M 22V Zweites Blatt. Donnerstag den 20. September 15V. Jahrgang 1900
Gießener Anzeiger
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Die Wirren in China.
Wie die „Nordo. Allg. Ztg." mitteilt, ist durch den Staatssekretär Grafen Bülow an die deutschen Botschaften in London, Paris, Petersburg, die Regierung in Washington und Wien und an die Gesandtschaft in Tokio das nachstehende Zirkular-Telegramm ergangen:
Die Regierung des Kaisers erachte als eine Vorbedingung für den Eintritt in diplomatischen Verkehr mit der chinesischen Regierung die Auslieferung derjenigen Personen, welche als die ersten und eigentlichen Anstifter der gegen daS Völkerrecht in Peking begangenen Verbrechen festgestellt sind. Die Zahl der ausführenden verbrecher- ischen Werkzeuge ist zu groß; den zivilisierten Begriffen würde eine Maffen-Exekution widersprechen. Auch liegt eS in den Verhältnissen, daß selbst die Gruppe der Letter nicht wird vollständig ermittelt werden können. Die Wenigen aber, beten Schuld noiorisch ist, sollen ausgeliefert und bestraft werden. Die Vertretungen der Mächte in Peking werden in der Lage sein, in dieser Untersuchung vollgültiges Zeugnis abzulegen oder beizubringen. Aus die Zahl der Bestraften kommt es weniger an als auf ihre Eigenschaft als Hauptansttfter und Leiter. Die Regierung glaubt auf die Einstimmigkeit aller Kabinette in diesen Punkten zählen zu können. Eine Glrichgültigkett fegenüber dem Gedanken einer direkten Sühne würde gleichbedeutend ein mit Gleichgültigkeit gegen eine Wiederholung deS Verbrechens. Die Regierung des Kaisers schlägt deshalb den beteiligten Kabinetten vor, ihre Vertreter in Peking zur Bezeichnung derjenigen leitenden chinesischen Pnsönlichkeilen aufzufordern, über deren Schuld an der Anstiftung und der Durchführung der Verbrechen jeder Zweifel aus- geschlossm ist.
Aus Shanghai wird telegraphiert: Hiesige chinesische Zeitungen behaupten, daß infolge der angeblich zu hohen Forderungen der Machte zwischen diesen einerseits und dem Prinzen Tsching und General Aunglu andererseits Differenzen nusgebrochen sind. Die Mächte sollen angeblich verlangen: 1. Daß die Mandschurei und der ganze Distrikt von Tientsin temporär unter die Verwaltung der Verbündeten gestellt werden. 2. Die chine- sischc Regierung ünuß die Führer der Boxer verhaften und sie den Mächten zur Bestrafung ausliefern. 3. Die Vizekönige im Mngtsethal sowie in den anderen Provinzen werden dahin instruiert, daß alle See- und Yangtse- Fluß-Häfen von den verbündeten Truppen besetzt werden.
Aus London wird gemeldet: Nach einem Telegramm aus Shanghai erließ derKaiservonChina ein Edikt, in dem er das zwischen den Vizekönigen abgeschlossene Uebereinkommen zur Aufrechterhaltung der Ordnung in den mittleren und südlichen Provinzen gutheißt. In dem Edikt Heißt xs weiter, ergäbe gute, und schlechte eingeborene Christen, aber alle müßten gleich unparteiisch behandelt werden, solange sie sich Ruhestörungen enthalten. In Tschifu und im Pangtsethal ist alles ruhig. Nach Depeschen aus Hongkong hat Liuyangfu, der Cef der Schwarzflaggen, infolge der Einnahme Pekings seinen Truppen Befehl gegeben,, den Vormarsch dahin einzustellen und nach Canton zurückzukehren.
Man meldet aus Shanghai: „Die hiesige englisch^ Presse spricht eine Drohung gegen Rußland aus, indem sie erklärt, englische Schiffe seien zum Kampfe gegen den russischen Kreuzer bereit, der Befehl erhalten hatte, Li-Hung-Tschang zu begleiten. Der Kreuzer ist zurückbeordert worden. — In Sch antun g befinden sich viele Boxer, und man glaubt, daß viele Monate vergehen werden, ehe eine Beruhigung des Landes möglich sein wird."
Nachrichten vom Westfluß zufolge sieht man dort in jeder Stadt chinesische Truppen eifrig exerzieren. Chinesische Kanonenboote fahren wieder den Fluß auf und ab. Augenscheinlich ist eine Aktion beabsichtigt, doch ist es unmöglich, zu sagen, welcher Art sie sei. Der Fluß- dampser Sandpiper kreuzt im Flußdelta, der Flußdampser Robin ist nach Kanton abgcgangen.
Wie der „Post" von maßgebender Seite bestätigt wird, sind die Nachrichten von Boxerangriffen auf das Gouvernementsgebiet von Kiautschou unzutreffend. Dre Shanghaier Blättermeldungen, auf die sich die „Post" bezog, sind wahrscheinlich auf einige kleinere Scharmützel zurückzuführen, die zwischen deutschen Patrouillen und umherstreifenden Boxerbanden stattgefunden haben. Verluste sind auf deutscher Seite hierbei nicht eingetreten. — Von der ostasiatischen Nachxichten- Expedition des Deutschen Flotten-Vereins sind heute folgende Telegramme zur Lage in China eingegangen: Shanghaier Zeitungen berichten, daß die Boxer die auf dem Wege von Peking nach Paotingfu liegende, ca. 50 Kilometer von der Hauptstadt entfernte Ortschaft Tschutschon niedergebrannt haben. Ein weiterer Vormarsch der Deutschen unter General v. Höpfner auf Paotingfu soll vor der Hand unmöglich sein, da die Wege für Artillerie unpassierbar sind. Außerdem bestätigt sich die Nachricht von einem Angriffder Boxer auf amerikanische Truppen bei Maton (ca. 34 Kilometer von Peking) auf der Straße nach' Tientsin. Dev Angriff wurde zurückgeschlagen. In Kanton und Shanghai liegen alle Geschäfte darnieder. 12 000 chinesische Arbeiter jn Kanton sind ohne Arbeit; man befürchtet daher ernstliche Unruhen.
General v. Lessel ist in Tientsin angelangt. Drei Bataillone, zwei Schwadronen, zwei Batterien, eine Pionier-Kompagnie sind jetzt dort versammelt. Es fand ein! herzlicher Empfang durch den russischen Kommodore Do- mizirow statt, der zwei Schwadronen der Prianmurski- Dragoner als Ehrenwache stellte.
Aus Hongkong wird vom 18. September telegraphiert: Generalfeldmarschall Graf W a l d e r s e e ist an Bord des Kreuzers „Hertha" weitergereist.
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Telegramme des Gießener Anzeigers.
London, 19. September. Ein Telegramm aus Port Said meldet die Ankunft eines deutschen Transportdampfers mit 700 Soldaten an Bord nebst großen Munitions-Vorräten. Derselbe setzte die Weiterreise nach Taku fort.
Wien, 19. September. Die Cirkulardepesche des Grafen v. Bülow wird von der hiesigen Presse in zustimmender Weise besprochen. Die Forderungen Deutschlands werden als bescheiden und unzweifelhaft dem Völkerrechte nach als begründet erachtet. Trotzdem aber wird der Besorgnis Ausdruck gegeben, daß duvch dieses Telegramm die Friedensverhandlungen eine Verzögerung erfahren würden und daß einzelne Mächte versuchen werden, Deutschland an die Wand z u d r ü ck em und die Mission des Grafen Waldersee gegenstandslos zu machen.
Petersburg, 19. September. Das 21., 22. und 23. Schützen-Regiment werden an Bord der „Sicilia" aus Odessa nach Ostasien abgeheu. — Die Telegraphen- und Post-Verbindung zwischen Tschita Chailar und Zizikar ist wiederhergestellt. In der Mandschurei ist alles ruhig. Auf der Strecke von der russisch-chinesischen Grenze bis Chailar wird eifrig an sd;er Wiederherstellung der zerstörten Bahnlinie gearbeitet. — Aus Porr Arthur gingen dieser Tage mehrere Truppen-Abteilungen nach Chaitschen ab, wo noch chinesische Aufrührer Hausen. Weitere Truppen-Abteil- ungen sollen demnächst folgen.
Der Krieg in Südafrika.
Man meldet aus Brüssel: Der erste Sekretär der Transvaal-Gesandschaft, van Boeschoten, der hierher aus dem Haag tznrückgekehrt ist, bestätigt, daß Präsident Krüger in Holland erwartet wird. Zuvor aber wird Krüger wahrscheinlich in Brüssel Aufenthalt nehmen, um an dem offiziellen Sitze der Gesandtschaft der beiden südafrikanischen Republiken die weiteren Maßregeln zu beraten.
Aus Pretoria läuft die Mitteilung ein, in der ersten Oktoberwoche sei die Abreise Lord Roberts' zu erwarten, zunächst nach Natal zur Besichtigung der dortigen Schilachtfelder; dann weiter nach Europa, da der eigentliche Krieg bis dahin als beendet zu betrachten sei. Man nimmt in Pretoria an, daß die letzten Heerhaufen der Buren, die von wirklichem Belang seien und noch über einiges Geschütz verfügten, jetzt schon im Zustande der Auflösung seien und vor dem Ende des Monats über die portugiesische Grenze gedrängt sein -vürden.
Aus Lourenzo Marques wird berichtet, daß an der portugiesischen Grenze, besonders bei Komati die Grenztruppen verstärkt worden sind. Es wird niemand von den portugiesischen Behörden durchgelassen. Die Züge verkehren jetzt nur bis zur Grenzstation Ressano Garcia, wo portugiesische Patrouillen die Grenze scharf bewachen. — Reuter veröffentlicht folgende Depesche: Lourenzo Marques: Bei Komatipoort wird fortdauernd gekämpft. Alle verfügbaren Mannschaften sind nach der Grenze gegangen. Man macht sich darauf gefaßt, daß, die Brücke über den Komatifluß zerstört wird.
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Telegramme des Gießener Anzeigers.
Amsterdam, 19. September. Die holländischen Angestellten der von Lord Roberts beschlagnahmten Niederländischen Eisenbahn werden durch Vermittelung der holländischen Regierung England um Schadenersatz verklagen.
London, 19. September. Aus Lourenzo Marques wird gemeldet: Präsident Krüger verließ gestern den Gouvernements-Palast und hielt eine längere Ansprache an die nach der Delagoa-Bai geflüchteten Buren, die er aufforderte, die Hoffnung nicht fallen zu lassen und den Widerstand fortzusetzen. — Ein Ambulanz-Transport vonM Verwundeten, darunter vier Engländern ist in Lourenzo Marques eingetroffen. Die Verwundeten haben an den letzten Gefechten in der Umgegend von Komatipoort teilgenommen.
London, 19. September. Die Blätter veröffentlichen einen Brief Chamberlains an seine Wähler, worin er diesen mitteilt, daß die Ursache der Neuwahlen die Regelung der südafrikanischen Angelegenheit sei.
Haag, 19. September. Dr. Leyds kehrt Ende diesen Woche nach Brüssel zurück und wird den Präsidenten Krü
ger nach seiner Ankunft in Eurtopa auf seinen Reisen; nach den verschiedenen Höfen begleiten.
Lissabon, 19. September. Es wird hier bestätigt, daß die holländische Regierung dem Präsidenten Krüger ein Kriegsschiff für seine Reise nach Holland zur Verfügung gestellt hat.
Deutsches
Berlin, 18. September. Der Kaiser nahm gestern in Swinemünde den Vortrag des Vertreters des Auswärtigen Amts, Grafen Wolfs-Metternich, entgegen.
— Der Kaiser sandte von Potsdam an den Prinzen Georg von Sachsen folgendes Kondolenztelegramm: „Der schreckliche Unglücksfall, der Euch in so tiefe Trauer versetzt, hat uns tief erschüttert. Wir senden Dir und den Deinigen Unsere innigste, wärmste Teilnahme und bitten Gott um seinen reichsten Trost für Euch. Wilhelm."
— Aus Elbing wird gemeldet: Die Kaiserin traf heute 7 Uhr 20 hier ein. Vereine mit Fahnen bildeten Spalier. Die Stadt prangt in Flaggenschmuck. Die Kaiserin fuhr sofort weiter und langte um 8 Uhr 50 in (Sabinen an. Wann der Kaiser eintrifst, ist noch unbestimmt, man nimmt aber an, daß er heute abend in (Sabinen ankommen wird. Der kaiserliche Hofzug ist bereits in Dirschau, um den Kaiser über Elbing nach (Sabinen zu bringen. Es ist aber auch möglich, daß der Kaiser auf dem Wasserwege eintrifft. Freitag abend beabsichtigt das Kaiserpaar nach Marienburg zu reisen. Die Kaiserin kehrt wahrscheinlich von dort nach Berlin zurück, während der Kaiser nach Rominten geht.
— Der „Reichsanz." veröffentlicht die Verleihung des Großkreuzes des Roten Adler-Ordens mit Eichenlaub und der königlichen Krone an den Generalinspekteur der Marine und Chef der Marinestation der Ostsee, Admiral v. Köster.
— Die Vorarbeiten zur Revision des Krankenversicherungsgesetzes gestalten sich so umfangreich und sind noch so wenig vorgeschritten, daß in unterrichteten Kreisen bezweifelt wird, ob es möglich sein wird, diesen wichtigen Entwurf schon in der bevorstehenden Session dem Reichstage vorzulegen.
— Straßburger Blätter bringen aus Saargemünd folgende unglaubliche Meldung: Ein Cigarrenhändler Schmitt aus Saargemünd sei vor einem halben Jahre nach der Kapkolonie gereist, um sich in geschäftlichen Angelegenheiten nach Transvaal zu begeben. In Kapstadt sei er jedoch von den Engländern als Spion fest genommen und fein Gepäck beschlagnahmt worden. Alles Dorweisen von Papieren, daß er Deutscher sei, habe nichts geholfen, er sei gefangen gehalten und nach der Insel Ceylon gebracht worden. Von da aus hat er jetzt einen Brief an seine Gattin in Saargemünd geschrieben, in dem er sich bitter über die unwürdige Behandlung seitens der Engländer beklagt: Seit einem halben Jahre wird dieser Mann widerrechtlich in einem englischen Gefängnis fest gehalten.
Karlsruhe, 18. September. Der Großherzog hat auf den 1. Oktober den Minister des Innern Dr. Eisenloh r auf Ansuchen, ihn seines Amtes zu entheben, unter besonderer Anerkennung seiner langjährigen ausgezeichneten und erfolgreichen Dienste in den Ruhestand versetzt, und den Präsidenten des Verwaltungsgerichtshofes Dr. Schenkel zum Präsidenten des Ministeriums des Innern und zum Geheimen Rat erster Klasse ernannt. Dr. Eisenlohr wurde das Großkreuz des Ordens Bertholds I. verliehen.
— Der „Badische Landesbote", die „Badische Landes- zeitung", „Badische Presse", und der „Bolksfreund" erklären, daß sie sich genötigt sehen, infolge der beträchtlichen Erhöhung der Papiererzeuguisse und sonstiger zur Herstellung einer Zeitung erforderlichen Materialien, sowie des neuen verteuerten PostzeitungStarifS einen Aufschlag des Bezugspreises um monatlich 10 Pfg. eintreten zu lassen.
Metz, 18. September. Auf dem im Bau begriffenen Fort „Veste Kaiserin" wurden zwei angebliche Spione verhaftet. Sie geben an, der Advokat Pierre de la Gorze und Sohn aus Lille zu sein. Heber die bei ihnen gefundenen Photographieen, bei deren Aufnahme sie von dem Posten überrascht wurden, gaben sie an, daß sie keine militärischen Geheimnisse hätten aufnehmen wollen, sondern einfache Vergnügungsreifende seien, denen die Aufnahmen als Erinnerung bienen sollten. Die vorgefundenen Platten werden entwickelt werden, und erst dann wird sich zeigen,


