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18.2.1900 Zweites Blatt
 
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Zweites Blatt

Sonntag den 18 Februar

Meßmer Anzeiger

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* Politische Wochenschau.

Gießen, 17. Februar 1900.

Im Anschluß an die Flottenvorlage hat der Reichstag im Laufe der letzten Woche sich vornehmlich mit dem Kolonialetat beschäftigt, wobei wieder Freunde und Gegner unserer Kolonieen hart aneinander gerieten, ohne sich gegenseitig überzeugen zu können. Einen breiten Raum nahm dze Affaire Arenberg ein, die leider ge* eignet scheint, die Thätigkeit der Deutschen im Auslande zu verdunkeln. Aus den weiteren Verhandlungen des ReichS- tugS wollen wir nur noch die von amtlicher Seite ge­legentlich der Beratung des Etats der Reichseisenbahnen abgegebene Erklärung hervorheben, daß es mit einer Re­form der Personengeldtarife noch gute Weile haben wird, waS recht bedauerlich ist.

Zwischen Berlin und Detmold scheint die Streit- cxt begraben zu sein, wie man aus dem zwischen dem Laiser und dem Grafregenten gepflogenen Telegramm- wechsel schließen darf. Diese Thatsache ist im Interesse r<s nationalen Einheitsgedankens nur lebhaft zu begrüßen.

Der preußische Finanzminister Herr v. Miquel, welcher längere Zeit krankheitshalber sich Schonung auf- erlegeLmußte, ist jetzt wieder hergestellt; er wird demnächst im AbHdrdnetenhause den von uns bereits besprochenen Gesetzentwurf, betreffend die Besteuerung der Warenhäuser, vertreten. Der Minister dürfte dann auch in die Kouu misfionsberatungen über die Flottenvorlage eingreifen und sich hauptsächlich an der Lesung des Kanalgesetzes be­teiligen.

Große Beachtung hat der Besuch gefunden, welchen Prinz Heinrich von Preußen auf seiner Rückkehr von China in Wien abgestattet hat. Man will darin nicht nur eine Höflichkeitsvisite erblicken, sondern man mißt dem Besuche auch eine politische Bedeutung bei.

Die vom österreichischen Ministerpräsidenten v. Körber einberufene Verständigungskonferenz zwischen Deutschen und Czechen kann als gescheitert angesehen werden, wie wir gleich vorausgesagt hatten. Der Kampf dauert also fort, der nationale Friede im Nachbarstaate bleibt weiter gestört. Sollen wirklich diejenigen Recht be* halten, welche behaupten, daß es mit Oesterreich stark bergab gehe?

Auf dem südafrikanischen Kriegsschauplätze ist die Lage ziemlich unverändert geblieben. Alle Ver­suche der Engländer, Ladysmith zu entsetzen, haben sich als vergeblich erwiesen. Zwar haben britische Truppen neuerdings den Tugelafluß überschritten, aber die Thatsache, daß sie geringen Widerstand fanden, läßt die Vermutung gerechtfertigt erscheinen, daß dieser Vor­

marsch in den Plan der Buren paßt und daß letztere den Engländern wieder eine Falle bereitet haben. Hat sich bisher die Thätigkeit der britischen Heerführer auf die Befreiung der obengenannten beiden Orte beschränkt, so wollen sie jetzt einen Einfall in den Oranje Freistaat ver­suchen. Viel Erfolg können sie sich kaum nach den bisher bezüglich der Wachsamkeit der Buren gemachten Erfahrungen versprechen.

Wichtig ist die vom portugiesischen Marine­minister in den Cortes abgegebene Erklärung, daß der Kolonialbesitz Portugals unantastbar bleiben soll. Es wird also nichts daraus werden mit der Abtretung des Delagoa- gebiets an England, worauf man in London die letzte Hoffnung setzt!

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Deutscher Reichstag.

150. Sitzung vom 16. Februar. 1 Uhr.

Bei fast leerem Hause wird die Beratung des Etats der Reichseisenbahnen fortgesetzt bei den einmaligen Aus­gaben. Die Annahme derselben erfolgt widerspruchslos. Bei den Einnahmen kommt zugleich die von der Kom­mission beantragte Resolution zur Erörterung betreffend Aufhebung der auf den elsässisch-lothringischen Bahnen be­stehenden ermäßigten Kohlenexporttarife nach dem Aus­lande.

Abg. Müller- Fulda (Zentr.) empfiehlt die Reso­lution warm zu Annahme.

Minister Thielen erkennt an, daß diese Anregung im gegenwärtigen Augenblicke geboten erscheine. Aber die Sache liege nicht so einfach. Uebersehen dürfe z. B. nicht werden, daß sich auf Grund der bestehenden Exporttarife vielfach, so in Oberschlesien, zweiseitige Beziehungen zum Auslande gebildet haben, Beziehungen, welche beeinträch­tigt werden müßten, wenn von der einen Seite die Ausfuhr unterbunden würde. Weiter sei zu bedenken, daß z. B. die Ausfuhr nach den Seehäfen oft in höherem Maße inländischen Konsumenten zugute komme, als den aus­ländischen. Die Sache könne nur erledigt werden durch gemeinsames Einvernehmen aller deutschen Bahnen.

Abg. Münch-Ferber (nl.) tritt sehr lebhaft für Auf­hebung des Exporttarifs für Kohlen ein. Er weist' zur Begründung u. a. darauf hin, daß die Saarkohle in Italien und der Schweiz 50 Mark pro Tonne billiger ist, als inner­halb derselben Entfernung im Deutschen Reiche. Bei der jetzigen Kohlennot sei es geradezu eine Ironie, Ausfuhr­tarife aufrecht zu erhalten.

Abg. Da'sbach (Zentr.) bittet um möglichste Be­schleunigung der Aufhebung des Exporttarifs, eventuell um Erlaß eines Kohlenausfuhrverbots.

Abg. Graf Stolberg (kons.) spricht sich ebenfalls für die Resolution aus.

Abg. Bebel (Soz.) bezeichnet es als unerhört, daß

man unsere Kohlen so billigbem Auslande zuführe. Da sehe man wieder, wie der Staat und die Kohlenindustrie Hand in Hand gingen.

Abg. Stockmann (kons.) ist durch die Ausführungen des Ministers einigermaßen enttäuscht, glaubt aber den­noch, daß dieser den geäußerten Wünschen nachkommen werde.

Abg. Schröder ist der Ansicht, daß nur auf dem Wege der Ermäßigung der Tarife im Jnlande der Kohlen­not gesteuert werden kann. Die Hauptschwierigkeit liegt darin, daß die Jndustrieen sich auf die bestehenden Tarife mit Verträgen eingerichtet haben. Er mahnt auf diesem Gebiete zur Vorsicht.

Abg. Bachem glaubt, daß die Ausfuhrtarife nach Italien, Schweiz und Frankreich, sowie der Ruhrkohle nach Belgien sofort ohne jede Unzuträglichkeiten aufgehoben werden könnten. Es ist die Gefahr vorhanden, daß das Kohlensyndikat die Ausfuhrtarife benutze, um die Kohlen aus dem Lande zu schaffen und den Kohlenpreis zu er­höhen. Zu diesen Kohlenpreis-Jnteressenten gehört auch der preußische Handelsminister.

Minister Thielen hält mit der Aufhebung der Aus­fuhrtarife die Kohlennot nicht für gehoben: denn die Kohlen seien alle verschlossen. Er sieht überhaupt die Lage nicht für so schwarz an. Der Streik wird sehr bald beigelegt sein, und die Arbeiter werden wieder zur Arbeit zurück- kehren.

Abg. Stolle mißt die Schuld an dem Streik den Unternehmern zu.

Abg. Riff (Els., fr. Ver.) empfiehlt ein von ihm ein­gebrachtes Amendement xrnd die Resolution der Kommission allgemeiner zu fassen. Eine Aufhebung des Kohlenexport- tarifes nur in Elsaß-Lothringen würde ganz zwecklos sein, denn dann würden die Kohlenexporte einfach Elsaß-Loth­ringen umgehen, und andere Wege einschlagen.

Damit schließt die Debatte, die Einnahmen werden genehmigt, und die Abstimmung über die Resolution aus­gesetzt bis zur dritten Lesung. Es folgt die Beratung des Antrages Münch-Ferber wegen Errichtung von deutschen Handelskammern im Auslande.

Abg. Münch-Ferber (nl.) begründet seinen Antrag und bedauert, daß die Regierung bisher noch nicht auf einschlägige Anregungen eingegangen ist. Außer New- York müßten deutsche Handelskammern in London, Paris und Konstantinopel in Aussicht genommen werden.

Abg. Blell (frei).) hält ebenfalls .Handelskammern für unfern Handel und Industrie von größter Wichtigkeit, und wir müßten auf diesem Wege dem Auslande folgen.

Abg. Cahensly (Zentr.) widerspricht dem Anträge nicht, glaubt aber, daß die Kosten hierfür nicht geringe sein würden.

Nach einem Schlußwort des Abg. P a a s ch e wird der Antrag der Budgetkommisfion überwiesen. Nächste Sitzung Mittwoch 1 Uhr: elsässischer Antrag, betr. Diktatur-Para­graph und Landeswahlrecht. Schluß 5 Uhr.

Theater.

-er. Gießen, 17. Februar 1900.

Stadttheater. Infolge überreichen Stoffes auf allen Gebieten sind wir in den letzten Tagen mit den Re­feraten über unsere einheimisc^Bühne etwas im Rückstand geblieben. Zwischen den verschiedenen Benefizen, Volks­vorstellungen 2C. fand am vergangenen Mittwoch für unser Publikum wieder einmal einePremiere" statt:Das fünfte Rad" von Hugo Lubliner, wie der Theaterzettel sagtmit großem durchschlagenden Erfolg am Kgl. Schau- spielhaufe in Berlin auf geführt" .... Das verstehe aller­dings, wer kann! Wenn die Berliner Theaterbesucher und speziell diejenigen des Königl. Schauspielhauses nichts besseres gewöhnt sind, dann dürften sie sich in ihrem .'kunsttempel ebenso heimisch fühlen, wie in den gesegneten Gefilden Böotiens. Der Stoff diesem dreiaktigenLust­spiel" ist aus so vielenQuellen" zusammengetragen, die ^abel so abgedroschen und verbraucht, daß nur die vielen blutigen Kalauer, einige bessere Witz^, verschiedene nicht ungeschickt herbeigeführte Pointen und vor allem eine musterhafte Darstellung den Dreiakter vor einem Fiasko bewahren können. Wir wollen uns also mit dem Werk ort und für sich nicht weiter befassen, und nur bemerken, das; thatsächlich durchweg flott und sicher gespielt wurde; die Hingabe des gesamten Ensembles wäre freilich einer besseren Sache würdig gewesen. Die Hauptrolle des Fa­brikant Geering hatte natürlich Herr Direktor Helm über- no>mmen und dieselbe, da sie ihm ebenso vortrefflich lag, ^i.e diejenige des Großindustriellen Müller inGebildete M enschen", mit bekanntem Geschick und den ihm so trefflich stehenden kleinbürgerlichen Allüren und Manieren durch- oesiührt. Allerdings hat der aufmerksame Zuhörer bis- wenlen die Empfindung, daß Herr Helm mit den Ergüssen des Verfassers etwas eigenmächtig verfährt und sich öfters reccht tüchtige Improvisationen gestattet. Da sie aber durch­

weg gut oft besser als der Text sind, vortrefflich vor­getragen werden und außerdem einen brauchbaren Maß­stab zur Beurteilung der Routiniertheit des Darstellers bilden, so wollen wir sie sehr gern passieren lassen. Ein sogewiegter" und in allen Sätteln gerechter Schau­spieler wie Herr Direktor Helm darf sich, unbeschadet der Rolle, dergleichen Freiheiten ohne weiteres gestatten. Eine köstliche Figur gestaltete wieder in der Wiedergabe der Frau Geering Frau Helm. Dieselbe spielte die Rolle mit feinem Verständnis für die allerdings wenig beneidenswerte Situation der hinters Licht geführten Mutter. Dergleichen Aufgaben löst Frau Direktor Helm, wie wir schon wieder­holt bemerkten, init einem bewundernswürdigen Ernst. Und in ihin gerade liegt eine so überwältigende Komik, so viel natürlicher Humor, daß auch eine an und für sich undankbare Aufgabe in dieser Auffassung zu einer lohnen­den wird. Sehr vorteilhaft hat sich in letzter Zeit nament­lich Herr P a r e n entwickelt. Auch diesmal wieder als Karl Eckersberg mit dem Fabrikanten Geering die­jenige Person, um die sich die ganze Fabel hauptsächlich dreht gab er sich recht natürlich, und bot auch äußer­lich wieder eine sehr ansprechende Erscheinung. Besonders anzucrkennen aber ist, daß Herr Paren sich eine ruhige, gemäßigte Sprache angewöhnt hat, so dasi sein Organ jetzt durchweg angenehm berührt. Herr Henry gestaltete den Maler Fichtner zu einer sehr sympathischen Figur, um so mehr als ihm sein Liebhabertalent und seine jugendliche Erscheinung au derartigen Rollen geradezu prädestinierten. Die Herren Kirchhoff und Walter, sowie die Damen K n ö s e. l und Hammer leisteten in den Nebenrollen alles das, was derDichter" von ihnen verlangt; und das ist, wenn die Darstellung dieses Lustspiels einen Genuß bieten soll, nicht gerade wenig! Auch Frl. Berken in ihrer traditionellen Hausmädchenrolle sah sehr niedlich aus; und das war gut, d»enn zu reden hatte sie als untergeordneter Geist wenig. Lobend hervorheben wollen wir noch, daß

die Dame in der Muschel" sich in der letzten Vorstellung recht diskret benommen hat. Das ist für sie wie für ihre Kundschaft ein gutes Zeichen!

er. Gießen, 17. Februar. Von Irene Triesch. Wie unsere Leser bereits wissen, ist das sehnlichst erwartete letzte Gastspiel von Irene Triesch in unserem Theaterverein wieder recht unsicher geworden. Die junge Künstlerin ist in letzter Zeit ungemein angestrengt thätig gewesen. Nach ihren großartigen Gastspielerfolgen in München und Wien tritt sie fortgesetzt in Frankfurt in Ibsens neuestem Drama Wenn wir Toten erwachen" alsIrma" auf. Wie über die auch bei uns so beliebte Künstlerin selbst in auslän­dischen Zeitungen geurteilt wird, geht aus einer Kritik einer Wiener Fachzeitschrift hervor, in der wir über die Dar­stellung der Irma folgendes lesen:Fräulein Triesch spielte die Irma. Die Künstlerin hat sich mit dieser Ge­stalt selbst übertroffen; sie hat tausendmal mehr hinein­gelegt, als man beim Lesen des Stückes hineinlegen konnte. Sie hat Töne dafür gefunden, eine Mimik entwickelt, die bald von dämonischer Gemalt erschien, bald die Seele des Zuschauers von heiligem Schauer erbeben ließen, mit einem Worte, sie hat eine Meisterleistung geschaffen. . . . Dieser galt in erster Linie der große Beifall, mit dem das Drama hier aufgenommen wurde". . . .

IbsensWenn wir Toten erwachen" errang bei der Erstaufführung im Leipziger Alten Stadttheater einen Achtungserfolg. Die düstere Symbolik des Dramas vermochte das Publikum nur wenig zu fesseln'. Darstellung und Inszenierung waren lobenswert.

Frau Prasch-Grevenberg wird in der zweit­nächsten Novität des Berliner Theaters, einem Schauspiel Freilicht" von Konsistorialrat Reike, die Darstellung der weiblichen Hauptrolle übernehmen.