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20.5.1900 Drittes Blatt
 
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-ch«tstr«te Nr. 7.

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Von Paul Lindenberg.

(Nachdruck verboten.')

VII.

Schritt, daß nur Unverstand oder Böswilligkeit beide tifizieren kann. Mögen einzelne ideal veranlagte Naturen in Deutschland von einen! germanischen Brasilien träumen - auch sie werden dabei schwerlich eine Annexion einzelner Provinzen im Sinne haben, so denkt unsere amtliche Politik doch nicht entfernt an solche Abenteuer und Phun- tasmen. Ter telegraphische Gruß, den Kaiser Wühelm und Präsident Campo Salles jungst aus Anlaß dev 400W rigen Jubiläums der Entdeckung Brasiliens wechselten, spricht für die Herzlichkeit und die Achtung, die m den Beziehungen beider Staaten obwalten. Waren wir miß­trauisch, so könnten wir den Spieß umdrehen und sagen: Ist nicht zu befürchten, daß andere Nationen sich'auf Kosten des deutschen Fleißes und der deutschen Arbert Riemen aus der Haut Brasiliens schneiden wollen? Frank­reichs Handelsverkehr mit dem Riesenreiche ist viel großer als unserer, Italien schickt alljährlich Zehn-, fa Himdert- tausende von Kolonisten nach Südbrasilien, Englands Fi- nanzmacht ist ganz überragend und Nordamerika - ja verbirgt sich unter dem Deckmantel der Monroe-Doktrm nicht auch ein Herrsch gelüste' vieler Politiker der Union, das in Brasilien wie in anderen sudamerikanischen Staaten

I das größte Mißtrauen gegen den Schutz Nordamerikas' wachgerufen hat? Indem die Herren Root und Lodge Deutschland denunzieren, wecken sie den Verdacht, daß sie die Union selbst dereinst als Herrin und Herrscherin Bra­siliens zu sehen hoffen. _

Was lange währt, wird gut!" Die Straße der fremden Nationen. Promenaden oben und unten. Das Deutsche Haus. Sein Aeußeres und Inneres. Die Zimmer Friedrichs des Großen. Ihre Ausstattung und ihre Schatze. Ter Saal der Wohlfahrtspflege. Buchdruck und Buchgewerbe. Eine Probe ihrer Leistungskraft.

Was lange währt, wird gut das alte Wort hat sich auch wieder bei unserem Deutschen Hause erfüllt, das jetzt, als einer der letzten Pavillons in der Straße der fremden Nationen, endlich seine Thore weit geöffnet hat.

Diese eben erwähnte Straße zieht sich am ^ken Seme-

in charakteristischen, heimatlichen Formen, oder auch in Zusammenfassung von allerhand Stilarten errichtet wur den Nur zum Teil sind diese Pavillons eigentlichen Aus-, kri-g^n^b-^'m ^Än^o^imn°Iw^ l g«, sie A« ^ge-

nut Unverstand ober Böswilligkeit beide idena | s^uichr^ls em^diNg^re^r ^^ll°an der'«us. stellunq beteiligten, und es war natürlich, daß em reger Wettkampf entstand, um in möglichst hervorragender und eindrucksvoller Weise auf dieser Straße vertreten zu feim

Die Gebäude der kleineren Nationen kamen m^st mA zweite Treffen, d. h. sie erheben sich hinter den Bauten, der größeren Staaten, die ihre Fronten der Seme zu- kehren. Hier ward mittelst starker Eisenträger eine fünf Meter über dem Quai befindliche Promenade geschaffen, welche zu den interessantesten und besuchtesten Spazier­gängen der Ausstellung gehört, denn gerade die Fremden bevorzugen diesen Teil auffaUenb, einer Stunde kann man hier einen beträchtlichen Teil der Svrachen des Erdballs vernehmen,-kann man ebenso ele^ gante wie eigenartige Erscheinungen des schwachen und, starken Geschlechts betrachten, kann man Physiognomien- und Toiletten-Stzudien anstellen, wie sie kaum im leb­haftesten und abwechselndsten Gewimmel des Boulevard- | tm6<ök 'chOchch^tunimelt es sich aber auch auf diesen glatte» Steinvlatten entlang, stets mit dem Blick auf die Seme und ihren fröhlichen, regen Schiffsverkehr, auf die prun­kenden Ausstellunqsbauten am anderen User, aus die pa vittons inunserer nächsten Nähe in die man gern seme I Schritte lenkt, um sich an den dort befmdlichenSeltenheiten I unb Kostbarkeiten zu erfreuen. Und wenn Ihr müde seid, I könnt Ihr Euch draußeii ausruhen und den, ununterbroche- Ien Zug der Promenierenden an Euch voruberziehen lassen, verspürt Ihr Hunger oder Durst, so steigt eine der vielen I Trevpen zum Quai hinab, und Euch wird die Wahl schwer. I werden, wo Ihr Euch niederlassen, welche.nationalen und internationalen Getränke und Speisen Ihr. zu Euch> neh- I men sollt, ob Euch verschleierte Schöne den türkischen Kaffee und aromatische Zigaretten servieren, ob Wiener Kellner, I s bitt' schönt Euch den Kapuziner oder einen Gespritzten! I bringen, ob buntkosttlmierte, blondhaarige Schwedinnen I Euch die flachen Schüsseln nut Lachs- und sonstigen Fisch- I gerichten, sowie den goldglänzenden kalten Punsch darbie- I ten oib Euchjeborne" Berliner kühle Rhem- und Mosel- I weine oder in kurze, rote Jacken und gelbbefranzte Hosen I gekleidete Spanier Malaga und Madeira kredenzen sollen, I denn für all das und für noch viel niehr ist hier unten

Deutschland und Amerika.

Die amtlichen Beziehungen zwischen den Kabinetten von Berlin und Washington sind Dunk der Haltung der | deutschen Regierung im spanisch-amerikanischen Kriege und dem Entgegenkommen der Vereinigten Staaten in der Sa­moafrage so vorzüglich, daß es begreiflicherweise Aufsehen, macht, wenn in der letzten Zeit wiederholt amerikanische Staatsmänner und Politiker in hoher und verantwort­licher Stellung scharfe Ausfälle gegen Deutschland sich er- I lauben. So haben vor kurzem der Kriegsminister Root und dieser Tage der Senator Lodge unter Berufung aus I die Monroe-Doktrin Deutschland förmlich den Fehdehand- I schuh hingeworfen, da es seine Kriegsflotte vermehre, um I seine Pläne in Brasilien zu verwirklichen. Wenn amen- I kanische Politiker derart mit dem Säbel rasseln und den I Krieg prophezeien, so weiß man ja allerdings nie, wieviel I Ernst dabei ist oder wie weit das Sensationsbedurfnis und I die Popularitätshascherei der Wahlkampagne mit sprechen. Immerhin mag es nicht überflüssig sein, grober .Nlßdeu- tmig entgegenzutreten, weil Verstimmung und Mißtrauen zwischen den beiden großen Staaten auf politischem Ge­biete nicht aufkommen darf, während wirtschaftliche Reib­ungen sich nicht immer vermeiden lassen.

Richtig ist, daß Deutschland sehr beträchtliche Inter­essen nicht nur in Brasilien, sondern auch in den meisten anderen Staaten Südamerikas hat. Ihr Wert wird auf rund 2 einviertel Milliarden geschätzt, in Brasilien allem auf 600 Millionen Mark. Darunter sind Banken, Handels­häuser, Fabriken und andere Anlagen, sowie Grundbesitz und Plantagen begriffen. Sechs Dampferlinien vermitteln zwischen .Hamburg-Breinen und den brasilianischen Hasen den Verkehr; neuerdings wird auch Nordbrasilien, wohm bis jetzt englische Tnmpfer von Hamburg fuhren, in die regelmäßigen Routen einbezogen, ^n Südbrasilien leben über 200 000 Deutsche als Kleinbauern, Kolonisten, Hand­werker Kaufleute usw. Der deutsch-brasilianische Handel L gegenwärtig ungefähr einen Wert von 150 Millionen ^carf, davon gehen über zweidrittel vor allem Kaffee, Tabak Kautschuk von Brasilien nach Deutschland, während wir nur für rund 50 Millionen Mark gewerb­liche Fabrikate hinüberschicken. Eme han)eatische e 11-

schaft hat zur Kolonisation einen Landvezirk von der Große des Großherzogtums Oldenburg erworben; mehrere andere Gesellschaften widmen sich der Anlage von Elektrizität^ werken und Eisenbahnen. Auch brasilianische Staats­papiere in nicht ganz geringem Betrage smd m deutschen

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2hiats« unb Anzeigeblatt für den Gießen

Zzertiner Aries.

(Plaudereien aus der Kaiserstadt.)

(Nachdruck verboten.)

Berlins sp-rtf,endig,ter Künstler. - Die entrüsteten Spandauer. Allerlei Sommersorgeo.

Die glücklich beendeten Tage der Ringkämpse im WiMcraarten", die mit einem Siege des riesigen Fran toien Vaul Pons geendet haben, hatten unter dem enthu­siasmierten Publikum einen regelmäßigen Ga,t mit einem "oa^-Stammsitz, der allen Wendungen in den stir Freunde des Atb et^ntums höchst interessanten Gangen mit der aröüten Ausmerksauikeit folgte, und häufig genug das Reichen mm App audieren gab. Die Sportfexe sahen zu je ner Log enipor uud schüttelten besorgt die Kopse, »en»; « einmal auf ich warten ließ ; und als er gar eines Abends ansblieb we i er auf Rügen in aller Geschwindigkeit em ^aar Schn"p n schießen wollte, da stand es am nächsten Taae i?i allen st-itungen und wurde als ein Zeichen ftines ^ilisiiatlens über zweifelhafte Entscheidungen leitetly der Lreisrichter gedeutet. Am übernächsten ^age l-doch, als hie Vögel ,mit dem langen Gesicht" erlegt und verspeist waren saß der stattliche Professor mit dem prächtigen grauen Vollbart und den blitzenden Augen wieder am $ nfiwfpt* Vlaü die Sportgigerln atmeten auf, die Re- Srter Metti unb bk'Jiinger arbeiteten mit doppe tem Cifei er war a ba, grollte nicht, schmo lte nicht, grüßte, lächelte und applaudierte, ganz wie vorgestern. der Meister »i *

Kerkau in seinem Cafee an der

ein großes Turnier besteht: und Begas dabei! Und man weiß es

manchmal wirklich nicht zu sagen, was ihn populär gemachtz

Und neben den leiblichen Genüssen fehlt s wahrlich nicht an Ohren- und Augenschmaus, das klimpert und sprelt und singt und springt allerorten, türkifche wie spanischs Huldinnen drehen sich im Reigen, Bosniaken fiedeln auf Kerl mit dem besten Herzen von . der Welt stecken kann., Was' ach er die Schlote anbelangt, so erklärte mrr erst un­längst ein schwer reicher Berliner Fabrikbesitzer und gau» normal gebildeter Mitteleuropäer, daß.ihm eine Gegend ohne Fabrikschornsteine geradezu verhaft sei. Wo keme ordentliche Esse raucht, ist nichts los in seinen klugen, unb da bekommt er das Gruseln!Die Geschmäcker sind> eben verschieden. Damit hätten sich die Spandauer, die den ac(iebten Juliusturm in ihren Revieren haben und daA tollste Bockbierfest in ganz Norddeutfchland fwern, fcöfteij sollen. Statt dessen haben ste sich offiziell nut dreier An aeleaenheit in der Stadtverordneteftiversammlung befaßt und Verwahrung gegen die pessimistische Schilderung ein­gelegt! Was haben sie schließlich davon ? wenn sie die Macht gehabt hätten, diesen ungerechtenRichter gN verdonnern, daß er Spandau auf ferne Kosten neupflastern lassen müsse! So aber sitzt er wohlgemut in Breslau und brütet vielleicht schon über eine Kränkung feiner einstigen Mitbürger! Die Spandauer haben open bar M wenig Sorgen. Ganz anders geht's der Berliner Stadtverwal­tung, die noch immer ca. 400 Kopfe, die deim letztes Umzug obdachlos geworden find, m städtischen, p^oviforifch hergerichteten Räumen beherbergt. Es sind das -eute, die durch den Mangel an kleinen Wohnungen, zum Teil aber auch durch ihre total zer^tteten Verhältnisse nirgends Unterknnst finden konnten. Welch häßlicher Gegensatz, dev leider in der Millionenstadt nie zu beseitigen fem wird'. Während diese Armen und Elenden der ösfentlicheii Armen­pflege zur Last fallen müssen, zerbrechen sich tausend andere seit Wochen den Kopf darüber, ob sie ihre Sommerquar- tiere im Harz oder an der Nordsee, in AbMia oder Berch tesgaben 'anffchlagen folleu; 06. sie, den Tonen des Baya reutljer Meisters in feinem Festspielhausc oder dem^P^ onsspiel der berühmten Oberammergauer l sch aruer ob fie lieber den Ausbruch des Vesuv^oder^die ^Parper Weltausstellung mit G 9 diesen Sommer-

Und es s°N Leute geben, die sch ° b'etomtn4, . . .

sreuden nichts entgehen lasten. ... j

I hat - wenigstens in gewissen Kreisen, denen em Lawn-. | tennis-Platz zehnmal höher steht, als em Biloyauer-Atelier,. fein Schloßbruimen und Kaiser-Wilhelm-Tenkmal oder die unermüdliche Bethätigung an allen Spiel- und Sport- sreuden. Mißtrauische Menschen fragen: Wann arbeitet er eigentlich? Denn Jagd und Spiel nehmenkem ^ide . Richtiger wäre vielleicht zu fragen: Wann schlaft er- Aber er ist eine von den glücklichen Naturen, die.mit.wen g Schlummer einen ganzen Vorrat neuer Kräfte sammeln und ungebeugt von den sieben Jahrzehnten, die hundert andere zu Greisen stempeln, seme ernsten und ftohlichen Wege zu wandeln weiß! Kein Maler, kein Musiker, kem Schauspieler oder Dichter von Ruf wird in Berlin so wie Reinhold Begas gekannt! eem Lächeln ist eme Gunst, sein Gruß eine Wonne, sein Urteil ein Gesetz,,für den zahllosen Kreis seiner Verehrer und ihm hattendie Spandauer jenen schlimmen Artikel über.ihre a te Va er- stadt in derIllustrierten Welt' sicher Nicht halb so^ubel genommen, wie dem bösen Divisionspfarrer Richterm Breslau, der ihn verfaßt hat, und sich zur gerechten Em­pörung aller guten Spandauer m der Einleitung also ver­nehmen läßt:Spandau! Welchen gebildeten Mittel­europäer überliefe nicht eine Gänsehaut bei der bloßen Nennung dieses Namens! Ein nervenerfchutterndes! Pflaster,' Armut, Schmutz, enge Straßen, weniganständige Menschen" darauf, Schlote in delphischer Zweideutigkeit, und über allem ein ewig verdüsterter Himmel durch die enorme Rauchentwickelung der großen militärischen Waffenwerkstätten rc." Nun ist ja leider manches davon wahr: ein schlechtes Pflaster hat Spandau, das muß ihm der Neid lassen; aber diese im Interesse aller Huhneraugen- tinkturen-Fabrikanten überaus dankenswerte Einrichtung teilt es mit -unendlich viel Schwesterstädten um Berlin herum! Die wenigenanständigen Menschen" darauf fmd aber jedenfalls einewenig anständige" Bezeichnung für . die im schwarzen Arbeitskittel in die Werkstätten eilenden oder von dort heimkehrenden fleißigen Schlosser, Dreher, Bohrer, Schmiede re., und Herr Richter sollte als Pfarrer j wissen, daß unter dem schwärzesten Kittel der anständigste