesen, hatte sich aber nach und nach auch auf Streitigkeiten zwischen Geistlichen und Laien und zuletzt auf ganz weltliche Händel erstreckt. Der'Bischof Simon von Paderborn war ein unruhiger Nachbar, den man oft unter den Feinden fand. All diese Mißverhältnisse waren eben so viele Aufgaben, die dem jungen Landgrafen zur Lösung gestellt waren. Sein erstes selbständiges Auftreten sehen wir int Langsdvrfer Vertrag 1263, ber Mainz zu ver- schiebenen Verzichtleistungen nötigte unb Frieben mit Thüringen und Meißen brachte. 1265 kam ein Lanbfrie- densbündnis mit Paderborn zu stände, dem auch Köln beitrat, und das die Niederwerfung der trotzigen Herren im eigenen Lande ermöglichte. Eine bedeutsame Errungen-
Ja auch zugleich ein Schritt zum Tode ist. < l
A. Roderich. 1


