Erkes Blatt.
Freitag de« 19. Oktober
15V. Jahrgang
1900
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Amtlicher Heil.
Bekanntmachung.
ES wird hiermit zur allgemeinen Kenntnis gebracht, daß die unterfertigte Behörde von Donnerstag dem 18. l.MtS. ab aus Grünbergerstraße 5 in das frühere Rentamts« gebärrde — Senkenbergstraße 7 — verlegt wird, und daß daselbst infolge dieser Veränderung der nächste Zahltag erst wieder Samstag den 20, L Mts. abgehalten werden kann.
Gießen, deu 16. Oktober 1900.
Großh. DistriktS' Einnehmerei Gießen I.
Hansult.
Bekanntmachung.
Betr.: Großh. Obstbau- und landwirtschastl. Winterschule zu Friedberg.
DaS Wintersemester der landwirtschastl. Abteilung beginnt Montag den 5. November, vormittags 9 Uhr, und endigt Mitte März.
Anmeldungen sind schriftlich oder mündlich an unter, fertigte Direktion zu richten, von welcher auch Programme, sowie WohnungSauSweise und Schülerfahrscheine zu erhalten find.
Letztere wolle man beizeiten einreichen, damit fie Mindestens 8 Tage vor Schulanfang den Bahnämtern der betreffenden Stationen eingehändigt werden können, andernfalls Verzögerung des Giltigkeitstermins zu erwarten ist.
Friedberg, den 1. Oktober 1900.
Großherzogliche Direktion
der Obstbau- und landwirtschaftlichen Winterschule.
Dr. von Peter.
Das neue englische Parlament.
Die Wahlen für das englische Unterhaus sind nunmehr beendet, und ihr Gesamtergebnis läßt einen sicheren Schluß aus die im Lande herrschende Strömung zu. Die Regierung kann mit dem Erfolge, den ihr die Wahlen gebracht, vollauf zufrieden sein; denn nicht nur, daß ihre Mehrheit in das neue Haus in der bisherigen Stärke zurückkehrt, sie hat auch ein" Anwachsen der unionistischen Stimmen bei den Wahlen zu verzeichnen. Auch darf sich die Regierung rühmen, daß sie im Grunde genommen
volkstümlicher ist, als ihre liberalen Gegner, denn fast alle großen Zentren des Reiches mit starker Arbeiterbevölkerung haben konservativ, pder. richtiger, imperialistisch gewählt. Die Liberalen, deren Hoffnungen auf die Wahlen enttäuscht worden sind, dürfen sich vielleicht mit der Erwägung trösten,, daß sie jetzt die Konservativen im guten Sinne des Wortes sind; sie wollen das Reich vor einer „umstürzlerischen" Politik bewahren, deren Folgen unübersehbar sind. Daß sie trotzdem einen Mißerfolg zu verzeichnen haben, wird man bei den gegebenen Verhältnissen nicht verwunderlich finden.
Es ist wahr, die Liberalen sind sehr zuversichtlich in den Wahlkampf getreten, und man kann ihnen nicht vorwerfen, daß sie etwa mit den Kampfesrnitteln rückhaltend umgegangen wären. Sie haben sich gewiß die größte Mühe gegeben, zu siegen, was ihre Niederlage für sie um so empfindlicher machen muß. Die Whigs haben ihre bedeutendsten Führer ins Treffen geschickt; diese haben in allen Wahlreden die konservative Politik sehr heftig angegriffen und den Imperialismus mit den düstersten Farben gemalt. Sie wiesen auf die unabweisbare Konsequenz der Eroberungspolitik hin und stellten das Schreckgespenst der allgemeinen Wehrpflicht vor Augen. Auch vergaßen sie nicht dabei, den Kolonialminister Chamberlain selbst persönlich aufs schärfste zu fassen; sie bezeichneten sein Vorgehen in Südafrika als von selbstsüchtigen Motiven beeinflußt. Größeren Vorrat an 2lngrisfsmitteln haben die Liberalen gewiß nicht besessen, und wenn alles das nichts genutzt hat, darf man wohl, bei der absoluten Freiheit und Unabhängigkeit der englischen Wahlen, sageü, daß die Nation in ihrer Mehrheit sich für Mr. Chamberlain und seine Politik und gegen seine Feinde entschieden hat.
Tie erste Erkluküng für diese Erscheinung wird wohl sein, daß der imperialistische Gedanke Verbreitung in allen Schichten der Bevölkerung gefunden hat. In der That konnte jeder aufmerksame Beobachter seit Jahr und Tag sehen, daß die öffentliche Meinung den kriegerischen Bestrebungen der Regierung zum großen Teil günstig ist. Als die Liberalen vor einigen Wochen siegesfroh auftraten und mit verblüffender Sicherheit die bevorstehende Niederlage der Regierung voraussagten, konnte man nur für kurze Zeit an dem in Großbritannien herrschenden Geist irre werden. Aber schon die ersten Wahlergebnisse zeigten deutlich, daß von dem gehofften großen Meinungsumschwung in England auch nicht im Entferntesten die Rede sein konnte. Es mag ja sein, daß die Liberalen auch unter mangelhafter Leitung zu leiden hatten. Mer andererseits wird man doch zugestehen müssen, daß die liberalen Führer, soweit es an ihnen lag, ihre Schuldigkeit gethan, und was sie nicht qualitativ, doch wenigstens
quantitativ geleistet haben; außerdem war auch auf ber anderen Seite keine Persönlichkeit von außergewöhnlicher Bedeutung zu sehen. Es entschied eben wesentlich das Programm der äußeren Politik auf beiden Seiten und von ihnen hat das der Konservativen die größere Werbekraft gezeigt.
Man könnte jedoch der Ansicht sein, daß nicht so sehr der Imperialismus den Sieg der Unionisten entschieden hat, wie die Zerfahrenheit und die Regierungsunfähigkeid auf der anderen Seite. Es ist nicht ganz unwahrscheinlich, daß viele Wähler nicht wegen, sondern trotz des Imperialismus den unionistischen Kandidaten ihre Stimme gegeben haben. Die dauernde Ohnmacht der liberalen Partei hat einer ihrer Heroen verschuldet, nämlich William Gladstone, seitdem er die irische Homerule-Politik in ihr Programm ausgenommen hatte. Dadurch ist in erster Reihe die Spaltung der Whigs eingetreten, außerdem wurde diese Partei von den „reichsfeindlichen" Iren allzu abhängig. Die antiunionistischen Whigs könnten für sich allein wohl kaum eine Regierungsmehrheit bilden, sie tpären im günstigsten Falle auf die Unterstützung der irischen Nationalisten angewiesen. Ein solcher Zustand schien auch einem großen Teil der liberalen Wähler als nicht sehr ersprießlich, und so dürften sie sich vielleicht entschlossen haben, es bei dem bisherigen System zu belassen, zumal sie doch vor einer unabänderlichen Thatsache stehen, da der südafrikanische Feldzug als beendet zu betrachten ist. Mag auch so manches vorgekommen sein, was der englischen Waffenführung nicht zum Ruhme gereicht; für dergleichen zeigen die großen Wählermassen kaum Verständnis. Der schließlich in die Augen springende Erfolg sühnte mit jenen Mängeln. Daß die Regierung wahrscheinlich noch, lange Zeit in Südafrika mit der Herstellung der Ruche- beschäftigt sein wird, dünkt Vielen nicht so schlimm, als die eventuelle Aufrollung der irischen Frage, neben ber ja außerdem Südafrika mit seinen Schwierigkeiten bestehen bliebe.
Wie übrigens der Sieg der Ministeriellen auch zu erklären ist, jedenfalls ist Mr. Chamberlain nicht der Mann, der darüber viel nachgrübeln wird. Die Situation hat sich nun einmal günstig für ihn gestaltet, und natürlich wird er sich bestrebt zeigen, sie gehörig auszunutzen. Das Kabinett wird eine kleine Umgestaltung erfahren; Joseph Chamberlain soll sogar in der nächsten Zeit die Leitung des Kolonialamtes an einen anderen Kollegen abgeben. Aber unter allen Umständen wird fein Einfluß in der Regierung der gleiche bleiben, und mit ber ihm eigenen Energie wird er, nach dem Siege erst recht, Idem Ziele zustreben, das er sich von Anbeginn gestellt hat. Chamberlain hat zweifellos die imperialistischen Pläne, die einst Lord Beaconsfield vorgeschwebt haben.
Kaiser Kriedrichs Todestag.
Gießen, 18. Oktober 1900.
Am 9. März 1888 erschien Bismarck vor dem Reichstage mit der Botschaft, „daß Kaiser Wilhelm I. vormittags halb 9 Uhr zu seinen Vätern entschlafen", und daß infolgedessen „die preußische Krone und damit nach Artikel 11 der Reichsverfassung die deutsche Kaiserwürde auf Se. Majestät Friedrich III., König von Preußen", übergegangen *et- Kaiser Friedrich war damals bekanntlich hoffnungslos trank, eine Krebsgeschwulst überwucherte seine Atmungs- organe, und unglückliche Umstände ließen ihn die Operation versäumen Mid die Behandlung einem schlechten Arzte anvertrauen. So verfiel der Kraftstrotzende einer Krank- hert, die ihm nur gestattete, dem deutschen Volke durch den Heldenmut ein Beispiel zu geben, mit dem er dies fürchterliche Leiden trug. ,
Vom 30. bis zum 57 Jahre hatte er als Kronprinz dem Throne nahe gestanden, bisweilen zu den Staats- gefchäften hinzugezogen, meist aber ferngehalten und nur in den großen Kriegen 1866 und 1870 zu einer bedeutenden Thätigkeit berufen, nachher noch vereinzelt in der Stellung eines Inspekteurs der süddeutschen Truppen, des Vorsitzenden des Staatsrats und als Stellvertreter des kaiserlichen Vaters nachNobilings thörichtem Attentat. Oftmals hat er sich bitter darüber geäußert, daß man ihn geflissentlich beiseite schiebe.
Infolge der im Jahre 1862 von der Opposition im Abgeordetenhause abgelehnten Militärvorlage und der Hilflosigkeit seines Gefamtministeriums dachte der damals 65 Jahre alte König Wilhelm vorübergehend daran, die Krone niederzulegen. Damals schon unterhielt ber Kronprinz Beziehungen zu pen Liberalen, namentlich zu dem späteren Berliner Oberbürgermeister v. Forckenbeck, dem er größtes Vertrauen entgegenbrachte, wenn diese Beziehungen auch -noch nicht so eng waren, wie ein Jahr später.
'*!4tt°er bildete die Vermittelung, und dazu kamen ?och /mbere Verbindungen. Es war also anzunehmen, I oaß, wenn der König feinen Plan ausgeführt und die Krone I in Die Hande feines Sohnes gelegt hätte, das Militär- I
Ministerium Roon entlassen worden und die Versöhnung der Liberalen mit der Regierung eingetreten wäre. Aber selbst liberale Abgeordnete beschworen den Kronprinzen, dahin zu wirken, daß der König seinen Plan fallen lasse. Und Pas geschah auch; der König aber berief Bismarck ins Ministerium.
Laute Opposition gegen die Regierung erhob der Kronprinz, als 1863 ohne sein Wissen die Preßnovelle erlassen wurde. Auch sonst hielt er in ber Konfliktszeit und bei der Schleswig-Holsteinschen Angelegenheit nicht zurück mit Aeußerungen des Unwillens über Bismarcks Politik.
Ein besonderer Ehrentag des Kronprinzen war der 16. Juli 1871. Damals zog er an der Spitze der aus dem Felde heimkehrenden bayerischen Truppen in München ein und führte sie durch das. Siegesthor dem Könige Ludwig vor. Mit Begeisterung sahen die Soldaten und Bürger aus die Heldengestalt des deutschen Kronprinzen, der die großen Stunden ber großen Zeit voll durchlebt und an ihr mitgewirkt hatte und nun heimkehrte in strahlendem Ruhmesglanz. An jenem Tage wirkte der Kronprinz für das «Deutsche Reich, wie es wohl keinem anderen be- schieden gewesen ist. Seine ungemein gewinnende Persönlichkeit, die großen Züge seines Wesens und die Verehrung und Liebe, die ihm die Bayern widmeten, schlangen ein neues starkes Band um Nord und Süd, waren ein neuer, fester Stein im Bau des Reiches.
Die Liberalen rechneten darauf, daß ber Kronprinz seine Minister aus ihrer Mitte wählen ober doch ihre wichtigsten Forderungen erfüllen werde, sobald er auf den Thron gelange. Sie hatten die höchstgespannten Hoffnungen gesetzt auf den Helden von Königgrätz. Man wußte allgemein, welche Kraft und Frische er besaß. Man wußte, wie rasch er sich in der schweren Stunde der Nikolsburger Verhandlungen für Bismarcks hohe Auffassung entschieden und den Widerstand des königlichen Vaters hatte überwinden helfen.
Doch es war dem abgöttisch Geliebten nicht beschieden, dre Regierungsgeschäfte in vollem Umfange in die Hand ju nehmen. Die 99 Tage hindurch, in denen er die Krone trug, hatte er unter unsäglichen Schmerzen mit dem Tode
zu ringen. Bismarck leitete unter ihm die Geschäfte wie bisher, und nur einzelne Akte, namentlich die Entlassung des Ministers v. Puttkamer, sind als selbständige, in der Hinneigung zu den Liberalen begründete Handlungen „unseres Fritz" aufzufassen. Am 15. Juni 1888 erlöste ihn ber Tod, und es folgte ihm Kaiser Wilhelm II.
Wenige Fürsten sind so aufrichtig und herzlich beweint worden, wie Kaiser Friedrich, der heute in sein 69. Lebensjahr eingetreten wäre. Es war ein Thränenstrom, der durch ganz Deutschland sich ergoß. Durch alle deutschen Lande, durch alle Paläste und Hütten, durch alle deutschen Schulen und durch alle Auditorien der deutschen Universitäten floß er in breiter Qual dahin. Man beweinte den Edlen, den Treuen, den Guten, und jeder, der da konnte, wallfahrtete nach Schloß Friedrichskron bei Potsdam, dem fein kaiserlicher Sohn später wieder den alten nichtssagenden Namen „Neues Palais" gab
Ms sonnige Siegfriedgestalt lebt Kaiser Friedrich in den Herzen unsres Volkes für alle Zeiten fort, und wir halten es nicht für unmöglich, daß eine späte Zeit dem deutschen Kaiser Friedrich, der nach der Volkssage im Kyffhäuser thront, um hinaufzusteigen an das Licht des Tages wenn das deutsche Volk eines Retters und Helfers bedarf, die Züge des großen DulderheldenFriedrich III. geben wird, daß eine Zeit kommen wird, in ber man" tljn binftenen wird als das Ideal eines deutschen Mannes und deutschen Fürsten, von dem die Welt das Heil zu erwarten sich berechtigt findet.
< _ Heute gedenken wir wieder mit besonderem Sck)merze leidvollen Heldenkaisers. Die treue und kluge Ge- .
1225 «x 'biues Lebens, die Kaiserin Friedrich ist schwer errrantt, und ihre Kinder, der Kaiser und Prinz Heinrich, u^l^en mit ihren Gemahlinnen in ihrer Nähe, vielleicht dc^ ckenßerste besorgend. Es wird von den Aerzten versichert, daß unmittelbare Gefahr nicht vorhanden sei. Klammern wir uns an diese nicht sonderlich trostreichie Bersicherung und hoffen wir, daß „unseres Fritz" gute Frau, unseres Kaisers würdige Mutter bald von ihrer schmerzhaften .Krankheit genese


