Ausgabe 
18.11.1900 Viertes Blatt
 
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Sonntag den 18 November

Viertes Blatt.

150. Jahrgang

1900

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den "Kreis Gietzen.

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Alle Anzeigeo-DermittlungSsteNm M In- und AuSlaude- nehmm Anzeigen für den Gießener Anzeiger entgegen ZeilmpreiS: lokal 12 Pfg., auswärts 20 Pfg.

ÄMtiew, Expedition und Druckerei: -4»kstraß« Ar. 7.

Odessa, 17. November. Einem Telegramm aus Peters­burg zufolge haben die Militärbehörden Befehl erhalten, für bry Regimenter russische Truppen, die aus China zu­rückkommen, Unterkunft zu beschaffen.

Gratisbeilagen: Gießener FamilienblAter, Der hessische Landwirt, Mütter für hessische Volkskunde.

O»e wen Anzeigen zu der nachmittags für den fetgmboi tag erscheinenden Nummer bis norm. 10 Uhr. Abbestellungen spätestens abends vorher.

zweiter Antrag Baffermaun verlangt die Einrichtung kauf­männischer Schiedsgerichte. Die Elsaß-Loth­ringer haben im Reichstage ihre alten Anträge wieder ein­gebracht, darunter den Antrag auf Aufhebung des Diktaturparagraph en.

DieDeutsch. VerkehrSztg." veröffentlicht Einzel­heiten aus dem Reichspostetat für 1901, der zurzeit dem Bundesrate vorliegt. Sie sagt u. a.: Der neue Etat weist kein so günstiges finanzielles Ergebnis auf. Einerseits ist in der industriellen Entwickelung, welche die Einnahmen der letzten Jahre günstig beeinflußte, auf manchen Gebieten ein Rückschlag eingetreten, andererseits haben die Portoermäßigungen und die Verbilligung der Fern­sprechgebühren einen starken Einnahmeausfall im Gefolge. Trotz der wenig günstigen Finanzverhältnisse sollen mithin etwa 4 Millionen Mark mehr im Interesse des Personals anfgewendet werden als im lausenden Jahre, in dem für Besoldung u. s. w. 13 Millionen Mark in Zugang gestellt waren. Hauptsächlich erstreckt sich die Mehrforderung auf die Neuschaffung etatsmäßiger Stellen, indem 2342 Stellen für Beamte und 3521 Stellen für Unter­beamte neu hinzukommeu. Ein gleich hoher Betrag ist für die 1900 begonnene Neuregelung der Tagegelder der Postboten bestimmt.

Der Redakteur des anarchistischen Blattes Neues Leben", Tischler Otto Albrecht, der die konfis­zierte Nummer vom 11. November verantwortlich zeichnete, ist nachträglich von der Polizei verhaftet worden. Zwei in der Umgegend von Berlin einberufene Anarchistenversamm­lungen und eine ;n Mainz wurden polizeilich verboten. In Freiburg i. Bad. wurde der Anarchist Vökler wegen Verbreitung unzüchtiger Schriften zu 6 Wochen Gefängnis verurteilt.

Adreffe für Depeschen: Anzeiger Kießan

Fernsprecher Nr. 5L

Telegramme deS Gießener Anzeigers.

Loudon, 17. November. Aus Shangai wird ge- veldet: Der deutsche Generalkonsul ist an Bord «lies Kriegsschiffes nach Peking abgefahren, wo sich bereits Nlsisische, japanische, englische und französische Schiffe be- ßlllden. Die Verbündeten haben sich, wie es heißt, beim Lizzekönig von Nanking wegen Absendung von Geld und Mensmitteln nach Singanfu beschwert und dagegen protestiert.

Bezugspreis viertcljährl. Mk. 2LG monatlich 75 Pfg. mit Bringerlohn; durch die AbholesteL« vierteljährl. Mk. 1,9t monatlich 65 Pfg.

Bei Postbezug Mk. 2,40 vierteljShrt. mit Bestellgeld.

Ausland.

London, 16. November. DerBirmingham Post" zu­folge glaubt man in deutschen offiziellen Kreisen, Chamber­lain werde auf seiner Rückreise aus Italien Berlin besuchen und mit dem Kaiser eine Unterredung haben.

Haag, 16. November. DerGelderland" geht von Port Saiv durch die Meerengen von Messina und Bonifacio direkt nach Marseille, wo sie am 21. ds. M. eintreffen wird. Von dort kehrt sie zurück, um die unterbrochene Fahrt nach Java fortzusetzen. Die Mitglieder der Burenmission, Wolmarans und Wessels, begeben sich morgen früh in Begleitung des Sekretärs Delbruyn und Groblers, eines höheren transvaalischen Beamten, nach Paris. Fischer schließt sich in Brüffel an. Sonntag früh reisen dieselben über Paris nach Marseille. Dr. LcydS begiebt sich dorthin allein von Brüffel.

Paris, 16. November. In der heutigen Kammer wurde die Regierung über die Eisenbahn-Katastrophe in Choisy-le-roi interpelliert. Coutant (soz.) findet die vom Minister veranstalteten Untersuchungen ungenügend; ihr Resultat sei gewöhnlich, daß unschuldige und pflichttreue Arbeiter gestraft, die Direktoren der Eisenbahn-Gesellschaften dagegen wegen ihrer hervor­ragenden Verdienste dekoriert werden. (Lebhafter Beifall links und rechts.) In den allermeisten Fällen seien die Unfälle nichts anderes als Mordthaten, verübt von den Gesellschaften, die Personal und Material gewiffenlos auSbeuten. Waldeck Rousseau ersucht die Kammer, die Re­gierung zu ermächtigen, Verwalter für die betreffende Eisen- bahn Gesellschaft zur Ausübung der Aufsicht zu wählen. Ein Antrag des Abg. Bertrant betreffs Verminderung der Arbeitszeit der Eiseubahnange st eilten wurde ebenfalls angenommen. Ein Antrag, die gerichtliche Der- folgung gegen den Eisenbahndirektor der OrleanS-Bahn wegen des gestrigen Unglücks zu verfügen, wurde ab­gelehnt, da dies Waldeck Rousseau als eine Ueberschreitung der Befugnisse der Regierung in der Kammer bezeichnete. Minister Baudini antwortete auf verschiedene Eisenbahn­fragen, die Regierung bedauere die Unfälle, besonders den Tod des peruanischen Gesandten.

Im Hotel Continental fand heute ein von den fremden Ausstellungskommissaren veranstaltetes Abschiedsbankett statt. Der deutsche Reichskommissar Geheimrat Richter führte den Vorsitz. Er hielt eine Rede, in der er ausführte, die Ausstellung habe an innerem Werte und nach ihrer sachlichen Bedeutung ihre europäischen und außereuropäischen Vorgängerinnen überragt. Der Redner hob sodann die gastliche Aufnahme und die schmeichelhafte Aufmerksamkeit des Präsidenten Loubet und

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Erscheint tLgNch mit Ausnahme deS Montags.

Die Gießener »«WlttenSkätter erben dem Anzeiger hm Wechsel mitHess. Landwirt" n.Blätter Dr heff. Volkskunde" dchtl. 4 mal beigelegt.

Deutsches Reich.

Berlin, 16. November. Der Minister Frhr. v. Rheiu- baben hat sich bekanntlich bei der Reise des Kaisers nach Trachenberg im Gefolge deS Monarchen befunden. Wie dieStaatsbztg." hört, war dies auf besonderen Wunsch deS Kaisers geschehen, da der Minister dem Mo­narchen einen Vortrag über den Stand der Dinge bezüglich der Enthüllungen im Sternberg-Prozeß und der da­durch angegriffenen Polizeibeamten halten sollte. Bei der weiteren Reorganisation der hiesigen Kriminal­polizei wird der Kaiser ein gewichtiges Wort mitsprechen.

Nach Zeitungsberichten Über den P r o z e ß - S t e r n- berg soll der als Zeuge vernommene Direktor des Detektiv-JnstitusJuS" dem Gericht ein Schriftstück überreicht haben, wonach er für seine Thätigkeit in einem FalleBrinkmann" vom Justizminister eine Belobigung erhalten habe. Diese Darstellung ist unzutreffend. Das Justizministerium, so schreibt die ministerielleBerl.Corresp.", kennt keine Detektivs. Vielmehr hat lediglich das Justiz­ministerium im Jahre 1899 einen im Wiederaufnahme­verfahren von der Anklage der unternommenen Verleitung zum Meineide freigesprochenenDrinkmann" (nicht Brink­mann) unter anderen von diesem geltend gemachten Schadeus­ersatzforderungen auch eine Summe von 750 Mark zahlen lassen, welche er an das Privatdetektiv InstitutJus" für Ermittelungen in seiner Strafsache zu entrichten hatte. Eine Belobigung dieses Instituts oder eine Anerkennung seiner Thätigkeit ist hiermit nicht verbunden worden, ein Schrift­wechsel mit ihm hat nicht stattgefunden.

Die KielerN. N." teilen aus amtlicher Quelle mit, der Kaiser habe den Wunsch ausgesprochen, daß alle ihm oder der Kaiserin in einem Wagen begegnenden Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften den Wagen verlassen, soweit ihnen dies möglich ist und Front machen. Ausgenommen sind Omnibusse und Pferde­bahnwagen. (Wir glauben trotz der amtlichen Signatur nicht an die Richtigkeit dieser Meldung. D. Red.)

DieNordd. Allg. Ztg." schreibt: Die Nachricht von einer ernsten Erkrankung des Kaisers von Rußland ruft in den weitesten Kreisen Deutschlands die herzlichste Teilnahme hervor. Möglicherweise berechtigen die bisherigen Meldungen über den Verlauf der Krankheit zu der Hoffnung, daß unsere warmen Wünsche für eine baldige Genesung des befreundeten Herrschers in Erfüllung gehen werden.

Wie dieB. N. N." melden, ist es ziemlich sicher, daß der Zolltarif in dieser Session dem Reichstage nicht zugehen wird. Im B u n d e s r a t, der voraussichtlich im Februar den Entwurf erhalten soll, wird er seiner Wichtigkeit und seiner bisherigen Behandlung entsprechend sehr gründlich beraten werden. Die Vorlegung an den Reichstag soll auch schon deshalb möglichst unterbleiben, damit das Ausland nicht vorzeitig über alle Einzelheiten des Tarife- und der Verhandlungen unterrichtet wird.

Nach der amtlichen Feststellung der gestrigen Er- gebniffe der Schriftführerwahl im Reichstage find gewählt worden der Konservative v. Norman n, von der Deutschen Reichspartei Pauli, der Nationalliberale Dr. Paasche, vom Zentrum Braun und Dr. Krebs, von der Freis. Vereinigung Dr. Pachnicke, von der Freis. Volkspartei Dr. Hermes, und der Pole Cegielsk. Dem Dr. Pachnicke war von sozialdemokratischer Seite Fischer (Berlin) entgegengestellt worden. Ersterer siegte mit 179 gegen 79 Stimmen.

Die kons. Reichstagsfraktion soll, wie ver­lautet, in der 12000-Mark-Affaire des Reichsamts des Innern keinen Eingriff in das Etatsrecht des Reichs­tags und gewissermaßen eine private Angelegenheit des be­treffenden Beamten erblicken, die Sache aber doch nicht billigen und für einen Mißgriff der Regierung halten.

Abgg. Rösicke (Dessau) und Pachnicke (Freis. Vg.) haben im Reichstag die Vorlegung eines Gesetzent- wnrfs betr. die Errichtung von Arbeitsnachweisen beantragt. Ein zweiter Antrag will den Reichskanzler er­suchen wissen, dahin zu wirken, daß ein Reichsarbeits­amt errichtet werde. Abg. Bassermann hat einen An- trag im Reichstag eingebracht, der die gesetzliche Sicherung der Bauforderungen bezweckt. Ein

Der Krieg in China.

Immer bestimmter taucht die Nachricht auf, daß sich die Mohamedaner Chinas gegen den Thron erhoben haben. Die Ursache wird weniger in einer Unzufriedenheit mit der bisherigen Regierungsart liegen, als vielmehr in der Befürchtung, der Thron könne den Fremden Zugeständnisse machen. Prinz Tuan, der mit 5cm General Tungfuhsiang an der Spitze der Aufständischen stehen soll, ist der Vater des Thron­erben Putschün. Die Forderungen der Mächte können ihm tischt unbekannt geblieben sein. Er mag als Vater des jetzigen Thronerben, der zwar, da der Kaiser (kinderlos! ist, dem 1875 gestorbenen Kaiser Tungtschi adoptiert wurde, auch für hie Zukunft des Sohnes fürchten, wenn ihm selbst, was er doch, schließlich für nröglich halten muß, durch die Fremden Entehrung droht, und sei sie auch nur in Form eines niemals ausgeführten Erlasses. Auch mug er wünschen, daßder Kaiser, wie die Kaiserin beseitigt werde, damit sein So h n den Thron be­zeige und schon durch diese Thatsache die Verurteilung des leiblichen Vaters unmöglich mache. Ein zu Verhand­lungen mit den Mächten geneigter Kaiser, wie der jetzige Kuangsü, muß jedenfalls dem Prinzen Tuan mißliebig [ein, unter Umständen sogar gefährlich, Mit dem Dasein der Kaiserin könnte er suhl leichter aussöhnen, wenn er die Gewalt in den Händen hat. Aehnliche Beweggründe mögen den General Tungfuhsiang, dessen Kopf ebenfalls auf der von den Gesandten ausgestellten Liste steht, be­stimmen mit Tuan gemeinsame Sache zu machen. Religiöse Beweggründe sind in der Bewegung nicht zu suchen ; das ist um so bedenklicher für den Thron, da so der Aufstand viel leichter um sich greifen kann, als wenn er auf die Anhänger des Islam beschränkt bliebe. Tungfuhsiang ver­fügt wahrscheinlich in der Provinz Kansu über nicht un­bedeutende Haufen. Die von ihm kommandierte mo- hmnmedanisch^ Armee, die sich auch hervorragend an den Uimpfen gegen die Gesandtschaften beteiligte, war einiger-, maßen militärisch organisiert und bestand aus etwa 10000 Mann, die in 18 Bataillone, 6 Schwadronen «und! 1 Abteilung Artillerie eingeteilt waren. Ihre Bewaffnung ivvrd als schlecht bezeichnet; an Unternehmungslust und VLut soll es den Truppen Tungfuhsiangs nidjit fehlen. Früher in Kansu in «Garnison, später an der Eisenbahn Peking-Hankau in Tschitshan, endlich in Peking zeichneten sie sich, überall durch Zügellosigkeit und Raublust aus. Diese Horde wzrd der Kern der Aufständischen sein. An den Kämpfen gegen die Verbündeten scheinen sich Tung­fuhsiangs Hausen nach! ihAm Rückzüge aus Peking nicht beteiligt zu haben.

DerAgence Havas" wird aus Peking vom 13. ds. gemeldet: Tie Russen geben die U e b e r w ach u n g der ÄahnlinieTaku-Tangschan auf. Generalfeldmar­schall Graf W al der sc e richtete daraufhin unmittelbar nach Petersburg an den russischen Kriegsminister ein Te­legramm, worin er sich in nachdrücklicher Weise über liefe Maßregel beklagt und darüber beschwert, daß cr nicht zuvor in Kenntnis gesetzt worden sei.

DieKöln. Ztg/' meldet aus Petersburg, der dortige . cste Sekretär der japanischen Gesandtschaft äußerte, daß die japanische Regierung gleichfalls beschlossen habe, ihre Truppenaus Peking zurückzuziehen. 2er Beschluß solle verwirklicht werden, sobald die Ver- Handlungen darüber zu Ende geführt sind, wieviel Sol- öaten in der Residenz zum Schptze der Gesandtschaften zucückbleiben sollten. Wenn über diesen Punkt eine Einig­ung zu stände gekommen, würden die japanischen Truppen !»jort in die Heimat befördert. Nach Ansicht Japans ivürden bestimmt die bis zum Frühjahr dauernden jfriedensverhandlungen beschleunigt, wenn alle Mächte dem Äeispiele Rußlands folgten.

Die Kosten der ostasiatischen Expedition Oeste- reich-Ungarns betragen kaum drei Millionen Kronen.

Der chinesische Gesandte Wu erhielt von Direktor Sheng eine Depesche, derzufolge die Prinzen Tuan und Ehwang ihrer Würden und Aemter verlustig erklärt, und zu lebenslänglichem Gefängnis verurteilt wurden. Aih und Ding werden gefangen gesetzt, Yusien werde zum entlegensten Ende des Reiches verbannt, und noch einige andere geringere Strafen feien durch ein kaiserliches Edikt Hom 13. November verhängt.

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