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18.7.1900 Zweites Blatt
 
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MV. 165 Zweites Blatt. Mittwoch den 18. Juli loog

Gießener Anzeiger

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Die Opfer von Peking.

Es sind an die tausend Menschenleben, deren Verlust die gesittete Welt betrauert, einfache Matrosen, hervorragende Diplomaten, Kinder im zartesten Alter, vornehme Frauen, wetterharte Soldaten. Einige Aufstell­ungen, die man in Paris und London veranstaltet hat, lassen den Umfang des Dramas einigermaßen erraten. Eine Berechnung, die derFigaro" vor einigen Tagen angestellt hat, umfaßt allein 171 Mitglieder der franzö­sischen Kolonie, nämlich 17 Personen der Gesandtschaft, darunter 6 Frauen und 2 Kinder, 75 Offiziere und See­leute, die als Schutzmannschaft nach Peking gesandt wurden, 17 Beamte und Kaufleute, darunter 4 Frauen und 4 Kinder, 49 Personen, die den Missionen angehören, darunter der Bischof Favier. Fene glaubtrr man, daß drei Ingenieure und 10 Werkmeister, die beim Bau der Hankau-Eisenbahn beschäftigt waren, sich nach Peking geflüchtet haben. Auch die Anzahl der britischen und amerikanischen Staatsange­hörigen beläuft sich auf mehrere Hundert. Der britischen Gesandtschaft gehörten 29 Personen an, darunter 3 Frauen und 4 Kinder. Die amerikanische Gesandtschaft zählte 22 Personen, darunter 12 Frauen und 4 Kinder. Zu dem Stab der chinesischen Seezollverwaltung ge­hörten 24 Erwachsene, darunter 6 Frauen, außerdem zahl­reiche Kinder; diese Personen sind nur zum größten Teil Briten, es sind wahrscheinlich auch Deutsche darunter. Die britischen und amerikanischen Kaufleute werden mit 23 angegeben, nebst 8 Frauen und mehreren Kindern. Sehr zahlreich ist ferner das Missionspersonal englischer Zunge. 33 Geistliche find Missionare, 58 Frauen, wahrscheinlich auch eine Anzahl Kinder. Was die Schutzmannschaften betrifft, so mögen sie mit Einschluß der Truppenabteilungen, die kurz vor dem Abbruchs des Verkehrs mit Peking dort ein­trafen, die Zahl 450 erreichen; den Oberbefehl über diese vereinigten Truppen führte nach Angabe der englischen Blätter ein österreichischer Marineoffizier. Es wird noch ein Herr W. A. Mirny erwähnt, der am Bau der chinesischen Ostbahn beschäftigt war; zwei Deutsche und zwei Russen, die als,T o u r i st e n o d e r G e s ch ä f t s r e i s e n d e in Peking weilten, mögen entkommen sein. Unter den Opfern befindet sich wohl auch die Besitzerin eines Puppen­theaters, Frau D'Arc, sowie der Besitzer des Hotel de Pekin, Tallien, und seine Familie und Angestellten. Dem Lehr­körper des College of Peking, der aus etwa 25 Personen bestand, gehörten auch einige Damen an.

Das deutsche Gesandtschaftspersonal bil­deten: der erste Sekretär v. Below-Saleske, dem nach dem Tode des Frhrn. v. Ketteler die Leitung der Gesandtschaft zugefallen war, der zweite Sekretär Dr. von Borgen, der zur Gesandtschaft kommandierte Leutnant a la suite des r Dragoner-Regiments König Friedrich III. (2. Schlesisches) Nr. 8, v. Lösch, der zweite Dolmetscher Cordes (er ist erst vor kurzem vom Urlaub nach Peking zurückgekehrt und bei dem Angriff auf Herrn v. Ketteler verwundet worden), der Stabsarzt Dr. Velde, der als Hilfsschreiber kommandierte Seesoldat Koch vom Gouver­nement in Kiautschou, der Kanzleischreiber P i f r e m ent, der Amtsdiener H u m m e l k e und der Dolmetscher-Eleve Dr. M e r k l i n g h a u s. Der erste Dolmetscher, Freiherr v. d. Goltz, hatte am 2. April d. I. einen Urlaub angetreten, der neu ernannte Legations-Kanzlist Dobrikow war noch unterwegs.

Der britische Gesandte Sir Claude Macdon ald be­gann seine Laufbahn als Soldat. Bis 1887 war er der diplomatischen Agentur in Kairo zugeteilt, um dann nach seinem Ausscheiden aus der Armee den Posten als General- konjul in Zanzibar zu verwesen und 1888 von dort als Kommissar nach! der afrikanischen Westküste berufen zu werden. Nachdem Dr. Zintgraff im Jahre 1891 vergeblich versucht hatte, den Emir von Yola für die deutsche Herr­schaft zu gewinnen, fand Major Macdonald in demselben Jahre eine freundlichere Aufnahme bei dem afrikanischen Herrscher; wenn Macdonald auch nicht gleich seinen Zweck -erreichte, so war er doch auf Grund dieser Reise später bei den in Berlin gepflogenen Verhandlungen zur Ab­grenzung des englischen Gebietes der Quellslüsse und des .Kameruner Schutzgebietes in der Lage, seine Forderung Wolas und so eine für Deutschland unvorteilhafte Regelung Lurchzusetzen. 1896 wurde er zum Gesandten in China ernannt.

Stephen Pichon, der französische Gesandte, 1857 ge­boren, widmete sich zuerst dem medizinischen Studium, gab es indes auf, um sich der Politik zu widmen.

Marchese Salvago R a g g i, der Vertreter Italiens, hatte sich als langjähriger Sekretär der Pekinger Gesandt- .chaft mit den chinesischen Verhältnissen vertraut gemacht, odaß er als Ministerresident zum Nachfolger des Ge- rndten Martino aufrückte, nachdem dieser infolge des Fehlschlagens der Verhandlungen wegen Pachtung der ^anmunbai in Tschekiang im vorigen Jahre zurückgetreten

Die österreichische Gesandtschaft wurde in Vertretung des beurlaubten Missionschefs, Frhrn. v. Wahlborn, durch Dr. Arthur v. R o st h o r n als Geschäftsträger verwaltet. Er war 1862 in Wien geboren, war zuerst Germanist und widmete sich schließlich dem Studium der chinesischen Sprache in Oxford unter Professor Legge. Mit 22 Jahren trat er in den chinesischen Zolldienst, uem er 13 Jahre an verschiedenen Posten angehörte. Während eines Er­holungsurlaubs veröffentlichte er mehrere litterarische und geographische Arbeiten und erwarb sich in Leipzig das Doktorat der Philosophie. 1896 teilte ihn Graf Goluchowsky der neu zu errichtenden Gesandtschaft in Peking zu.

Der amerikanische Gesandte Edwin H. Cong er war 1843, der niederländische Geschäftsträger F. M. Knobel 1855 geboren, der belgische Vertreter I o o st e n s war kaum 33 Jahre alt. Sir Robert H a r t, der Leiter der chinesischen Seezollverwaltung, war 1835 geboren. Er hatte einen Stab von 800 Europäern und 4000 Chinesen.

Britischer Militärattache war Oberstleutnant G. F. Browne, Cockburn Sekretär der britischen Gesandt­schaft, britischer Handelsattache I. W. I a m i s o n.

Die übrigen diplomatischen Vertreter waren: der spanische Gesandte de Co log an, der als langjähriger erster Sekretär der russischen Botschaft in Paris bekannte Gesandte v. Giers, ein Sohn des verstorbenen Ministers des Auswärtigen, und der javanische Gesandte Baron Nishii. Unter den Damen sind besonders zu erwähnen Freifrau v. Ketteler (eine geborene Amerikanerin,Maud Ledyard, seit 1897 getraut), Lady Macdonald, die als tapfere junge Frau ihren Gatten nach Westafrika begleitet hatte, die Marchesa Salvago R a g g i, Frau Knobel, Frau und Fräulein v. Giers, Frau v. R o st h o r n, Frau Pichon, die Gemahlin des ebenfalls ermordeten ersten Sekretärs der französischen Gesandtschaft d' A n t h o u a r d, Frau C o n g e r und ihre Schwester nebst zwei Nichten, sowie Frau Denby,'diel Schwiegertochter des früheren ameri­kanischen Gesandten u. a. Auch der Berichterstatter der Times", Dr. G. E. Morrison, befindet sich unter den Toten. Er war ein hervorragender Journalist, hauptsächlich bekannt als australischer Reiseberichterstatter: seine Leist­ungen in China entsprachen seinem vortrefflichen Rufe. Die letzten Nachrichten, die aus Peking nach der Küste und nach Europa drangen, rührten von ihm her ustd waren vom! 12. Juni.

Die Wirren in China.

Zu den Nachrichten über die Ermordung sämt- licherFremden inPeking schreibt die Nordd. Allg.Ztg.: Die Katastrophe in Peking ist nach den letzten Depeschen leider in das Bereich der hohen Wahrscheinlichkeit gerückt und die Hoffnung auf ein Minimum herabgestimmt. Immer­hin darf man aber festhalten, daß eine authentische Nachricht noch immer nicht vorliegt. Würde sich die Nach­richt bestätigen, so würden viele deutsche Familien in tiefe Trauer versetzt nnd Deutschlands Empörung würde allgemein sein über eine in der Geschichte unerhörte Frevelthat. Nach aus London uns vorliegendem Telegramm veröffent­lichen dieTimes" und derDaily Mail" ausführliche Beschreibungen der letzten heroischen Kämpfe der Europäer in Peking und der entsetzlichen Schlußkatastrophe. Da­nach begannen die Boxer und die aufständischen Truppen vom 25. Juni ab die englische Gesandtschaft mit einem immer stärkeren Zernierungsring zu umschließen. Täglich und auch häufig während der Nacht machte das kleine Ver­teidigungskorps Ausfälle, die mit starken Verlusten für die Belagerer endeten. Um 6 Uhr am Abend des 6. Juli be­gann die Beschießung des Gesandtschaftsgebäudes. Zwei Stunden lang wurden seine Mauern mit Granaten beworfen. Als die Chinesen zum Generalangriff vorrückten, eröffneten die Europäer ein so vernichtendes Feuer, daß die Reihen der Angreifer alsbald ins Wanken gerieten und sich unter Zurücklassung nngezählter Toten und Verwundeeen zur Flucht wandten. Gegen Mitternacht wurde abermals zum Angriff vorgegangen. Ein erbitterter Kamps folgte. Viele der Tsching'schen Soldaten desertierten, weil 'sie an den endgiltigen Sieg der Fremden nicht mehr glaubten. Der 70jährige General Wang-Weng-Thao fiel, tapfer kämpfend, an der Spitze seiner Schar, auch Prinz Tsching soll gefallen sein. Da aber seine Leiche nicht gefunden wurde, glaubt man, daß er geborgen ist. Gegen 5 Uhr morgens schien der Sieg entgiltig den Vertheidigern ver­bleiben zu sollen. Die Angreifer zogen sich bereits zurück; plötzlich erschien General Tungfuhsiang mit einer frischen Truppe aus dem Plane. Noch einmal begann die Be­schießung des Gesandtschaftsgebäudes. Die Ueberlebenden der VerteitigungSschar bargen sich, so gut es ging. Gegen Sonnenaufgang war aber ihre Munition erschöpft. Um 7 Uhr gingen die Truppen zum Sturm vor. Da

schwiegen die Büchsen der Belagerten. AufdenTrümmer» der Gesandtschaft standen sie zusammengedrängt. Die Wehrl osigkeit der Opfer entflammte die Blutgier der Angreifer. Ein letzter Ansturm, ein kurzes blutiges Handgemenge, dann hatte die kleine Schar ihr furcht- bares Schicksal gefällt. Ein Läufer erzählt, die Fremden hätten Frauen und Kinder mit ihren Revolver getötet. Die Boxer machten die Fremden nieder wie Gra«, sie zerhackten Lebendige und Leichen.

Ein in London eingetroffenes Telegramm meldet: Ein Läufer habe die Nachricht überbracht, die Fremden hätten alle ihre Frauen und Kinder mit ihren Re­volvern getötet. Als die schweren Kanonen geladen waren, wurden sie alle gleichzeitig abgefeuert. Die Fremden wurden niedergemäht wie Gras. Die Boxer stürzten sich auf die Gefallenen und zerhackten die Lebenden wie die Leichen. Ein Pariser Blatt meldet aus eng­lischer Quelle, daß eine Anzahl Frauen und Mädchen europäischer Würdenträger von Peking nach dem Norden Chinas geschleppt wurden, wo sie der schändlichsten Behandlung ausgesetzt seien. Wie aus London tele­graphiert wird, soll, nach einer Meldung desDaily Tele­graph" von den Aufständischen inPeking auch der kaiser­liche Palast erstürmt und der Kaiser sowohl wie die Kaiserin-Witwe ermordet worden sein. Das Ge­bäude der deutschen Gesandtschaft soll verhältnis­mäßig am wenigsten beschädigt sein, weil es feit der Ermordung deS Frhrn. von Ketteler aus abergläubischer Furcht von den Chinesen gemieden werde. Einem weiteren Telegramm desselben Blattes zufolge scheint die Bekannt­machung der Niedermetzelung der Fremden in Peking als Aufruf zur allgemeineu Empörung betrachtet zu werden. Die Gouverneure von Hunan, Shanfi und Kwanfi haben sich bereits den Fremdenfeinden angeschlossen und Proklamationen zugunsten der Boxer erlassen. Die Zahl der dem Aufstande bisher zum Opfer gefallenen chi­nesischen Christen wird auf 20000 geschätzt. Der gegenwärtig in Wien befindliche demnächst nach China ab­reisende Dolmetscher Frhr. v. d. Goltz erhielt Kenntnis von einem Briefe, der kürzlich von Lady Macdonald in London eintraf. Herr v. d. Gvltz glaubt nicht, daß die europäischen Damen den Chinesen in Peking lebendig in die Hände gefallen sind, weil es in dem Briese heißt, viele Damen hätten sich mit Gift versehen und trügen dasselbe beständig bei sich.

Wie das Wolff'sche Bureau erfährt, meldet der Chef des Kreuzergeschwaders, Vice-Admiral Bendemann, aus Taku pom 12. ds.:

In der Nacht auf den 11. Juli beschossen die Chi­nesen das Ostarsenal von Tientsin, wurden aber zurück- gewiesen. Gleichzeitig besetzten die Japaner einen Teil der Chinesenstadt. Folgendes ist das Bild der militä­rischen Lage in Tientsiu: Die Russen halten das Ostarsenal und das Lager auf dem linken Peiho-Ufer süd­lich vom Bahnhof; die übrigen Nationen stehen am rechten Ufer, teilweise in den zugehörigen Niederlassungen, die Deutschen iti der Universität (gemeint ist wahr­scheinlich die Militär- und Marineschule» und im äußersten, Südosten der deutschen Niederlassung. Die deutsche Hauptaufgabe ist, den Peiho zum Verkehr mit Taku offen zu halten. Dieser ist ungehindert, täglich gehen Ar­tillerienachsendungen nach Tientsin. Die Chinesen halten die veraltete Citaoelle in der Chinesenstadt und das Lager nordöstlich davon. Der Telegraph ist vom russischen Lager nach Taku wiederhergestellt. Alexejew mit dem General­stab ist in Tientsin."

Aus dieser amtlichen Nachricht aus Tientsin ist gegen­über den Privatberichten eine augenscheinliche Besse­rung der Lage zu erkennen; sie äußert sich vor allem darin, daß der telegraphische Verkehr zwischen Tientsin und der Küste wiederhergestellt und offenbar in Thätigkeit ist, sowie darin, daß durch Boote die Verbindung der in Tientsin Belagerten mit den Kriegsschiffen aufrecht er­halten wird. Den deutschen Truppen fällt die schwierige Aufgabe zu, diese Verbindung zu sichern. Auch nach anderer amtlicher Auskunft ist in Tientsin durch die dort jetzt eingetroffenen V e r st ä r k u n g e n, an denen auch Ja­paner beteiligt sind, eine wesentliche Erleichte­rung eingetreten. Besonders bemerkenswert ist, daß die Schiffahrt von Tientsin nach Taku vollständig frei ist und daß nach amtlicher Angabe die Telegraphen-Verbindung- zwischen Tschifu und Tientsin wiederhergestellt ist. Hoffent­lich trägt besonders die letztgenannte Thatsache wesentlich dazu bei, zuverlässigere Nachrichten über die Lage in Ost- asien zu erhalten.

Eine Depesche des englischen Generals Donvard, aus Tientsin vom 10. ds. datiert, und in Tschifu am 13. Juli eingetroffen, besagt: Gestern (9.) früh 3 Uhr