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18.10.1900 Zweites Blatt
 
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Nr 244 Zweites Blatt. Donnerstag den !8 Oclober 150. Jahrgang LOGO

Gießener Anzeiger

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Fernsprecher Nr. 51.

Der Krieg in China.

Alle Berichte stimmen darin überein, daß die auf­ständische Bewegung im Süden Chinas, die in der Provinz Kwantung ihren Mittelpunkt zu haben scheint, im wesent­lichen eine Erhebung der Reformpartei gegen die Mandschu- dynastie ist. Ihr Führer ist der Arzt Dr. Sunyatsen, derselbe, der vor zwei Jahren vor den Häschern der Kaiserin- Regentin nach London geflüchtet war, dort in die chinesische Gesandtschaft gelockt unh nur infolge des einmütigen Auf­begehrens der öffentlichen Meinung Englands gegen diesen Gewaltstretch sreigelayen wurde. Er ist ein Freund und in politischer Hinsicht ein Schüler Kangyuweis, des bekannten -Beraters des Kaisers Kuangsü bei dessen reformatorischen Bestrebungen, denen der Staatsstreich der Kaiserin den Garaus machte. Bis vor kurzem lebte er unter englischem Schutz in Singapore, wo vor einigen Monaten gedungene Mörder einen mißglückten Anschlag auf sein Leben machten. Kangyuwei ist bis jetzt nicht in den Vordergrund getreten, und die Behauptung, er sei vor einiger Zeit in Shanghai And am Jangtse gesehen worden, bat sich nicht bestätigt. Jedenfalls sind auch er und seine Anhänger eifrig an der Arbeit; ein Zeichen dafür ist, daß die Bewegung am oberen Jangtse trotz des rücksichtslosen Einschreitens des Vize- königs Tschangtschitung nicht zur Ruhe kommen will. Die Reformer im Süden haben offenbar den im Volk weitver­breiteten und gefürchteten Geheimbund Samhopwui, die DreisaltigkeitSgesellschaft, für ihre Zwecke gewonnen, die von jeher die Gegnerschaft der Chinesen gegen die mandschurischen Eindringlinge und die fremde Dynastie verkörperte. Als kluge Politiker haben sie die Parole ausgegeben, daß dre Fremden und ihr Eigentum zu schonen seien und die Bewegung sich ausschließlich gegen die reformfeindliche Centralregierung und deren Beamte zu richten habe. Sie betrachten vorläufig die Fremden, die mit ihrer verhaßten Kaiserin im Kriegszustände sich befinden, als ihre natür­lichen Bundesgenossen, obschon auch sie im Grunde die vielen Schriften Kangyuweis beweisen das ebenso fremdenfeindlich sind wie die Mandschu. ES wäre daher verfehlt, wollte man diese Reformer unterstützen und von ihnen eine durchgreifende Besserung der Zustände und das Nachlassen der fremdenfeindlichen Stimmung im Lande er­warten. Man kann vielmehr mit Sicherheit annehmen, daß Aufruhr und Bürgerkrieg sich vereinigen würden, wenn es ihnen gelingen sollte, größere Erfolge zu erringen und ihrer Sache weitere Ausbreitung zu verschaffen. Das wäre aber nicht nur für die Fremden und die Zukunft ihres Handels rin großes Unglück, sondern müßte die Dynastie selbst noch viel schwerer treffen als das militärische Vorgehen der Mächte es gethan hat. Deshalb sollte diese Bewegung für die Kaiserin ein Wink sein, daß es höchste Zeit sei, mit den Mächten ihren Frieden zu machen.

Der Herd der Bewegung ist die Gegend von Kanton, dort sind die Anhänger Sunyatsens bereits in östlicher und südöstlicher Richtung bis auf etwa 100 Km. gegen die größte und bevölkertste Stadt Chinas vorgedrungen. Ein Tele­gramm aus Hongkong vom 15. ds. Mts. meldet darüber folgendes: Aus Kanton wird berichtet, Sunyatsen habe die Stadt Kuitschan, etwa 120 Km. östlich von Kanton am Tun^mng (^stflusse) eingenommen und sei im Begriff, die benachbarte Präfekturstadt Huitschou einzuschließen. Eine Abteilung kaiserlicher Truppen aus Kanton sei geschlagen worden und hätte 200 Mann verloren. In Kanton sei man eifrig mit Absendung von Truppen nach den auf­ständischen Gebieten beschäftigt. Im Hinterland des britischen Kaulungebietes sei eine weitere Entwickelung des Ausstandes nicht zu bemerken. Chinesische Truppen träfen fortgesetzt in Samtschun ein. Admiral Ho verschiebe noch den Vormarsch mit seiner Hauptmacht. Beide Erhebungen, die im Hinterland von Kaulung, wie die am Ostflusse, zeichneten sich durch das Fehlen jedes fremdenfeindlichen Geistes aus.

Von demselben Tage wird aus Hongkong berichtet: Eine Abteilung von 300 Mann Bombay'scher Infanterie und 60 Mann von der Hongkongschen Artillerie sind in feldmarschmäßiger Ausrüstung nach der Grenze des Kaulun­gebietes vorgerückt, um die Verteidigungsvorkehrungen gegen Einfälle der Aufständischen zu vollenden, welche in den jen­seits der Grenze liegenden Gebieten Schrecken verbreiten. Die chinesischen Behörden sind anscheinend nicht in der Lage, den Aufständischen die Spitze zu bieten, obwohl ge­meldet wird, daß 10000 Mann aus den Befestigungen bei Kanton zum Gefecht mit den Empörern auSgerückt seien. Die Erhebung scheint den Zweck zu verfolgen, die Reformer

zu unterstützen, welche die Mandschu stürzen wollen. Ge- waltthätige Räubereien nehmen in Kanton überhand. Die Lage ist besorgniserregend.

Wie ferner aus Hongkong telegraphiert wird, sind auch in Macao, der portugiesischen Besitzung auf der vym Westfluß und Perlfluß gebildeten Halbinsel, Unruhen zu erwarten. Am SamStag fand dort am Schlagbaum eines Thores ein Zusammenstoß der portugiesischen Wache mit chinesischen Kulis statt. Ein Hallst Eingeborener näherte sich in der folgenden Nacht dem Wachhause, ein Alarm- geschütz wurde gelöst, die ganze bewaffnete Macht Macaos rückte aus, ein Kanonenboot setzte Mannschaften und Ge­schütze an Land und baS Freiwilligenkorps trat zusammen. Obwohl kein Angriff erfolgte, befinden sich die Einwohner MacaoS in großer Aufregung.

AuS Shanghai wird vom 16. ds. gemeldet: Der Kaise'r Kwangsu ist in Singanfu eingetroffen.

Die Londoner Abendblätter melden aus W a s h i n g t o n: Conger telegraphierte, der Kaiser von China werde unter amerikanischem Schutze nach Peking zurück­kehren.

Aus Tientsin wird vom 15. gemeldet: Der neue britische Gesandte Sir E r n e st S a t o w ist heute morgen nach Peking abgereist; die britische Abteilung der auf dem Marsche nach Paotingfu begriffenen Kolonne erreichte gestern Tuliu. Eine britische Lustschifferabteilung traf hier ein.

Ein Telegramm aus Paris vom 16. lautet: Der Minister des Auswärtigen Delcasse bestätigte im heutigen Ministerrate, daß alle HNächte Wh, der französ is ch e n Note über das Programm für die Unterhandlungen mit China zustimmend geäußert und die Note mit als Grundlage für die Verhandlungen angenommen hätten. Der Minister teilte ferner mit, daß Li-Hung- Tschang den Schwarzflaggen und den Truppen aus Kwangsi, welche sich auf dem Marsche durch die Provinz Hunau befanden, um zu dem Hofe in Schausi zu stoßen, befohlen habe, nach Kanton zurückzukehren. Heute Nach­mittag wurde durch die deutsche Botschaft die Antwort Deutschlands auf die Note D e l c a s s e s überreicht. Mehrere Blätter wollen wissen, daß Delcasse demnächst eine neue Note an die Mächte richten werde, in der er ein Resume der Antworten der Mächte auf die erste fran­zösische Note geben wird. Die Uebersendung dieser zweiten Note werde einen Meinungsaustausch der Mächte über die ihren Vertretern in Peking zu erteilenden Instruktionen zur Folge haben. DerAgence Havas" wird aus Ti­entsin vom 15. Oktober gemeldet: Gerüchtweise ver­lautet, in P a o t i n g f u sei ein Befehl der Kaiserin-Witwe eingetroffen, Widerstand bis aufs Aeußerste zu leisten. Die Verbündeten werden sofort bei der Ankunft die Ueber- gabe der Stadt verlangen und sie, falls Widerstand geleistet wird, beschießen; die Einwohner sollen dann exemplarisch bestraft werden. Dem diplomatischen Korps ist der kaiser­liche Erlaß vom 1. Oktober noch nicht zugegangen; man beginnt daher an der Echtheit desselben' zu zweifeln.

DerNew Jork Herald" veröffentlicht in seiner jüngsten europäischen Ausgabe eine kleine Kartenskizze, in der er die Einflußsphären der verschiedenen Mächte in China festzustellen sucht. Dabei geht seine Phantasie jo -weit, daß er das ganze ThaldesJangtse- kiang von der Mündung bis zum Quellgebiet ohne wei­teres als englisches Einflußgebiet bezeichnet. Es genügt für heute, die Unrichtigkeit dieser Bezeichnung hervor­zuheben. Das Jangtsethal ist in keiner Weise von den Engländern mit Beschlag belegt; in ihm gilt nach wie vor der Grundsatz der offenen Thür für den gesamten internationalen Handel.

* *

Aus Ki e l wird gemeldet: Das Kriegsministerium beabsichtigt die Entsendung eines Nachschubs von Pionieren nach China. Das Schleswiger Bezirks­kommando fordert die Unteroffiziere und Mannschaften des Beurlaubtenstandes auf, daß sich Pioniere sowie Hand­werker, die gesonnen sind, freiwillig nach China zu gehen, s ch l e u n i g st melden möchten. *

Telegramme des Gieheuer Anzeigers.

London, 17. Oktober. Der hiesige chinesische Gesandte erklärte, keine Bestätigung der Gerüchte er­halten zu haben, nach denen der Kaiser von China entschlossen sein soll, unter amerikanischem Schutze nach Peking zurückzukehreu. Der Gesandte drückte die Ansicht aus, das; der Kaiser sich nicht dauernd in Singanfu auf­zuhalten gedenke und nach Peking zurückkehre,! werde, sobald die Friedensverhaichlungen einen günstigen Ver­lauf genommen haben würden.

London, 17. Oktober. Aus Shanghai wird ge­meldet, hohe Beamte und Leiter bedeutender chinesischer Handelsfirmen erhielten Mitteilungen von einem Tele­

gramm des Prinzen T u a n, in dem dieser erklärt, der Hof sei in Sicherheit. Weiter erklärt Tuan, daß die Arsenale Tag und Nacht arbeiten müßten, um Munition und Waffen anzufertigen, und daß alle Chinesen mithelfen müßten, um die fremden Teufel aus China zu vertreiben.

Südafrikanisches.

DerDaily Mail" wird aus L o u r e n z o Marques vom 11. August gemeldet: Den gegenwärtigen Abmach­ungen zufolge wird sich Krüger am Donnerstag morgen auf dem holländischen KriegsschiffGeld er land" ein­schiffen. DieGelderland" wird dekoriert sein und Krüger mit militärischen Ehren empfangen werden. Der neue portugiesische Gouverneur, General Gargay, drückte den Wuüsch aus, Krüger bis zum Ende des Piers zu begleiten und persönlich sein Gepäck zu untersuchen, um später falsche Angaben in Betreff Schmuggelns von Gold und Archiven unmöglich zu machen. Gestern morgen wurde die amerikanische BarkeLitchfield", die während eines Sturmwindes in der Nacht vorher von ihrem Anker­platz an Land gekommen war, untersucht, weil man auf ihr Gold vermutete. Das Resultat wird gegenwärtig geheim gehalten. Die Barke sollte gestern absegeln und sie stand im Verdacht, anderthalb Millionen von Krügers Gold an Bord zu haben.

Eine Nachricht aus Pretoria vom 11. besagt: In der heutigen Sitzung der K o m m i s s i o n für die Prüfung der Konzessionen in Transvaal protestierte der Anwalt des Direktors van Kretschmar dagegen, daß dieser als Zeuge vorgeladen werde, indem er erklärte, ein derartiges Vorgehen in Afrika würde mit den gegen­wärtig in Europa geführten Untersuchungen und Verhand­lungen in Widerspruch stehen. Der Präsident der Kom­mission erklärte jedoch, die Kommission habe die Vollmacht, das Verhör der Zeugen zu erzwingen, van Kretschmar gab zu, das; per Wanderredner Hargrove für eine Reise, die er durch die Kapkolonie unternahm, um in versöhn­lichem Sinne zu wirken, 1000 Pfund erhalten habe, daß S t a t h a m, einem burenfreundlichen Journalisten und Schriftsteller, ein ansehnliches Honorar ausbezahlt worden sei, nnnt) daß Mindersohn, welcher früher dem Re­daktionsstabe derStandard and Diggers News" ange­hörte, ein Anlehen von 6000 Pfund im Hauptbureau der Kompagnie in Amsterdam erhalten habe. Dagegen hält der Zeuge aufrecht, daß die Zerstörung der Brücken durch die Kompagnie «durch den Kontrakt mit der Regierung gerechtfertigt gewesen sei.

Aus Ladybrand meldet Reuter vom 15. d. M.: 400 Mann von den Roy al-Hochländern sind hier einmarschiert. Die Stadtbewohner fühlen sich nunmehr völlig sicher.

Aus Kroonstad wird vom selben Datum depeschiert: Eine von dem Obersten Legallais befehligte Kolonne traf gestern hier ein. Dieselbe durchstreifte die Distrikte von Heilbron, Reitz, Frankfort und bestand häufig Be- gegnisse mit kleinen feindlichen Abteilungen. Ein Kapitän und neun Mann 'bei berittenen Infanterie gingen durch Gefangennahme verloren. Kundschafter stellten die An­wesenheit von 1400 Buren in Kroonstad fest.

Lord Roberts meldet unterm 15. Oktober: Ge­neral French ging mit der ersten und vierten Kavallerie­brigade von Machadodorp gegen Heidelberg vor, um das bis jetzt noch nicht durchstreifte Gelände aüfzuklären. Oberst M a h o n, Kommandeur der berittenen Infanterie, wurde am 13. d. Mts. in ein Gefecht verwickelt, das erfolgreich war. Die Verluste an Toten und Verwundeten waren jedoch schwer. Tot sind drei Offiziere und 25 Mann. French besetzte gestern Carolina. Die Karabiniers er­beuteten (auf dem Marsche einen Convoi der Buren. General L y t t l e t o n seht den Marsch von Lydenburg nach Middelburg fort. General Rundle berichtete, ein britischer Convoi sei am 11. d. M. auf dem Wege von Stan­derton nach Wrede angegriffen. Der Feind wurde indessen zurückgeworfen. Settle besetzte Bloemhof und machte 50 Gefangene.

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Telegramme deS Gieheuer Anzeigers.

London, 17. Oktober.Daily Mail" veröffentlicht eine Meldung, nach der Präsident Krüger in Mar s e i l l e landen und den Winter wahrscheinlich in Süd­frankreich verbringen werde.

London, 17. Oktober. Aus Pretoria wird ge meldet,d Sir Alfred M i l n e r dort eingetroffen ist. Lord Roberts hielt eine T r u p p e n s ch a u über die Freiwilligen Australiens und Tasmaniens ab. Er hielt dabei eine kurze Ansprache, in der er erklärte, er sei der einzige Marschall auf Erden, der den Befehl über eine siegreiche kaiserliche Armee führe. Obgleich der Krieg be­endet fei, sei noch viel zu thun und die Dienste der Sol­daten noch notwendig. Eine weitere große Truppenschau wird von Lord Roberts am 25. ds. abgehalten werden.