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Sonntag den 18. Nodembet-
150. Jahrgang
1900
Gießener Anzeiger
General-Anzeiger
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Landwirt,
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Fernsprecher Nr. 51.
Amtlicher Feil,
Bekanntmachung.
In der Zeit vom 10. November bis 17. November 1900 sind in hiesiger Stadt:
gefunden worden:
2 Taschenuhren mit Kette, 1 goldener Ring und 1 Regenschirm.
verloren worden:
1 silberne Damenuhr, 1 silberne Uhrkette und 1 Peitsche.
entlaufen:
1 gelber Dachshund, auf den Namen „Patschky" hörend.
Gießen, den 17. November 1900.
Großherzogliches Polizeiamt Gießen.
____________ Hechler.___________________
Der Mordanschlag auf den deutschen Kaiser.
Gießen, 17. November.
Die Nachricht von einem Mordanschlage auf den deutschen Kaiser traf gestern Nachmittag kurz nach V25 Uhr <ii f unserer Redaktion ein. Kurz hintereinander erhielten tvir folgende drei telegraphische bezw. telephonische Meldungen, die wir sofort durch Extrablatt bekannt gaben. Sie lauteten:
BreSlau, 16. November. Als der Kaiser mit dem Erbprinzen vorr Meiningen Henle mittag in offener Equipage vom Bahnhofe nach der Kürassierkaserue fuhr, warf ei«e anscheinend geistesgestörte Frau aus dem Publikum riv kurzes Handbeil in der Richtung nach dem kariserlichen Wagen. Das Beil fiel hinter dem kaiserlichen Wagen zur Erde. Niemand wurde verletzt, die Frau sofort verhaftet. ,
Ein zweites Telegramm meldet: Die verhaftete Frauens- ptrfon heißt Telma Tchuapke. Sie stand in der vordersten steihe des Publikums auf der Seite des Wagens, wo der Erbprinz von Meiningen saß. AlS der Wagen vorüberfuhr, schleuderte sie ein kurzes Beil nach demselben Das Beil
prallte vom Wagen ab und fiel unmittelbar dahinter nieder. Die Menge stürzte auf die Frau, die die Schutzleute sogleich festnahme«.
Breslau, 16. November. Heute mittag kurz nach der Ankunft des Kaisers, als der Wagen des Kaisers in die Gartenstraße eiubog, stürzte sich eine Frauensperson auf den Wagen zu und warf mit einem kurzen Handbeil nach dem Kaiser. Dasselbe traf daS Hinterrad deS Wagens und prallte ab. Der Kaiser fuhr tief ernst nach der Kürasfierkaserne. Die Person wurde verhaftet. Die Stadt ist in großer Aufregung.
Das BreSlauer Polizeipräsidium teilt mit, daß die Person, die heule mittag den Mordaufchlag auf den Kaiser ausföhrte, eine 40 jährige unverehelichte Händlerin ist, die aus ihrer Wohnung exmittiert wurde. Auch schwebt gegen sie ein Verfahren wegen Beamtenbeleidigung und Widerstandes gegen die Staatsgewalt. Bei der Rückfahrt des Kaisers um 3 Uhr nach dem Bahnhöfe bildete inzwischen eine große Menge und die Schuhmannschaft Spalier. Der Kaiser war durch den Vorfall keineswegs erregt.
Heute liegen folgende Meldungen vor: Die Attentäterin ist zweifellos geisteskrank. Auf dem Wege zum Polizei- Revier führte sie lauter wirre Redensarten. Die Polizei hatte Mühe, die Frau vor der Wuth der Menge zu schützen. Das Beil war noch ungebraucht. Der Kaiser hat anscheinend von dem Vorgänge nichts gemerkt. Die Attentäterin ist erst-vor Kurzem von Brockau bei Breslau nach Breslau verzogen. Sie ist am 15. Juli 1859 in Oberschlesien geboren. Daß die Frau geistesgestört sei, ist nach der ganzen Art der That anzunehmen. Dafür spricht auch, daß berichtet wird, sie habe auf dem Wege nach dem Polizeibüreau fortgesetzt von Leuten gesprochen, die sie aufgehetzt hätten und ausgerufen: „Er hat mich ja geheißen." Es fragt sich, ob die Frau verheiratet ist, ob es sich also um den Namen ihres Mannes oder um ihren Mädchennamen handelt. Auch die im Anschluß an die Verhaftung der Schnapke (oder Schnapka) erfolgte Vernehmung der Verhafteten durch den Breslauer Staatsanwalt hat außer jeden Zweifel gestellt, daß eine
politische Bedeutung irgendwelcher Art dem Vorfälle nicht beizumessen ist, und daß man es lediglich mit der That einer Geisteskranken zu thun hat.
Die zuerst an der Berliner Börse verbreitete Meldung ging dahin, daß das Verbrechen von einem Mann in Frauenkleidern verübt worden sei.
Die ganze Sache hat sich also schließlich glücklicherweise als wenig bedeutend und ziemlich harmlos herauS- gestellt. Es war die That eines unzurechnungsfähige» Weibes. Anfangs gab man an, sie stamme aus Italien, und so bekam die Sache einen anarchistischen Anstrich. Die Frau stammt aber aus Schlesien. Sie hat vielleicht garnicht einmal gewußt — so nehmen wir wenigstens an —, daß in dem stolzen Wagen, den sie vor sich sah, der Kaiser saß. Wahnsinn hat den Beilwurf verursacht, nicht anarchistischer, sondern der bemitleidenswerte Wahnsinn einer kleinen Bürqersfrau. Sollte man es aber mit einer geistig normalen Person zu thun haben, so liegt die Vermutung nahe, daß sie nur die öffentliche Aufmerksamkeit hat auf sich ziehen wollen, weil sie aus ihrer Wohnung exmittiert wurde und so obdachlos war. Daß sie gerade mit einem Beil warf, thut dabei nichts zur Sache; ein anderer weniger gefährlicher, zum Werfen geeigneter Gegenstand, vielleicht ein zusammengeballtes Stück Papier, hätte dann dieselbe Wirkung gethan. Ein Parallele zu konstruieren zu der Ermordung des Königs von Italien, wie da« einzelne Sensations-Blätter thun, ist Unfug. Diese Blätter werden nun wohl fortfahren, vielspaltige Erwägungen anzustellen, um ihren Lesern täglich einen aufregenden Stoff servieren zu können. Wir drücken nur unser lebhaftes Bedauern aus über das thörichte Vorkommnis und sind überzeugt, daß sich allenthalben in der Welt aufrichtige Freude darüber äußern wird, daß das ehrfurchtgebietende Haupt des Deutschen Reiches unversehrt geblieben ist und daß man bei dieser Missethat von einem Anschläge nicht reden kann. Der Kaiser ist gestern abend wohlbehalten auf Bahnhof Groß-Strehlitz in Schlesien eingetroffen, um seine Jagden sortzusetzen. Auf dem Wege vom Bahnhöfe zum Schlöffe d^s Herrn v. Tschirschky Renard bildeten Kriegervereine und Schulkinder mit Fackeln Spalier.
Auch im Ans lande beurteilt man jetzt das „Attentat" in der rechten Weise. In der französischen Kammer hatte die erste Sensationsmeldung selbstverständlich die
Hießener ^Htadttheater.
Johauuisfeuer *).
Schauspiel in vier Akten von Hermann Sudermann.
Sudermanus neuestes Stück „Johannisfeuer" ist, wie berliner Blätter neulich zu melden wußten, von mehr als 90 Theatern angenommen worden, und der ostpreußische 'Wnenautor beherrschte in diesen Wochen den Berliner Iheatermarkt wie kaum je zuvor. Das Lessingtheater, das Itter der Direktion seines stets hilfreichen Tilsiter Schul- frtundes Neumann-Hofer steht, gab in der letzten Zeit °-ßer „Johannisfeuer" noch die „Ehre" und „Morituri", iilld das Schillertheater ebenfalls die „Ehre" und „Glück im Amtel". Außerdem will Neumann-Hofer auch noch „Sodoms Ende" im Lessingtheater, wo es einst seine Premiöre «lebte, zu neuem Leben erwecken. Agnes Sorma aber trügt den neuesten Sudermann in alle Welt; in Rotterdam, too sie jüngst als Marikke auftrat, wurde der anwesende Dichter stürmisch bejubelt.
Bei uns in Gießen folgte ziemlich unmittelbar der ,Heimat" das „Johannisfeuer". Also Sudermann braucht »Mich nicht über feine „vielen Feinde" so laut zu jammern, nie er es häufig, nicht ganz ohne eine gewisse Renornrnistik, tztt. Fliegen ihm doch nicht nur aus der „Heimat" die Junten von seinem „Johannisfeuer" als blanke Dukaten -ins allen Windrichtungen ins Portemonnaie. Was will er Ahr, der Dichter-Millionär?
Der Ort der Handlung in „Johannisfeuer" — Handling ist ein recht paffender Ausdruck für den geschäftigen fotor — ist das in Preußisch-Littauen gelegene Gut eines henm Vogelreuter. Besagter Herr Vogelreuter hat seinen bmimeisternden Neffen Georg v. Hartwig mit seiner Tochter ttu.be verlobt. Und nun kommt das von Sudermann mit W so beliebte „Hemiat"-Motiv. Georg hat nämlich, Magda, keine rechte Heimat und entbehrt nab ersehnt i doch aus tiefem Herzen. Seit seiner Kinvheit gehörte
*) Erschienen in der A. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachf. in Btchhart, Preis drosch. 3 Mk.
er zum Hause seines Onkels, obgleich er sich dort niemals recht heimisch gefühlt hat. Ihm ist auch nie die Idee gekommen, sich von anders her eine Frau zu holen, so verwachsen ist er, gegen seinen innersten Willen, mit des Onkels Familie. Innerlich ist er erst frei geworden, als er der schweren Faust VogelreuterS ledig wurde. Er hat sich, nach einem ziemlich thörichten Jugendeinfall, von der Prima ab durch- gehungert als ein unabhängiger Mensch und will nun, da er eine gute Stelle hat, die Früchte seiner Arbeit genießen, nicht die seines Onkels; er schlägt darum die Mitgift Trudens rundweg aus. Da erinnert ihn Vogelreuter mit gänzlich überflüßiger häßlicher Brutalität, wie sie eine „Seele von Mensch" — so wird er von Georg selbst genannt — nie begehen könnte, an die Ehrenscheine, die er für den durch Selbstmord ums Leben gekommenen Vater Georgs eingelöst hat. Als Georg vor 12 Jahren zum ersten Male davon zu hören bekam, da hatte er nach dem Brotmesser und der Onkel zur Peitsche gegriffen. Und seitdem hat Georg nichts mehr von seinem Onkel angenommen. Nun, da er aufs neue daran erinnert wird, wird er ganz windelweich. Sein väterliches Erbteil, so gesteht er zu, giebt ihm kein Recht zu irgend welchem Stolz. — Und ähnlich wie ihm gehts Marikke. Einem weiblichen Trunkenbolde hat Vogelreuter sie einst regelrecht abgekaust und zu sich ins Haus genommen, wo sie als „Heimchen" am Herde und in der Familie waltet. Nun ist sie längst erwachsen, fühlt sich aber immer noch als „Notstandskind", das sich daS bischen Liebe und Brot redlich verdient. Sie vermißt vor allem in bitterem innerlichen Schmerz die mitfühlende Mutterliebe. Daß die Beiden mit vereinten Kräften die Last der unverschuldeten Geschicke sich von den Schultern werfen wollen und ihre Leidenschaft als rasches Johannisfeuer wild znsarnmenlodert, ahnt man im voraus. Aber eS ist papierenes Feuer, es verpufft in derselben Johannisnacht. Man hatte sich vom Dichter einen anderen Ausweg versprochen, als es der schwächliche Verzicht ist, in dem dg- Stück sein Ende findet. Wenn die Johannisfeuer verlöschen, dann ist alles wieder
wie vordem. Anstatt die Feffeln mit einem kräftigen Ruck auf diese oder jene Weise — die ganze Anlage läßt einen tragischen AuSgang erwarten — abzustreifen, kehren Georg und Marikke wieder in das Joch zurück. Und wird eS, selbst wenn ein Vergeffen möglich wäre, wirklich fein wie zuvor, ehe sie sich fanden? Wie dann, wenn die sündige Liebe in der JohanniSnacht ihre Frucht trägt? Das sind Erwägungen, die die Inkonsequenz, die hier begangen wurde, deutlich in die Erscheinung treten lassen. Freilich giebt uns das nackte Leben immer neue Rätsel zu lösen und verläuft bann boch meist so elenb nüchtern, wie Sudermanns „Johannisfeuer".....
Dr. Mamroth hat in der „Frkf. Ztg " in seiner Besprechung der ersten Frankfurter Aufführung des „JohanniS- feuers" auf den Einfluß hingewiesen, den der Westpreuße Max Halbe mit feiner „Mutter Erde" auf den Ostpreußen ausgeübt hat. Das ist gewiß richtig, aber die Ähnlichkeit einzelner Szenen des „JohanuisfeuerS" und solchen aus Halbes „Jugend" scheint mir noch größer. Man lese nur einmal die 11. Szene des 3. Aktes von „Johannisfeuer"; immer steht einem da anstelle Marikkens mit ihrem „Schorschchen" das liebliche Annchen Halbes vor Augen, dem wie ihrem „Hänschen" schließlich „alles egal" ist.
„Johannisfeuer" zeigt Sudermann wiederum als einen Dramatiker, der die Hilfsmittel seiner Kunst recht gut erlernt hat, wenn er auch manchmal, die Figuren etwas willkürlich hin und her schiebt. Er kommt uns diesmal weniger tendenziös als sonst. Das schmerzliche Bild, das er malte, weist auch vielfach recht intensive Farben auf, einzelnen Stimmungen wird er wie selten sonst gerecht. Aber indem er zum Schluß von dem von Halbe betretene» Sßege abweicht, gelangt er zu einem ohnmächtigen, feigen, erbärmlich nüchternen, allerdings keineSweg lebensunwahren, aber andramatischen und unvorbereiteten Ausgang. Dabei schleppt sich die dürftige Handlung, namentlich im 3. Akt, allzu langsam fort. Land und Leute aber aus des Dichters Manischer Heimat find fast durchweg echt, fast jeder Zug »nd jede Pointe ist getroffen. Man merkt, der Dichter hat


