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Nr. 42 Erstes Blatt Dienstag den 20. Februar
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* Der Entsatz Kimberleys.
Allen bisherigen Meldungen von Erfolgen der Engländer auf dem südafrikanischen Kriegsschauplätze trug man ein großes Mißtrauen entgegen. Und das mit Recht! Schon mehreremale schwamm London in Wonne und jubelte Über Siege der englischen Truppen, die sich späterhin entweder als Pyrrhussiege erwiesen oder aber überhaupt nicht erfochten worden waren. Der erste Uebergang über den Tugelafluß, die Schlacht am Modder River, die Erstürmung drs Spionkop galten im ersten Augenblick als wirkliche und nachhaltige Erfolge der englischen Waffen, um dann später zu einem nichts zusammenzuschrumpfen bezw. sich als schwere 53pdufte der Briten zu enthüllen. Man kann es den leitenden Männern in London, ja man kann es dem englischen Volke nachfühlen, wie ungemein schmerzlich ihm der bisherige Verlauf des Krieges ist. Alle Kraft ist schon angespannt, die tüchtigsten Heerführer besinden sich auf dem Kriegsschauplätze, alles nur irgend entbehrliche Militär ist in Aktion, und noch immer hat man des Bauernheeres nicht Herr werden können, ja man vermochte noch keinen für die Engländer erfolgreichen Schlag zu thun. Die Ehre Old Englands fleht auf dem Spiele, das vor dem kleinen Burenvolke die Segel streichen muß! Kann man es unter diesen Umständen den Engländern verdenken, daß sie sich so dringend nach einer Wendung des Kriegsglückes sehnen, daß sie auch einen vorläufig noch zweifelhaften Erfolg zu ihren Gunsten auslegen und über Siege jubeln, die zwar noch nicht erfochten sind, aber ihrer Meinung nach gar nicht ausbleiben können?
Nun soll es ja dem General French gelungen sein, die seit mehreren Monaten von den Buren belagerte Stadt Kimberley zu erreichen und der Besatzung die lang ersehnte Hilfe zu bringen. Das wäre immerhin ein Erfolg zu nennen, und die Freude der Londoner würde berechtigt sein, wenn man sich nicht fragen müßte, wie es kommt, daß die Buren, welche doch stark befestigte Stellungen um Kimberley einnahmen, den General French durchließen, falls ihnen an der Fortsetzung der Belagerung Kimberleys etwas gelegen war. Sollte man in England wieder einmal zu früh gejubelt haben, und sollte Dr. Leyds, der Transvaalgesandte in Europa, Recht behalten, welcher behauptet, Kimberley sei eine Falle gewesen für den General French, der nun von der übrigen Armee des Oberkommandierenden Roberts abgeschnitten wäre? Verschiedene Nebenumstände lassen vermuten, daß auch dieser angebliche Erfolg der Engländer zweifelhafter Natur sein muß, insbesondere da die telegraphische Verbindung mit Kimberley neuerdings unterbrochen ist, was nicht der Fall sein würde, wenn French in regelrechter Fühlung stände mit dem englischen Hauptheere.
Vielleicht liegen schon an offiziöser Stelle in London nähere Nachrichten vor, aber man beliebt wieder, dieselben zurückzuhalten. Die Erfahrung sollte doch gelehrt haben, wie verkehrt es ist, die Wahrheit zu verheimlichen, die, wenn sie schließlich in voller Tragweite an den Tag kommt, nur um so schlimmer wirkt, weil sie auch.inzwischen genährte frohe Erwartungen zerstören muß.
* Vom Kriegsschauplatz.
Das Kriegsglück ist wandelbar, und wie oft es wechselt, das beweisen die gestern eingekommenen Nachrichten. Zuerst telegraphiert Buller, daß sich die Buren unter Cronje auf dem Rückzüge nach Bloemfontein befänden, vergißt aber nicht zu melden, daß sie dabei einen großen Train mitgenommen haben. Was der Train enthalten hat, ist nicht gesagt, wahrscheinlich Munition und Proviant. Es muß immerhin wunder nehmen, daß man auf dem Rückzüge Gelegenheit zu einer solchen Beute findet. Bei der Sympathie, deren sich die Buren bei uns erfreuen, wirkte diese Nachricht niederschlagend; um so freudiger wurde folgende Nachricht begrüßt:
London, 17. Februar. Delarey ging im Rucken der fliegenden Kolonne Frenchs wieder vor, schnitt besten Ver- imdnngslinie ab und na hm seinen gesamten PrLpiant- vnd Munitions-Train weg. Delarey steht südöstlich von Jacobsdal, Roberts' Rücken bedrohend. Prinsloo deckt Bloemfontein mit starken Kommandos, und Cronje sucht Roberts gegen die befestigten Höhenzüge nordwärts zu ziehen.
Diese Ansicht entspricht unserer Meinung von den Plänen Cronje's, und bei ihr bleiben wir auch heute noch stehen, wenn auch eine weitere Nachricht einer Hiobsbotschaft ähnelt:
London, 17. Februar. Feldmarschall Roberts meldet 4U8 Jacobsdal vom 17. dss. Mts.: General Kelly-Kenny
erbeutete gestern 78 Waggons Vorräte, von denen zwei mit Mausergewehren beladen waren, ferner acht Kisten Granaten und zehn Fässer Sprengstoffe. Die Beute gehörte dem Lager des Generals Cronje an, das die britische Artillerie noch beschoß, als Lord Kitcheuer vorstehende Meldung absandte.
Jacobsdal, 17. Februar. Wegen Erschöpfung der Zugochsen mußte der Bureu-General Cronje mit den ihm verbliebenen Wagen ein Lager bilden, das General Kelly- Kenuy's Artillerie gegenwärtig energisch beschießt. (Reuters Bureau.)
Der Inhalt dieser Telegramme wäre ein schlechtes Zeichen für die Aussichten der Buren, wenn er allenthalben der Wahrheit entspräche. Da aber Cronje aus benj ihm verbliebenen Wagen noch ein Lager, was so viel wie Verschanzung besagen will, bilden konnte, wird der Verlust der angeblichen 78 Wagen ihn nicht zu sehr schmerzen. Viel- leicht ist es auch nur ein Schachzug von ihm, durch einen schnellen Rückzug einen Teil der Engländer vom Hauptkorps abzutrennen, und nach alter Taktik dann den Kampf mit dem verminderten Feind aufzunehmen; hierauf deutet auch das amtlich freilich noch nicht bestätigte Eingreifen Delarcys ein. Die nächsten Tage werden die Entscheidung bringen. Im Süden sind die Buren erfolgreich gewesen, wie das aus den Nachrichten hervorgeht. Zur Ergänzung möge noch mitgeteilt sein, daß die Engländer in Rensburg eine Menge Vorräte zurückließen, während zwei Kompagnien des Wilkshire-RegimentS, als sie sich vom Kloof-Lager zurückzogen, den Weg verloren und vermißt werden „Ihr Aufenthalt ist jedoch bekannt. Voraussichtlich werden sie heute abend befreit werden", bemerkt das amtliche Telegramm hierzu.
Die Stimmung in London
ist natürlich eine sehr gehobene. Die „Times" bezeichnen den Entsatz als solide Errungenschaft, die die Begeisterung, mit der die Nachricht im Jnlande und in den Kolonien aufgenommen wurde, völlig rechtfertige. Der „Standard" meint, die Operationen des Generals French, so glänzend sie auch gewesen, seien nur das Vorspiel des Dramas, dessen Hauptakt die Zertrümmerung der Streitkräfte Cronje's bei Magersfontein sein müsse. Man dürfe bald von der größten Schlacht des Krieges, die bislang geliefert worden ist, hören, vorausgesetzt, daß die Buren nicht bereits geflüchtet seien. Dies scheine indes nicht wahrscheinlich, da der Vormarsch der Briten in der Richtung, in der er stattfand, nicht erwartet wurde. Die Lage fei demnach unzweifelhaft günstig und dürfte in Kürze auf diesem Teile des Kriegstheaters entscheidungsvoll werden. Eine Kap- städter Drahtung besagt, General French wurde Donners- tagaben in Kimberley mit stürmischer Begeisterung empfangen, weniger von der Bevölkerung als vom Militär.
Die Belagerung von Kimberley hat genau vier Monate gedauert, denn seit dem 15. Oktober, vier Tage nach dem Ausbruche des Krieges, war der Ort von den Buren eingeschlossen, welche unbegreiflicherweise großen Wert auf die Einnahme desselben legten, weil Cecil Rhodes sich daselbst eingeschlossen befand. Da dieser Mann den Engländern ebenso wichtig zu sein schien, veranstalteten sie unter Mißachtung aller militärischen Erwägungen einen förmlichen Feldzug zur Befreiung desselben. Am 19. November wurden Lord Methuens Truppen am Oranje-Fluß konzentriert und am 23. November griff er die Buren bei Belmont an, worauf diese sich nach Enslin zurückzogen. Dort wurden sie von Methuen am 25. November angegriffen, und wieder zogen die Buren sich zurück. Dann aber kam der englische Angriff zum Stillstand, denn nachdem Lord Methuen am 28. November vergeblich versucht hatte, den Uebergang über den Modderfluß auszunutzen, erlitt er am 11. Dezember bei Magersfontein eine schwere Niederlage, die ihn bis jetzt zum Stillehalten gezwungen hat. Aber auch alle Versuche der Buren, Kimberley durch Beschießung und Aushungerung zur Uebergabe'zu zwingen, waren vergebliche.
Vom
öftlichen Kriegsschauplatz
erfährt „Daily Mail" über Loureneo Marques, daß die Buren bei Ladysmith jede Nacht durch 2000 Kaffern Sandsäcke in das Bett des Klipflusses legen lassen, um den Fluß abzudämmen. Die Arbeiten können nur nachts ausgeführt werden, da die Leute am Tage unter englischem Feuer sein würden; 10,000 Säcke sind schon im Flußbett und eine ähnliche Quantität wird vorbereitet. Man glaubt, wenn die Abdämmung gelingt, werde das zwei englische Meilen außerhalb Ladysmith befindliche
Hospital isoliert und zum Teil unter Wasser gesetzt werden und auch andere Stellungen der Engländer würden isoliert werden.
Aus dem englischen Lager bei Frere wird dem „Daily Telegraph" unterm 13. Februar gemeldet, daß das Bombardement von Ladysmith heftig ist. Die Buren werfen auf dem südlichen Ufer des Tugela Schanzen auf, und sie haben zwei, wenn nicht drei hölzerne Brücken über den Fluß, der augenblicklich niedrig ist, gebaut. Der Korrespondent des Bureau Reuter in Ladysmith, Herr Hutton, ist von dort entwischt, und in Frere angekommen. Derselbe sagt, daß die Garnison voll Hoffnung sei.
* *
Paris, 17. Februar. Der „Temps" wird aus London gemeldet: Die Buren dringen in der Kapkolonie energisch vor. Aus dem Kriegsamte hegt man ernste Befürchtungen bezüglich der Verbindungslinien des Lord Roberts. Der Vorstoß der Buren, welcher gestern bis Rensburg reichte, scheint sich schon bis zur Linie De Aar-Kimberley erstreckt zu haben. Die Postverwaltung gibt bekannt, daß die Verbindung mit Kimberley noch nicht, oder nicht mehr osten ist. In militärischen Kreisen herrscht im allgemeinen der Eindruck, daß der Zug des Generals French zu gut gelungen sei, mit anderen Worten, daß Lord Roberts überflügelt und abgeschnitten worden sei.
London, 18. Febr. Gerüchtweise verlautet, dafi Buller neuerdings von den Buren zurückgeworfen wurde. Die Verluste der Engländer sind bedeutend.
London, 18. Februar. Bei Dordrecht wurde das Regiment der Brabant-Horse von den Buren überrascht. Bei dem stattgefundenen schweren Kampfe erlitt das Regiment große Verluste.
London, 18. Febr. Reuters Bureau wird unter dem gestrigen Datum aus Jakobsdal gemeldet: Infolge des Kampfes am Rietfluß am Mittwoch eroberten d i e Buren den britischen Konvoi von 200 Wagen Die englischen Verluste sind in Anbetracht des furchtbaren Bonbardements gering. Sie beliefen sich auf einen Toten und weniger als 30 Verwundete. Der Angriff der Buren war vorzüglich geplant. Der Konvoi war zurückbeordert worden. Doch hatte er den Befehl nicht rechtzeitig erhalten. Die Buren eröffneten ein sehr genaues Feuer. Oberst Ridley mit einer Brigade berittener Infanterie verteidigte den Konvoi. Den Befehl über die Buren führte General Delarey, der vom Norden der Kapkolonie Cronje in Eilmärschen zu Hilfe eilte.
Demselben Bureau wird vom Freitagabend aus Ja- eobsdal telegraphiert: Kelly Kennys Division hat über 70 von Cronjes Wagen mit einer großen Anzahl von Proviant und Gewehrmunition erbeutet. Cronje mußte wegen Ermüdung seiner Ochsen ausspannen und mit den nicht eroberten Wagen ein Lager bilden. Als die Meldung Freitagabend abging, bombardierte die englische Artillerie fein Lager kräftig.
— Aus LoureneoMarquez wird gemeldet: Von per Burenseite eingetroffene Telegramme berichten, die britischen Truppen griffen abermals Vaalkrantz an. Ein heißer Kampf wütet, die Buren halten gegenwärtig ihre Position.
London, 17. Februar. „Daily Mail" wird aus Pietermaritzburg telegraphiert: Die Buren verlassen sich bezüglich der Verhinderung von Roberts Vormarsch im Freistaat auf ihre Trancheen und Stacheldrahtzäune an den Hauptstraßen entlang. Auch die Straßen nach Ladysmith sind mit gleichen Fallen besetzt.
— Aus Sour en co Marques wird gemeldet, Kimberley habe ein schweres Bombardement ausgestanden, verschiedene Gebäude seien niedergebrannt. Die Garnison machte einen Angriff auf die Burengeschütze bei Stone» ferdam, zog sich aber nach scharfem Scharmützel zurück. — „Standard" hält die Operationen des Generals French nur für das Vorspiel des Dramas, dessen Hauptakt die Zertrümmerung der Streitkräfte Cronjes bei Magers- fontein sein müsse. Es werde eine der größten Schlachten, die bisher geliefert seien, erwartet, und zwar in der nächsten Zeit.
17. Febr. Ein Mitglied der liberalen Partei hat die Regierung verständigen lassen, daß es über IamesonS Einfall interpellieren werde. Man erwartet bei dieser Gelegenheit äußerst heftige Debatten und sieht mit großer Spannung der Antwort Chamberlains entgegen.
London, 17. Febr. Die Zahl der inLadysmith befindlichen Soldaten und Einwohner beträgt 17 000. Todesfälle kommen durchschnittlich 14 pro Tag vor. Die meisten sterben am Typhus.
Brüssel, 17. Febr. Dr. Leyds läßt die Nachricht dementieren, wonach er den Verrat eines Beamten des französischen Marineministeriums der französischen Regierung mitgeteilt habe, nachdem er selbst Kenntnis von englischen Aktenstücken erlangt habe.


