Ausgabe 
18.9.1900 Zweites Blatt
 
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Nr. 218 Zweites Blatt. Dienstag den 18- September 150. Jahrgang looo

Heimat-Anzeiger

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Nr. 7.

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---uil_ um \i um _L-4J.Jzgter.iM .u" v______= GrsüsdeilssrU: Gießener FamilimbMier, Der helMche Landwirt, Katrer für tzrAsche DMsKündr.

Die Wirre« in China.

in Peking und im Süden Chinas nicht mehr teilnimmt.

lieber die Haltung der deutschen Truppen und Matrosen bei den Kämpfen in China schreibt der Bericht­erstatter des TempS aus Tientsin:Die beiden deutschen Kanonenboote Iltis und Jaguar nahmen einen entscheidenden Anteil an dem Sturme auf die Takuforts und an ihrer Besetzung, wobei sie starke Verluste erlitten. (Der Jaguar war damals noch nicht vor Taku). Sie pflanzten' das kaiserliche Banner auf die Südforts auf und bemächtigten sich eines Torpedoboots, sowie einer bedeutenden Menge Flußschiffmaterials. In Tientsin beschützten 300 Matrosen die deutsche Konzession, und ihre geringe Zahl erlaubte ihnen nicht, einen bedeutenden Anteil an dem Angriffe auf die Chinesenstadt zu nehmen. Die meisten dieser Matrosen vUv^v wu Mw ,Vun^ wurden in das Seymoursche Korps einverleibt und bildeten

schon besetzt hat, an der ferneren Aktion der Mächte I den festesten Kern desselben. Dieser hervorragende Geist rn KPhnn -- \ I der Disziplin verleugnete sich nicht einen Augenblick und

In englischen und deutschen diplomatischen Kreisen scheint sich die Ansicht Bahn zu brechen, daß Rußland^ sich, auf den Standpunkt des beati possidentio stellt und; ^unmehr, nachdem es effektiv den größten Teil der Mand-

Frankreich, hat Li-Hung-Tschang für seine Reise zu seinem Schiutze ein Kriegsschiff und eine Truppew-Ab- teilung zur Verfügung gestellt. Die Abreise Li-Hung- Tschangs nach dem Norden ist nunmehr erfolgt, nachdem der Vicekönig noch kurz vorher eine Unterredung mit unserm Gesandten Herrn v. Mumm gehabt hatte. Es ist behauptet worden, diese Unterredung sei durch Ver­mittlung einer fremden Macht herbeigeführt worden. Das ist, wie jetzt offiziös aus! Berlin erklärt wird, unrichtig, und es bedurfte auch einer solchen Vermittelung nicht angesichts der sehr einfachen Weisungen, die Herrn v. Mumm in Bezug auf den Vicekönig erteilt worden waren und die dahin gingen, den Besuch Li-Hung-Tschangs anzu- nehmen, wenn ihm ein solcher angemeldet würde, und ihn dann zu erwidern. Was die Haltung Li-Hung-Tschangs USS Prinzen Tschsing anbetrifft, so meint der Pariser JJtatin", Die Rollen in China seien vollständig vertauscht, jetzt seien es die chinesischen Unterhändler, die Bürq- schasten von den Mächten verlangten, und nur die über­mäßige Langmut der Mächte sei schuld daran, daß Prinz Ljching und Li-Hung-Tschang so verwegen seien. Es ist ?.^^ 6anz klar, welche Bürgschaften das Blatt meint, richtig ist aber, daß die Herrest Chinesen sich noch immer nicht über den Ernst der Lage vollständig klar geworden sind

^^m ^^rnungsverschiedenheiten zwischen den Machten hauptsächlich beigetragen haben. Wenn jetzt auch noch die Räumung Pekings erfolgte, so würde aller Vor- auchicht nach nut ihnen gar nicht mehr auszukommen sein, und man würde die ganze Arbeit noch einmal vorzunehmen haben. Je wenigerLangmut" die Mächte zeigen, desto eher werden die Chinesen jeden Widerstand aufgeben.

Nach London eingegangenen Nachrichten ist es un­richtig, daß Sir Rob ert Hart sich als einer der chinesi­schen Bevollmächtigten an den Friedensverhandlungen be­teiligen soll. Weder Prinz Tsching noch Li-Hung-Tschang Nnd mit Weisungen über eine Mitarbeit des Sir Robert Hart versehen und sie erklären beide, daß sie allein zur Führung von Verhandlungen ermächtigt seien.

Ter chinesische Gesandte hat dem amerikanischen Aus­wärtigen Amt in Berlin eine Depesche übergeben, in der die Ernennung des Generals Y u n g - l u als Friedens- Kommissar angezeigt wird.

Ein Vertreter derBert. Wissensch. Korresp." wurde in der rilssischen Botschaft in Berlin empfangen und hatte eine interessante Unterredung mit dem russischen Staatsrat I xjaron v. Chrapowitzki. lieber den momentanen Stand der I gemeinschaftlichen Aktion befragt, erwiderte der Staats­mann, daß zwischen dien Kabinetten lebhafte Unterhand­lungen gepflogen werden, die sich auf den gegenseitigen Austausch der Stimmungen beziehen, mit welchen chinesi­schen Persönlichkeiten die Verhandlungen bezüglich der .Schaffung gesicherter Zustände einzuleiten seien und in welcher Form und mit welchen Elementen die neue Re­gierung zu konstatieren sei. lieber den russischen Räu­mungs-Vorschlag äußerte sich der Diplomat, er glaube be­stimmt, daß Rußland bei seinem Vorschläge be­harren werde. Rußland halte die Verhältnisse für ganz I abnorm und vertrete ganz besonders den Standpunkt, daß es sich nicht im Kriegszustailde mit China befindet. Nichts- ^estoweniger werde der russische Vorschlag die H a r m o n i e I

Mächte ke inesw e g s beeinträchtigen. Es I SFFtöMfcn, daß auf der Basis des amerikani- I Kr". Vorschlages, der darauf abzielt, 1000 Mann zum I ^sb^bPr^^iaudtschaften in Peking, 2000 Mann außer- I $aÄbJhJP und 20 000 Mann in Tientsin zu be-

hns^19uü9 wird. Der Diplomat ist der n bon TiAitsiN aus die Lage vollständig I beherrschen könne. Auf die Bemerkung, daß nach dem I Raumungsvorschlage noch weitere russische Truppen nach- I Sesandt worden feien, erwiderte der Diplomat, daß die e Toppen bereits unterwegs gewesen wären und ke nerlei ?Otlbc^r.^ereffen bie?en sollten. Er glaube nicht, daß von den Mächten vorläufig weitere Aktionen geplant würden I Peking wäre zwar von regulären chinesischen Truppen ohne I Widerstand aufgegeben worden, ins Innere vorzubringen I halte er jedoch für äußerst gefährlich. Ob Li-Hung-Tschang I das Vertrauen der Mächte verdiene, sei äußerst zweifelhaft. I

Gutem Vernehmen nach wird die Antwort der ! Vereinigten Staaten auf den russischen Vorschlag I keineswegs versichern, daß die amerikanischen Truppen j sofort nach dem Rückzug der russischen Truppen die Stadt I räumen werden. Die Beurteilung der Sage würde einfach I vom Staatsdepartement auf den General Chaffeee über- I Lehen, welcher mit den übrigen Befehlshabern über die I Einzelheiten der Räumung zu beraten haben wird.

I Es ist sogar zu befüychten, daß Rußland sich im Verlaufe I der Ereignisse ncch zum Schutzwalle Chinas aufwerfen I dürfte.

I Ein englischer Korrespondent interviewte Li-Hung- I Tschang in Shanghai. Derselbe erklärte, er habe keine I Neigung unter den Mächten gefunden, Land zu verlangen. I Zu dem Gerücht, die Japaner hätten 50 Millionen Tael I aus der Staatskasse in Peking genommen, bemerkte Li- I Hung-Tschang, der Summe seien jedenfalls zewi Nullen I angehängt worden. Darüber, daß dem amerikanischen Ge- I sandten Cong er bei der Belagerung 70 Pfund abgenommen I wurden, sei er tief betrübt. Er bedauerte ferner die Vor- I eingenommenbeit der Presse ihm gegenüber, die er au ; I das Betreiben der englischen Presse zurückführte.

I Der Besuch Li-Hung-Tschangs bei dem deutschen Ge- I sandten Mumm von Schwarzenstein wird zurückgeführt auf I den Wunsch noch vor dem Eintreffen aller deutschen I Streitkräfte wie von allen anderen Regierungen so auch! I von Deutschland als Unterhändler anerkannt zu werden.

Die Reise Li-Hung-Tschangs nach Peking erfolgte auf ein von Tayuen-fu datiertes, vom Kaiser im Einverständnis mit der Kaiserin-Regentin erlassenen Edikts, das ihn an­weist, mit den dortigen Vertretern der Großmächte zu verhandeln. Er hat ferner Vollmacht, alle Maßregeln zur Unterdrückung der Rebellen zu ergreifen. Das Edikt verkündet außerdem, daß sich die Kaiserin-Witwe bei guter Gesundheit befindet.

Nach einer Depesche aus London wird aus Shanghai telegraphiert: Der Provinzialrichter von Signanfu appel­lierte an die südlichen Vizekönige, um Fonds für einen I temporären Kaiserpalast. Dies beweise, daß die Kaiserin, i der Kaiser und der Hof an ein langes Verbleiben der Ver­bündeten in Peking glauben. Der Instruktor des Kaisers, Häutung, dessen Ausländerhaß die Kaiserin mit zum Angriff auf die Gesandtschaften bewog, erhängte sich am Freitag in der Fuyin-Halle, bereu Kanzler er war.

Wie in Paris verlautet, einigten sich Frankreich und Rußland auf die völlige Entwaf fnung C h i n a s, die Schleifung aller Seebefestigungen und auf das Verbot von Waffenhandel nach China. Die Entschä­digungsansprüche sollen nach der Zahlungsfähigkeit Chinas bemessen werden.

Nach einer Meldung aus London wird ans Taku telegraphiert: Die deutschen und amerikanischen Gesandtschaftswachen kehrten aus Peking zu ihren Schiffen zurück. Der Gesandte (Songer er­hielt die Nachricht, die Boxer konzentrierten sich in großer Anzahl in Tschotschau. Falls sich dies bestätigt, soll eine Expedition zur Einnahme der Stadt abgehen.

Eine aus Taku eingegangene PekingerTimes"-Draht- ung meldet, daß russische Truppen fortgesetzt nach Peking strömen. 3000 Mann trafen während der letzten drei Tage wieder dort ein. Dagegen ist eine britische Marinebrigade im Begriff, nach Tientsin zurückzukehren. Britische Truppen besetzten Fenghai, die zweite Bahnstation von Peking.

Aus Shanghai wird gemeldet: Die Kaiserin-Witwe und der Kaiser kehren nach Peking zurück.

Frau v. Kettel er ist mittels Hausboots unter deutschem Geleit und Bedeckung von Tungtschou nach Tientsin gebracht worden, wo sie bereits ankam. Sie wird in einigen Tagen auf einem deutschen Schiffe nach Japan Weiterreisen. Der japanische Oberst Sohibar hat kurz vor der Abreise der Baronin Ketteler die Uhr des ermordeten Gesandten auf die Gesandtschaft gebracht. Sie war ihm von einem Chinesen zum Kauf angeboten worden. Sohibar stellte die Persönlichkeit des Chinesen sofort fest und ent* deckte in ihm den Mörder, der den tötlichen Schuß auf den Freiherrn v. Ketteler abgegeben hatte. Am 8. September wurde die Vernehmung von KettelerS Mörder fortgesetzt. Er gestand, daß er ein Unteroffizier sei, und erklärte, er habe auf Befehl eines hohen Beamten, alle Ausländer zu töten, gehandelt. Der Dolmetscher Cordes wurde ihm gegenüber gestellt. Er rekognoScierte den Mörder.

trat besonders bei den tief beklagenswerten Plünderung-' szenen hervor, deren Schauplatz Tientsin nach dem 13. Juli war; denn man kann keinen Fall dieser Art einem einzigen deutschen Matrosen nachweifen."

DiePost" schreibt: Anläßlich des bereits gemeldeten Angriffs einer Boxerabteilung auf Kiautschou, womit wohl die Stadt Kiautschou gemeint ist, sich Befürchtungen wegen der Sicherheit des deutschen Pachtgebietes hingeben zu wollen, muß als völlig unnötig bezeichnet werden, da der Gouverneur dieses Gebietes, Kapitän z. S. Jaeschke, schon vor Monaten derart umfassende Sicherheitsmaßregeln getroffen hat, daß man die Angriffe aufständischer Banden nicht im mindesten zu fürchten braucht.

Das von der französischen Regierung vorausgesehene Erfordernis für den chinesischen Feldzug, die Heimbeförde­rung der Truppen inbegriffen, beträgt achtzig Millionen, wovon gegen vierzig Millionen bereits ausgegeben find. Die Regierung wird bei den Friedensverhandlungen den Ersatz dieser Auslagen und natürlich außerdem volle Ent­schädigung ihrer Staatsangehörigen fordern.

* *

Telegramme des Gießener Anzeigers.

London, 17. September. Die Morgenblätter drücken die Ansicht aus, daß eine Verständigung zwischen England und Deutschland und Japan, betreffend die Regelung der China-Angelegenheiten, zu Stande kommen wird. Mehrere Blätter fragen sich, ob der zweite Besuch des Prinzen Heinrich eine Anlehnung Englands an Deutsch­land bezwecken soll.

London, 17. September. Aus Hongkong wird ge­meldet : Die Resormpartei wirbt Soldaten an, um sich der Kaiserin zu bemächtigen und dieselbe nach Nanking zu bringen.

London, 17. September.Daily Mail" meldet aus Rom, der Minister des Auswärtigen erhielt ein Telegramm aus Peking, in welchem es heißt, die Vermittlung Li- Hung-Tschangs könne von den übrigen Mächten nicht angenommen werden, weil China eine allzu große Be­vorzugung Rußlands an den Tag lege.

London, 17. September. Wie aus Shanghai gemeldet wird, wird Gras Waldersee am 22. ds. Mts. dort erwartet.

Peking, 17. September. Eine amerikanische Kavallerie- Abteilung wird diese Woche 40 Meilen weit in nordöstlicher Richtung abmarschieren, um die einheimischen Christen zu befreien, die sich in den Dörfern versteckt halten. Die Franzosen bemühen sich, die Truppen der Verbündeten nach Paotingfu zu dirigieren, wo es noch möglich sein wird, die Christen zu beschützen. Einige Befehlshaber betrachten eine große Expedition nach dem Süden als zu schwierig und zu gefährlich, weil es an dem genügenden Proviant fehlt und die Anzahl der Boxer sehr groß ist.

Der Krieg itt Südafrika.

Während ein amtlicher Bericht über den Erfolg Freuchs noch auSsteht, wird aus Kapstadt vom 15. September ge­meldet, daß er Barberton besetzt und einen Wagenpark, 43 Lokomotiven, Mausergewehre, Munition, Rindvieh und Mundvorrat für drei Wochen erbeutet und 100 Gefangene gemacht habe. Da auch der Staudardberichterstatter aus Machadodorp vom 13. die Besetzung BabertonS meldet, so dürfte die Thatsache feststehen. Durch den Verlust der außerordentlich günstig gelegenen Stadt haben die Buren auch südlich der Eisenbahn ihren Stützpunkt verloren, wie die nördlich befindlichen Abteilungen durch die Einnahme von Lydenburg und die Besetzung des Spitzkops. Da- Centrum der britischen Armee ist bei seinem langsamem Vormarsch längs der Eisenbahn bis Kaapschehoop gekommen, das es nach einem Telegramm von dort am 14. genommen c heißt es darin, hat sich mit seinen sämtlichen

^ehu Geschützen nach Hektorsspruit zurückgezogen. Ver­mutlich befindet sich also der Präsident des Oranjefreistaates bei der Truppe, die Pole-Carew gegenüber kämpft. Am 13. war Pole-Carew bis Goodwan gekommen. Sein Marsch durch das enge Thal, das die Eisenbahn durchläuft, vurde durch keinen Flintenschuß gehindert. Die Buren Helten in beträchtlicher Anzahl eine starke Stellung südlich von Goodwan besetzt, die diesen Ort beherrschte, gaben sie aber aus, als sie merkten, daß Hutlon ihre Rückzugslinie redrohte und zogen sich auf Kaapschehoop zurück. Sie jatten die Eisenbahn nur wenig zerstört, dagegen die Brücke >ei Goodwan gesprengt.

General Macdo nald fing zwischen Minberg und dem