Ausgabe 
19.10.1900 Zweites Blatt
 
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aufgeklärt. Das Ergebnis der Leichenöffnung, auf das die Kriminalpolizei mit Spannung wartete, läßt keinen Zweifel mehr bestehen, daß Frau Nerger eines gewalt­samen Todes gestorben ist. Die Kriminalpolizei rechnete von vornherein mit der Möglichkeit eines Ver­brechens und traf darnach ihre Maßnahmen. Trotzdem aber wäre es wünschenswert gewesen, wenn man die Leichenöffnung -etwas früher voraenommen und so der Kriminalpolizei eher Gewißheit und nähere Auskunft über die Art des Todes gegeben hätte. Gestern nachmittag er­warteten der Chef der Kriminalpolizei Regierungsrat Tieterici, Kriminalinspektor Klatt und Kriminalkommissar Wanowski im Präsidialgebäude das Ergebnis und erhielten es um 6 Uhr abends. Frau Nerger ist durch Hinein­stoßen des Tuches in den Mund getötet worden, also erstickt. Das Tuch war so weit und so fest hinein- gestopst, daß die Frau es unmöglich selbst eingeführt haben kann. Es ist auch, wie die Leichenöffnung ergab, mit solcher Gewalt geschehen, daß ihr einige Zähne ausgestoßen Wurden. Außerdem hat die Ermordete einige Kratzwunden am Halse und am Kinn. Der mut­maßliche Mörder ist in der Person eines am 14. Juli 1867 zu Berlin geborenen Arbeiters Richard Müller, der früher Klempner war, vom Kriminal- lommissar Wanowski bei der Durchsuchung der Kaschemmen in der Fennstraße am Montagabend ermittelt und f e st- genommen worden. Er war am Samstag bei einem Klempner in der Müllerstraße zur Aushilfe beschäftigt und wurde zunächst mit dem Zimmermann aus der Anton­straße verwechselt. Müller ist es, der am Samstagabend mit der Frau Nerger von 8 bis 11 Uhr bei Schirmer und dann bis 1 Uhr in anderen Lokalen kneipte. Zwei Frauens­personen sahen ihn um halb 2 Uhr in der Lindowerstraße mit der Nerger gehen, die er fest umschlungen hielt. Er bestritt zunächst alles und wollte um ein Uhr nachts im Asyl in der Wiesenstraße Aufnahme gefunden haben. Es wurde ihm aber nachgewiesen, daß dort bereits um halb 6 Uhr abends die letzte Aufnahme stattgefunden hatte. Nun erklärte er, daß er sich geirrt habe; er habe keine Auf­nahme gefunden und habe sich daher in der Gegend des Asyls die Nacht umhergetrieben. Es sind Zeugen vor­handen, die bekunden, daß Müller mit Frau Nerger das Haus Schulzendorferstraße Nr. 7 betreten habe. Dazu kommt, daß er ein Halstuch, das er vorher trug, jetzt nicht mehr hat. Vermutlich ist es dasselbe, das Frau Nerger in den Mund gestopft worden ist. Dieses Tuch wird ge­reinigt und dann den Personen, die Müller gesehen haben, vorgelegt werden. Zunächst hat man einen Gipsabdruck davon gemacht. Müller hat auch leichte Verletzungen an der Hand. Er behauptet, diese bei den Klempnerarbeiten in der Müllerstraße bekommen zu haben, die Kriminal­polizei dagegen nimmt an, daß er sie sich beim Einstoßen des Tuches in den Mund zugezogen habe. Die Verletz­ungen werden noch im Laufe dieser Nacht photographiert. Man wird dadurch feststellen, ob diese Verletzungen Ein­drücke von Zähnen sind, wie die Aerzte annehmen. Müller ist wegen Raubes, schweren und leichten Diebstahls mit Zuchthaus bestraft und befand sich im Jahre 1883 unter dem Verdachte, gegen einen Knaben sich vergangen zu haben, in Untersuchungshaft, wurde jedoch entlassen, weil das Verbrechen ihm nicht bestimmt naähgewiesen werden konnte. Beim Schluß des Verhörs gab er gestern abend zu, mit der Frau Nerger bis 1 Uhr in der Lindowerstraße zusammen gewesen zu sein. Er räumte auch ein, daß er die Frau utmschlungen habe. Um 1 Uhr aber sei ein Unbe­

kannter gekommen, habe ihm seine Begleitung äbgenom- men und sei mit ihr weiter gegangen.

Arbeiterbewegung.

Brüssel, 16. Oktober. Die Glasarbeiter im Hennegau beschlossen in ihrer heutigen Versammlung, den Streik bis aufs Messer fortzusetzen. Es sollen ihnen von anderen Arbeitsorganisationen reich­liche Mittel zugefloffen sein. Andererseits versichert das klerikale XX. Siecle", daß die Arbeiter trotzdem sofortigem Frieden bereit wären, wenn die Unternehmer nur im geringsten entgegenkämen.

ReW'Nork, 17. Oktober. Die Beilegung des Streiks der Kohlenarbeiter ist in Sicht, da mehrere Kohlengesellschaften weitere Konzessionen machen. Eine in Philadelphia abgehaltene Konferenz der in der Kohlenindustrie beteiligten Einzelunternehmer und Ver­treter der großen Gesellschaften beschloß, die von dem Grubenarbeiter- verbande aufgestellten Forderungen anzunehmen. Dieser Beschluß bedeutet die unmittelbare Beendigung des Ausstandes.

Gottesdienst der israelitischen Keligionsgesellschast.

Sabbathfeier am 20. Oktober 1900.

Freitag abend ö Uhr, Samstag vormittag k»o Ubr, nachmittags 3 Uhr, Sabbathausgang 6" Ubr, nachmittag 2m Schrifterktäruug.

Wochengottesdienst: morgens 7 Uhr, abends 4 Uhr.

Neueste Meldungen.

Berlin, 18. Oktober. Aus London wird gemeldet: DieTruth" erklärt, daß König Leopold von Belgien, der einer der Testaments-Voll streck er der Kaiserin Friedrich sei, diese demnächst in Geschäften in Fried - richShof besuchen wird.

Berlin, 18. Oktober. Mit dem K a n z l e r w e ch s e l beschäftigen sich bis jetzt nur einige Morgenblätter, da ihnen der RücktrittHohenlohe's und die E r n e n i: - ung des Grafen Bülow zum Nachfolger erst in später Abendstunde zugegangen ist. DieDeutsche Tages- Zeitung" sagt: Der Rücktritt Hohenlohes sei nicht ein Ereignis von besonderer politischer Bedeutung mehr. Tas Kl. Journ." schreibt: Nie vielleicht hat sich der Ab­gang eines ersten Dieners der Krone bei uns zu Lande ruhiger abgespielt, als bei dem des Mannes, dem man heute den politischen Nachruf zu halten hat. Fürst Hohen­lohe ist nicht gestürzt. Er bleibt im Vollbesitz des Ver­trauens und der Wohlgewogenheit seines kaiserlichen Herrn ohne Zwist und Auseinandersetzung. DieVoss-. Zkg." sagt, der scheidende Reichskanzler blicke auf eine Laufbahn reich an Erfolgen und Ehren, aber auch reich an Mühen und Sorgen zurück. Fürst Hohenlohe als Nach­folger des Grafen Caprivi wurde von dessen Gegnern ver­trauensvoll begrüßt. Graf Bülow erfreut sich der vollsten Gunst des Kaisers und gilt als der eigentliche Urheber der jüngsten Flottenvermehrung. DasB. Tgbl." schreibt: Fürst Hohenlohe darf wegen dessen, was er gewollt, der Anerkennung der Mit- und Nachwelt sicher sein, wenn auch das, was er vollbracht, weit hinter den Erwartungen zurückbleibt, die au seinen Eintritt ins Reichskanzleramt von hoch und niedrig geknüpft worden waren. Sein Nach­folger wird sich sagen müssen, daß es nur einen Weg giebt, das Reichskanzleramt segensreich für die Allgemein­heit zu gestalten, nämlich es im Geiste der Reichs-Ver­fassung zu üben und im steten Bewußtsein der Verant­wortlichkeit, die es ihm auferlegt. DerBörsen-Courier" sagt: Graf Bülow hat sich als Diplomat bewährt und nun werden wir sehen, wie er für die neuen Handelsverträge

seine junge Kraft einzusetzev und Hindernisse sachliche? und persönlicher Art $u beseitigen gedenkt. DieVolks­zeitung" meint, der Rücktritt des Fürsten Hohenlohe hätte zu keinem für die Reichsregierung ungünstigerem Augen­blick erfolgen können als im gegenwärtigen. Für die Opposition sei eine Situation geschaffen, die ihr die größten moralischen Erfolge bei der ganzen Nation sichert, wenn sie die Debatte im Reichstage mit rücksichtslosester' Schärfe führe. DerVorwärts" schreibt: Der dritte Kanzler des deutschen Reiches hat sich von seinem Platze geschlichen, der Kanzler des Verhinderns, der immer mehr zum unaufschiebbaren Kanzler wurde. Es ist sonderbar, daß Füüst? Hohenlohe sich plötzlich dazu entschlossen hat, den Kanzlersessel zu verlassen. Noch sonderbarer ist es aber, daß er erst jetzt diesen Schritt thut. Er hätte einen würdigen Abgang in der ersten Zeit der China-Krisis gefunden. Sein Rücktritt bedeutet jetzt, wo es gilt, dem Reichstage Rechenschaft abzulegen, die schärfste Verurteil­ung der gesamten China-Politik des Grafen Bülow.

Frankfurt a. M., 18. Oktober. Der Kronprinz traf heute morgen unv 6 Uhr 48 Min. mit dem fahrplan­mäßigen Zuge von Berlin kommend hier ein und fuhr um 7 Uhr mittelst Extrazuges nach Homburg weiter.

Paris, 18. Oktober. Ministerpräsident Waldeck- Rousseau wird am Sonntag den 28. Oktober seine an­gekündigte große politische Rede bei einem Bankett in Toulouse halten, in der er das Programm der Regierung auseinandersetzen wird.

Paris, 18. Oktober. Kriegsminister Andre und Marineminister L an ess an sind gestern in Tunis ein­getroffen. Nachmittags 2 Uhr wurden die Minister vo« Bey empfangen, dem sie die Glückwünsche der französische« Negierung überbrachten, und ihm zu den im Lande erzielte« Fortschritten gratulierten. Der Bey beglückwünschte die Minister seinerseits zu den raschen Fortschritten der Be­festigungsarbeiten von Biserta. Er bat sie, dem Präsi­denten Loubet seine Grüße zu übermitteln.

Calais, 18. Oktober. Gestern traf von London kom­mend hier ein englischer Personendampfer mit gelber Flagge ein. An Bord desselben sollen sich mehrere Pestkranke befinden.

Wien, 18. Oktober. Die Blätter schreiben zum Rücktritt des Fürsten Hohenlohe, daß derselbe keine Ueberraschung bringe. Höchstens müsse man sich darüber wundern, daß Fürst Hohenlohe seine Demission erst jetzt eingereicht habe. Kaiser Wilhelm werde sicherlich dafür sorgen, daß der neue Reichskanzler strnd aller Kraft für Deutschlands China-Politik eilt trete. Fürst Hohenlohe habe nie einen Hehl daraus gemacht, daß er in der China-Politik des Kaisers nicht ein­verstanden sei. _____

201.90

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Kreditaktien . . . Diskonto-Kom mandit Darmstädter Bank . Dresdener Bank . . Berliner Handelsges. Oesterr. Staatsbahn Gotthardbahn . . Laurahütte . . . Bochum . . . . Harpener . . .

94.55

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23.75

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74.

Telephonischer Kursbericht.

Frankfurt, den 18. Oktober.

. 170. . 128.80 . 140.60 . 141.3« . 136.70 . 139. . 192.50 . 171 . 172.25

Tendenz: ruhig.

| Der Gebrauch von

L Fay*

echten Sodener Mineral-Pastillen hat nicht wie andere Hustenmittel lästige Nebenerscheinungen, als Magenbeschwerden, Uebelsein etc. zur Folge. Ganz im Gegenteil wirken dieselben vermöge ihres hohen Salzgehaltes äusserst gün­stig auf den Magen ein und können mit Erfolg selbst bei Magenkatarrh verwendet werden. FaysechteSodenerMineralpastillen sind in allen Apotheken, Droge­rien und Mineralwasserhandlungen zum Preis von 85 Pfg. p Schachtel zu haben. Man achte jedoch beim Einkauf darauf, dass jede Schachtel mit einem weissen Streifen ver­sehen ist, dem eine amtliche Be­scheinigung d. Bürgermeisteramtes und des Gemeinderates zu Bad Soden a. T. aufgedruckt ist.

An Kehlkopf- a

und

Lungenleiden

erkranken in der rauheren Jahres­zeit nicht nur Frauen und Kinder, auch die Männerwelt liefert ein erkleckliches Kontingent von

Halsleiden,teilweise hervorgerufen durch die grösseren Ansprüche an die Stimm- und Athmungsorgane, teilweise bedingt durch längeres Aufhalten im Freien, bei scharfen, austrocknenden Winden, Nebel und Wetterstürmen. In all diesen Fällen der Reizungen des Rachens, des Kehlkopfes und des Halses, sowie der Entzündungen der

Schleimhäute sind

Fays echteSodenerMineralpastillen das bewährteste Mittel, denn die Schleimlosung und die Wieder­herstellung der natürliehenThätig- keit der Schleimhäute ist unaus- . 6850 bleiblich.

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Gießen, den 17. Oktober 1900.

Gr. Hess. EisenbahwBetriebsinspektion 1.

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Wänner-Hurnverein Hießen

Wir teilen unseren verehrüchen Mitgliedern hierdurch mit, daß sich unser

Vereinslokal

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Lony's Bierkeller (Gastwirt Fath)

befindet. Der Vorstaub.

Evaug. Gottesdienste der Methodisten-Gemeinde.

Neuenweg Nr. 9, Hinterhaus 1. Stock, Eingang Erlengaffe.

Sonntag den 21» Oktober, nachmittags 4Vs Uhr. Herr Prediger C. Wendt.

Mittwoch abenb 8Vs Uhrr Bibelstunde.

Jedermann freundlichst willkommen.