Ausgabe 
18.7.1900 Erstes Blatt
 
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Nr. 165 Erstes Blatt. Mittwoch den 18. Juli

1900

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger

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Amtlicher Teil.

Au die Heere« BertraueusmSnuer deS HilfS- veveius für die Geisteskranke« in Hesse«.

Für die Stellen der Küchen- und Waschmädchen in hiesiger Anstalt ist bei freier Station ein jährlich um 50 Mk. von 200 Mk. an bis zu 350 Mk. und bei Be­förderung bis 450, 500 und 600 Mk. steigender barer Lohn vorgesehen.

Wir ersuchen um vorerst briefliche Zuweisung geeig­neter gesunder und intelligenter Bewerberinnen, die wenn kräftig, vom 16. Lebensjahr ab angenommen werden. Die Bewerberinnen selbst wollen sich an die aus den Jahres­berichten des HilssvereinS bekannten Herren Vertrauens- Männer oder und zwar zuerst brieflich hierher wenden.

Heppenheim, den 24. Juni 1900.

Großh. Direktion der Landes-Irrenanstalt.

Dr. Bieberbach, Medizinalrat.

Der Gesandte«- und Fremden-Mord zu Peking.

Tropfen um Tropfen ist uns die Nachricht über die Schrecknisse in Peking übermittelt worden und allmähliche haben wir uns daran gewöhnen müssen, dem Entsetzlichen, das wir noch, vor wenigen Wochen kaum zu ahnen wagten, ins. Auge zu sehen. Heute, wo General Manschikai, der Gouverneur von Schantung, amtlich von dem Geschehenen Mitteilung gemacht hat, ist kein Zweifel mehr gestattet, der Gesandten- und Fremden-Mord in Peking ist eine historische Thatsache, eines der schauerlichen Merkzeichen, die die Weltgeschichte von Zeit zu Zeit aufzurichten pflegt, eine Unthat, die selbst in der blutgetränkten Vergangen­heit des Orients kaum ihres Gleichen findet. Gefühl nnt) Phantasie sträuben sich dagegen, das Schwanken zwischen Hoffnung und Verzweiflung, die Leibesqualen und Seelen- fottern auszudenken, die diese Märtyrer unserer Zivili­sation bis zu dem Augenblick erduldet haben mögen, wo sie in einem heroischen Entschluß wahrscheinlich zu Ver- vrechssrn wurden aus Mitleid und aus Barmherzigkeit und mit der letzten Kugel das eigene Weib, das eigene Kind niederstreckten, um sie der Mordwut der Horden zu ent­ziehen, ibite da draußen die Mauern umheulten. Im Ver­gleich! zu dem Lose, das diesen Leuten gefallen, war der Tod des Freiherrn v. Ketteler fast ein mildes und gnädiges Geschick. Vielleicht werden wir nie in vollem Umfange er­fahren, was in diesen Schreckenstagen vom 12. Juni bis zu dem schließlichen Ende in Peking gelitten worden ist, aber des darf man versichert sein, daß die Männer und auch die Frauen, deren einzige Schuld darin bestand, daß sie dort im äußersten Osten die Kultur des Abendlandes mit all ihren guten und, wenn man will, auch ihren schlechten Seiten vertraten, wie Helden das bestätigt auch die Meldung Manschikais gefallen sind und noch im Tode den Sieg der Kultur des Westens über die des Ostens besiegelt haben. So haben sie schon in der ersten Schlacht den schließlichen Ausgang des Krieges entschieden, denn was jetzt entbrannt ist, ist ein Kulturkampf in der umfassendsten Bedeutung des Wortes, ein Kampf auf Sein oder Nichtsein zwischen zwei schnurstracks sich widerstreben­den Weltanschauungen. Dieser Kampf datiert nicht erst von dem Blutopfer in Peking; er hat begonnen an dem Tage, als die ersten Sendboten des Christenglaubens und abendländischer Wissenschaft, Technik und Industrie hinaus­zogen nach dem Osten, aber man hoffte allgemein, er werde in friedlichem Ringen ausgetragen werden können. Aus dieser Täuschung haben uns die Pekinger Blutthaten furcht­bar aufgeschreckt; die Zivilisation des Westens muß heute, sie mag wollen oder nicht, mit Feuer und Schwert, mit Kleinkalibergewehren und Steilschußgeschützen siegen oder unterliegen. Zartfühlige Gemüter haben, chinesischer als selbst die Chinesen, geglaubt, von vornherein uns, den Europäern und Abendländern, die Schuld an allem Unheil deshalb aufbürden zu müssen, weil sie hinausgegangen sind über das Meer und ungebeten den Feind in seinem eigenen Lager aufgesucht haben. Aber gerade, daß das geschehen, ist ein Zeichen der Sieghaftigkeit unserer Zivi­lisation, ein Beweis, daß unsere Kultur expansiver, aus­breitungsbedürftiger und ausbreitungskräftiger, mit einem Worte stärker ist als die des Ostens. Es mag grausam er­scheinen, Leuten, die behaupten, den herrlichen Weisheiten des großen Konfutse nachzuleben, den christlichen Glauben als das Heil des Heils aufzuzwingen, oder ihnen, die in der Bedürfnislosigkeit ihr Glück zu finden meinen, die sogenannten Segnungen unserer Kultur zu bringen und damit in ihnen Bedürfnisse zu wecken, aus denen wir selbst wiederum unjein Nutzen ziehen. Aber auch die Natur ist grausam in dem Kampfe ums Dasein, zu dem sie ihre Ge­

schöpfe in die Welt setzt; der Löwe frißt das Lamm, der Stärkere den Schwächen auf, und wenn irgendwo das Wort, Macht geht vor Recht seine Bedeutung hat, so be­steht sie darin, daß die mächtigere Kultur der schwächeren nicht das Recht zugestehen kann, sich gegen sie abzuschließen. Wenn wir daher grausam sind, so sind wir es in einem natürlichen Drange, aus einer wirtschaftlichen Notwen­digkeit, der wir uns nicht entziehen können.

Aber.gleichviel ob die Wirklichkeit sich in philosophi­scher Konstruktion erfassen läßt oder nicht: Thatsache bleibt es, daß das Chinesentum, wenn auch nicht die Regierung! oder das Volk von China, uns den Kampf aufgezwungeuj und durch die Pekinger Blutthaten die Form bezeichnet hat, in der er durchgeführt werden muß. Nicht daß wir Gleiches mit Gleichem vergalten, daß wir, wie viele Leute im Lande der Mitte ernstlich! zu besorgen schiein^n, nun auch den Gesandten, die derSohn des Himmels" uns als jeine Vertreter geschickt, die Köpfe abfchneiden müßten, daß die Truppen der Zivilisation in China den Boxern gleich sengen tumb brennen sollten; aber ber schrecklichste Frevel, bet je gegen bas Völkerrecht begangen worben, muß vor- bilblich geahnbet unb ein für allemal muß bie Lehre auf­gestellt werden, baß bieses von ber Kultur des Westens ersonnene Grundgesetz bes internationalen gesitteten Menschen- unb Völkerverkehrs auch ein Kulturzwang ist, ben der Wester: zu seinem eigenen Nutzen unb Frommen ber Welt, wenn sie es nicht anders will, mit Gewalt auf­erlegt.

Mitten in bie ängstlichen Zweideutigkeiten der ersten Ueberraschung hat Kaiser Wilhelm das WortRache" ge­worfen, und obwohl es dem natürlichen Gefühl wie eine Erlösung klang, ist ihm dieses Wort vielfach verdacht wor­den. Es mag in einzelnen Fällen edler und größer sein, nach Maßgabe des biblischen Trostes:Die Rach^ ist mein, spricht ber Herr" seine Rache zu vertagen, aber es giebt Dinge ich Menschen- wie im Bölkerleben, bei denen der Verzicht auf Rache ein Verbrechen gegen das eigene Dasein ist, weil er als Schwäche, wenn nicht gar als Feigheit ausgelegt werden würde. Die Erkenntnis der Schwäche seines Gegners aber ist die Stärke des Chinesen, sie richtet seine Widerstandskraft auf und stählt seinen Mut. Heute nun beschränkt sich die Ahndung an dem Chinesentum nicht mehr nach nationalen Grenzen, es giebt heute keine deutsche, englische oder französische Rache mehr, die Rache ist Vach der Schreckens künde aus Peking allen gemein/ die gesamte abendländische Zivilisation muß sich für sie stark machen. Wie nun ist die Rache unter der mildern Form, die unsere Weltanschauung uns vorschreibt, zu üben? Es ist internationaler Brauch geworden, wenn Wilde und Neger sich am Leben des Abendländers vergreifen, die ganze Ortschaft, zu der die Mörder gehören, ^usammen- zuschießen und niedvrzubrenuen. Soll aber die Strafe gelinder ausfallen bei einem auf seine alte Kultur stolzen Volke wie die Chinesen, die sich zum großen Teile der Schandthaten, die sie verübt, bewußt sein mußten, als bei Wilden und Kannibalen? Sicherlich nicht, denn die höhere Kultur ist für sie ein erschwereUder Umstand. Die Kon­sequenz aus alledem wäre daher, daß Peking, die Stadt mit den drei Mauern, die Chinesen-, die Tartaren- und die kaiserliche Stadt von Grund aus zerstört würde und daß dann, falls die Mächte es aus politischen Gründen für erforderlich halten sollten, an demselben Platze die Re­gierungszentrale wiederum zu errichten, die Chinesen ge­zwungen würden, auf den Trümmern der alten ihre neue Hauptstadt wieder aufzubauen als eine Stadt ohne Mauern und Festungswerke, als eine nach den Grundsätzen des Abendlandes gedachte und durchgeführte offene Stadt, in der jeder Frewde frei und unbehelligt aus- und ein- und seinen Geschäften nachgehen kann. Wir wissen nicht, wie man im Rate der Mächte darüber denkt, aber vielleicht wird sich dort ein Cato finden, der für diese Folge immer und ümmer wieder sein ceterum eenseo in die Wage wirft. Freilich haben die jüngsten Ereignisse überall in der Welt die Erkenntnis geweckt, daß diese Rache am Chinesentum nicht so einfach zu vollziehen ist wie die Bestrafung eines! afrikanischen Mstendorfes. Dafür aber stehen Heuer in Asien auch ganz andere Güter auf dem Spiel, denn es gilt heute nicht mehr den Schutz der Kulturarbeit eines halben Jahrhunderts sie wird voraussichtlichi in der Bewegung, die Tag um Tag um sich greift, größtenteils vernichtet werden es gilt jetzt die letzte Probe auf die Lebens­kraft und die Zukunft zweier Kulturwelten. Aus dieser Probe muß das Abendland als Sieger hervorgehen und sollten .die Opfer für den Augenblick noch so groß, der Ein­satz noch so schwer sein; und es wird Sitger bleiben, wenii bie Mächte, bie seine Kultur vertreten, sich bes furcht­baren Ernstes bei Lage bewußt bleiben, unb Schulter an Schulter bis zum Ende zusammenstehen. Drum ist jetzt piehr denn je die Losung jene kaiserlich^ Mahnung, die schon vor Jahren in Wort und Bild durch die Lande ging; Völker Europas, vereinigt euch und wahret eure heiligsten Güter!"

Umgehung der Warenhaussteuer.

Die mittleren und lleinen Gewerbetreibenden haben seit Jahren alles Heil von einer Umsatzsteuer für ihre gefährlichsten Konkurrenten, für die Warenhäuser erwartet. Jhr ganzes Agitieren und Petitionieren war auf die Ein­führung solcher Steuer gerichtet. Allmählich zeigte sich denn!guch der Erfolg. Es war ein gewisses Vorspiel, daß sächsische Gemeinden eine erhöhte Steuer den Konsum­vereinen auferlegten. Erfolg war freilich nicht davon zu. merken; aber man tröstete sich mit der Hoffnung, der Erfolg würde schon kommen, wenn nur erst der Staat gleiche Steuern ein führte. Endlich gab Herr v. Miquel dem Wrängen nach und erllärte sich zu einem Versuche; bereit. Das hat er ja immer von neuem wiederholt, so­wohl int preußischen Landtag, wie gegenüber den verschie­denen Deputationen, die ihn Namens der angeblich schwer gefährdeten Warenhäuser um Abwendung des drohendem Unheils baten: es könne sich bei dem Gesetz vorläufig um snichts weiter handeln, als um einen Versuch. Der Zweck des Gesetzes aber stand von Anfang an aller Welt klar vor Augen; es galt, den Umsatz der Warenhaus-In­haber dadurch zu schmälern, daß inan sie mittels einer zweiprozentigen «Umsatzsteuer nötigte, ihre Preise um zwei Prozent zu erhöhen. So hoffte man die mittleren und kleineren Gewerbetiseibenden konkurrenzfähig zu erhalten.

' Da hatte man aber die Rechnung gänzlich ohne die schlauen Inhaber dev Warenhäuser gemacht: noch ehe das Gesetz in lKraf tigetireten ist, haben' .sie umfassende Maßregelu zu seiner Umgehung getroffen. Wie seit einigen Tagen, bekannt geworden ist, hat der Inhaber, eines' großen köaret^ Hauses in Köln und München, Leonhard Tietz, der auch in Berlin demnächst ein riesiges Warenhaus eröffnen wird, an die Fabrikanten, bie bie l§hre haben, seine Lieferanten zu sein, ein Rundschreiben gerichtet, mit folgender Auf­forderung : *,>-

Sie belieben gefl. Kenntnis zu nehmen unb mir dies durch Rückgabe des betgefügten Koupons durch Ihre Unterschrift versehen zu bestätigen, daß Sie mir vom 1. Oft. 1900 ab für meine fämt- lichm Geschäfte bet franko Lieferung und franko Emballage 2 Prozent Warenskonto (die von Ihnen an der Endsumme der Faktura zn kürzen sind) und 2 Prozent Kafsaskonto (die von mir bei der Regu­lierung in Abzug gebracht werden), anerkennm. Offerten werden schon von heute ab nur zu vorstehenden Konditionen evtgegen- genommen.

Mau beachte hieran zunächst formal zweierlei: das kannibalische Deutsch und den Ton, der das ganze Schreiben beherrscht. Das sie volo, sie jubeo absoluter Monarchen ist ein Kinderspiel gegen diesen Despotismus.

Dann aber der Inhalt! Zwei Prozent sind der höchste Satz, den das Gesetz an Umsatzsteuer zuläßt, aber auch erst bei einem Mindestumsatz von jährlich 400 000 Mark; das war die Grenze, über die die preußischen Kammern nach längerem Hin und Her sich verständigten. Diese zwei Pro­zent soll nun statt des Warenhausinhabers einfach ganz und gar der Fabrikant tragen, und zwar in der Weise, daß er, «um ein Warenskonto dieser Höhe seine Rechnungen gleich selbst kürzt. Erstlich erinnert dies Verfahren for­mell, wie materiell lebhaft an die in gleicher Rücksichts­losigkeit erglänzenden böhmischen Brauereien, die auch er­klären: Uns geht die Erhöhung des Bierzolles gar nichts an, ^enFlottenzoll" können die Konsumenten tragen. Zweitens aber vergegenwärtige man sich die Lage der Fabrikanten. Weit verbreitete und berechtigte Klage ist schon seit geraumer Zeit in den meisten Zweigen? auch der Großindustrie: An Aufträgen fehlt es ja nicht, aber bie Preise finb so gebrückt, besonbers durch schmutzige Kon- kurrenz, daß nichts für ben Fabrikanten übrig bleibt. Ist es nun auch vielleicht nicht ganz so arg benn sonst müßten ja bie Fabrikanten verhungern, so ist boch so viel sicher: ber Gewinn, mit bem unsere Industrie arbeitet, ist sehr bescheiden. Dazu kommt dann ein weiteres. Es steht außer jedem Zweifel, daß die Inhaber der Waren­häuser ihre Lieferanten bisher schon nach Möglichkeit in den Preisen gedrückt haben. Wenn die Fabrikanten sich in diesen Zwang fügten, so war für sie die Erwägung ent­scheidend, daß diese Auftraggeber große Posten bestellten und als ständige Abnehmer noch immer einen gewissen Wert behielten.

Aber wie nun, wenn die Preise ohne weiteres noch um zwei Prozent gedrückt werden? Bleiben bann biefe Auftraggeber auch nurin gewissem Sinne" noch gute Kunben? Die Frage muß verneint werben. Es mag bei mir jemanb noch so große Posten bestellen, wenn seine Preise so niebrig schraubt sinb, baß ich nichts mehr verbiene, bann ist es mit ber guten Kunbschaft vorbei! Ober soll man an der Herstellung der Ware noch etwas, herausschlagen? Die Rohmaterialien noch etwas minder­wertiger nehmen und der Herstellung noch etwas weniger Sorgfalt 'zuwenden? Auch dieser Weg ist ungangbar. So weitherzig der Inhaber des Warenhauses, sagen wir kurz der Warenhäusler, ben Käufern gegenüber ist, so eng­herzig ist er gegen bie Fabrikanten. Entdeckt er ba die geringste Abweichung der Ware vom Muster, so wird sie sofort zur Verfügung gestellt, oder als Ramsch zu halbem.