Ausgabe 
19.1.1900 Zweites Blatt
 
Einzelbild herunterladen

1900

Zweites Blatt

Zlnrts- unb Anzeigeblott für den Kreis (Sieben

i

Feuilleton

jr,

Freitag den 19. Januar

Bezugspreis vicrtehährl. Mk. 2,20 monatlich 75 Pfg. mit Bringerlohn; durch die Abholestellen vierieljährl. Mk. 1,90 monatlich 65 Pfg.

Bei Postbezug Mk. 2,40 vierteljährl. mit Bestellgeld.

Alle Anzeigen-Vermittlungsstellen deS In- und Auslände» nehmen Anzeigen für den Gießener Anzeiger entgegen. Zeilenpreis: lokal 12 Pfg., auswärts 20 Pfg.

RAettion, Expedition und Druckerei:

Kchutstraße Ar. 7.

* Weitere Nachforschungen nach AndrLe. Ma« schreibt derMgdb. Ztq." aus Stockholm, 9. Januar: Mehr als dreißig Monate sind bereits vergangen, seitdem die drei Schweden Andree, Fränkel und Strindberg von der Däneninsel aus, in der Nähe von Spitzbergen, ihren Aufstieg unternahmen, und allgemein herrscht die lieber« zeugung, daß die kühnen Polarreisenden nicht mehr unter den Lebenden weilen. In den wissenschaftlichen Kreisen Schwedens hält man aber daran fest, daß die Nachforsch­ungen nach der verschollenen Expedition noch keineswegs eingestellt werden dürfen. Man plant nunmehr, das König Karls-Land erforschen zu lassen, in dessen Nähe bekanntlich im vergangenen Sommer eine der größeren Bojen aufge­funden wurde, die Andrse mitgenommen hatte, um dieselbe beim Passieren des Nordpols auszuwerfen. Diese sogenannte Polarboje enthielt indessen keine Mitteilung von Andrse, und man ist deshalb ganz allgemein der Ansicht, daß die Expedition noch während der Luftfahrt verunglückt sei. Es besteht jetzt die Absicht, mit einem der schwedischen Dampfer, die im diesjährigen Sommer nach Spitzbergen gehen, um die schwedischen Mitglieder der russisch-schwedischen Grad- mefsungs-CxPeditiou abzuholen, einen Abstecher nach dem König Karls-Land unternehmen und daselbst Nachforschung» nach der Ballon-Expedition anstellen zu lassen. Man ist nämlich überzeugt, daß dort wenigstens irgend eine Spur der Verschollenen aufgefunden werden wird.

Eine Korsett-Kontroverse, Seitdem vor kurzem diegrande dieeuae* Madame Avette Guilbert sich einer Operation unterziehen mußte, die darin bestand, daß man ihr die eine durch zu festes Schnüren unheilbar erkrankte Niere herauönahm, wird in Paris über die schon so häufig erörterte Korsettfrage wieder lebhaft hin und her gestritten. Zwei Akademieen find eifrig dabei, die Frage nach allen Richtungen zu erwägen, und ein Tag in der nächsten Woche

Stechpalmen grünen .Allzeit lebendig, Lehren uns scharf sein, Aber beständig.

Adrefie für Depeschen: Anzeiger chießc«.

Fernsprecher Nr. 51.

Gratisbeilagen: GießensFamilienblätter, Der hessische Landwirt, Dlätter für hessische Volkskunde.

die sich entschieden wohler befinden, wenn der Körper und besonders der meist recht schwache Rücken der Frau durch ein Korsett gestützt wird, das nach der Figur gemacht ist und vernünftig getragen wird. Ein Schnürleib richtet nur dann unabsehbaren Schaden an, wenn die Trägerin es fest zusammenzieht. Zur Ehre der Frauen aber sei konstatiert, daß es gegenwärtig nur noch wenige Närrinnen gibt, die da glauben, daß die Männerwelt sich für eine Wespentaille begeistern könnte."

Unfreiwillige Komik. In derKölnischen Ztg." vom 6. Januar kündigt der Herr Notar Rath eineGe­schäftshaus, Weinkellerei-, Baustellen- und Weinberge- Versteigerung" zu Dusemvnd (Brauneberg) a. d. Mosel an, und bemerkt zur besonderen Empfehlung:Zur rationellen Weinverbesserung vorzüglich geeignetes Quellwasser ist reich- lich vorhanden." Dem fügen noch MerteS, Licht u. Co. in fettem Druck hinzu:Das oben erwähnte Quellwasser stießt durch eine Sandschicht zwischen Fels. Kies und Thon­erde, ist lieblich weich, mundfüllend und völlig geschmacklos, daher zur Weinverbesserung vorzüglich geeignet." Die Ottenser Nachrichten" vom 29. Dezember melden unter Gerichtszeitung":Der Unterschlagung machte sich ein Gelegenheitsarbeiter L. dadurch schuldig, daß er seinem Herrn, einem Kohlenhändler, 6 Mk. einkasfierte Gelder ab­lieferte." (Sollte er die 6 Mk. etwa einstecken und für sich verbrauchen?) UnterLokalem" berichtet dieElber­felder Zeitung" vom 8. Januar:In Haft kamen Drei Könige und gestern 16 Personen wegen verschiedener Ver- gehen." (Es wäre interessant, zu erfahren, was das für drei Könige sind, die in Elberfeld verhaftet wurden.) In dem Unterhaltungsblatt (Nr. 59) derBraunschweigische« Landeszeitung" finden sichBetrachtungen über Lebens- dauer". Darin heißt es:Mittelalter und Renaissancezeit besitzen ebenfalls Fälle abnormaler Lebensdauer. Zahlreiche Beispiele solcher wurden von Franz Bacon und dem Physio­logen Haller gesammelt. Bacon erzählt von acht Greisen, welche bei den Blumenspielen in der Grafschaft Hereford tanzten, und deren Alter zusammen 8800 Jahre betrug." (Ohne Frage hat Bacon dabei stark geschwindelt!) Dem Koburger Tageblatt" (Nr. 3) wird aus Brüsiel vom 3. Januar gemeldet:Hier ist keinerlei Nachricht über die Einnahme von Ko bürg durch die Engländer em- getroffen." (Kladderadatsch. )

* Zur Lage in Oesterreich.

Gießen, am 18. Januar 1900.

Ein Ministerum Körber scheint nun unwiderruflich fest­zustehen, und die Parteien können bereits mit dieser Thctt- sache rechnen. Vorläufig steht man sowohl rechts wie links dem künftigen Kabinett abwartend gegenüber, und auf beiden Seiten scheint ein gewisses Mißtrauen zu herrschen bezüglich der Haltung Körbers in dem Nationalitätenkampfe. Großes Interesse hat das unmittelbare Eingreifen Kaiser Franz Josefs in die Politik hervorgerufen, und es ist leicht er­klärlich, daß die Czechen nicht sehr erbaut waren über das, was chr Parteigänger, der Abgeordnete v. Stransky, vom Monarchen hören mußte. Große Befriedigung erregte es darum aber auch wieder in Prag, daß der Kaiser einem anderen czechischen Abgeordneten gegenüber die bewiesene Schärfe etwas zu mildern suchte und anerkannte, daß die Situation für das böhmische Volk sehr schwierig sei. Der Kaiser mahnte zum Frieden; ob freilich seine Mahnung von Erfolg sein wird, ist sehr zweifelhaft nach den bisher ge­machten Erfahrungen. Die heutige politische Lage ist kaum angethan zu einer Aussöhnung der Gegensätze, und die Stellung der Regierung, mag sie nun eine Firma tragen, welche sie will, bleibt nach wie vor heikel.

Wir haben vorhin gesagt, daß die Parteien der jetzt kommenden Regierung noch abwartend gegenüber stehen. Aber sobald diese Farbe bekannt haben wird, dürfte es so­fort mit dem Frieden vorbei sein. Tritt Körber etwa in die Fußtapfen Badenis und der Grafen Thun, so wird ihm die deutsche Obstruktion bald das Regieren verleiden. Aber auch den Deutschen darf er nicht zu viele Konzessionen machen, sonst bekämpfen ihn Czechen, Polen usw. aufs er­bittertste. Das Beispiel von der Scylla und Charybdis kann mit Fug und Recht auf die gegenwärtigen politischen Zustände Oesterreichs angewendet werden, und die jeweilige Regierung ist nicht zu beneiden.

Ueberdies werden die Schwierigkeiten noch erhöht durch das Verhältnis zu Ungarn, durch die Ausgleichsverhand-

ist bereits festgesetzt worden, an dem man zusammenkommen will, um über das Resultat der Erwägungen zu beraten. Die Akademie der Medizin hat sich zuerst geregt, indem sie auf die Vorlesung einer gegen das Tragen des Schnür­panzers zu Felde ziehenden Rumänin antwortete. Dieser Vortrag, in welchem sich Mademoiselle Stamo zu leiden­schaftlichen Ausfällen gegen das Korsett hinreißen ließ, hat dann auch die Akademie der Schönen Künste veranlaßt, zu den Waffen zu greifen, und zwar als Kämpferin für das Schnürleib! So merkwürdig es auch erscheint, die Künstler, denen die Verehrung für die Antike in Fleisch und Blut übergegangen ist, erweisen sich als Parteigänger der modernen Verschönerung" des weiblichen Körpers! Man ist nun äußerst gespannt auf die weitere Entwicklung dieser interes­santen Streitfrage.Das Schnürmieder", sagt die korsett- feindliche Rumänin,war bei den Frauen des Altertums unbekannt, und doch galten sie für die bezauberndsten Schön­heiten, die man sich denken konnte."Wer will das be­weisen?" entgegnen die Künstler.Aber zugegeben, daß jene Damen bezaubernder waren, als die Schönen von heute, die nach unserer Meinung entzückend sind, so wissen wir doch, daß die Frauen des Altertums sich breite Bänder und speziell zu dem Zweck angefertigte Binden um die Taille legten, um der Figur einen Halt zu geben. Nie­mand würde es beschwören wollen, daß an diesen Binden und Bändern nicht auch recht tüchtig gezogen wurde. Auf jeden Fall haben wir aber zahlreiche Beweise dafür, daß die Schönen von damals sehr danach strebten, ihren Körper schlank und geschmeidig erscheinen zu lassen, und vielleicht einem dem heutigen Korsett ähnlichen Toiletten­artikel mit Freuden begrüßt haben würden. Sie waren eben nur nicht geschickt genug, einen solchen zu erfinden." Der Schnürpanzer", fährt Mademoiselle Stamo fort, quetscht Lunge, Herz, Leber und Nieren, mit denen Mutter Natur uns versehen hat, in höchst beklagenswerter Weise zusammen." Die Akademie der schönen Künste erwidert: Mutter Natur hat dem Menschen ebenfalls eine große Menge Pflanzen und mineralischer Produkte zur Verfügung gestellt, aus denen Morphium, Opium, Arsenik und viele andere Gifte bereitet werden. Diese Gifte dienen dazu, wenn richtig angewandt, schwere Krankheiten zu heilen: sie töten aber den Unklugen, der nicht weiß, wie man mit ihnen umgehen muß. Ebenso ist es mit den Organen des Weibes,

Meßmer Anzeiger

General-Anzeiger

K von

Annahme von Anzeigen zu der nachmittag- für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bi- vorm. 10 Uhr. Abbestellungen spätesten- abend- vorher.

w» 20. Inwar * '«'/. Mn Wr *'

siÄeS

£to

»»1 w ^ayre, vtly., llervWer,.-tig unt Gemüse-, Blumm bt dauernde Privatstelle illa- Gute Zeugnisse

inter J. B. 02U an die ölalles erbeten.

Wann, bet am 1. April n Kontor einet ffk?- tenogt) tv. S/M M < um. Mvn t>.

in Anspruch nahm. Der Vortragende fesselte durch seine sehr klaren, auch dem Laien verständlichen Ausführungen die Zuhörer außerordentlich.

Ausgehend von der Erfindung des Telephons durch den Deutschen Reis im Jahre 1861 führte der Vortragende an der Hand der Apparate den ganzen gewaltigen Fort­schritt der Telephonie vor. Man sah an den nach chrono­logischen Grundsätzen geordneten Apparaten, wie vollendet in' innerer Einfachheit und äußerer Form unsere heutige Fernsprech-Technik bereits ist, im Vergleich zu ihren plumpen und komplizierten Anfängen. Von besonderem Interesse war die Erläuterung einiger neuer Konstruk­tionen, welche d emnächst hier in Berlin erprobt werden sollen. Bekanntlich ist die Hauptbedingung eines guten Fernsprechsystems die leichte und schnelle Herstellung der Verbindungen, und in dieser Beziehung sollen neue Ver­suche gemacht werden. Herr Feyerabend führte unter anderem ein SiemensschesSystem mit Sprungzeichen" vor, bei welchem auf den Aemtern die jetzt gebräuchlichen Klappen fortfallen und zum Zeichen des gewünschten An­schlusses ein weißer Punkt hervorspringt. In ähnlicher Weise erfolgt das Avis bei dem amerikanischen Gluhncht- System, bei welchem das Erglühen eines Glasknopfes als Zeichen für die Telephonistin gilt. Beide Systeme bringen eine bedeutende Vereinfachung der Einschaltungen mit sich. Für unsere Berliner Telephon-Verhältnisse waren die weiteren Ausführungen des Herrn Feyerabend über das neue Amt I, welches in etwa 14 Tagen mit Doppel­leitungsbetrieb eröffnet werden! soll, von großer Bedeutung. In dem neuen Amt gelangt die Tischsorm (entgegengesetzt der alten Schrankform) zur Verwendung. Es sind dabe: 12 200 Leitungen vorgesehen mit 43 Umschaltetischen, jeder mit 12 200 Klinken, mithin also im ganzen 524 000 Klin­ken. Die Gesamtlänge dieser Leitungen beträgt neun und eine halbe Million Meter, eine Strecke, welche von Berlin bis an das Japanische Meer reichen würde. Die Auf­wendung für dieses neue Amt beträgt 1234 000 Mark, die Bedienung wird durch 200 Personen (mit Ablösung 400) bewerkstelligt. Sehr großes Interesse erregten die Lichtbilder, welche Herr Feyerabend zur Erläuterung seiner Ausführungen über die Fernsprechämter vorführte. Wir sahen darunter das schrankförmige Vielfachumschaltesystem,

Hm» trie eineetrtittttl« strfttaße 35.

wtt tzchöss

Wtate 17, in.

nf

MnielM tul Pare".!-

w 5 Ul'.

Nr. 15

Erscheint täglich mit Au-nahme des

Montag-.

Die Gießener Aämilienötätler werden dem Anzeiger im Wechsel mitHR- Landwirt" h.Blätter ffir Hess. Volkskunde- wSchtl. 4 mal beigelegt.

hingen, bei denen beide Reiche nicht zu kurz komme« wollen. Die Festsetzung der Quote durch den Kaiser sollte nur aus­nahmsweise Vorkommen, aber sie ist jetzt schon seit Jahren zur Notwendigkeit geworden, da eine Einigung nicht erzielt werden konnte. Auch der berüchtigte § 14 der Verfassung macht Schwierigkeiten, da ihn die Regierung kaum entbehren kann, während das Parlament feine Aufhebung verlangt. Wahrlich, wir beneiden den Herrn v. Körber nicht um das . Amt, welches er zu übernehmen im Begriff steht. Wir wollen hoffen, daß er der richtige Mann ist, dessen Oester- reich schon seit langen Jahren bedarf, und daß es ihm ge­lingen möge, geordnete politische Verhältniffe in seinem Vaterlande wiederherzustellen.__

Ein Abend im Reichspostamt.

Exzellenz von Podbielski hatte am Dienstagabend die schönen Räume des Reichspostamts und des Postmuseums in eine Stätte anmutsvoller Gastlichkeit verwandelt, der ein sehr wertvoller Beigeschmack des Lehrhaft-Praktischen nicht fehlte. Zwei hübsche Neuerungen hat unserGeneral- Postmeister", wie er so gern genannt wird, in die Phy­siognomie dieserparlamentarischen Abende" hineinge- gebracht: in erster Linie das belebende und verschönende Moment des Damenflors und in zweiter Linie das Moment des interessantenVortragsabends". Die Einladungen er­gingen vondem Staatssekretär und Frau von Podbielski". So war denn auch eine außerodentlich große Anzahl der geladenen Gäste mit ihren Damen erschienen. Im Vestibül des Postmuseums empfing der Herr Staatssekretär mit seiner anmutigen Gemahlin die Geladenen, um sie zunächst in die Kuppelhalle zu geleiten, die mit großem Geschick in einen Vortragssaal verwandelt war. Das Hauptstück und die Einleitung des äußerst gemütlichen und anregen­den Abends bildete daselbst ein mit zahlreichen Vor­führungen ausgeschmückter Vortrag des Herrn Tele- graphen-Jngenieurs Feyerabend über

die Cutwickelunfl der Fernsprechtechnik, ein Thema, das au sich schon, die höchsten Triumphe der Kulturentwickelung des verflossenen Jahrhunderts behan­delnd, das Interesse der Anwesenden im höchsten Grade

ins w Nauheim rhandel unb ffiirtfiaft betrieben wirb, fW iebingungen M Str» Dtt aud» zu vnyMn. wasensteiflU.voM, Ltlter-wt-8S,tzofI, ngen laßen.___________

formier, mit schwarz em-wanz, entlaufen.

rieswvtg t ird gewarnt,__.

528