Rr. 245 Zweites Blatt. Freitaa den 19 Oktober 15V. Jahrgang IQOQ
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Des Fürsten Hohenlohe Abschied.
Homburg v. d. H., 17. Oktober. Der Kaiser vollzog heute die Erueuuung des Staatssekretärs Grafen v. Bülow zum Reichskanzler, preußischen Ministerpräfideuten und Minister der auswärtigen Angelegeuheiteu.
Am Abend pes 29. Oktober 1894 brachte der „Deutsche Reichs- und preuß. Staatsanz." an der Spitze ferner amt- licheii Nachrichten die Mitteilung, daß der Kaiser den Grafen Caprivi vom Reichskanzlerposten und Ministerrum des Auswärtigen, den Grafen Eulenburg vom Minister- präfidium und Ministerium des Innern entbunden habe, und daß der Statthalter von Elsaß-Lothringen, Fürst zu Hohenlohe-Schillingsfürst, Prinz von Ratibor und Corvey, zum Reichskanzler, Präsidenten des preuß. Staatsminrste- riums und Minister ides Auswärtigen, der Unterstaatssekretär im Ministerium von Elsaß-Lothringen v. Köller zum preußischen Minister des Innern berufen sei. General v. Caprivi war seinerzeit gleichsam aus der Front heraus auf den Reichskanzlerposten abkommandiert worden und im diplomatischen Dienste völlig ein homo novus; der Mann, der nunmehr sein Erbe antrat, hatte als Diplomat gewissermaßen von der Pike an gedient und eine an Ruhm und Ehren reiche staatsmännische Vergangenheit hinter sich Graf Caprivi hatte sich selbst als einen einfachen Offizier „ohne Ar und Halm" bezeichnet; nun trat an seine Stelle ein reichbegüterter Grandseigneur von höchstem Adel, der einst in einer erregten Debatte in der bayerischen Kammer einem Prinzen -des Königshauses zugerufen hatte: „Was Sie sind, bin ich auch!" Und zugleich trat jetzt an die höchste Stelle des Reiches der erste „Civil"-RerchDkanzler. Fürst Bismarck war seit 1866 im Dienst nie anders als in feiner historischen Kürassieruniform erschienen, Graf Caprivi hatte auch als Reichskanzler stets die Jnfanterie- Generalsuniform getragen; jetzt zum ersten Male waltete im Reichskanzlerpalais in der Wilhelmstraße ein Mann im schlichten Bürgerrock, erschien bei Hoffesten der Reichskanzler zum ersten Male in einer Civil-Galauniform, irn Parlament im einfachen schwarzen Gehrock. An der Stelle im Reichstage, wo vordem des Fürsten Bismarck mächtige Hünengestalt sich emporgereckt und wo dann später die schlanke und geschmeidige, aber doch straffe und sehnige Soldatenfigur des Grafen Caprivi ausragte, stand jetzt ein kleiner, von der Last der Jahre gebeugter Herr, eine elegante, fast zierliche Gestalt, mit einem klugen, fern geschnittenen Gesicht, mit spärlichem grauen Haar und einem die Lippern beschattenden grauen Schnurrbart: eine Erscheinung von natürlicher Vornehmheit, die das, was die Franzosen als Grandseigneurallüren bezeichnen, nicht verleugnen konnte, die zugleich aber mit einer liebenswürdigen Bescheidenheit verbunden war. die dem Wesen des Kanzlers eine besondere Anmut verlieh, durch die er sich noch überall, in dem deutschfeindlichen Paris der siebziger Jahre, wie später in den Reichslanden, auch die Herzen der Widerstrebenden erobert. Allerdings lag in seinem ganzen öffentlichen Auftreten sowohl in seiner Erscheinung wie in der Art seiner Rede nichts, was blenden oder gar die Masse hinreißen und zwingen könnte. Er ist nicht ein Mann des Wortes. Seine Aussprache hat einen leisen Anklang an das gemütlich Bayerische; sein Organ ist schwach; längeres Sprechen bereitet ihm ersichtlich Anstrengung. Ihm fehlt die Gabe der Improvisation, fehlt völlig die Kraft und Eindringlichkeit der Bismarck'schen Beredsamkeit mit der Unerschöpflichkeit und Deutlichkeit ihrer Bilder, der Plastik und Sinnlichkeit ihres Ausdrucks; er hat sich deshalb auch im Parlament zumeist darauf beschränkt, schriftlich aufgesetzte Erklärungen zu verlesen, während er der eigentlichen parlamentarischen Feldschlacht behutsam aus dem Wege ging. Das alles erklärt zur Genüge, daß das Bild des greisen Staatsmannes, der im sechtzundsiebzigsten Lebensjahre pflichttreu noch die Bürde des Reichskanzleramtes auf sich nahm, weiten Zlreisen des Volkes ziemlich unklar und schattenhaft, daß seine Persönlichkeit dem Volke so gut wie völlig unbekannt geblieben ist. Wollte man an die Popularität des ersten deutschen Reichskanzlers erinnern, so würde man dem Nach folger durch einen solchen Vergleich Unrecht thun; immerhin hat selbst das Bild des Grafen Caprivi sich markanter dem Volksbewußtsein eingeprägt als es dem Bilde des dritten deutschen Kanzlers beschieden war.
Wiederholt hatte Fürst Bismarck rn früheren Zähren seines bayerischen Mitarbeiters „Geschicklichkeit" und „patriotisches Pflichtgefühl" rühmend hervorgehoben, und eben dieses patriotische Pflichtgefühl bewahrte sich auf^ glänzendste, als Fürst Hohenlohe im -Oktober 1804 den ihm lieb gewordenen Posten als Statthalter in ^^^Loth- ringen verließ, um in Berlin das verantwortungsvolle Amt des Reichskanzlers anzutreten. Er war in der Wilhelmstraße kein Fremder mehr, da er bereits im Jahre 1880 interimistisch das Staatssekretariat des Auswärtigen Amtes verwaltet hatte; aber schon nach einem halben Jahre hatte er, wie Fürst Bismarck später im Reichs
tage mitteilte, offen erklärt, daß seine Kraft und Gesund- I heit der damit verbundenen Geschäftslast nicht mehr gewachsen sei. Er war inzwischen um vierzehn Jahre älter I geworden. Er fühlte sich in Straßburg wohl und heimisch I und hatte, wie er selbst den Straßburgern beim Scheiden I versicherte, gehofft, dort sein Leben beschließen zu können. I Aber als seines Kaisers Ruf an ihn erging, da zögerte I er keinen Augenblick, jd.as ihm so lieb gewordene Amt I auszugeben und die weit schwerere Bürde jenes andern I zu übernehmen; es war sein patriotisches Pflichtgefühl, ] das ihn ohne Zaudern sein eigenes Behagen dem Dienste I des Vaterlandes opfern ließ. Daß damals der Blick seines I kaiserlichen Herrn auf ihn sich! richtete, ist erklärlich, denn chon wiederholt war Fürst Hohenlohe von der öffentlichen I Meinung als der „kommende Mann" bezeichnet worden: I o in der Kanzlerkrisis im April 1877 und daun wieder in I den Jahren 1880 und 1888. Seit jeher hatte er unter I den bayerischen Reichsräteri als der beste Preußenfreund I gegolten, und unvergessen wird ihm bleiben, was er seit I 1867 als leitender Minister Bayerns für die deutsche Sach^ geleistet hat. Gründlich und systematisch im Erwägen — so hat ihn Heinrich v. Sybel charakterisiert —, bedächtig und umsichtig im Handeln, erfüllt von humanem Wohlwollen und warmer Vaterlandsliebe, in jeder Stellung ein pflichttreuer und zuverlässiger Charakter, so bewährte er sich damals in schwierigster Lage, und wenn er schließlich! eben wegen seiner gut deutschen Gesinnung dem Ansturm der Partikularisten unterliegen mußte, so konnte er doch den Trost und die Genugthuung mit sich nehmen, daß I seine Arbeit nicht vergeblich gewesen und den Gang der Dinge aufzuhalten unmöglich sei. Als ReichSkanzler hat Fürst Hohenlohe später im Reichstage an seinen Sturz als bayerischer Ministerpräsident erinnert, und er konnte bei dieser Gelegenheit sagen, dag er damals durch ein ihn ehrendes Mißtrauensvotum gefallen sei.
Im März 1870, einige Monate vor Ausbruch des französischen Krieges, war Fürst Hohenlohe als bairischer Minister entlassen worden. Vier Jahre später sandte ihn das Vertrauen des Kaisers als deutschen Botschafter nach Paris, wo er den Grafen Ärnim ablöste, der nach Konstantinopel bestimmt war, vor Antritt seines neuen Postens jedoch in jenen verhängnisvollen Prozeß verstrickt wurde, der seine diplomatische Laufbahn jählings beendete. Fürst Hohenlohe blieb auf dem heiklen Pariser Posten mit einer kurzen Unterbrechung bis zum Jahre 1885, und man kennt aus von Ruß mitgeteilten Dokumenten die diplomatische Geschicklichkeit und den sicheren, weltmännischen Takt, mit dem der schlichte Grandseigneur dort seines schwierigen Amtes waltete. Rasch hatte er sich auch bei den Franzosen ein unbedingtes Vertrauen zu erwecken verstanden, da sie sofort merkten, daß diesem Aristokraten im Aenßern und Edelmann im Innern jedes Jntriguieren und jede diplomatische Doppelzüngigkeit fremd war; auch daß seinem Wesen das spezifisch Preußische, der militärische Schneid völlig fehlte, war ein Umstand, der in Paris wie später in den Reichslanden seiner persönlichen Beliebtheit zu statten kam. Und wie groß das Maß persönlicher Sympathien war, deren er sich als kaiserlicher Statthalter in Elsaß-Lothringen erfreuen durfte, und wie viel er dadurch beigetragen hat, die Fehler des Man- teuffelscheu Regimes wieder gut zu machen, das ist noch in frischer Erinnerung; gerade seine ruhige und anspruchslose Haltung die sich mit der Pflichterfüllung begnügte und keinerlei Ansprüche erhob, bescherte ihm diese persönliche Beliebtheit und damit auch politische Erfolge. ,Milde, Festigkeit und Klugheit" rühmte ihm bei seinem Scheiden die philosophische Fakultät der Straßburger Hochschule nach, und das sind in der That die vornehmsten Eigenschaften, die seinem ganzen bisherigen öffentlichen Wirken das Gepräge geben.
Die Kanzlerjahre des Fürsten Hohenlohe gehören der Tagesgeschichte an, und auf viele Fragen der inneren und äußeren Politik, die während seiner Kanzlerzeit auf- qetaucht sind, wird erst die Zukunft eine Antwort geben, die lamdii dazu berufen ist, ein Urteil über die Leistungen des dritten Kanzlers des deutschen Reiches abzugeben. Thatsache ist, daß unter der sechsjährigen Kanzlerschaft des Fürsten Hohenlohe die einzelnen Staatssekretäre sich in Reichsminister verwandelt haben. Die alleinige Reichsministerschaft des Kanzlers stand nur auf dem Papier. Thatsache ist ferner, daß Fürst Bismarck in Wahrheit die ganze Reichs- und Staatspolitik leitete und bestimmte, und d aß Fürist Hohenlohe dies nicht that.
Vor einigen Tagen wurde Fürst Hohenlohe vom Kaiser nach Homburg berufen. Man behauptete, es handle sich um die Festsetzung des Termins für die Einberufung des Reichstages. Das obige Telegramm, das wir heute früh sofort durch Extrablatt bekannt gaben, hat uns eines anderen belehrt. Er hat seinen Abschied erhalten und an seine Stelle ist Graf Bülow getreten als vierter Kanzler des deutschen Reiches.
Wir glauben gern, daß des Fürsten Hohenlohe politische Wirksamkeit größer gewesen ist, als man äußerlich
wahrgenommen hat. Aber imponierend konnte niemandem die Stellung des bisherigen Reichskanzlers vorkommen. Seine Hauptthätigkeit hat, wie so oft versickert wurde, im „Verhindern" bestanden. Wie oft aber ist in den letzten Monaten von der äußersten Linken bis zur äußersten Rechten die erstaunliche und schmerzliche Frage erhoben worden: „Wo waren denn die verantwortlichen Staatsmänner, daß sie so etwas nicht rechtzeitig verhinderten?" Die Frage: „Wo ist der Reichskanzler?" ist in diesem Sommer zu einer förmlichen Vexierfrage geworden. Die wichtigsten Ereignisse spielten sich in der Chinafrage ab, aber der Reichskanzler war immer „irgendwo"; die wenigsten im Lande wußten, wo. Von seiner Teilnahme an den Dingen merkte mau nichts. Jetzt wird erzählt, er habe überall einen Chiffreur und den Chef der Reichskanzlei oder einen Vertreter des Auswärtigen Amtes bei sich gehabt. Aber welchen Einfluß kann man auf die Dinge haben, wenn man irgendwo in den russischen Wäldern oder auf einem fernen Landgute sitzt?
Fürst Hohenlohe ist ein alter, müder Mann von 81 Jahren, und er konnte unmöglich Kraft und Frische der Jugend besitzen. Allein ein Mißstand war es doch, daß der leitende Staatsmann nicht wirklich selbst die Zügel fest in der Hand halten konnte.
In der Politik der chinesischen Wirren war Fürst Hohenlohe so gut wie gar nicht beteiligt, und es wäre ihm unmöglich gewesen, vor dem Reichstage tue Verantwortung dafür auf sich zu nehmen.
Sein Nachfolger Graf Bülow ist em reichbegabter Staatsmann, der in der Vollkraft seiner Jahre steht. Es ist von ihm zu hoffen, daß er als deutscher Reichskanzler I aufrecht und mit steifem Rückgrat im Sattel sitzen, jedenfalls aber mehr als ein Ornament der Reichsverfassung ein wird. Wir glauben in ihm einen öffentlich und parlamentarisch verantwortlichen Vertreter der kaiserlichen Politik zu erhalten. Das kaiserlich gesinnte Deutjch^- land wird diese Wandlung in dem höchsten Amte des Reiches als den Ausgangspunkt zu einer Ordnung der Dinge auffassen, wie sie den Wünschen des Volkes entspricht. __________________________ ________________________
Der Krieg itt China.
In den drei aus Tientsin vom 14., 15. und 16. Oktober datierten Depeschen meldet der „Standard": Die verbündeten Truppen erreichten auf dem Marsche nach Paotingfu am 13. Tuliu, ohne auf Widerstand zu stoßen. Am 12. passierten 400 Franzosen diesen Ort auf dem Wege nach Hsiunghsien, wo sie die dortigen Katholiken I befreien wollten. Am 15. langte in Tientsin die Nachricht an, daß die französische Truppe Paotingfu erreicht habe I und daß die chinesischen Behörden die Stadt ohne weitere- I übergeben hätten. Die Franzosen, heißt es, bewachten jetzt I die Eisenbahn. DaS Telegramm vom 16. berichtet: Da I die Expedition nach Paotingfu lange vorher angekündigt I worden war, hatten die chinesischen Beamten und wohl« I habenden Bewohner von Paotingfu alle ihre Wertsachen I nach der Grenze von Honan gesandt, die Stadt war fast verlassen. — Aus Schanghai wird demselben Blatt ge- meldet, die Boxer der Provinz Schantung kehrten zu ihren Heimstätten zurück. 12,000 wurden bei Tsangtschao, I nahe der Grenze der Provinz Tschili, durch 5000 Mann | der Truppen des Gouverneurs Duanschikai unter dem Be- I fehl des Generals Mai in die Flucht geschlagen.
Neber die Bewegung in Süd-China berichtet I „Reuter" aus Hongkong vom 16. ds.: Der Aufstand im I Hinterland von Kaulun dauert fort; die Aufrührer I ziehen nach dem Ostfluß. Admiral Ho zögert, vorzurücken, I obwohl er über etwa 4000 Mann verfügt. Die englische I Streitmacht langte an der Grenze an, wo sie ein Lager I bezog. — Ein Telegramm der „Morning Post" aus I Schanghai besagt, nach Berichten aus Nanking hätten die I Aufständischen aus Kwangsi die Grenzstadt Kwanyang I erobert und werden sich alsbald mit den Leuten der Drei« I faltigkeitsgesellschaft und den Rebellen auS Kwangtung ver-- I einigen. M arschall Su verlangte von dem stellver- I tretetenden Vizekönig zu Kanton Truppenverstärkungen und I legte, da sein Gesuch abgeschlagen wurde, das Kommando I nieder. Der bisherige Gouverneur von Honan, Mtschang, I ein sremdenfeindlicher Mandschu, ist nach Hupeh versetzt I worden. Dies bedeutet für den Einfluß, den der fremdcn- I freundliche Tschangtschitung auSübt, einen schweren Schlag. I Die Ernennung Dös zum Gouverneur einer der Aangtse- I Provinzen TschangtschitungS bekundet den wohlüberlegten I Plan TuanS, das Boxertum auch in das Aangtsegebict hineinzutragen. Die Lage der russisch-chinesischen Bank zu Schanghai erfordert Aufmerksamkeit, man I glaubt, daß große Schwierigkeiten vorliegen.


