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19.5.1900 Erstes Blatt
 
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Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gieren

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Meldung über den Fall Mafekings erhalten. Dre Meld- unaen derDaily Mail" scheinen vollständig unbegründet gewesen zu sein. Das amtliche Kriegsbulletin, aus tarn' der Berichterstatter derDaily Mail" in Lorenzo Marquez seine alarmierende Meldung geschöpft hatte, lautet:Dre Bundestruppen erstürmten und besetzten am Samstagmorgen die Forts um Mafeking. ^>n tat Nacht zum Sonntag wurden die Bundestruppen umzingelt, wobei, soviel bekannt geworden ist, 7 getötet und 17 ver­wundet, eine Anzahl auch gefangen genommen wurde. Die Verluste der Briten belaufen sich auf 50 Tote und Ver-

Der Krieg in Südafrika.

Däs Schicksal von Mafeking ist immer noch! nicht geklärt.Daily Mail" meldet zwar vom 17. tk M. aus Lorenzo Marquez: Aus Pretoria kommt dre Nach­richt, Mafeking sei entsetzt. Laffans Bureau dagegen mel^ tat aus Pretoria, Mafeking ist noch umzingelt. Offiziell wird angekündigt, daß die britische Entsatzkolonne bei K r a a l p a n eine entschiedeneNiederla g e erlrtten habe. Kraalpan liegt ungefähr 50 Kilometer südlrch von

aber nicht entschuldbaren Egoismus auf eine Beteiligung daran verzichten. Auch, ist es eine der Schattenseiten der gesteigerten Entwickelung auf allen Gebieten, daß die be­ruflichen Anforderungen die Kräfte des einzelnen so sehr in Anspruch nehmen, daß die Teilnahme für die allge­meinen Interessen dabei nur zu leicht zu kurz kommt bis dann irgend ein besonders krasser Vorfall chnen etn mahnendes Tua res agitur zuruft. Hoffentlich hat diese Mahnung diesmal eine etwas dauerhafte Wirkung. Dre rückschrittlichen Erfolge die etwa erzielt werden, werden dann unter Führung der geistigen Elite unserer ganzen Nation vor dem Unwillen der übergroßen Mehrheit des, dutschen Volkes bald und schmählich zusammenbrechen.

Daß sich die ganze geistige Elite unseres Hessenvolkes. dem Goethebunde anschließen wird, daran zweifeln wir nicht. Aber auch die weitesten Kreise unserer Bevölkerung mögen sich! um das Banner scharen, das uns zum Siege führen soll unter der Devise

G o e t h e".

Aus Washington wird gemeldet: .Staatssekretär Hay und Präsident Mae Kinley werden die Burendele- , gierten nur privatim empfangen. Von einer Intervention ^W'Sonboner Kriegsamt hat noch keine beende | ÄÄ

Entsatztruppe vom Süden her zu erwarten ist. Die Buren- Haben große Geschütze auf Vtafeking gerichtet. Wie es- heißt, besteht die Entsatztruppe aus ausgewählten Leuten der Imperial Light Horse und aus Norfolk-Reitern.

General Hunter ist von Fourteen Streams das nördliche Vaalufer mit der zehnten Division heraufmar- schiert und hat in besonders feierlicher Weise von tar ersten, ausTransvaalgebiet gelegenenStadd Christiania ohne Widerstand Besitz ergriffen.

EineTimes"-Drahtung aus Dundee vom 15. Mar sagt, die gestrige Verfolgung war so kräftig, daß die Buren keinen weiteren Widerstand leisteten und sich völlig zuruck- zogeii, wahrscheinlich nach Laingsnek/ Sie zerstörten die Eisenbahn hinter sickj. t

General Buller meldet unter dem Datum vom 17. aus Dannhauser: Meine vorgeschobenen Posten dürften in Newcastle eingetroffen sein. Die fünfte Division steht ut Staffeln auf dem Wege Elandslaagte-Glencoe und ist nut der Ausbesserung der Eisenbahn beschäftigt. Alle Berichte stimmen darin überein, daß 7000 Buren am 14. und la. Mar in großer Eile nordwärts gezogen sind.

Abteilungen der Yeomary besetzten Lady- brand und Rundle besetzte Mequatlinsnek.

In dem Distrikte G r o o t d r i n k wurde ein Magazin von den Ausständischen vollkommen ausgeplündert. Dre . Bewohner von Upington befürchten einen Angriff.

Der Hessische Goethebund.

Gießen, 18. Mai.

In unserer Landeshauptstadt beabsichtigt man, dem Plane des Darmstädter Journalisten- und Schriststeller- vereins zufolge, einen Goethegedenkstein zu errichten. Am nächsten Sonntag wird dort zu diesem Zwecke eine Ver­sammlung stattftnden. Heute abend findet in Darmstadt eine Versammlung zur Gründung eines Hessischen Goethebundes statt. So schrieb uns gestern Professor Dr. Harnack von der, Darmstädter technischen Hochschule. Beiden Versammlungen ist der beste Erfolg zu wünschen. Dec Gedanke zur Errichtung eines Goethegedenksteins ist in einflußreichen litterarischen und wissenschaftlichen Kreisen Darmstadts mit großer Sympathie ausgenommen worden, und an der Verwirklichung dieses Projektes ist nickst mehr zu zweifeln. Aber auch der Hessische Goethebund imifä gedeihen. Auch! wir Oberhessen, insbesondere wir Gießener haben die Pflicht, so zahlreich als möglich ihm hei zutreten. ,, , .

Er wird geschaffen zur Abwehr geistiger Rückständigkeit, lieber ganz Deutschland beginnt sich bereits der Goethebund zu verbreiten und Männer gehören ihm allenthalben an, die auf wissenschaftlichem, künstlerischem und litterarischen Gebiete zu den Führern! der Nation gehören, die geistige Blüte unseres Voltes repräsentieren. Der Goethebund er­hebt flammenden Protest dagegen, paß in dem Ringen divergierender Welt- und Kunstanschauungen! nicht mehr, wie bei den übrigen Kulturvölkern, das ästhetische Ge­wissen, sondern die Polizei die berufene Richterin sein sol l. Daß alle diese Männer einen Kampf gegen die Sicklrch- leit führen, wie die Verteidiger derKunstparagraphen" dec heute im Reichstage wieder zur Beratung anstehenden Lex Heinze glauben machen wollen, .ist eine so ungeheuerliche Behauptung, daß ihren Verbreitern schon durch dre bloße Zurückweisung allzuviel Ehre angethan wird. Im Gegen­teil wenn das heuchlerische oder verkrüppelte Srttlichkerts- «efühl, dem jene angefochtenen Paragraphen entsprungen stvd, tatsächlich zur Herrschaft gelangen sollte, dann würde die Sittlichkeit nickst gehoben, sondern untergraben und verraiftet werden. Heuchelei und Prüderie srnd immer der dankbarste Nährboden für die Unsrtt rchkert gewesen. Eine Lebensanschauung, die den Körper als ein Werkzeug der Sünde betrachtet, das Sittlichkeitsideal in der Ab­tötung der Natur suckch und mit ihrer durch eine wider­natürliche Erziehung mißleiteten Phantasie aNes korper- licbe aeschlechtlich sieht, sollte an der Wende des 19. Jahr- dunderts ihr Panier über dem deutschen Volke aufpflanzen dürfen?! Leute, die die ganze strahlende Schönheitswelt auserer klassischen Kunst mit dem Anathem belegen, sollten »ber unsere Litteratur und Kunst zu Gerichte sitzen dürfen? Man sage nicht, daß es sich nicht darum handle, sondern vor allem um einen Schutz -der Jugend. Dieser Schutz der luaend ist eine heilige Aufgabe unseres Volkes, vor allem der Eltern und Erzieher, aber auch des Staates als Herrn der Schule und Hüters der öffentlichen Sitte, abe rauf dem Wege, den die Heinzemännchen einschlagen, wird er nicht erreicht. Wir sind der festen Ueberzeugung daß durch das unnatürliche Erziehungsprinzip unserer Sittlichkeits­wächter, durch die Aechtung alles Körperlichen durch da<- die Lüsternheit anregende System der Verhüllung schon mebr junge Seelen verdorben worden sind, als durch die Auslagen unserer Schaufenster und die Vorstellungen unserer Schaubühnen. ..

Es ist somit durchaus gerechtfertigt, daß die ganze fcrnae unter den höchsten Gesichtspunkten des geistigen Was behandelt wird, und es läuft thatsächlich auf eine bewußte oder unbewußte Irreführung hinaus, toenn man dem deutschen Volke weisniachen will, es handle sich eigent­lich nur um ganz geringfügige Dinge, um die Bekämpfung wober Unsittlichkeiten, in deren Verurteilung alle anstan- iiacn Leute einig seien. Es handelt sich vielmehr um den Schutz unserer besten geistigen Güter gegen eine kunst­feindliche Bevormundung. Und diese zu schützen ist unseres Trachtens eine heilige Pflicht der Verbündeten Re- oierungen. Wir zweifeln nicht, daß die,e Auffassung durch­dringen wird. Verschiedene Einzelregierungen haben mehr oder «minder deutlich erklären lassen, daß sie gegen das Gesetz stimmen würden, und wir glauben nicht, daß im Gegensatz hierzu irgend eine Regierung rückhaltlos für das ganze Gesetz eintreten wird.

Wenn über tar Vorstoß, den der geistige Rückschritt bei diesem Anlaß wagt, ein Gutes im Gefolge hat, foi besteht dies darin, daß die Vertreter geistig hochstehender Kreise aus ihrer Zurückhaltung, Gleichgiltigkeit, ja Ab- neigung gegen die politischen Kampfe des Tages aufge­rüttelt sind und eingesehen haben daß es ohne schwere Schädigung der allgemeinen wie der eigenen ^ntereyen .ächt angelst, fach auf ein noch so hohes Spezialgebiet znrückzuziehen und es im übrigenden anderen" zu uber- lässen den Lauf der Welt mitzubestimmen. Die Ver­möbelung des politischen Kampfes stößt feiner organisierte Staturen zu leicht ab, und läßt sie in einem erklärlicher»?

In einem Brief aus! tarn Burenlager wird über die ,llrlaubspest" geklagt, d. h. über die Gewohnheit tar im' Felde stehenden Buren, von ihren Vorgesetzten kürzeren oder längeren Urlaub, sei es aus Gesundheits­rücksichten, sei es zur Besorgung häuslicher Angelten- heiten, zu fordern und in den häusigsten Fällen auch zu erhalten. General Botha^hat in einem Kriegsrat sich schon über diesen Unfug ausgesprochen und geradezu gesagt, daß diese Urlaubspeft' vielleicht schuld daran sein werde, wenn die Unabhängigkeit der Republiken verloren gehe. Die .Volksstem" äußert sich' darüber folgendermaßen:

Daß ein kommandierter Bürger wegen ernstlicher Krankheit ober zur Erledigung dringender Familien­angelegenheiten für kurze Zeit Urlaub erhält und sich,, aus dem Lager entfernt, entspricht den Einrichtungen . unserer nationalen Heeresorganisation durchaus. Daß aber unsere Bürger es alpinen rechtmäßigen Anspruch betrachten, von Zeit zu Zeck Urlaub zu erhalten, einen Anspruch, gegen den nach ihrer Meinung nichts emzu- wenden sei, verstößt nicht nur gegen das Interesse des Landes und des Staates, sondern ist auch iw Widersprach mit dem Geist unseres Kriegsgesetzes. Da es in jedem Falle eine ausgemachte Sache! zu sein scheint, daß dre Engländer im Falle der vollständigen Niederwerfung der föderierten Republiken mit den Grundbesitzern nicht viel Federlesens machen, sondern diese kurzweg expro­priieren werden, muß sich! doch jeder Bürger die Frage vorlegen, ob er weise daran thut, durch eigene Schuld dem Feinde die Pfade zum Siege zu ebnen. Er wird sich bann zweimal besinnen, ehe er sein Kommando verläßt. Als ein Mittel gegen! dieseUrlaubspest" würden wir empfehlen, daß derGroße Kriegsrat" genaue Regulative über den zu erteilenden Urlaub giebt, die aber streng angewendet werden müssen ohne Ansehen der Person. Wir brauchen wohl kaum an das Pflichtgefühl unserer Bürger zu appellieren und ebensowenig werden wir nötig haben, auch den Frauen diese dringende Bitte ans Herz zu drücken, denn der Gedanke an den zukünftigen Verlust des Erbteils unserer Väter wird sowohl den Mann rote die Frau in dem festenj Vorsatz bestärken, zeitweilige Ent­behrungen sich gern aufzulegen, wenn durch sie ba& grenzenlose Elend, das uns eine britische Oberherrschaft bringen würde, abgewendet werden kann.

Es ist dies eine neue, bisher weniger bekannte, aber jedenfalls sehr unvorteilhafte Seite des Milizsystems, unter dem das Volksheer der Buren zu leiden scheint. Schließlich werden doch diejenigen recht behalten, die von Anfang an den Mangel an Mannszucht bei den Buren für den ver­hängnisvollsten Md schwächsten Faktor ihrer KriegsfLhrung gehalten haben.

Telegramme des Gietzeoer Anzeigers.

London. 18. Mai. .Daily Mail" v-r°ff-n,licht em Telegramm aus Lorenzo Marquez. das besagt daß d, Nachricht über die Befreiung Mafekings noch nicht bestätigt ist. Es fei aber am vergangenen Sonntag em heftiges Gefecht in der Umgegend der Stadt bemerkt worden. Oberst Baden Powell soll die Buren i» eine»

wundete." r t .

In dieser Fassung befindet fiefy von dem Brande der Kaffernstadt keine Nachricht. Dagegen meldet dieTimes" aus Lorenzo Marquez: Freitag und Samstag erstürmte eine starke Abteilung von Buren unter dem Kommando von Dewitz die Kaffernstadt bei Mafeking, trieb die Vertei­diger auf die freien Baracken zurück und brannte die HütteN nieder. Der Kampf dauerte Samstagnacht noch fort. Die Engländer hatten 50 Tote. Portugiesische Beamte erhiel­ten hinwiederum tai Nachricht, daß die Buren geschla­gen und von der Entsatz-Kolonne abgeschnitten wurden. .

Es sind also die widersprechendsten Nachrichten. In der obigen Nachricht wird als der Kommandant der Deutsche v. Dewitz angegeben. Gestern dagegen tag uns, eine Meldung vor, die Eloff als den Kommandanten be­zeichnete, und eine heute durch Reuter mitgeteilte Meldung des in Kapstadt erscheinendenCape Argus" aus Lorenzo Marquez besagt:Kommandant Eloff drang mit einer, Patrouille in Mafeking ein und wurde von der Garnison mit lebhaftem Feuer empfangen. 17 Buren wurden ge­tötet, Eloffund90 Mann der Patrouille gefangen genommen." , t y,

Aus den 7 Toten und 17 Verwundeten sind hier 17 Tote geworden. Kommandant E l o f f ist, wie wir gestern bereits kurz antauteten, der mutige Enkel des alten Krüger, der, nachdem er lange als Kommandant des Johannes­burger Forts dem Kriege ferngehalten, auf sein instän­diges Bitten endlich von Krüger nach Mafeking zur Bela­gerungsarmee geschickt wurde. Er hat sich schon beim Jameson'schen Einfall einen Namen gemacht, indem er die drohende Gefahr rechtzeickg meldete, und die Bürger zum Kampfe aufrief. Der kühne Sturmangriff auf Mafeking würde ganz seinem "Temperament entsprechen. Sarel Eloff hat nicht umsonst zwei Jahre auf dem Johannes­burger Fort Günter deutschen Offizieren und mit diesen! zusammen gedient. Seine Anschauungen über Kriegsfüh^ rung haben sich dadurch von den burischen Ueberlieferungen, entfernt, und in tau ihm zur Verfügung gestellten Manm schäften hat er äußerst tüchtige, von deutschen Offizieren geschulte Truppen in tar Hand, die für den jungen Führer durchs Feuer gehen und ihm folgen, wohin er sie immer führt. Eloff ist dabei ein äußerst kühner und verwegener Mann, der vor Begierde brennt, dem Feinde eine Schlappe beizubringen, und vor keiner Gefahr zurückschreckt.

DerCentral News" wird vom 16. Mai aus Lorenzo Marquez telegraphiert: Den letzten Nachrichten zufolge leiden die Einwohner Mafekings im höchsten Grade Mangel an Nahrungsmitteln. Sie hoffen sehr auf baldige Entsetzung. Die belagernden Burentruppen' wurden bedeutend verstärkt, weil die baldige Ankunft der

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