Mittwoch den 19. September 150. Jahrgang 1900
Amts- und Anzeigedlatt für den Tireis Gietzen
Aezugspreis virrteljührl. Dtt. 2,88 monatlich 75 Pfg, mit Briiigerlohn) durch die Abhoiestell« viertcljährl. Ml. 1,88 monatlich 65 Pftz.
Bei Postbezug Mk. 2,40 vicrteljätzÄ. mit Bestellgeld.
Hflt Anzeigen-BermittlungSftellen deS In- und AuSlaodsO nehmen Anzeigen für den Gießener Anzeiger entgeh»« Zeilenpreis: lokal 12 Pfg., auswärts 20 Pfß.
Gr-üsbeiiLMl: Gießener FamitteMStter, Der heWche Landwirt, Kötter für heUchr DMsKunde.___________
Adreff« für Depeschen: AnretgN! KtetzSL.
Fernsprecher Nr. 5L
Ha Knzeige« ju der «ch«ttta-S Or t* |rtge*ae S(| «scheinenden Numm« Hf d»rm. W Ahr. spätestens *®Nl vorder.
■Mtta, OtMtt und Scm*»* »r. 7.
Nr. 21S Zweites Blatt _______ ... _ ______
MMbeiicr Anzeiger
Heneral-Unzeiger
Die Wirre« hi China.
Zu der gestern von uns durch Extrablatt bekannt gegebenen amtlichen Meldung aus Tientsin, die mitteilt, daß am 11. ds. Liang von den deutschen See-Bataillonen erobert und Niedergebran nt worden sei, wird hinzugesügt, 40 bengalische Lanzenreiter Hattens sich den deutschen Truppen angeschlossem 500 Boxer wurden getötet. Etwa 100 Mann regulärer chinesischer Truppen, die vorher in der Stadt standen, waren entflohen. Diese Stadt Liang ist vermutlich das etwa 20 Kilometer südwestlich von Peking, an der Bahnlinie nach Hankau gelegene Lianghsiang, ein Ort, der vpr dem Eindringen der Boxer in die Hauptstadt eines ihrer Hauptquartiere war. Hier wie in der Umgegend von Tientsin scheinen die Boxer immer noch bewaffneten Widerstand zu leisten, penn die deutschen Seesoldaten verloren einen Toten und fünf Verwundete.
Die letzten Telegramme aus Shanghai berichten dagegen, die Reformpartei mache große Fortschritte. Sie gewinne täglich mehr Anhänger ^ud sei bestrebt, dem Kaiser wieder auf den Thron zu verhelfen, die verbündeten Truppen zu unterstützen, den Christen Schutz zu verleihen, die ^Boxer zu bestrafen und die Politik der „offenen Thür" zu befürworten.
Ein Erlaß, datiert H o m a, 10. September, macht die Boxer für die Unruhen verantwortlich und ordnet zugleich die vollständige Ausrottung derselben an. Alle diejenigen, die den kaiserlichen Truppen Widerstand leisten, werden niedergemacht. Man erwartet, daß durch einen neuen kaiserlichen Erlaß eine vollständige Aenderung im Regierungssystem noch vor Beginn der Unterhandlungen angeordnet wird. 1
„Messagero" veröffentlicht ein Telegramm aus Taku, in dem es heißt, daß die italienische Kolonne, die nach Natsaitsung unterwegs ist, noch nicht auf Boxer gestoßen ist. Fünf mit Proviant und dNunition beladene Boote sind auf dem Peiho gesunken; ihre Ladungen sind verloren.
In Bezug auf die Friedensverhandlungen meldet man aus Shanghai: Die Gesandten der Mächte in Peking weigern sich, mit Prinz Tsching in Verhandlung zu treten. Der Sekretär der deutschen Gesandtschaft, Le- gntionsrat von Below, erklärte, daß nur der neuernannte Gesandte Dr. Mumm von Schwarzenstein, der sich zur Zeit noch in Shanghai aufhält, für Deutschland zu unterhandeln ermächtigt sei. Aus ganz China strömen Truppen nach Siensu, das zur dauernden Residenz des Kaisers ausersehen ist.
Die „Times "erfährt aus Shanghai: Auf Veranlassung des deutschen Auswärtigen Amts telegraphierte der Berliner chinesische Gesandte Li-Hung-Tschang,er müsse seine Accreditive dem deutschen Gesandten in Shanghai unterbreiten, der sie dem Kaiser Wilhelm vorlegen und Instruktionen erwarten werde. Es heißt, Dr. v. Mumm .äußerte Scheng gegenüber, obgleich die Mächte der Teilung Chinas abgeneigt seien, würde jeder Verzug Chinas, zu verhandeln, dieses Resultat herbeiführen helfen. Deutschlands große Truppenmacht sei gerüstet, auf unbestimmte Zeit das Land zu okkupieren, bis ein befriedigendes Arrangement abgeschlossen sei. Li-Hung-Tschang telegraphierte daher Yuuglu, alles daranzusetzen, eine private Audienz bei der Kaiserin zu erlangen und sie und den Kaiser zu überreden, nach Peking zurückzukehren und Prinz Tuan und dessen Umgebung zu entfernen. — Vor seiner Abreise schickte Li-Hung-Tschang einen telegraphischen Bericht an den Thron, worin er gegen Prinz Tuan und dessen Bruder Tseilan sowie gegen Kangyi und Tschao-schu-tschiao Anklage erhebt. Zugleich informierte er die Vizekönige von Nanking und Watschang, daß,.er ihre Namen und den Yua-schi-kais unter die Anklageschrift gesetzt habe, da wegen Dringlichkeit keine Zeit war, sie zu konsultieren, und er ihre Zustimmung vorausgesetzt habe. — Li-Hung- Tschangs Dampfer „Amping "ist noch nicht ausgelaufen. Infolge eines Taifuns sind das deutsche Kriegsschiff „Hela" und ein russischer Kreuzer nach Wusung zurückgekehrt. Der Kreuzer „Schwalbe" geht nach Hankau. Nach einer Kabelmeldung der „Paris Nouvelles" dagegen ist Li-Hung-Tschang in Tientsin angekommen. Seine verspätete Ankunft, heißt es, wurde durch ein heftiges Unwetter verursacht.
Die „Post" schreibt: „Die Meldung, daß der kleine deutsche Kreuzer „Seeadler" gefechtsbereit an den Wusung-Forts am Yangtse vorbeigefahren ist, ist aus englischen Blättern auch in deutsche übergegarrgen. Selbstverständlich kann in diesem Verhalten des deutschen Kriegsschiffes nichts ungewöhnliches gesehen werden, denn angesichts der unsicheren und ungewissen Lage rm Yangtse- thale beobachten auch die Kriegsfahrzeuge anderer St^ Honen dieselben Vorsichtsmaßregeln, da man an Bord nach den bei Taku gemachten Erfahrungen nie sicher ist, tob man nicht plötzlich von chinesischen Festungswerken aus beschossen wird. Im übrigen ist diese Maßnahme ebenso zweckmäßig wie notwendig; darüber sind alle im Gebiete
des Yangtse interessierten Mächte einig, und sogar die chinesischen Vicekönige ziehen es vor, sich bei ihren Reisen unter den Schutz der fremden Mächte zu stellen, weil sie ihrer eigenen Truppen nicht genügend sicher sind."
Aus „sicherer Quelle" verlautet in Shanghai, daß die Ermordung v. Kettelers schon von langer Hand vorbereitet war, als R a ch e f ü r d i e B e s e tz u n g K i a u- tschous durch Deutschland. Dieselbe wurde schon am Anfang der chinesischen Unruhen durch die Mitglieder der kaiserlichen Familie beschlossen.
Aus Kiel wird geschrieben, daß die Blättermeldung, wonach der Tod des Freiherrn v. Rheinbaben einen gang vereinzeltenTyPhusfall in Peking darstelle, absolut falsch sei. Nach einer amtlichen Meldung des Kontre-Admirals Kirchhoff aus Taku seien in Peking als schwer krank a ch t L e u t e von den verschiedenen deutschen Schiffen zurückgelassen worden. Die meisten davon seien am Typhus erkrankt.
In diplomatischen Kreisen glaubt man, daß die von den Vereinigten Staaten beantragte Regelung der chinesischen Angelegenheit Erfolg haben wird, weil China auf Amerika sein vollstes Vertrauen setzt. Der Korrespondent der „Newyork Times" in Washington erklärt die Inkonsequenz, welche die verschiedenen Etappen der amerikanischen Politik in China seit einigen Monaten charakterisiert hat, damit, daß im August die amerikanische Politik russophil war. Als Staatssekretär Hay um diesen Zeitpunkt Urlaub nahm, vertrat ihn Adee, der eine andere Richtung verfolgte. Nachdem Staatssekretär Hay am 1. September die Leitung des Ministeriums des Auswärtigen wieder übernommen hatte, machte er Anstrengungen, um die Politik des Monats Juli fortzusetzen und der russophilen Politik ein Ende zu machen. Ein hoher amerikanischer Beamter erklärte in einem Interview, daß die Jntriguen der einzelnen Mächte, die in China ihre eigenen Zwecke selbständig verfolgen, viel dazu beitragen, das Prestige Europas in China zu beeinträchtigen. „Ich glaube," sagte dieser Beamte dann weiter, „daß bald jeder Gesandte in Peking auf eigene Faust Unterhandlungen einleiten will. Wenn aber der Moment gekommen sein wird, Frieden zu schließen, so werden die Chinesen ihrerseits die Eintracht der Mächte verlangen. Mac Kinley hält es nicht für angängig, die amerikanischen Truppen aus China zurückzuziehen." — Eine amerikanische Kavallerieabteilung wird diese Woche 40 Meilen weit in nordöstlicher Richtung abmarschieren, um die einheimischen Christen zu befreien, die sich in den Bergen versteckt halten. Einige Befehlshaber betrachten eine große Expedition nach dem Süden als zu kühn und zu gefährlich, weil es an dem genügenden Proviant fehlt und die Anzahl der Boxer sehr groß ist.
* * *
Telegramme des Gietzeuer Anzeigers.
Kiel, 18. September. Ein Munitions-Transport, bestehend aus 48 Wagen, Geschossen, Torpedos uud Minen- Material, ist für die Schaffe des ostasiatischen Krurzer-Ge- schwaders über Bremerhaven nach China abgegangen.
London, 18. September. Nach einer Depesche aus Tientsin hatten die D e u t s ch e n ein G e f e ch t m i t e i n e r st arkeu Boxertruppe westlich von Peking am 13. September. Es heißt, die Deutschen hätten 20 Manu verloren.
London, 18. September. Der chinesische Gesandte überreichte dem Auswärtigen Amte eine Depesche, wonach Prinz Tsching von der chinesischen Regierung ausgedehnte Vollmachten erhalten hat, zusammen mit Li- Hung-Tschang über den Frieden zu verhandeln.
London, 18. September. Nach einer Meldung aus Shanghai sprach sich Li-Hung-Tschang gegenüber mehreren Diplomaten äußerst optimistisch über die Situation in China aus. Er erwartet einen baldigen Friedensschluß und glaubt ferner, daß infolge des Entgegenkommens Amerikas und Rußlands China keine allzu großen Opfer wird bringen müssen.
London, 18. September. Aus Tientsin wird gemeldet: Eine Kolonne internationaler Truppen begab sich nach Tulien, 30 Meilen südöstlich von Tientsin, und vertrieb eine Anzahl Boxer, die sich dort niedergelassen hatten. Die internationalen Truppen fanden nur wenig Widerstand.
Paris, 18. September. Aus Petersburg wird gemeldet: Der Befehl, die russischen Truppen aus Peking zurückzuziehen, ist dem russischen Gesandten v. Giers nmb dem General Lenewitsch bereits am 15. September zugegangen.
Wien, 18. September. Die Wiener Abendpost liefert neue Beweise dafür, daß die chin esisch e Arm e e zum großen Teile mit österreichischen Gewehren bewaffnet ist. Der Linienschiff-Leutnant Judrak erzählt, das österreichische Detachement hätte am Nachmittage des
4. Juli, nachdem das Gefecht wegen eines heftigen Gewitters eingestellt worden, 6000 Manlicher-Patronen übernommen, die in der Nähe des großen Arsenals gefunden wurden. Am 14. Juli drangen 15 Oesterreicher in das große Arsenal ein iund erbeuteten zwei Maxim-Nordenfeldt- Geschütze, vier Flaggen und 2000 Gewehre mit Munition, darunter toaren wieder 2000 Manlicher-Patronen.
Washington, 18. September. Der französische und der russische Gesandte versuchten, von der amerikanischen! Regierung Mitteilung über die von den Bereinigten Staaten in China zu befolgende Politik zu erlangen. Sie erhielten jedoch eine ausweichende Antwort.
Der Krieg i« Südafrika.
Die Nachricht, daß die portugiesische Regierung den Präsidenten Krüger den Engländern ausliefern wollte, rief unter der Bevölkerung in Lissabon eine starke Aufregung hervor. Noch lebhafter machte sich diese Aufregung in Oporto geltend, obwohl an diesem Hafenplatze die englischen Interessen vvrwiegen. Die Regierung war sogar genötigt, die Truppen aufzubieten. Die Zensur wird in Portugal äusterst streng gehandhabt.
Wie die Arena von Verona aus Rom erfährt, hat Präsident Krüger ein Telegramm an den Papst gerichtet, worin er demselben dankt für das Interesse, das er Transvaal stets bewiesen, und die Hoffnung ausspricht, daß dessen gerechte Sache dennoch triumphieren werde. Er selbst ziehe sich einstweilen vom Kampfe zurück, da er alt und krank sei.
Nach einer anderen Meldung aus Lourenzo Marques treffen dort täglich ganze Abteilungen von Burenflücht- lingen ein. Dieselben begeben sich mit Hab und Gut auf portugiesisches Gebiet, um sich daselbst endgiltig an- -zusiedeln. Die Mehrzahl der Flüchtlinge erklärten die Lage ihrer noch kämpfenden Brüder für hoffnungslos.
Ein Telegramm aus Maseru dagegen meldet, die Buren seien dort gut verproviantiert und hätten genügend Remontepferde, um den Krieg fortsetzen zu können.
General Paget überraschte die Buren bei Pinnarsriver und machte zehn Gefangene; weiter erbeutete er etwa 2000 Ochsen. Die Buren zerstörten dagegen die Brücke bei Koapmuiden sowie die Krokodilbrücke und verbrannten 300 Lowries.
Die niederländische Eisenbahn ist offiziell von den englischen Militärbehörden übernommen worden. Es ist wahrscheinlich, daß England diese Handlung als Rechtsnachfolgerin der Transvaalregierung vollzogen hat oder vollziehen wird, als welche sie sich seit der amtlichen Erklärung der Einverleibung betrachtet. In der Konzessionsurkunde für die niederländische Eisenbahn ist der Fall vorgesehen, daß die Regierung das Recht haben soll, die Eisenbahn bei Kriegsausbruch zu übernehmen, und auf diesen Paragraphen, den auch die Regierung des Präsidenten Krüger seinerzeit hätte anwenden können, wird sich die englische Regierung wohl stützen.
Telegramme des Giehever Anzeigers.
A m st e r d a m, 18. September. Der Kreuzer Vuelder- land, der sich in Aden befindet, erhielt Befehl, sofort nach Lourenzo Marques abzugehen, um den Präsidenten Krüger an Bord zu nehmen.
London, 18. September. Ein Telegramm aus Schweizer Renneke an die „Daily Mail" berichtet, daß die von den Buren belagerten Engländer sich ergeben mußten. — Aus Lourenzo Marques wird gemeldet, daß General B o t h a sich den Engländern unterworfen hat (?). — Einem Telegramm aus Pretoria zufolge hat sich das Haupt-KomMando der Buren nach Rusteuburg begeben.
Wien, 18. September. Für die Engländer in Transvaal werden nächster Tage 1200 in Ungarn gekaufte Pferde auf dem amerikanischen Riesendampfer Milwaukee verladen, um sofort nach. Afrika transportiert zu werden.
Deutsches Reich.
Berlin, 17. September. Aus Swinemünde wird gemeldet: Der Kaiser ging morgens mit der Dacht „Iduna" in See.
— Der Kaiser richtete nach den letzten Wirbelstürmen in Texas an Mc. Kinley in englischer Sprache ein Telegramm, welches deutsch folgendermaßen lautet:
„Ich möchte Ew. Exzellenz den Ausdruck meiner tief empfundenen Teilnahme an dem Unglück übermitteln, das über die blühende Stadt und den Hafen von Galveston und über manche andere Teile von Texas hereingebrochen ist Ich trauere mit Ihnen und dem Volke der Vereinigten Staaten über den großen Verlust


