Ausgabe 
18.8.1900 Zweites Blatt
 
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M. 192 Zweites Blatt

Samstag den 18. August

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Gießener Anzeiger

Heneral-^Un^eiger

Amts* und Anzeigeblatt für den Areis Gietzen.

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Amtlicher Feil.

Bekauatmachung.

Wir bringen hiermit zur öffentlichen Kenntnis, daß unter dem Geflügel des Bäckers Fritz Schreiner dahier die Geflügelcholera auSgebrochen ist.

Gießen, den 17. August 1900.

Großherzogliches Polizeiamt Gießen.

___________________Hechler.____________________

Was wird in China werden

Nach einer allerdings sehr unsicher auftretenden Lon­doner Meldung sollen die Truppen der Verbün­deten bereits in Peking eingerückt sein. Ange­nommen, die Nachricht bestätige sich, die einrückenden Trappen hätten die belagerten Europäer befreit und in ihren Schutz genommen was dann? Ist der Krieg dann zu Ende? Englische Blätter hatten zu der Nachricht von der Ernennung des Grafen Waldersee die Bemerkung gemacht, voraussichtlich werde es für ihn in China nichts mehr zu thun geben, da bei seinem Eintreffen die Ver­bündeten schon längst in Peking eingerückt sein und die Gesandten befreit haben würden. Nach englischer und, wie eS scheint, auch amerikanischer Ansicht wäre also daS ge­meinsame Ziel der Kriegführenden mit der Rettung der in Peking bedrohten Fremden erreicht und die Aufgabe der Truppen erfüllt.

Daß daS nicht die Meinung der Regierungen von Deutschland, Rußland und Frankreich ist, geht, ganz ab­gesehen von den bestimmten Erklärungen der Staatsober­häupter und der verantwortlichen Minister, schon auS'der einfachen Thatsache hervor, daß diese Mächte sich gerade jetzt, wo der Entsatz der Belagerten in Peking allein durch die gegenwärtig dort zur Verfügung stehenden Streitkräfte und trotz mangelnder einheitlicher Leitung in ziemlich sicherer Aussicht steht, zur Ernennung eines Oberbefehlshabers und zur Entsendung weiterer Truppenverstärkungen entschlossen haben. Sie halten eben die militärische Aufgabe der ver­bündeten Mächte in China noch lange nicht für erledigt, und darin stimmen wir ihnen bei, ja wir glauben, daß die eigentliche Arbeit jetzt erst beginnen werde.

Zwei Forderungen vor allem sind es, über deren Durchsetzung zwischen Rußland, Deutschland und Frankreich volle Uebereinstimmung herrscht: Genugthuung für das Geschehene und Bürgschaft für die Zukunft. Das Pro­gramm ist sehr einfach und stellt gewiß das Mindestmaß dessen dar, was wir von China fordern müssen, aber seine Durchführung stößt auf einen Berg von Schwierigkeiten.

Dazu gehört zunächst, daß die verbündeten Truppen nicht nur in Peking einziehen und die geretteten Fremden in ihre Mitte nehmen, sondern auch stark genug find, um die Riesenstadt zu beherrschen und die chinesische Regierung in ihre Gewalt zu bringen. Dazu würden aber die etwa 30,000 Mann, von denen ein großer Teil zur Sicherung der Strecke Taka-Peking zurückbleiben muß, doch schwerlich ausreichen. Die in Peking Eingerückten werden sich also zunächst darauf beschränken müssen, sich an einem Punkte der Stadt festzusetzen und dort die nach und nach ein­treffenden Verstärkungen abzuwarten. Daun erst werden die Operationen beginnen können, die den Zweck haben, der chinesischen Regierung die Forderungen der Mächte aus­zuzwingen.

Aber wer ist diese Regierung, und vor allem: wo ist sie? Mit dem Prinzen Tuan und den zu ihm stehenden Machthabern können die Verbündeten garnicht unterhandeln, denn deren exemplarische Bestrafung ist ja gerade das erste, was sie von der chinesischen Regierung zu fordern haben. Werden diese ferner überhaupt noch in Peking zu erreichen sein? Biel wahrscheinlicher ist es, daß sie sich, sobald ihnen die Gefahr näher aus den Leib rückt, ins Innere des Landes flüchten und den von ihnen gefangen gehaltenen rechtmäßigen Kaiser Kwangsü mit sich schleppen. An ein Nachrücken der verbündeten Truppen tausend Kilo­meter weit inS Innere und vielleicht noch immer weiter, falls die Hetzjagd wiederholt aufs neue beginnen müßte, ist schwerlich zu denken. Das wäre gleichbedeutend mit einem EroberungSzug durch daS ganze chinesische Reich, der einen unermeßlichen Aufwand von Geld und Menschen erforderte.

Man wird sich also in dem garnicht unwahrscheinlichen Falle der Flucht der gegenwärtigen chinesischen Machthaber vielleicht mit dem Auskunftsmittel begnügen, eine provisorische

Regierung einzusetzen und dieser die gemeinsamen Forder­ungen zu diktieren. Aber damit wäre nichts erreicht, denn sicherlich würden die von dieser Regierung gegebenen Ver­sprechungen von keinem Chinesen beachtet werden, der sich nicht in der unmittelbaren Gewalt der Fremden befindet. Die flüchtigen Machthaber dagegen blieben auch fern von Peking die eigentlichen Beherrscher deS Rtesenreichs, deren Befehle allein von dem chinesischen Volk anerkannt werden würden. Cs wäre daher, wollen die verbündeten Mächte ihr Ansehen wahren und wenigstens in Peking und den Küstenprovinzen Ruhe und Sicherheit schaffen, die Beibe­haltung einer größeren Truppenmacht für längere Zeit un­umgänglich nötig, und diese Truppenmacht würde wahr­scheinlich reichlich zu thun haben, um die von der fernen Regierung an allen Orten angesachten Aufstände nieder­zuwerfen.

Aber selbst im günstigsten Fall, daß nämlich die Kaiserin- Witwe mit dem Kaiser in Peking oder doch in der Nähe bleibt und sich auf Unterhandlungen einläßt, ja alle For­derungen der Mächte bewilligt- selbst in diesem Falle dürften die Verbündeten kaum am Ziele sein. Denn dann ist es mehr als wahrscheinlich, daß die Befehle einer in der Gewalt der Fremden befindlichen Regierung außerhalb Pe­kings keinen Gehorsam finden, und daß noch lange Zeit vergeht, bis die verbündeten Truppen die Aufstände, die sich dann nicht nur gegen die Fremden, sondern gegen die eigene Regierung kehren, niedergeworfen haben.

Es wird dann gerade denjenigen Mächten, die heute der gegenwärtigen chinesischen Negierung am schärfsten gegen­übertreten, die Ausgabe zufallen, sie gegen die von ihr selbst heraufbeschworene fremdenfeindliche Bewegung zu schützen, und ihr ihre Autorität wiederzugeben. Denn Deutschland sowohl wie Rußland und Frankreich, deren Stellung durch ein Zerreißen Chinas stark geschädigt würde, haben ein Interesse an der Aufrechterhaltung einer Centralgewalt in China. Aus Gründen, die denen dieser drei Mächte entgegen­gesetzt sind, allerdings auch Japan, denn das erstrebte japa­nisch-chinesische Bündnis läßt sich ja nur mit einer aner­kannten chinesischen Centralgewalt abschließen. Anders freilich ist es mit England, dem ein Auseinanderfallen des chinesischen Reiches keine Sorge machen würde, wenn es sich nur den größten und reichsten Teil, die mittleren See­provinzen, zur alleinigen Beherrschung und Ausbeutung sichern könnte. Daher sind die Blicke Englands jetzt auch viel mehr aus Schanghai als auf Peking gerichtet, und es ist nicht ausgeschlossen, daß es nach vollzogener Rettung der Gesandten die Aufgabe in Peking für erledigt erklärt, und seine Streitkräfte aus Petschili zurückzieht, um sich schleunigst in den alleinigen Besitz von Schanghai zu setzen. DaS aber können weder Frankreich noch Deutschland noch auch Rußland zulassen, und es ist daher vorauSzusehen, daß ein Wettlauf von Trup.pen der verbündeten Mächte nach Schanghai entsteht, um dort dieoffene Thür- auch englischen Absperrungsgelüsten gegenüber offen zu halten.

An eine baldige Beendigung der chinesischen Wirren ist somit gar nicht zu denken. Wo man hinblickt, erheben sich Schwierigkeiten, von deren Bewältigung man sich heute noch keine klare Vorstellung machen kann. Und dabei haben wir von den Kämpfen, die uns in Schantung wohl kaum erspart werden dürften, vorläufig ganz abgesehen. Die 30 000 Mann, die wir nach China hinausschicken, finden dort Arbeit genug vor.

Die Wirren in China.

Mit Spannung und Hoffnung sieht man der Nachricht entgegen, daß es der Rettungsexpedition der Mächte gelungen sei, Pie Ausländer in Peking zu befreien; schon jetzt gehen Gerüchte um, daß die verbündeten Truppen vor oder gar schon in Peking ständen. Inzwischen wird man aber noch die Bestätigung abwarten, und einstweilen die neueren Nachrichten über den Verlauf des Vormarsches nachtragen. Bis zum Donnerstag abend war die Spann­ung darüber, ob die Verbündeten vor Peking einge­troffen und die Gesandten gerettet seien, noch nicht gelöst. Wir hatten in der Schilderung des Vorlaufes des Marsches auf Peking gesehen, daß die letzte datierte amtliche Nach­richt aus Hohsiwu in der Luftlinie 55 Kilometer von Peking abgesandt war. Von dort hatte auch der britische General Gaselee am 10. August gemeldet, daß die Chinesen aus ihren vorbereiteten Stellungen, ohne erheblichen Wi­derstand zu leisten, geflohen seien, und daß die bengalischen Reiter die tatarische Kavallerie attackiert und unter anderm die Standarten der Generäle Ma und Sung erbeutet hätten. Vom 11. August hatte General Gaselee ebenfalls noch aus Hohsiwu gemeldet, daß Regen gefallen sei und dadurch der Vormarsch möglicherweise verzögert werden könne. Eine

Verzögerung trat jedoch nicht ein, denn wir wissen, daß der amerikanische General Chaffee bereits aus Matou Nach richt gesandt hat. Diese undatierte Nachricht muß am 11. August abgegangen sein, denn inzwischen bestätigt eine Meldung der Agenzia Stefani aus Taku über Tschisu vom 14. August, daß die Verbündeten nach einem sehr beschwer lichen Marsche am 11. ds. M. inMatou ein getroffen sind. Diese Meldung fährt dann fort:Ein starkes chi­nesisches Heer sperrt den Weg nach Tschangtschiawan. Ter Befehlshaber der trussischen Truppen teilt mit, daß die r ü ck Wärtigen Verbindungen bedroht feien; er be­fürchtet einen Angriff und verlangt Verstärkungen. Ein Bataillon Franzosen und zwei Kompagnieen Italiener, letztere vom Kriegsschiff Fieramosca, wurden gelandet." Tschangtschinwan ist der etwa 35 Kilometer von Peking entfernte Ort, wo die Engländer und Franzosen am 18. September 1860 die Chinesen zum ersten Male schlugen. Aber auch hier scheinen die Chinesen diesmal nicht stand- gehalten zu haben, denn eine sehr bestimmt lautende Mel­dung aus Tokio vom 14. August hat inzwischen mitgeteilt, daß die Japaner am 12. August bei Tagesanbruch Tung- tschou, den Flußhafen von Peking besetzt und bedeutende Waffen- und Getreidevorräte erbeutet hätten, nachdem der Feind sich in der Nacht, wie es scheine, nach Peking zurück­gezogen habe. Die Entfernung von Tungtschou bis Peking beträgt in der Luftfinie 19 Kilometer. Früher, bevor die Eisenbahn von Tientsin in etwa fünf Stunden zur Haupt­stadt führte, mußte man von hier aus, wenn inan von Tientsin in einem von Kulis gezogenen Hausboote den Peiho in zwei bis drei Tagen hinaufgelangt war, über Land nach Peking. Man bediente sich dazu

gewöhnlich der in Tungtschou zu mietenden Esel, die einen auf der gepflasterten und verkehrreichen Straße, welche über die historische Aalikaobrücke führt, in etwa vier Stun­den nach Peking brachten. Auch ein Kanal verbindet die Hauptstadt mit Tungtschou. Das Gelände ist wellig und von einigen tiefen Wasserrinnen durchzogen, bietet aber keinerlei Schwierigkeiten. Was nun die von derAgenzia Stefani" gemeldete Bedrohung der rückwärtigen Verbindungen angeht, so ist bekanntlich schon früher gemeldet worden, daß größere chinesische Heerhaufen auf Tientsin in Anmarsch seien; auch wurde berichtet, der Feldtelegraph sei zwischen Pangtsun und Tientsin durch­schnitten, alsbald aber wieder ausgebessert worden. Mög­licherweise ist neuerdings abermals die telegraphische Ver- binbung gestört oder auch die Etappenstraße von Chinesen angegriffen worden, aber es ist anzunehmen, daß, um den Nachschub an Lebensmitteln und den Rücktransport von Verwundeten und Kranken auf dem Peiho zu sichern, die Etappen genügend besetzt worden sind, außerdem wissen wir, daß am 9. und 10. August deutsche Marinetruppen in der Stärke von 8 Offizieren und 257 Mann von Tientsin auf der Etappenstraße nachgerückt und daß ihnen am 10. von Tongku aus 160 Oesterreicher gefolgt sind. Ein russi­sches Regiment ist inzwischen am 15. ebenfalls mit der Bestimmung, die rückwärtigen Verbindungen zu decken, in Taku gelandet worden. Ferner sind in diesen Tagen die deutsche Marinebrigade unter General v. Döpfner, ein fran­zösisches Marineregiment und eine japanische Brigade, zu­sammen etwa 10 000 Manu mit 48 Geschützen, in Taku fällig und zur Verwendung auf der Strecke Tongku-Tient- sin-^Peking bereit. Es scheint also nicht, daß man sich wegen der angeblichen Bedrohung der Rückzugslinie des Rettungskorps vorderhand besondere Sorge zu machen brauche. Dus Expeditionskorps selbst hat sich denn auch durch diese Sorge' nicht beirren lassen, denn der japanische Admiral in Taku bestätigt, daß Tungtschou am 12. besetzt wurde, und fügt hinzu, am 15. August werde der Angriff auf Peking erwartet. Der Admiral würde das nicht mel­den, wenn ihm darüber nicht Nachricht von der Front zugegangen wäre. Somit greift eine Depesche des New- Pork Journal, das bereits die Rettung der Fremden zu melden weiß, vermutlich den Thatsachen vorauf. Diese vom 14. aus Tschifu datierte Depesche lautet:Ich erfahre aus guter chinesischer Quelle, daß die Verbündeten am Montag vor Peking eingetroffen sind. Ich habe guten Grund zu der Annahme, daß das Heer den Einmarsch in Peking erzwang, und daß die Gesandten und ihre Freunde heute gerettet sind; wahrscheinlich befinden sie sich gegen­wärtig wohlbehalten beim Heere der Verbündeten."

Die Frage, ob in Shanghai britische Truppen gelandet werden sollen, zieht weitere Kreise. Reuter meldet darüber aus Shanghai vom 15. August:In der meldet darüber aus Shanghai vom 15. August:In einer heutigen Versammlung der Konsuln wurde kein Einspruch dagegen erhoben, daß die britischen Truppen getan* bet würben, boch erklärten bie übrigen Konsuln, baß aiuty ihre Regierungen Truppen lanben lassen würben. Der britische Konsul sprach sich aber dagegen aus und broyte, baß bie jetzt zur Lanbung bereiten britischen puppen z - rückgezogen werben würben. Me Kon sm l n )anbt f Grunb gemeinsamer Beschluß fa s s u n g Telegramm an ihre Regierungen: Wenn bie indischem